Im Namen des Wortes: wie das Goethe-​Institut zusammen mit Rappern deutsche Sprache international vermittelt

Die deut­sche Spra­che hat sich in den letz­ten Jahr­hun­der­ten enorm ver­än­dert und befin­det sich auch wei­ter­hin in einem ste­ti­gen Wan­del. Die Spra­che der Dich­ter und Den­ker wirkt für vie­le heu­te enorm ver­al­tet und befremd­lich. Trotz­dem sind eini­ge The­men, die bereits Goe­the und Co. bespro­chen haben, auch Inhal­te moder­ner Kul­tu­ren wie Hip­Hop. So sind zum Bei­spiel Inhal­te wie Lie­be oder Poli­tik bis heu­te all­ge­gen­wär­tig in der Gesell­schaft und Kunst ver­an­kert. Außer­dem sind die­se The­men Teil der Arbeit des Goethe-​Instituts. Dass eine Insti­tu­ti­on, wel­che den Namen "Goe­the" trägt und sich mit Sprach­ver­mitt­lung und kul­tu­rel­lem Aus­tausch befasst, ist also eben­falls pas­send. Doch heißt das Goethe-​Institut schon immer so? Wer bezie­hungs­wei­se was ist das Goethe-​Institut über­haupt? Was wird dort gemacht und war­um ist deut­scher Rap dar­an betei­ligt?

 

Die Geschich­te des Goethe-​Instituts

Das Insti­tut wur­de im Jahr 1951 gegrün­det und ist seit­dem die Nach­fol­ge­or­ga­ni­sa­ti­on der Deut­schen Aka­de­mie, die bereits zwi­schen 1925 und 1945 bestand. Schon die Deut­sche Aka­de­mie hat­te zum Ziel, die deut­sche Kul­tur und Spra­che im Aus­land zu för­dern. Dabei war sie in eine "wis­sen­schaft­li­che" und eine "prak­ti­sche" Abtei­lung unter­teilt, wobei die "prak­ti­sche" Abtei­lung anfangs pri­mär für deut­schen Sprach­un­ter­richt spe­zi­ell in Süd­ost­eu­ro­pa zustän­dig war. Lei­der wur­de auch sie Teil der deut­schen Kriegs­pro­pa­gan­da in den 30er und 40er Jah­ren und somit kein unwich­ti­ger Teil der Machen­schaf­ten der deut­schen Natio­nal­so­zia­lis­ten. Bis 1945 erlitt die Deut­sche Aka­de­mie zuneh­mend Ver­lus­te: Die meis­ten Orga­ni­sa­ti­ons­ge­bäu­de in Mün­chen wur­den wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs zer­stört und eine Viel­zahl an Mit­ar­bei­tern ins­be­son­de­re in den letz­ten Kriegs­jah­ren zum Wehr­dienst ein­ge­zo­gen. Nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs wur­de die Aka­de­mie dann von der ame­ri­ka­ni­schen Besat­zungs­macht auf­ge­löst, da sie ein Teil der deut­schen Spionage- und Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne­rie war.

1950 wur­de die Deut­sche Aka­de­mie aller­dings wie­der in das Münch­ner Ver­eins­re­gis­ter ein­ge­tra­gen, um das noch vor­han­de­ne Ver­mö­gen der Insti­tu­ti­on zu sichern. Die­ses wur­de dann über­wie­gend für die Grün­dung des Goethe-​Instituts 1951 genutzt. Kri­tisch zu betrach­ten ist dabei, dass ein Groß­teil der Mit­ar­bei­ter der Deut­schen Aka­de­mie über­nom­men wur­de. Die­se Mit­ar­bei­ter waren zumeist betei­ligt an den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Tätig­kei­ten der Aka­de­mie. So zum Bei­spiel einer der Mit­be­grün­der des Goethe-​Instituts, Franz Thier­fel­der. Die­ser muss­te zuvor die Deut­sche Aka­de­mie selbst zwar offi­zi­ell wegen man­geln­der Iden­ti­fi­ka­ti­on mit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Gesin­nung ver­las­sen, aller­dings leis­te­te er in den 30er Jah­ren enor­me Pro­pa­gan­daar­beit für die Natio­nal­so­zia­lis­ten.

In den ers­ten Nach­kriegs­jah­ren beschäf­tig­te sich das Goethe-​Institut pri­mär mit den Mög­lich­kei­ten der Aus- und Wei­ter­bil­dung von Deutsch­leh­rern im Aus­land. Die Aus­rich­tung des Insti­tuts wur­de mit Beginn der 60er um den Bereich der Kul­tur­ar­beit erwei­tert. Zwi­schen 1959 und 1960 gab es neben dem Goethe-​Institut noch zwei wei­te­re "Arten" von Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen im Aus­land. Zum einen die deut­schen Kul­tur­in­sti­tu­te, wel­che von loka­len deutsch-​ausländischen Kul­tur­ge­sell­schaf­ten betrie­ben wur­den, und zum ande­ren die soge­nann­ten "bun­des­ei­ge­nen Kul­tur­in­sti­tu­tio­nen", die zum Aus­wär­ti­gen Amt gehör­ten. Davon gab es etwa 35, über­wie­gend ver­tre­ten in den Metro­po­len ande­rer euro­päi­scher Län­der. Die­se gli­chen aller­dings eher Biblio­the­ken und Lese­räu­men als Ver­an­stal­tungs­or­ten zur Sprach­ver­mitt­lung. Spe­zi­ell um die Sprach­för­de­rung und Kul­tur­ver­mitt­lung im Aus­land zu ver­ein­fa­chen, wur­den die­se Insti­tu­tio­nen dann dem Goethe-​Institut ange­glie­dert. Haupt­ver­ant­wort­lich dafür war Die­ter Satt­ler, Kul­tur­ver­ant­wort­li­cher des Aus­wär­ti­gen Amts. Unter sei­ner Lei­tung wur­den die Haus­halts­aus­ga­ben für sein Res­sort von knapp 60 Mil­lio­nen Mark auf über 216 Mil­lio­nen Mark gestei­gert. Ein Groß­teil die­ses Gel­des floss in den Aus­bau des Goethe-​Instituts. Im Zuge der Stu­den­ten­be­we­gun­gen im Jahr 1968, bei der die ver­schie­dens­ten gesell­schaft­li­chen The­men kri­ti­siert und ange­klagt wur­den, wie zum Bei­spiel die ver­al­te­te Hoch­schul­po­li­tik oder die zuneh­men­de Ent­wick­lung in Rich­tung einer Kon­sum­ge­sell­schaft in Deutsch­land, erwei­ter­te auch das Goethe-​Institut sei­ne Tätig­keits­fel­der. Infol­ge­des­sen kam es zu einer Umstruk­tu­rie­rung des Insti­tuts. Das Ziel: die Umset­zung einer umfas­sen­den kul­tu­rel­len Pro­gramm­ar­beit, wel­che bis heu­te fort­be­steht. Dabei ging es im Kern um zwei Aspek­te. Zum einen das Schaf­fen einer mög­lichst brei­ten kul­tu­rel­len Aus­rich­tung, also die Ver­tre­tung von sowohl Kunst, Film, Musik, Spra­che als auch Wis­sen­schaft. Und zum ande­ren die Idee eines mög­lichst kul­tur­spe­zi­fisch ange­pass­ten Pro­gramms an die jewei­li­gen Län­der. Die­ses soll­te nicht mit ande­ren loka­len kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen kon­kur­rie­ren, son­dern jene bes­ten­falls ergän­zen und dabei für alle sozia­len Schich­ten zugäng­lich sein. Die­se Ziel­set­zung war aller­dings bis Mit­te der 70er Jah­re enorm durch das poli­ti­sche Vor­ha­ben – ins­be­son­de­re vom Aus­wär­ti­gen Amt – vor­her­be­stimmt. So durf­ten kul­tu­rel­le Inhal­te zunächst immer nur in enger Abspra­che mit dem Aus­wär­ti­gen Amt vor­be­rei­tet und orga­ni­siert wer­den. Grund­sätz­lich fan­den kei­ne Ver­an­stal­tun­gen ohne Zustim­mung des Außen­mi­nis­te­ri­ums statt. Dies soll­te sich 1976 durch den geschlos­se­nen Rah­men­ver­trag zwi­schen dem Aus­wär­ti­gen Amt und dem Goethe-​Institut ändern. In die­sem wur­de unter ande­rem fest­ge­hal­ten, dass das Insti­tut fort­an eine unab­hän­gi­ge Kul­tur­in­sti­tu­ti­on und somit auch allein für die kul­tu­rel­le Pro­gramm­ge­stal­tung zustän­dig ist.

50 Jah­re Goethe-​Institut Paris

Das Goethe-​Institut konn­te sich nun also leis­ten, kri­tisch Stel­lung zu deut­scher und inter­na­tio­na­ler Poli­tik zu bezie­hen, ohne dabei inter­na­tio­nal "die Stel­lung" Deutsch­lands auf poli­ti­scher Ebe­ne zu gefähr­den. Es ist damit zu einem eige­nen unab­hän­gi­gen poli­ti­schen Akteur gewor­den. So wur­den eini­ge Insti­tu­te, die sich zum Bei­spiel in dik­ta­to­ri­schen Län­dern befan­den, sehr schnell zu Treff­punk­ten für poli­ti­sche Oppo­si­tio­nen und Frei­geis­ter, um sich unge­hin­dert aus­tau­schen zu kön­nen. Und genau hier kommt Hip­Hop ins Spiel. Kaum eine ande­re Musik­rich­tung bezie­hungs­wei­se Kul­tur hat einen poli­ti­schen und sozi­al­kri­ti­schen Kern wie Hip­Hop. Bereits die Geburts­stun­de der HipHop-​Kultur Mit­te der 70er Jah­re stand ganz im Sin­ne einer avant­gar­dis­ti­schen Grund­hal­tung. Also dem radi­ka­len Ankla­gen von poli­ti­schen Ver­hält­nis­sen und einem Bre­chen mit ästhe­ti­schen Nor­men im Bereich von Kunst und Mode. Im Bereich der Sprach­ver­mitt­lung soll­te Hip­Hop also eine Stüt­ze für das Goethe-​Institut wer­den und spe­zi­ell eines der vier Ele­men­te sich als hilf­reich erwei­sen: der Rap.

 

Das Goethe-​Institut trifft auf Rap

Doch war­um Rap und nicht irgend­ei­ne ande­re Musik­rich­tung? Rap hat gleich zwei gro­ße Vor­tei­le gegen­über ande­ren Gen­res. Im Ver­gleich zu ihnen ist das Arbei­ten an bereits bestehen­den Rap-​Texten im Kon­text von Work­shops und Sprach­kur­sen viel prak­ti­scher. Denn sowohl die Viel­zahl an Inhal­ten als auch die rein quan­ti­ta­ti­ve Sum­me an Wor­ten über­stei­gen die Lyrics sämt­li­cher ande­rer Gen­res. Außer­dem ist auch das Sel­ber­ma­chen bei Work­shops wesent­lich ein­fa­cher und erfor­dert zumin­dest zu Beginn weni­ger musi­ka­li­sches Wis­sen als ande­re Musik­rich­tun­gen. Dazu folgt Sprech­ge­sang einer rela­tiv ein­fa­chen Rhyth­mik, wel­che zum Bei­spiel durch einen Beat­loop unter­stützt wer­den kann. Somit ist er ange­neh­mer vor­zu­tra­gen als Gedich­te und zudem ein­fa­cher als Gesang. Denn Ton­hö­hen oder eine aus­ge­feil­te Atem­tech­nik spie­len erst mal kei­ne gro­ße Rol­le und Rap ent­spricht gleich­zei­tig noch am ehes­ten dem gespro­che­nen Wort. Im Zwei­fel muss sich ein Text nicht mal rei­men. Es reicht bereits aus, die­sen rhyth­misch zu spre­chen. Das Goethe-​Institut bie­tet mitt­ler­wei­le eine Viel­zahl an Lern­ma­te­ria­li­en in die­sem Bereich an, wie zum Bei­spiel Arbeits­blät­ter zum Track "Iden­ti­tae­ter" von Chef­ket. Inso­fern bie­ten Work­shops mit Rap­mu­sik eine tol­le Alter­na­ti­ve zu klas­si­schen Sprach­kur­sen. Die­se wer­den zum Teil sogar von wah­ren HipHop-​Urgesteinen gelei­tet. So war der Rap­per Spax bereits in West­afri­ka, Por­tu­gal und Neu­see­land für das Goethe-​Institut unter­wegs.

Das Insti­tut schafft jedoch längst nicht nur die Mög­lich­keit für die Orga­ni­sa­ti­on von Work­shops, son­dern bie­tet den "Berufs­rap­pern" auch etwai­ge Unter­stüt­zungs­mög­lich­kei­ten, um inter­na­tio­nal Kon­zer­te oder gan­ze Tou­ren zu spie­len. Eine Opti­on, die für die meis­ten Künst­ler ohne das Insti­tut wohl nicht rea­li­sier­bar wäre. Denn selbst das Pla­nen von Kon­zer­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum bedarf eini­ges an finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten und im bes­ten Fall ein gut auf­ge­stell­tes Team aus Künst­lern, Labels, Ver­an­stal­tern und Loca­ti­ons. Ist die Suche nach einer pas­sen­den Loca­ti­on im deutsch­spra­chi­gen Raum noch rela­tiv ein­fach, ist das im Aus­land nicht der Fall. Dort stellt bereits das Abschät­zen der Publi­kums­grö­ße die Ver­an­stal­ter vor eine gro­ße Her­aus­for­de­rung, fern­ab von Pro­ble­ma­ti­ken wie aus­rei­chen­der Ton- und Licht­tech­nik oder Aus­stat­tung des Ver­ant­stal­tungs­orts. Ein ähn­li­ches Pro­blem ereilt auch häu­fig etwas klei­ne­re HipHop-​Acts aus Ame­ri­ka bei Auf­trit­ten in Deutsch­land. Nicht sel­ten beschwe­ren sich Fans dar­über, dass so man­cher Künst­ler in schlecht aus­ge­stat­te­ten oder ver­al­te­ten Loca­ti­ons spielt, obwohl es wesent­lich pas­sen­de­re Alter­na­ti­ven gäbe. Eine Pro­ble­ma­tik, die mit­hil­fe des Goethe-​Instituts stark abge­schwächt wird. Das Fin­den eines geeig­ne­ten Ver­an­stal­tungs­orts wird durch die teil­wei­se jahr­zehn­te­lan­gen Con­nec­tions des Insti­tuts mit den ver­schie­de­nen loka­len Musik­sze­nen enorm ver­ein­facht. Zudem kann ein Finan­zie­rungs­zu­schuss von Künst­lern oder Labels bean­tragt wer­den, der dann ent­we­der vom Insti­tut selbst oder vom Aus­wär­ti­gen Amt erhal­ten wird, um zum Bei­spiel die höhe­ren Rei­se­kos­ten zu decken. Außer­dem ist somit auch noch meis­tens für ein "aus­rei­chen­des" Publi­kum gesorgt. So wer­den vom Goethe-​Institut häu­fig gan­ze Schul­kas­sen zum Kon­zert­be­such ein­ge­la­den, um auf der einen Sei­te für ein ange­mes­se­nes Publi­kum zu sor­gen und auf der ande­ren Sei­te den Schü­lern die Mög­lich­keit zu bie­ten, an kul­tu­rel­len Akti­vi­tä­ten teil­ha­ben zu kön­nen.

 

Deut­sche HipHop-​Künstler unter­wegs in aller Welt

Bei einer der ers­ten Con­nec­tions zwi­schen dem Goethe-​Institut und HipHop-​Künstlern wur­de die­se Mög­lich­keit bereits nahe­zu voll aus­ge­schöpft. Das Insti­tut ent­wi­ckel­te 2000 gemein­sam mit dem rus­si­schen Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um eine Konzert- und Workshop-​Reise mit Fet­tes Brot. Tour­stopps waren unter ande­rem in Mos­kau und Sankt Peters­burg. Teil­wei­se kamen die Schul­klas­sen zu den Kon­zer­ten sogar mit Bus­sen aus Sibi­ri­en ange­reist. Bei den Sprach­work­shops gab es sowohl für die Schü­ler als auch Künst­ler eini­ges zu ler­nen, ganz im Sin­ne von "Each one teach one". Zudem lern­ten die Bro­te auch loka­le HipHop-​Acts ken­nen, die bei ihren Kon­zer­ten zumeist als Vor­grup­pe spiel­ten. Doch war­um wur­de Fet­tes Brot ein­ge­la­den und nicht etwa ein Künst­ler mit stär­ke­rem Russland-​Bezug?

Fet­tes Brot - Schwu­le Mäd­chen (Offi­cial)

Das Goethe-​Institut ver­folg­te bereits seit den 70ern die Idee, bei all ihren Pro­jek­ten eine gewis­se sozial- und Politik-​kritische Kom­po­nen­te mit­ein­flie­ßen zu las­sen. Fet­tes Brot schrie­ben schon in den 90er Jah­ren eini­ge gesellschafts- und Politik-​kritische Songs und Zei­len. Bereits 1994 hieß es auf ihrer ers­ten gemein­sa­men EP "Mit­sch­nacker": "Dies ist nicht Ame­ri­ka, wie ihr sicher wisst. Doch war­um müs­sen wir so wer­den, wie Ame­ri­ka schon ist?! […] Weiß­brot, Schwarz­brot – scheiß auf den Farb­code!" Deutsch­land, aber vor allem auch Russ­land hat­ten und haben bei­de ein gro­ßes Pro­blem mit ras­sis­ti­schen Ten­den­zen inner­halb der Gesell­schaft. Spe­zi­ell auf poli­ti­scher, media­ler und insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne könn­ten die ras­sis­ti­schen Ent­wick­lun­gen in Russ­land kaum sicht­ba­rer wer­den. Die Aus­wahl von Fet­tes Brot sei­tens des Goethe-​Instituts dürf­te also defi­ni­tiv auch mit ihren Text­in­hal­ten zusam­men­ge­han­gen haben. Auch der Name ihres damals aktu­el­len Pro­jekts "Fet­tes Brot für die Welt" hät­te dabei kaum pas­sen­der sein kön­nen, ganz im Sin­ne der Völ­ker­ver­stän­di­gung. Dass die­se Tour längst nicht nur für die rus­si­schen Schü­ler und HipHop-​Fans ein vol­ler Erfolg war, son­dern auch die Band selbst enorm beein­fluss­te, wur­de schnell deut­lich. Bis heu­te berich­ten Fet­tes Brot ger­ne in Inter­views über ihre Tour­er­fah­run­gen in Russ­land. Und dass das Intro ihrer im direk­ten Anschluss 2001 ent­stan­de­nen Sin­gle "Schwu­le Mäd­chen" auf Rus­sisch vor­ge­tra­gen wur­de, ist ver­mut­lich kein Zufall. Inso­fern ist die Zusam­men­ar­beit von Künst­lern und dem Goethe-​Institut gewiss kei­ne kul­tu­rel­le Ein­bahn­stra­ße, wel­che ledig­lich auf die Ver­brei­tung der deut­schen Spra­che abzielt. Es ist viel­mehr eine Mög­lich­keit, für noch mehr kul­tu­rel­len Aus­tausch zu sor­gen. Die Bro­te wären ver­mut­lich ohne das Goethe-​Institut nie­mals in Russ­land gelan­det, zumin­dest nicht im Band­kon­text.

Ähn­lich dürf­te es auch ande­ren Künst­lern gehen, die in den letz­ten Jah­ren mit dem Goethe-​Institut zusam­men­ge­ar­bei­tet haben. Ver­mut­lich hät­te sich auch 2017 Mega­lohs Rei­se durch Afri­ka ohne die Zusam­men­ar­beit mit dem Goethe-​Institut wesent­lich pri­va­ter gestal­tet. Statt­des­sen tour­te der Rap­per ganz im Sin­ne sei­nes Pro­jekts BSMG durch eini­ge Ost­afri­ka­ni­sche Staa­ten, um Kon­zer­te zu spie­len und an Work­shops mit ande­ren Musi­kern teil­zu­neh­men. Hat­te er anfangs noch etwas Sor­gen um man­geln­de Reak­tio­nen und Inter­ak­tio­nen bei Kon­zer­ten mit dem Publi­kum, konn­ten die­se schnell ver­wor­fen wer­den. Tan­zen, Kopf­ni­cken, Klat­schen oder die klas­si­schen "HipHop-​Hände" funk­tio­nie­ren halt auch, wenn man nichts oder nur einen Bruch­teil des gespro­che­nen Wor­tes ver­steht, sofern der musi­ka­li­sche Vibe des Künst­lers den Nerv des Publi­kums trifft. Für Mega­loh war die Tour bezie­hungs­wei­se Rei­se als vol­ler Erfolg zu ver­bu­chen. So ent­stan­den wäh­rend der Zeit in Ost­afri­ka eini­ge Musik­vi­de­os für BSMG und auch der kul­tu­rel­le und musi­ka­li­sche Aus­tausch hät­te kaum grö­ßer sein kön­nen.

Mega­loh - deut­scher Rap­per in Afri­ka | DW Deutsch

Aller­dings ist natür­lich nicht jede Koope­ra­ti­on zwi­schen Künst­lern und dem Goethe-​Institut gut gelau­fen. Inso­fern wur­den eini­ge Zusam­men­ar­bei­ten im Nach­hin­ein vom Insti­tut kri­ti­siert und als miss­glückt betrach­tet. Bei­spiels­wei­se war Mas­siv 2008 im Nahen Osten auf Tour, etwa in Paläs­ti­na, woher er ursprüng­lich stammt. Im ers­ten Augen­blick also eine pas­sen­de Aus­wahl. Aller­dings waren 2008 die mili­tä­ri­schen Kon­flik­te im Nahen Osten bereits auf Hoch­tou­ren und somit auch spe­zi­ell die Kon­fron­ta­ti­on zwi­schen Paläs­ti­na und Isra­el. So kam es dort zu krie­ge­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen, unter ande­rem im Gaza­strei­fen zwi­schen Paläs­ti­nen­sern und dem israe­li­ti­schen Mili­tär. In die­ser poli­tisch enorm ange­spann­ten Lage dann einen Künst­ler aus­zu­wäh­len, der zumin­dest damals über­wie­gend gewalt­ver­herr­li­chen­de Songs schrieb und Tex­te rapp­te wie "Wer will Krieg, komm, Blut gegen Blut!", ist mit Sicher­heit kei­ne gute Idee gewe­sen. Ins­ge­samt über­wie­gen jedoch die posi­ti­ven Koope­ra­tio­nen und so waren in den letz­ten Jah­ren zum Bei­spiel Juse Ju und Fato­ni in Japan und Korea unter­wegs, Chef­ket in ganz Nordwest-​Europa auf Tour oder Roger Rekless in Polen zu Besuch.

Das Goethe-​Institut hat mitt­ler­wei­le 157 Zweig­stel­len, ist auf jedem Kon­ti­nent ver­tre­ten und hat in eini­gen Län­dern sogar meh­re­re Stand­or­te. Somit kann der durch das Goethe-​Institut ermög­lich­te Kul­tur­aus­tausch auch für neue Ent­wick­lun­gen in der deut­schen Rap-​Landschaft sor­gen. Die schon lang­an­hal­ten­de Con­nec­tion zwi­schen Goethe-​Institut und HipHop-​Szene zeigt bereits, dass Rap­per einen Teil dazu bei­tra­gen kön­nen, deut­sche Kul­tur zu ver­mit­teln. Die Mög­lich­kei­ten, die Rap zum Erler­nen von Spra­che bie­tet, sind sehr viel­fäl­tig. Sowohl das Arbei­ten an bereits bestehen­den Tex­ten als auch das Schrei­ben eige­ner Zei­len bie­tet gera­de Kids und Jugend­li­chen Spaß am Erler­nen von Spra­che. Auch HipHop-​Künstler soll­ten die Mög­lich­keit der engen Zusam­men­ar­beit mit dem Goethe-​Institut also wei­ter­hin nut­zen. Denn dabei kön­nen dann nicht nur Kunst, Kul­tur und Spra­che ver­mit­telt wer­den, son­dern zusätz­lich wei­te­re inter­na­tio­na­le Con­nec­tions ent­ste­hen. Und die­ses Ziel, also der Kul­tur­aus­tausch und die Ver­knüp­fung ver­schie­de­ner Ansät­ze, ist nicht nur ein wich­ti­ger Teil der Arbeit vom Goethe-​Institut, son­dern prägt auch die deut­sche HipHop-​Kultur.

(Alec Weber)
(Titel­bild von Jani­na Stef­fes)