Juse Ju – ein Gespräch über Humor

Humor ist ein The­ma, das im Rap schon immer eine gro­ße Rol­le spielt – egal, ob in Form von Über­spit­zung, Iro­nie, Sar­kas­mus oder Zynis­mus. Juse Ju ist ein Künst­ler, den unter ande­rem ein guter Sinn für Humor aus­zeich­net, den er mit all sei­nen Facet­ten in den rich­ti­gen Momen­ten ein­setzt. Zei­len wie "Blu­men­topf sind weg, jetzt fehlt dein Feind­bild. Dumm, wenn man die Mit­tel­schicht ist, aber nicht sein will" oder "Ech­te Män­ner teil'n Frau­en ein in Hei­li­ge und Huren. Das sind ein­fa­che Struk­tu­ren" sind nur zwei von vie­len Bei­spie­len, die das unter Beweis stel­len. Steckt hin­ter Humor auch immer ein biss­chen Ernst­haf­tig­keit? Bei Juse Ju trifft das auf jeden Fall oft zu, wie er uns in die­sem Gespräch erläu­tert hat. Auch wann Wit­ze nicht ange­bracht sind, wer zu den lus­tigs­ten Rap­pern in Deutsch­land gehört und wie Humor einem hel­fen kann, mit Pro­ble­men umzu­ge­hen, haben wir mit ihm the­ma­ti­siert.

MZEE​.com: Du bist in Deutsch­land, Ame­ri­ka und Japan auf­ge­wach­sen. Was macht deut­schen Humor für dich aus? Und was unter­schei­det ihn vom Humor ande­rer Kul­tu­ren?

Juse Ju: Der deut­sche Humor, der gut ist – also der wenigs­te – ist sehr intel­li­gent, cle­ver und eher unter­schwel­lig. Nicht so hau drauf. Es gibt gutes poli­ti­sches Kaba­rett und natür­lich gab es auch lus­ti­ge Deut­sche, zum Bei­spiel Lori­ot. Zu 90 Pro­zent ist es aber Kla­mauk und Blödel-​Oli Pocher-​Trottel-​Humor. Ame­ri­ka­ni­scher Humor ist, wür­de ich sagen, der Main­stream, den wir alle am meis­ten kon­su­mie­ren. Den japa­ni­schen Humor fin­de ich per­sön­lich total geil. Ich glau­be aber, dass der für Leu­te, die nicht län­ge­re Zeit in Japan ver­bracht haben, oft eher schwer zu ver­ste­hen ist. Jeder Humor geht aus den Zwän­gen und Eigen­ar­ten der jewei­li­gen Gesell­schaft her­vor. Die ame­ri­ka­ni­sche ist unse­rer Gesell­schaft ähn­li­cher als die japa­ni­sche. Wenn man die aber kennt und ver­steht, ist es mega­wit­zig.

MZEE​.com: Was sind in dei­nen Augen die Beson­der­hei­ten des japa­ni­schen Humors?

Juse Ju: Es geht viel um Schein und Sein sowie um Zwän­ge. Das greift jetzt natür­lich die Kli­schees über die japa­ni­sche Gesell­schaft auf. In Japan geht es oft um das Schei­tern am eige­nen Per­fek­tio­nis­mus. Das fin­de ich per­sön­lich total wit­zig, weil ich mich damit iden­ti­fi­zie­ren kann. In den USA gehört Humor viel mehr dazu als bei uns. Es wird fast immer Comic Reli­ef genutzt – egal, wie ernst die Lage ist. Wenn in Deutsch­land ein halb­wegs erns­tes The­ma auf­kommt, darf man kei­ne Wit­ze dar­über machen. Das lässt sich auch gut auf Rap über­tra­gen. Es gibt schon deut­sche Gangster-​Rapper mit Humor. Aber die Art, wie 50 Cent bei Jim­my Fal­lon über sich selbst lachen kann, ist in Deutsch­land undenk­bar. Das wür­de Bushi­do nicht machen, glau­be ich.

MZEE​.com: In dei­ner ers­ten Single-​Auskopplung "TNT" dei­nes aktu­el­len Albums sprichst du über dei­nen Zivil­dienst in der Psych­ia­trie. Wel­che Rol­le hat Humor für dich in die­ser Zeit gespielt?

Juse Ju: Die Psych­ia­trie ist viel wit­zi­ger als der Song. Wenn ich einen Track mache, kon­zen­trie­re ich mich auf einen Aspekt. Ich will kein mög­lichst brei­tes Bild zei­gen, son­dern eine Emo­ti­on ver­stär­ken. Mir ging es dort nicht so gut. Aber natür­lich war es auch unfass­bar wit­zig. Wenn die Tür vom Schwes­tern­zim­mer zuging, haben wir die gan­ze Zeit Jokes über Pati­en­ten gemacht. Die waren ein­fach super­lus­tig. Bevor jetzt irgend­wel­che Moral­apos­tel kom­men und das nicht in Ord­nung fin­den: Die armen Kran­ken­pfle­ger in der Psych­ia­trie krie­gen so viel Schei­ße ab, solang sie außer­halb des Schwes­tern­zim­mers sind. Und Schei­ße mei­ne ich im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Die ste­cken so viel ein, die dür­fen mei­net­we­gen Wit­ze über mei­ne tote Groß­mutter machen. Die Pati­en­ten, über die ich im Song rede, gibt es auch. Ich habe natür­lich die Namen ver­än­dert, das wäre sonst gegen das Gesetz. Aber die Din­ge, die ich beschrei­be, sind genau­so pas­siert. Die haben ein­fach so wir­res Zeug erzählt, dass es schon lus­tig war. Die waren auch selbst lus­tig drauf. Es ist nicht so, dass Schi­zo­phre­ne kei­nen Humor hät­ten. Wir haben super­viel gelacht. Anders geht es nicht. Ich den­ke, wenn du den Pfle­gern in der Psych­ia­trie ver­bie­ten wür­dest zu lachen, hät­test du bald kei­ne mehr.

MZEE​.com: War ein locke­rer Umgang auch eine Hil­fe bei der Arbeit mit den Pati­en­ten?

Juse Ju: Ja, schon. Ich hat­te zum Bei­spiel eine komi­sche Ebe­ne mit einer älte­ren Frau. Die war mega­weird und wir haben uns immer gefoppt. Man hat sehr vie­le Nonsens-​Gespräche geführt, weil die Men­schen dort ein­fach viel Zeit haben. Die meis­ten absol­vie­ren jeden Tag eini­ge The­ra­pie­sit­zun­gen, trotz­dem haben die nur vier bis fünf Stun­den täg­lich etwas zu tun. Den Rest der Zeit müs­sen die eben rum­brin­gen. Dadurch führt man die gan­ze Zeit merk­wür­di­ge und auch sehr lus­ti­ge Gesprä­che. Ich als Zivi hat­te oft Auf­sichts­schich­ten und mehr Zeit als die Kran­ken­schwes­tern und Pfle­ger, um mit den Pati­en­ten Spä­ße zu machen.

MZEE​.com: Wie hilf­reich, denkst du, ist Humor im Umgang mit eige­nen psy­chi­schen Pro­ble­men oder Krank­hei­ten?

Juse Ju: Kom­plett hilf­reich. Ich fin­de es nicht gut, dass Leu­te dau­ernd Humor pro­ble­ma­ti­sie­ren. Es gibt ja auch Stand-​up-​Comedians, die über Depres­sio­nen spre­chen. Der bekann­tes­te ist wahr­schein­lich Nico Sems­rott. Das ist super­wich­tig. Wenn immer ein schwe­rer Stein auf dir liegt, kannst du nicht damit umge­hen. Ich habe kei­ne psy­chi­sche Erkran­kung, des­halb mache ich nicht vie­le Wit­ze dar­über. Aber ich hal­te es all­ge­mein für wich­tig, mit sei­nen eige­nen Schwä­chen humor­voll umzu­ge­hen. Das rela­ti­viert und setzt es in ein Ver­hält­nis. Wir fin­den immer alles wahn­sin­nig schwer und bedeu­tend. Ich den­ke aber, dass man dar­über lachen kön­nen muss. Das kön­nen die Ame­ri­ka­ner bei­spiels­wei­se viel bes­ser als die Deut­schen. Das Leben ist tra­gi­ko­misch, es ist immer tra­gisch und komisch gleich­zei­tig. Rap­per wol­len die Musik oft deep und düs­ter hal­ten. Die wirk­lich erfolg­rei­chen Rap­per wie Capi­tal Bra oder Haft­be­fehl haben aber Humor. Die sind ja voll wit­zig.

MZEE​.com: Es gibt im Bereich Men­tal Health mitt­ler­wei­le eine rela­tiv gro­ße Meme-​Kultur. Da lässt sich auf der einen Sei­te argu­men­tie­ren, dass es bei der Ver­ar­bei­tung von Pro­ble­men hilft. Auf der ande­ren Sei­te könn­te man zu beden­ken geben, dass es Pro­ble­me nur zur Sei­te schiebt.

Juse Ju: Es geht immer um das "Wie". Es gibt ja auch Alt-Right-"Humor", der nur ver­sucht, rech­te Ideo­lo­gie in Wit­ze zu ver­pa­cken. Das fin­de ich nicht gut. Ich fin­de auch 90 Pro­zent von dem, was an Rap raus­kommt, schei­ße. Trotz­dem wür­de ich nicht per se sagen, man soll­te nicht rap­pen. Alles, was man macht, muss man gut machen. Ich habe das Gefühl, dass vor allem in Internet-​Diskussionen alle Sei­ten sehr radi­ka­le Regeln vor­le­gen wol­len. Über das und das darf man kei­nen Witz machen, Punkt. Dafür bin ich zu uni­ver­sa­lis­tisch libe­ral ein­ge­stellt. Das ist aber kein Frei­fahrt­schein dafür, über alles Jokes machen zu dür­fen. Wit­ze sind auch nicht gleich Wit­ze. Wit­ze sind Sachen, die wit­zig sind. Wenn du dich dar­über lus­tig machst, dass jemand eine Behin­de­rung hat, ist das nicht lus­tig, son­dern sadis­tisch. Wenn du aber einen Witz über eine ande­re Eigen­schaft die­ses Men­schen machst, die er beson­ders aus­lebt, kann man dar­über mei­ner Mei­nung nach einen Witz machen. Guter Humor zielt auf uni­ver­sel­le mensch­li­che Eigen­schaf­ten ab. Schlech­ter Humor geht auf Merk­ma­le ein, die im End­ef­fekt ras­sis­tisch oder ähn­li­ches sind.

MZEE​.com: Auf dem Track "Unter der Son­ne" the­ma­ti­sierst du den Tod dei­nes Paten­on­kels. Wie viel Platz hat Humor bei solch einer schwe­ren The­ma­tik?

Juse Ju: Über den Tod kann man sehr vie­le Wit­ze machen. Er betrifft jeden und ist inso­fern ein rela­tiv fai­res The­ma. Du musst halt dar­über nach­den­ken, ob du jeman­dem, des­sen Vater gera­de gestor­ben ist, einen Witz über den Tod erzählst. Das könn­te nach hin­ten los­ge­hen. Aber per se fin­de ich das über­haupt nicht pro­ble­ma­tisch.

MZEE​.com: Dan­ger Dan hat auf sei­nem letz­ten Album mit "Wir lachen uns tot" dem The­ma "Humor zur Ver­drän­gung" einen Song gewid­met. Inwie­fern spielt das bei dir eine Rol­le?

Juse Ju: In dem Song geht es um Ver­drän­gung, aber vor allem auch um Humor, der in bestimm­ten Situa­tio­nen ver­wen­det wird. Natür­lich kann man damit vie­lem aus­wei­chen. Wenn ein erns­tes The­ma ange­spro­chen wird, kann man hun­dert Wit­ze dar­über machen. Ich bin auch sehr gut dar­in, sol­chen The­men durch einen Spruch aus dem Weg zu gehen. Der Song ist für mich aber kei­ne gene­rel­le Kri­tik an Humor. Es geht um die Fra­ge, ob wir dazu bereit sind, uns mal etwas tie­fer und grau­sa­mer mit unse­ren Pro­ble­men aus­ein­an­der­zu­set­zen. Du kannst Pro­ble­me auch anders weg­schie­ben und dich wie der deut­sche Nach­kriegs­mann mit Mol­le und Korn in die Knei­pe set­zen und mit nie­man­dem reden. So kannst du die Fra­ge nach einer tie­fen Angst­stö­rung oder emo­tio­na­len Bin­dungs­pro­ble­men abblo­cken.

MZEE​.com: Gibt es für dich Situa­tio­nen, in denen Humor völ­lig unan­ge­bracht ist? Ich den­ke zum Bei­spiel, dass das aktu­el­le Black Lives Matter-​Movement völ­lig zu Recht sehr ernst, direkt und ohne gro­ße humo­ris­ti­sche Ein­la­gen statt­fin­det.

Juse Ju: Das stimmt. In die­sem Fall könn­te Humor an der fal­schen Stel­le das erns­te Anlie­gen unter­gra­ben – und das wäre schei­ße. Das ist guter poli­ti­scher Akti­vis­mus mit einem Ziel und da ist Humor, vor allem zum jet­zi­gen Zeit­punkt, wahr­schein­lich kon­tra­pro­duk­tiv. Des­halb hal­ten sich in die­ser Hin­sicht Chris Rock oder Dave Chap­pel­le viel­leicht eher zurück. Es ist ja eben nicht wit­zig. Des­halb fin­de ich die­se Vor­ge­hens­wei­se total legi­tim. Im All­ge­mei­nen wür­de ich aber nie abso­lu­te Regeln fest­le­gen. Read the room. Mach nicht auf der Beer­di­gung eines Men­schen, der in einem Unfall gestor­ben ist, Wit­ze über Flug­zeug­ab­stür­ze. All­ge­mein darf man aber viel­leicht schon Wit­ze dar­über machen.

MZEE​.com: Vie­le Men­schen nut­zen Humor als Mit­tel, um Din­ge anzu­spre­chen, bei denen sie es sich mit einer erns­ten Anspra­che nicht trau­en wür­den. Wie vie­le Unsi­cher­hei­ten ver­ste­cken sich hin­ter dei­nen Wit­zen?

Juse Ju: Puh, da bräuch­te ich eine Psy­cho­ana­ly­se. Ich ver­ste­cke sicher­lich sehr viel. Das muss man aber nicht nega­tiv sehen. Viel­leicht ist das ganz gut so und ich ver­ar­bei­te dadurch Din­ge. War­um nicht? Es ist etwas sehr Deut­sches, dass man immer die dunk­le Sei­te des Mon­des sieht. Du wirst gefragt, was du mit dei­nem Humor ver­drängst. Nicht, wie du auf die­se Wei­se mit Din­gen umge­hen kannst. Es wird nega­tiv gedeu­tet: "Du ver­drängst etwas, das ist schlecht, der Humor muss weg. Du musst dich jetzt damit aus­ein­an­der­set­zen. Sieh ein­fach ein, du bist ein Wrack!" Es funk­tio­niert natür­lich sehr viel bes­ser, ein­fach mit der erns­ten The­ma­tik zu leben, dass man ein Wrack ist. Inso­fern ist Humor per se eine gute Sache. Man lacht und das ist gesund. (lacht) Ihr könnt davon aus­ge­hen: Jeder Rap­per hat einen Voll­scha­den. Das ist ein­fach so. Du musst kom­plett geis­tes­ge­stört sein, um Rap­per zu sein. Allein, wie wir uns in der Öffent­lich­keit ver­hal­ten, zeigt, dass wir einen Schat­ten haben. Du fängst doch nicht an zu rap­pen und begibst dich in ein Umfeld, wo es nor­mal ist, sich gegen­sei­tig als Huren­sohn zu bezeich­nen, wenn du nicht irgend­et­was zu ver­ar­bei­ten hast.

MZEE​.com: Vie­le jun­ge Men­schen, die anfan­gen zu rap­pen, hof­fen sicher ein­fach auf gro­ßen Erfolg. Glaubst du, Mero hat in sei­ne Han­dy­ka­me­ra gerappt, um etwas zu ver­ar­bei­ten?

Juse Ju: Na ja, war­um hat­te er den Drang, sich so in die Öffent­lich­keit zu stel­len? Wie­so braucht er die­se Bestä­ti­gung von außen? Das könn­te man zum Bei­spiel fra­gen. Ich mei­ne das nicht despek­tier­lich, ich brau­che das ja auch. Um da hin­zu­kom­men, wo Mero ist, muss man einen ganz schö­nen Dri­ve haben. Du musst dich echt dahin­ter­klem­men, um eine Kar­rie­re wie er hin­zu­le­gen. Die Leu­te sehen das und den­ken, dass der ein­fach einen Hype hat. Ich bin mir sicher, der Typ arbei­tet jeden Tag zwölf Stun­den. Das lohnt sich finan­zi­ell natür­lich auch sehr für ihn.

MZEE​.com: Du hast, wenn auch nur für kur­ze Zeit, für Reality-​Formate wie "Die Mädchen-​Gang" Dreh­bü­cher geschrie­ben. Wie­so, denkst du, amü­sie­ren sich so vie­le Men­schen ger­ne auf dem Rücken ande­rer? Come­di­ans und Enter­tai­ner mit einem sol­chen Schwer­punkt wie Mario Barth, Ste­fan Raab oder Oli­ver Pocher sind auf die­se Wei­se ja sehr erfolg­reich.

Juse Ju: Dazu gibt es vie­le The­sen. Die nega­ti­ve ist, dass sich die Men­schen über­le­gen füh­len. Man kann auch eine posi­ti­ve The­se auf­stel­len, und zwar die, dass sich die Men­schen selbst wie­der­erken­nen. Viel­leicht den­ken man­che gar nicht, dass die Dar­stel­ler in Reality-​Shows alle schei­ße sind, son­dern dass man eben auch so ein Leben füh­ren kann. Es nimmt viel­leicht die Schwe­re aus dem All­tag, zu sehen, dass ande­re Men­schen auch nicht per­fekt sind. Die Fra­ge ist immer, wie hämisch es wird. "Frau­en­tausch" bei­spiels­wei­se war sehr hämisch, Leu­te wie Mario Barth sind es auch. Sein Trick ist ja ein­fach. Er stellt sich selbst als Trot­tel dar, damit es okay erscheint, was er macht. Sein Prin­zip ist ja nicht "Frau­en sind schei­ße", son­dern "Män­ner sind Schwei­ne, Frau­en aber auch". So heißt, glau­be ich, ein Pro­gramm von ihm. Ich fin­de Mario Barth-​Bashing voll­kom­men ange­bracht, weil er ein Trot­tel und sein Männer- und Frauen-​Bild out­da­ted ist. Das inter­es­siert nur Leu­te, die in der Ver­gan­gen­heit leben – die Wit­ze hät­te er auch in der Bon­ner Repu­blik 1985 machen kön­nen. Es ist das Gegen­teil von fresh, inno­va­tiv und lus­tig. Das liegt aber für mich nicht dar­an, dass er Wit­ze über Frau­en macht, son­dern weil es lang­wei­lig und dumm ist. Das spie­gelt für mich nicht die Rea­li­tät wider. Er kaut nur irgend­wel­che Kli­schees durch. Und Humor, der die Rea­li­tät nicht wider­spie­gelt, fin­de ich lang­wei­lig. Die Men­ge an Men­schen, die Mario Barth oder Oli­ver Pocher begeis­tern, zeigt einem, dass man in einer Bub­ble lebt. Ich ken­ne nie­man­den, der sowas lus­tig fin­det. Ich will das auch nicht total rela­ti­vie­ren, man­che Come­di­ans sind schon pro­ble­ma­tisch. Die Chris Tall-​Argumentation, dass er Klischee-​Witze über Min­der­hei­ten machen kann, weil er selbst dick ist, ist für mich äußerst dumm. Oli Pocher ist auch ein pro­ble­ma­ti­scher Typ, weil er Humor als Deck­man­tel für irgend­wel­che Paro­len benutzt.

MZEE​.com: Lass uns noch etwas über Rap spre­chen. Wie viel Humor tut Rap dei­ner Mei­nung nach gut, ohne dass er in eine "Blödel-​Richtung" abdrif­tet?

Juse Ju: Die Fra­ge ist nicht, wie viel Humor du hast, son­dern, ob er passt. Wie vie­le Instru­men­te braucht ein guter Beat? Manch­mal drei, manch­mal hun­dert. Es ist kei­ne Grund­satz­fra­ge. Ich fin­de, Rap braucht Humor. Vie­le Men­schen sagen, Rap dür­fe nicht lus­tig sein. Fickt euch. Rap war immer lus­tig, auch wenn er von der Stra­ße kommt. Der ers­te inter­na­tio­na­le Hit "Rapper's Delight" von der Sugar­hill Gang war meg­a­lus­tig. Wenn Rap nicht lus­tig sein darf, darf es auch kei­ne Punch­li­nes geben. Haft­be­fehl rappt "Azz­lack dreht ab, auch in der Edel­dis­ko. Du kommst nicht rein, weil du trägst Fish­bo­ne" und das ist für mich eine super­wit­zi­ge Zei­le. Er trägt das geil vor und dazu stimmt es auch noch. (lacht) Nie­mand wür­de des­halb sagen, dass Haft­be­fehl nicht real sei. Men­schen reden auf einem voll­kom­me­nen Idioten-​Niveau über Humor im Rap. Es ist fast schon wie­der wit­zig, wie dumm das zum Teil ist. Ich muss­te in den letz­ten Jah­ren immer wie­der die Dis­kus­si­on dar­über füh­ren, ob Rap iro­nisch sein darf. Die Fra­ge allein ist schon dumm. Wer seid ihr, die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei, die fest­legt, was Kunst ist und was nicht? Völ­lig absurd. Glau­ben die Leu­te, Ice Cube wür­de kei­ne Iro­nie in sei­nen Lie­dern ver­wen­den? Die wis­sen gar nicht, was das ist. Eine Punch­li­ne ist kei­ne Iro­nie, son­dern eine Über­spit­zung. Das ist etwas völ­lig ande­res. Wenn Sna­ga & Pil­lath sagen, dass sie so vie­le Fres­sen polie­ren, dass Zahn­ärz­te sie zum Essen ein­la­den, ist das super­wit­zig, aber nicht iro­nisch. Iro­nie ist, wenn du etwas sagst und damit das Gegen­teil meinst. Pil­lath meint mit der Zei­le nicht, dass er weni­ge Fres­sen poliert. Mei­nem Umfeld und mir wird ja ger­ne vor­ge­wor­fen, wir wür­den iro­ni­schen Rap machen. Das kann nur jemand sagen, der sich ers­tens nicht mit unse­rer Musik befasst hat und zwei­tens kei­ne Ahnung davon hat, was Iro­nie ist. Tech­nisch gese­hen ist es das, was ich auf dem Song "Pro­pa­gan­da" mache. Ich neh­me die Posi­ti­on einer Per­son ein, die ich schei­ße fin­de, und dekla­rie­re das, was er macht. Das ist trotz­dem ein rela­tiv erns­ter Song. Auch die Argu­men­ta­ti­on ist immer sehr dumm: "Man ver­steckt sich vor ech­ten Aus­sa­gen, weil man das Gegen­teil sagt." Wenn du mei­ne Aus­sa­ge in "Pro­pa­gan­da" des­halb nicht ver­stehst, bist du ein­fach geis­tig umnach­tet, sor­ry. Eigent­lich wol­len die Leu­te damit sagen, dass sie die­se mit­tel­schich­ti­gen, grün­ver­si­ff­ten Gutmensch-​Rapper-​Arschlöcher nicht lei­den kön­nen. Okay, easy. Dar­über kön­nen wir reden, ich fin­de auch sehr vie­le Sachen wack. Aber komm mir doch nicht als der Kunst­theo­re­ti­ker um die Ecke, der durch­schaut hat, dass Iro­nie der Teu­fel ist. Du bist ein­fach nur ein Trot­tel und hast kei­ne Ahnung, wovon du redest.

MZEE​.com: Kon­su­mierst du selbst eher lus­ti­ge oder erns­te Musik?

Juse Ju: Mir per­sön­lich war Humor im Rap nie so wich­tig. Das mag über­ra­schend sein und natür­lich hab' ich den 90ern auch Fünf Ster­ne Delu­xe gehört. Aber die Alben, die mich am meis­ten geprägt haben, waren rela­tiv erns­te Sachen, zum Bei­spiel "Kopf­ni­cker" von Mas­si­ve Töne. "Vom Bord­stein bis zur Sky­line" von Bushi­do hat sicher einen gewis­sen Street-​Humor, ist aber eher düs­ter. Casper hab' ich super gefei­ert, der ist auch nicht gera­de der Joke-​Mann Num­mer eins. Den­de­mann hat mich sehr geprägt, der hat sicher­lich einen kras­sen Wortspiel-​Humor. Ich moch­te aber eher die­se rot­zi­ge und ana­ly­ti­sche "Über den Dingen"-Attitüde, die er vor allem zu Eins Zwo-​Zeiten an den Tag gelegt hat. Ich höre sonst sehr viel Rock und Grunge und mag Musik eher, wenn sie trau­rig und düs­ter ist. Eine kras­se Rol­le hat Humor für mich eher im Punchline- und Battlerap-​Bereich gespielt. Das ist ganz ande­re Musik. Die Leu­te wis­sen nicht, dass auf einem Album von mir acht Songs bit­ter­ernst gemeint sind. Die sehen dann "Ger­man Angst" oder so und den­ken, das ist Juse Ju.

MZEE​.com: Kannst du uns zum Abschluss noch die dei­ner Mei­nung nach wit­zigs­ten deut­schen Rap­per nen­nen?

Juse Ju: Der Humor von Sna­ga & Pil­lath war wirk­lich mind blowing, ich fin­de das bis heu­te so lus­tig. "Die lin­ke & die rech­te Hand Got­tes" und "Eine Fra­ge der Ehre" haben für mich ein sehr hohes Level. Ich fin­de auch Haft­be­fehl sehr wit­zig. Sachen wie "War­um kommt Hafts Album denn schon wie­der im Win­ter? Das ist Räu­ber­mu­sik und da wird's frü­her dun­kel, was 'ne Fra­ge, behin­dert?" fin­de ich super­lus­tig. Man kann sich rich­tig gut vor­stel­len, wie er dir erklärt, dass du das nicht checkst, weil es Stra­ßen­mu­sik ist. (lacht) Er hat einen sehr gei­len, eige­nen Humor, mit dem man nicht rech­net. Außer­dem wür­de ich Dan­ger Dan nen­nen. Der schreibt auf eine asso­zia­ti­ve Art Zei­len, die ich per­sön­lich lus­tig fin­de. Das ist aber, glau­be ich, inter­ner Rapper-​Humor. Man weiß, dass er sich einen Ast gefreut hat, als er das geschrie­ben hat. (lacht) "Als ich vier­zehn war, hat­te ich eine lan­ge Mat­te, eine Jeans­ja­cke an und im Ärmel eine Rat­te." Die­se super­bil­li­gen Rei­me, die auch gefree­styl­et sein könn­ten. Da muss ich wahn­sin­nig lachen. Ich fin­de es eher sel­ten wit­zig, wenn Leu­te aktiv ver­su­chen, Jokes zu erzäh­len. Ins­ge­samt legen die Anti­lo­pen, auch NMZS, als er noch gelebt hat, einen sehr guten Humor an den Tag. Edgar Was­ser hat auch einen groß­ar­ti­gen, sehr düs­te­ren Humor. Ich mag es, dass er auf die Fres­se gibt. Der über­legt nicht, ob die Zei­le zu hart ist, son­dern lässt sie ein­fach ste­hen. Die Jokes, die er macht, haben einen Anlass. Er zitiert Savas' "Alle MCs sind schwul in Deutsch­land" und sagt dar­auf "Hat schon einen Grund, dass ich kei­nen Freund hab'". Die­se Zei­le ist so viel­deu­tig und man weiß, wie Edgar das meint. Er ent­larvt es total, "schwul" als Schimpf­wort zu benut­zen. Das ist für mich guter deut­scher Humor.

(Alex­an­der Hol­len­horst & Yas­mi­na Ross­meisl)
(Fotos von V.Raeter)