David Pe – ein Gespräch über Lokalpatriotismus

Mün­chen – eine Stadt, über die sich die Geis­ter schei­den. Wenn man hier auf­wächst, merkt man schnell, dass man dadurch oft in eine Schub­la­de gesteckt wird. Denn nicht nur der ein oder ande­re Bewoh­ner, auch bestimm­te Akteu­re der Poli­tik haben eine gewis­se Außen­wir­kung – Lokal­pa­trio­tis­mus ist hier ein gern gese­he­ner Gast. Auch im Hip­Hop ist das ähn­lich: Das Repre­sen­ten der eige­nen Stadt gehört mit dazu. Des­we­gen habe ich David Pe zu einem Gespräch gebe­ten. Mit wem könn­te man auch bes­ser über das The­ma Lokal­pa­trio­tis­mus spre­chen als mit dem Münch­ner Freestyle-​Rapper, der nun schon seit 30 Jah­ren die Fah­ne für Mün­chen und Hip­Hop hoch­hält? Ob er sich selbst als Lokal­pa­trio­ten wahr­nimmt, mit was er sei­ne Hei­mat ver­bin­det, wie Lokal­pa­trio­tis­mus und Natio­na­lis­mus zusam­men­hän­gen und wie sich Mün­chen und die HipHop-​Szene hier über die Jah­re ver­än­dert hat – all das haben wir in die­sem Inter­view bespro­chen.

MZEE​.com: Lass uns mit der Zahl 58 begin­nen. Sie taucht immer wie­der in dei­nen Tex­ten und im Kon­text zu dei­ner Per­son auf. Was hat es damit auf sich?

David Pe: Das ist eine Bus­li­nie, die am Goe­the­platz fährt. Der Ort als sol­cher spielt dabei aber gar kei­ne so gro­ße Rol­le. Ich kom­me aus der Gegend und bin dort zur Schu­le gegan­gen. Des­we­gen muss­te ich immer vom Bal­de­platz mit dem 58er hin­fah­ren. In unse­rer Jugend, als das mit Hip­Hop ange­fan­gen hat, haben wir dort viel rum­ge­han­gen. Kuchen Geor­ge, der unser inof­fi­zi­el­les vier­tes Band­mit­glied war, hat dort gewohnt. Bei ihm haben wir oft Plat­ten gehört. Irgend­wie hat­ten alle eine Zahl. Die Send­lin­ger hier in Mün­chen waren die 70er, die Schwa­bin­ger waren die Four­ties und die Hip­Hop­per in Ame­ri­ka hat­ten sowie­so alle Zah­len. Das hat damals ein­fach dazu­ge­hört. Des­we­gen woll­ten wir auch eine und schließ­lich ist es die 58 gewor­den. In all der Zeit habe ich das Mys­te­ri­um dar­um auf­ge­baut – bis vor unge­fähr fünf Jah­ren. Wenn mich jemand gefragt hat, habe ich nie eine Ant­wort gege­ben, son­dern mir etwas aus­ge­dacht. Aber irgend­wann sind die kras­sen Fans auch dahin­ter­ge­kom­men. Seit­dem mache ich kein gro­ßes Geheim­nis mehr dar­aus. Ich woh­ne da auch nicht mehr, seit ich bei mei­nen Eltern mit Anfang 20 aus­ge­zo­gen bin, aber mei­ne Pra­xis ist jetzt wie­der in der Hood. So schließt sich der Kreis. Die Zahl hat eher etwas mit mei­nem Schick­sal als mit mei­ner Her­kunft zu tun.

MZEE​.com: Wür­dest du dich als Lokal­pa­trio­ten bezeich­nen?

David Pe: Nicht wirk­lich, weil ich kein Patri­ot bin. Weder lokal noch natio­nal. Allen­falls bin ich ein glo­ba­ler Patri­ot. (lacht) Von der Erde kom­me ich nicht weg. Auf unse­rer ers­ten Plat­te "Coo­le Schei­ße" von 1994 gibt es ein Lied, das "Mün­chenz Dik­ta­tur" heißt. Es geht um die Hass­lie­be zu Mün­chen. Natür­lich lebe ich ger­ne hier. Ich wüss­te auch nicht, wo ich bes­ser leben wür­de. Aber ich bin nicht stolz dar­auf. Wie­so soll­te ich? Mei­ne Eltern sind vor vie­len Jah­ren aus Ser­bi­en aus­ge­wan­dert. Sie hät­ten genau­so gut woan­ders ein­wan­dern kön­nen, es ist nicht mein Ver­dienst. Des­we­gen bin ich auch nicht stolz dar­auf. Aber ich mache das Bes­te draus. Um wie­der zu Hip­Hop zu kom­men: Natür­lich wird die eige­ne Stadt glo­ri­fi­ziert. Ich bin hier auf­ge­wach­sen, ken­ne jede Ecke, vie­le Leu­te und iden­ti­fi­zie­re mich mit mei­ner Stadt. Wir sind die Cools­ten hier! Aber das mei­ne ich nicht im Sin­ne von Patrio­tis­mus oder Stolz. Ich repre­sen­te halt mei­ne Hood. Das ist auch mit einer gewis­sen Iro­nie ver­bun­den, wenn ich als Rap­per sage: "Yeah, ich kom­me aus Mün­chen und wir sind die Bes­ten." Das sage ich, weil ich mein Umfeld und mei­ne Freun­de mag. Ich kann es nie­man­dem übel neh­men, wenn er sagt, dass sie in Ham­burg die Cools­ten sind. Das ist sein gutes Recht und ich gehe davon aus, dass er das mit einer gewis­sen Distanz und nicht einer Abso­lut­heit sieht. Wie­so soll­te eine Stadt oder die Men­schen dort bes­ser sein als ande­re?

MZEE​.com: Du lebst seit 45 Jah­ren in Mün­chen und kennst die Stadt wahr­schein­lich sehr gut. Wel­cher ist dein Lieb­lings­ort hier?

David Pe: Ich habe ein paar Lieb­lings­or­te, aber kei­nen, den ich in einem melan­cho­li­schen Anfall besu­che und dort ver­wei­le. Ich lebe seit 22 Jah­ren in Haid­hau­sen und da woh­ne ich echt ger­ne. Ich wür­de nie von hier weg­zie­hen, wenn ich nicht muss. Vor allem den Wei­ßen­bur­ger Platz mag ich sehr. Da sind vie­le ver­schie­de­ne Leu­te auf der Stra­ße und es wer­den vie­le Spra­chen gespro­chen. Ich freue mich immer wie­der, wenn ich da im Som­mer drü­ber lau­fe.

MZEE​.com: Sind es eher Men­schen oder Orte, die du mit einer Stadt ver­bin­dest?

David Pe: Eher die Art und Wei­se, wie man dort lebt. Natür­lich macht auch die Optik etwas aus. Es gibt häss­li­che und schö­ne Ecken. Aber wenn sym­pa­thi­sche Leu­te in einer häss­li­chen Ecke sind, bekommt auch die eine Schön­heit. Weil man eine emo­tio­na­le Bin­dung ent­wi­ckelt, wenn man dort eine schö­ne Zeit ver­bringt. Inso­fern wür­de ich es auf die Men­schen bezie­hen und weni­ger auf den phy­si­schen Ort.

MZEE​.com: Vor Kur­zem hast du für einen Wein ein Eti­kett designt und den Men­schen ans Herz gelegt, die­sen zu kau­fen. Ich gehe also mal davon aus, dass du auch das Kuli­na­ri­sche an Orten zu schät­zen weißt. Was ver­bin­dest du an Kuli­na­ri­schem mit dei­ner Hei­mat?

David Pe: Ganz klas­sisch: Augus­ti­ner. Ich bin zwar kein gro­ßer Bier­trin­ker oder -lieb­ha­ber, aber ich mag es schon sehr, auf die Wiesn zu gehen und mich dort, wohl­ge­merkt drau­ßen, hin­zu­ho­cken. Mitt­ler­wei­le gehe ich nicht mehr ins Zelt. Und dann genie­ße ich die guten Sachen. Ein Hendl und mei­ne Maß, ich fut­ter' viel­leicht 'nen Radi dazu. Die­se ein­fa­chen baye­ri­schen Gerich­te. Oder auch eine resche Ente. Das mag ich alles sehr, aber es schmeckt mir tat­säch­lich auf der Wiesn am bes­ten. In jun­gen Jah­ren haben wir da gesof­fen, jetzt gehe ich eher zum Essen hin.

MZEE​.com: Du hast erwähnt, dass dei­ne Eltern ursprüng­lich aus Ser­bi­en kom­men. Gibt es auch Din­ge, die du spe­zi­ell mit die­sem Land ver­bin­dest?

David Pe: Abso­lut. Ich war erst vor Kur­zem mit mei­ner Fami­lie in Bel­grad und habe mei­ne Ver­wand­ten besucht. Da gibt es ein­fa­ches Essen, das sehr gut ist: Cevap­ci­ci, Kaj­mak – das ist eine Art Rahm­kä­se –, Kraut­sa­lat und Tomate-​Gurke-​Zwiebel-​Salat. Das Fleisch ist auch ein­fach super, weil Ser­bi­en ein recht agra­res Land ist und alles aus loka­ler Pro­duk­ti­on stammt. Außer­dem wird es auf Holz­koh­le gegrillt und dadurch schmeckt es natür­lich ganz anders. Ich habe in Bel­grad echt gut gefut­tert. Aber das Pro­blem ist: Das kriegst du in der Dia­spo­ra nicht. Es gibt hier natür­lich Bos­ni­er, Kroa­ten und Ser­ben – die Küche ist ja mehr oder weni­ger die­sel­be – aber irgend­wie schmeckt es nicht so wie da unten. Des­we­gen esse ich das in Deutsch­land sel­ten und kann auch kei­ne Emp­feh­lung abge­ben, wo das beson­ders gut ist.

MZEE​.com: Ich wür­de gern noch all­ge­mei­ner über die Münch­ner und die Bay­ern reden. Es wird ja ger­ne behaup­tet, dass der Münch­ner kein Bay­er ist. Gibt es wirk­lich so vie­le Unter­schie­de?

David Pe: Grund­sätz­lich zitie­re ich ger­ne die eng­li­sche Rap­pe­rin Wild­flower: "Peop­le are peop­le. Whe­re­ver you go." Ich sehe kei­nen Unter­schied zwi­schen den Men­schen in ihrem Grund­we­sen. Es gibt sol­che und sol­che Leu­te über­all auf der Welt. Es gibt viel­leicht eine gewis­se Men­ta­li­tät in Städ­ten. Ich glau­be gar nicht unbe­dingt, dass es natio­na­le Men­ta­li­tä­ten gibt. Das ist viel enger, weil die Stadt, in der man lebt, kon­kre­ter ist. Wenn man auf­wächst, wird man vom Geist die­ser Stadt geprägt, ob man will oder nicht. Eine gewis­se Arro­ganz hat die Münch­ner Men­ta­li­tät schon. Gar nicht im Sin­ne von Über­heb­lich­keit, son­dern eher von aus­ge­präg­tem, bis­wei­len auf­dring­li­chem Selbst­be­wusst­sein. Die Men­schen in Mün­chen sind anfangs distan­ziert. Ein Mensch, der aus einer ande­ren Stadt kommt, gilt erst mal als uncool und schei­ße. Er muss das Gegen­teil bewei­sen, dann wird er akzep­tiert. Es ist nicht so, als hät­te man kei­ne Chan­ce, Freun­de zu fin­den. Aber der Münch­ner an sich muss sich alles erst mal angu­cken. In ande­ren, klei­ne­ren Städ­ten sind alle super­freund­lich und cool zu dir. Außer du beweist im wei­te­ren Ver­lauf, dass du ein Arsch­loch bist. Also genau anders­her­um.

MZEE​.com: Das ist wahr­schein­lich auch ein Großstadt-​Ding. Der Münch­ner schimpft ger­ne mal über den "Zug­ro­as­ten" und in Ber­lin schimp­fen sie über die Zuge­zo­ge­nen.

David Pe: Ja, die Ham­bur­ger sind uns da auch sehr ähn­lich. Das ist in New York, Paris und Lon­don wahr­schein­lich das­sel­be. Die Leu­te in gro­ßen Städ­ten kom­men sich gene­rell coo­ler vor, weil sie qua­si am Puls des Gesche­hens sind und nicht in der Prä­rie woh­nen. Das ist viel­leicht, wie du sagst, gar nicht so typisch münch­ne­risch. Aber hier ist es doch noch mal spe­zi­el­ler. Die­ses gesun­de Selbst­be­wusst­sein liegt gene­rell in der Hal­tung der Bay­ern. Bay­ern ist ja irgend­wie ein eige­nes Land und gehört nicht so rich­tig zu Deutsch­land. Wir haben den Wohl­stand, die Sicher­heit, die Sau­ber­keit und damit beklei­den sich die Men­schen ger­ne. Mit den Vor­zü­gen ihrer Her­kunft, auch wenn sie selbst viel­leicht gar nichts dazu bei­tra­gen. Das ist mein Ein­druck, viel­leicht ist das gar nicht so. Aber ich mei­ne, das in den letz­ten Jahr­zehn­ten beob­ach­tet zu haben.

MZEE​.com: Du hast vor­hin ange­schnit­ten, dass du all­ge­mein kein Patri­ot bist. Fin­dest du denn, dass Lokal­pa­trio­tis­mus und Patrio­tis­mus oder sogar Natio­na­lis­mus nah anein­an­der lie­gen?

David Pe: Ja, klar. Gene­rell ist jede Form von Patrio­tis­mus Schwach­sinn, weil er nicht begründ­bar ist. Wie­so ist jemand auf den Ort sei­ner Her­kunft stolz? Selbst wenn es nur die kleins­te Ein­heit ist, also das Vier­tel, ist das doch total irra­tio­nal. Man ist nur von da. Ich fin­de, bei Patrio­tis­mus schwingt immer Stolz mit und der ist für mich prin­zi­pi­ell ein ver­werf­li­ches Gefühl. Er ist etwas Emo­tio­na­les und nichts Ratio­na­les. Und ver­werf­lich ist er, weil er ein Gefühl von befrie­dig­ter Eitel­keit ist. Das ist nur Auf­wer­tung mei­nes Egos. Wie­so muss ich denn mein Ego auf­wer­ten? Wenn ich stolz auf mei­ne Her­kunft, mein Volk oder die Popu­la­ti­on in mei­nem Land bin, kann ich irgend­ein Defi­zit nicht kom­pen­sie­ren. Das kaschiert nur etwas und soll mein Selbst­wert­ge­fühl stei­gern. Der Natio­na­list ist stolz auf die Geschich­te sei­nes Volks. Aber er hat nichts dazu bei­getra­gen. Abge­se­hen davon: Wer ist das Volk über­haupt? Wenn jemand dar­auf stolz sein muss, scheint er selbst nichts Ver­nünf­ti­ges hin­zu­be­kom­men. Natio­na­lis­mus ist mei­nes Erach­tens nach ein Kom­pen­sa­ti­ons­me­cha­nis­mus für ein ver­min­der­tes Selbst­wert­ge­fühl und so ist es auch mit Lokal­pa­trio­tis­mus. Wenn man das ernst meint, stimmt etwas mit dem Selbst­wert­ge­fühl die­ses Men­schen nicht.

MZEE​.com: Du hast gera­de gefragt: "Wer ist das Volk?" – In jeder Stadt in Deutsch­land leben Men­schen mit ver­schie­de­ner Her­kunft, ver­schie­de­nen Wur­zeln und aus ver­schie­de­nen Kul­tu­ren. Dar­aus formt sich das Deutsch­land, das wir ken­nen. Ist es nicht wider­sprüch­lich, dass Leu­te rechts sind und gleich­zei­tig stolz auf ihr Land, das heut­zu­ta­ge so mulit­kul­tu­rell geprägt ist?

David Pe: Natür­lich. "Volk" wür­de ich aller­dings durch den wis­sen­schaft­li­chen Ter­mi­nus "Popu­la­ti­on" erset­zen. Beim Wort "Volk" schwingt immer eine emo­tio­na­le Kon­no­ta­ti­on mit. Es geht um die glor­rei­chen Leis­tun­gen und Taten der Ahnen, um Goe­the und Schil­ler. Alter, wie­so bist du denn stolz auf Goe­the und Schil­ler? Schreib sel­ber ein Buch. Dann kannst du dir etwas dar­auf ein­bil­den. Aber nicht, wenn du 300 Jah­re spä­ter zufäl­lig im glei­chen Land gebo­ren bist. Das "Volk" war nie homo­gen, hier haben nie nur Deut­sche gelebt. Das gilt für alle Län­der. Es gibt immer einen Aus­tausch, die Popu­la­ti­on ändert sich per­ma­nent. Der Begriff "Volk" ist mei­ner Mei­nung nach immer mit Natio­na­lis­mus kon­no­tiert. Ab wann hat man denn von Völ­kern gespro­chen? Das Wort exis­tiert wahr­schein­lich erst, seit­dem die Men­schen sess­haft gewor­den sind und sich hier­ar­chi­sche Struk­tu­ren in der Gesell­schaft ent­wi­ckelt haben. Die Urzeit­men­schen waren Sip­pen und Fami­li­en­ver­bän­de. Dann haben sich Staa­ten gebil­det und durch gemein­sa­me Fein­de hat man sich als Ein­heit gefühlt. Mei­ne Theo­rie ist: Eine natio­na­le Iden­ti­tät gibt es nur durch die Bedro­hung durch einen gemein­sa­men Feind. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Das habe ich mir zu dem The­ma über­legt.

MZEE​.com: Aber wie­so sucht man sich immer wie­der einen neu­en gemein­sa­men Feind, obwohl es gar kei­nen mehr gibt?

David Pe: Es gibt sicher immer Fein­de. Das zeigt ja die Geschich­te durch sämt­li­che Krie­ge. Es gibt bestimmt Men­schen, die mir feind­lich gesinnt sind und mir scha­den wol­len. Das kann auch ein Typ auf der Stra­ße sein, der mir mei­ne Turn­schu­he weg­neh­men will. Aber du hast voll­kom­men recht: es gibt Leu­te, die man als Feind oder Bedro­hung sieht, ohne dass eine rea­le Bedro­hung besteht. Wie zum Bei­spiel Geflüch­te­te. Die gan­zen Wut­bür­ger und AfD-​Leute sehen die­se Men­schen als bedroh­lich an, obwohl sie ihnen gar nichts tun. Die emp­fin­den das auf­grund dif­fu­ser Ängs­te, ohne es ratio­nal begrün­den zu kön­nen. Sie begrün­den es mit aus­ufern­den Ideen und Ver­schwö­run­gen. Aber das ist ja alles Bull­shit. Das hat es schon immer gege­ben und ist ein poli­ti­sches Instru­ment. Du hast kei­ne kon­kre­te Bedro­hung, willst aber als macht­hung­ri­ger Mensch dei­ne Leu­te hin­ter dich brin­gen. Also schaff eine. Das eint Men­schen, die zuvor nichts mit­ein­an­der zu tun hat­ten. Das Schü­ren von Ängs­ten ist ein Macht­mit­tel, genau wie das Gefühl von Natio­na­lis­mus an sich. Leu­te las­sen sich die­se Angst ein­re­den, neh­men das an und schwim­men mit. Und plötz­lich schrei­en sie wie­der: "Wir sind das Volk!" Weil sie sich bedroht füh­len – wohl­ge­merkt füh­len. Sie sind es nicht. Und da sind wir beim The­ma Angst. Das ist gene­rell ein gro­ßes Pro­blem. Denn je unge­rich­te­ter die­se Angst ist, des­to pani­scher wird die Reak­ti­on der Men­schen. Als Natio­na­list will man die­se Angst benen­nen und ihr einen Namen geben. Im Fall der AfD sind es die Geflüch­te­ten. So bringt sie die Men­schen hin­ter sich. Jeder, der so arbei­tet, ist ein fie­ser und böser Mensch, weil er die Angst der Leu­te nutzt, um sei­ne eige­nen Inter­es­sen zu ver­fol­gen.

MZEE​.com: Ich möch­te mit dir auch noch über Musik in Mün­chen reden. Hier ist viel HipHop-​Geschichte pas­siert. Ich habe aber das Gefühl, dass das über die Jah­re ein wenig ver­lo­ren gegan­gen ist. Wie siehst du das?

David Pe: Man­che Orte sind phy­sisch ver­schwun­den, wie zum Bei­spiel die Hall of Fame am Hei­mer­an­platz. Irgend­wann wur­de die ein­fach abge­ris­sen. Das kann man gut oder schlecht fin­den. Die Leu­te, die ihre Büros in den neu­en Gebäu­den haben, fin­den das bestimmt super. Wir fin­den das schlimm und trau­rig, weil die gan­zen Bil­der von WON weg sind. Aber das ist nun mal das Leben, eine Stadt ent­wi­ckelt sich. Man­che Orte wer­den auch ein­fach ver­ges­sen. Zum Bei­spiel die Kul­tur­sta­ti­on in Ober­föh­ring, die damals kom­plett von Loo­mit bemalt wur­de. Die gibt es mei­nes Wis­sens nach immer noch. Frü­her sind Leu­te dort­hin gepil­gert, um sich die Bil­der anzu­gu­cken. Es gibt bestimmt geschichts­in­ter­es­sier­te Hip­Hop­per, die sowas noch machen, aber im Ver­hält­nis ist das wahr­schein­lich weni­ger gewor­den. Das beob­ach­te ich bei jün­ge­ren HipHop-​Fans, mit denen ich rede, immer wie­der: "Was inter­es­siert es mich, was vor 20 Jah­ren war? Das ist doch alt­ba­cke­ne Schei­ße. Es geht dar­um, was heu­te ist." Das ist prin­zi­pi­ell kor­rekt, aber wenn man sich für eine Kul­tur begeis­tert, inter­es­siert man sich doch auch für die Geschich­te und Ent­wick­lung. Man kommt vom Hun­derts­ten ins Tau­sends­te, weil man es begrei­fen will. Denn nur, wenn man weiß, wie es vor­her war, kann man ver­ste­hen, wie es so gewor­den ist. Wie Cora E. sagt: "Es wäre nichts, so wie es ist, wär' es damals nicht gewe­sen, wie es war." Als ich jung war, waren wir die zwei­te HipHop-​Generation in Deutsch­land nach Torch, Advan­ced Che­mi­stry und so wei­ter. Wir kann­ten die erst mal auch nicht. Ich habe ange­fan­gen, Ami-​Rap zu hören und im Lau­fe mei­ner Jugend gecheckt, dass es wei­ter als Public Enemy und Run DMC in der Zeit zurück­geht. Und so ging es mir auch mit Deutschrap. Wir haben damals unse­re his­to­ri­schen Lücken nach­ge­holt. Wir sind bei­spiels­wei­se in die Stadt­bü­che­rei gegan­gen, um die Fil­me "Wild Style" und "Style Wars" aus­zu­lei­hen.

MZEE​.com: Ich glau­be, es liegt auch dar­an, dass es inzwi­schen schon schwer ist, bei aktu­el­len Relea­ses den Über­blick zu behal­ten. Viel­leicht ver­lie­ren dadurch vie­le Leu­te die Muße, sich zusätz­lich noch mit der Ver­gan­gen­heit zu befas­sen.

David Pe: Ja, schon. Du hast aber vie­le Jah­re Zeit. Du musst nicht in einem Monat die gan­ze HipHop-​Geschichte ler­nen. Man stößt doch immer wie­der auf alte Sachen und Namen. Das ist ein Pro­zess, der über Jah­re läuft. Da unter­schei­de ich in der Sze­ne zwi­schen den Leu­ten, die sich damit schmü­cken und Hip­Hop für ihren Bene­fit wie ein Gewand tra­gen, um erfolg­reich zu sein und Geld zu ver­die­nen. Das ist okay und kann man so machen. Und zwi­schen den Leu­ten, die Inter­es­se an der Kul­tur haben und sich als Teil des gro­ßen Gan­zen ver­ste­hen. Dann befasst man sich mit allen Berei­chen. Es geht gar nicht um Detail­wis­sen. Ich kann auch nicht sagen, wel­che Plat­te wann und über wel­ches Label raus­ge­kom­men ist. Es geht eher dar­um, einen gro­ben Gesamt­über­blick zu haben. Das kann aber natür­lich jeder machen, wie er will. Ich tref­fe auch vie­le Jungs, die echt dahin­ter sind, ein auf­rich­ti­ges Inter­es­se haben und Fra­gen stel­len. Mei­ne Ein­stel­lung dazu hängt natür­lich mit mei­nem Alter zusam­men. Ich bin durch den Geist der Zeit geprägt, in der ich dazu­ge­kom­men bin. Ich sage nicht, dass es so sein muss. Aber ich bin der Mei­nung, dass man etwas in sei­ner Gesamt­heit durch­drin­gen will, wenn man sich für ein The­ma wirk­lich inter­es­siert.

MZEE​.com: Rap lebt natür­lich auch zu einem Teil von Refe­ren­zen. Wenn man merkt, dass man mehr ver­steht, wenn man sich mit der Geschich­te aus­ein­an­der­setzt, fin­det man sicher Gefal­len dar­an.

David Pe: Das beob­ach­te ich auch. Shin­dy zum Bei­spiel zitiert viel in sei­nen Tex­ten und macht Anspie­lun­gen auf sehr alte Tracks. Das zeigt, dass die­ser Typ ein rich­ti­ger HipHop-​Head ist. Der hat auf jeden Fall alle Plat­ten gehört. Was er macht, kann man mögen oder nicht, das ist Geschmacks­sa­che. Aber er ist jemand, der sich auf die bezieht, die vor ihm da waren. Wenn jemand Fan von ihm ist, will er das natür­lich ver­ste­hen. Von die­sen Refe­ren­zen kommt man auf die Leu­te, auf die sich bezo­gen wird. So kommt man immer wei­ter zurück in der Geschich­te. Mich fas­zi­niert es immer wie­der, zu sehen, wie Men­schen eine Musik­rich­tung neh­men und dar­auf etwas Neu­es auf­bau­en. Es ist schön, zu sehen, wozu Men­schen krea­tiv fähig sind. Das Cools­te an Hip­Hop ist für mich das Prin­zip, dass es jeder machen kann. Und da wären wir wie­der beim Patrio­tis­mus, um den Kreis zu schlie­ßen. Wie Rakim sagt: "It ain't whe­re you're from, it's whe­re you're at." Du kannst her­kom­men, von wo du willst, wenn du nichts Geschei­tes zu Wege bringst, kriegst du kei­nen Respekt. Und das wol­len wir ja alle. Dass unser Werk gewür­digt wird. Das ist ein tie­fes Gerech­tig­keits­prin­zip, wel­ches der Geist von Hip­Hop ist. Man muss ein­fach gut sein in dem, was man macht. Egal, wer du bist und woher du kommst. Wer auf wel­chem Label ist und wie viel Geld ver­dient, ist nicht die Essenz von Hip­Hop, son­dern nur ein net­tes Bei­werk, das Kos­tüm.

MZEE​.com: Hast du denn das Gefühl, dass es noch eine leben­di­ge HipHop-​Szene in Mün­chen gibt?

David Pe: Ja, ich den­ke schon. Nur als Bei­spiel: die­se Freestyle-​Events in der Glo­cken­bach­werk­statt ein­mal im Monat. Da sind vie­le Leu­te, die ich noch nie gese­hen habe, aber die da hoch­ge­hen, free­sty­len und Spaß an der Sache haben. Man­che sind gut, man­che sind schlecht, aber nichts­des­to­trotz spürt man, dass sie das auf­rich­tig machen. Ich bin mit mei­nen 45 Jah­ren natür­lich nicht mehr so krass unter­wegs, dass ich auf jedem Event bin und einen Über­blick habe. Vor 20 Jah­ren hät­te ich dir noch jeden Namen nen­nen kön­nen, weil ich mit­ten­drin war. Gefühlt ist es heu­te nie so geil, wie es frü­her ein­mal war. (lacht) Aber da sind jun­ge Leu­te, die das mit der­sel­ben Lie­be und Hin­ga­be machen wie wir damals. Nur im Stil der heu­ti­gen Zeit. Und das ist cool. Also wür­de ich sagen: Ja, es gibt eine leben­di­ge HipHop-​Szene in Mün­chen.

MZEE​.com: In Mün­chen muss man Sub­kul­tur suchen, damit man sie sieht. Sie läuft einem nicht ein­fach über den Weg. Zuletzt wür­de mich inter­es­sie­ren, wor­an das dei­ner Mei­nung nach liegt.

David Pe: Das liegt, glau­be ich, an der Infra­struk­tur unse­rer Stadt. Du hast hier kein wil­des kul­tu­rel­les Leben auf der Stra­ße oder in besetz­ten Häu­sern. Das gibt es so ein­fach nicht. Wir sind in Bay­ern. Hier regiert die CSU und es ist ordent­lich. Für alles gibt es einen Platz. Kul­tur hat an aus­ge­wähl­ten Orten statt­zu­fin­den, nicht irgend­wo. Das ist tat­säch­lich ein Münch­ner Phä­no­men, das es so in ande­ren Groß­städ­ten nicht gibt. Aller­dings wäre die Sub­kul­tur auch kei­ne, wenn sie über­all sicht­bar wäre. Wenn du nach Ber­lin kommst, fin­det auf der Stra­ße auch kei­ne HipHop-​Jam statt. Da musst du genau­so nach ent­spre­chen­den Loca­ti­ons suchen. Es gibt viel­leicht mehr als hier, aber letzt­end­lich macht das ja die Sub­kul­tur im Gegen­satz zur Hoch­kul­tur aus. Sie ist dadurch cha­rak­te­ri­siert, dass sie nicht so offen­sicht­lich ist. In New York pas­siert Hip­Hop an jeder Stra­ßen­ecke, das ist in der gan­zen Stadt omni­prä­sent. Aber das ist gene­rell in Deutsch­land nicht so. Das kann man kri­ti­sie­ren. Wenn man von der feh­len­den Sub­kul­tur in Mün­chen redet, meint man viel­leicht auch, dass es nicht so abge­fuckt und nicht alles voll­getaggt ist. Hier wird alles immer gleich sau­ber gemacht. Ja mei, so ist das halt. Das war schon immer so und das wird ver­mut­lich so blei­ben. Dar­über habe ich mich frü­her auch auf­ge­regt, aber mitt­ler­wei­le ist es mir wurscht, weil es nicht ent­schei­dend für die Kul­tur ist. Der Spi­rit ist in Mün­chen nicht anders als in ande­ren Städ­ten.

(Yas­mi­na Ross­meisl)
(Fotos von Flo­ri­an Stie­low und Eric Anders)