Social Media – mehr als nur Promo?

Kaum ein Fak­tor hat so nach­hal­tig zur Ent­wick­lung der deut­schen Rap-​Landschaft bei­getra­gen und drückt ihr nach wie vor sei­nen Stem­pel auf wie die Ver­brei­tung des Inter­nets. Auch wenn berech­tig­ter­wei­se nicht jeder ein Fan der digi­ta­len Welt ist, lässt sich nicht abstrei­ten, dass das Inter­net eine Viel­zahl neu­er Mög­lich­kei­ten für die HipHop-​Szene gebo­ten hat und immer noch bie­tet. Ins­be­son­de­re Social Media ist heu­te nicht mehr weg­zu­den­ken, auch wenn die ver­schie­de­nen Platt­for­men längst nicht nur posi­tiv zu Gestalt und Inhalt der hie­si­gen Kul­tur bei­tra­gen. Zeit, die­se zwie­späl­ti­ge, kom­ple­xe und ein­fluss­rei­che Bezie­hung genau­er unter die Lupe zu neh­men.

Das Inter­net spreng­te in den letz­ten knapp 20 Jah­ren sämt­li­che Gren­zen der klas­si­schen Medi­en, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Kommunikations- und Inter­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten. In Deutsch­land stieg der Anteil der Nut­zer zwi­schen 2001 und 2019 von 37 auf über 86 Pro­zent. Es ist klar, dass die­ser Ein­fluss auch vor der deut­schen HipHop-​Szene nicht Halt macht. Noch bis Ende der 90er Jah­re war eine brei­te Außen­wahr­neh­mung von Hip­Hop schwer zu errei­chen und nur in Ein­zel­fäl­len mög­lich. Zu nen­nen sind hier unter ande­rem die Fan­tas­ti­schen Vier, die Begin­ner, Fet­tes Brot und Freun­des­kreis. Die­se konn­ten alle min­des­tens einen Song in den Top 20 der deut­schen Sin­glecharts unter­brin­gen und wur­den somit in der damals noch wich­ti­gen Radio­land­schaft gespielt. Sämt­li­che ande­re Grup­pen oder Solo­künst­ler flo­gen größ­ten­teils unter dem Radar des brei­ten Main­streams. Wer sich für Hip­Hop inter­es­sier­te, muss­te selbst auf Kon­zer­ten, Jams oder Par­tys vor Ort sein, um neue Künst­ler zu ent­de­cken und die Musik sei­ner Lieb­lings­künst­ler auf Tape, CD oder in sel­te­nen Fäl­len auf Vinyl zu erwer­ben. Mit etwas Glück gab es dann auf den Ver­an­stal­tun­gen bereits Infos für die nächs­ten Kon­zer­te und Jams, um auf dem Lau­fen­den zu blei­ben, sofern nicht sowie­so schon eine Bekannt­schaft oder Freund­schaft zu den Künst­lern der damals rela­tiv klei­nen Sze­ne bestand. Sowohl Medi­en­prä­senz als auch der Ver­trieb waren in den wenigs­ten Fäl­len pro­fes­sio­nell oder dau­er­haft gesi­chert. Auch Szene-​intern hielt sich die Viel­falt an HipHop-​Magazinen in Gren­zen. Wäh­rend die Erst­aus­ga­be von BACKSPIN zum Bei­spiel 1994 erschien, trat das JUICE-​Magazin sogar erst im Jahr 1997 auf die Bild­flä­che.

Pla­kat des Beats & Peaces 1998.

Die deut­sche HipHop-​Szene war also nicht nur rela­tiv klein, son­dern größ­ten­teils auch ziem­lich lai­en­haft orga­ni­siert. Dies soll­te sich Mit­te bis Ende der 90er Jah­re ändern. Eine Viel­zahl an Künst­lern wur­de ent­we­der bei Major oder klei­ne­ren Indie Labels gesignt. Nur kur­ze Zeit spä­ter eröff­ne­te sich dank des Inter­nets von Anfang bis Mit­te der 2000er dann eine schein­bar unend­li­che Band­brei­te an Mög­lich­kei­ten für die deut­sche HipHop-​Landschaft. Vie­le Tei­le der Sze­ne grün­de­ten eige­ne Labels und ver­mark­te­ten sich selbst, was vor der Digi­ta­li­sie­rung noch prak­tisch unmög­lich schien. Nach und nach stan­den sämt­li­che For­mu­la­re der GEMA und des Patent- oder Ord­nungs­amts zum Down­load zur Ver­fü­gung und auch die Finan­zie­rung der Label­grün­dung erleich­ter­te sich. Denn die deut­sche Rap­sze­ne hat­te bereits eine Grö­ße erreicht, durch wel­che die Finan­zie­rungs­hil­fen für Gewer­be­schei­ne oder die Codes zum digi­ta­len und phy­si­schen Musik­ver­trieb bes­ser mög­lich wur­den. Zwar waren auch in den 90er Jah­ren schon eini­ge Labels am Start, wie 58Beats, Yo Mama oder Eims­bush Enter­tain­ment, aller­dings ent­stan­den die meis­ten heu­te noch akti­ven HipHop-​Labels – wie etwa 385idéal, Aggro Ber­lin, Alles oder Nix Records und Jakar­ta Records – erst zwi­schen 2000 und 2015. Auch der Ver­trieb der eige­nen Musik wur­de durch das Inter­net enorm ver­ein­facht. Denn im digi­ta­len Kos­mos ver­schwam­men die Gren­zen zwi­schen Independent- und Major-​Vertrieben. Dies lag ins­be­son­de­re an der kos­ten­güns­ti­gen Mög­lich­keit, Musik auf Download-​Portalen anzu­bie­ten – auch ohne gro­ße finan­zi­el­le Rück­la­gen. Zusätz­lich ent­wi­ckel­ten Künst­ler und Labels eige­ne Online-​Shops für Merch und Ton­trä­ger, durch die sich wesent­lich mehr Gewinn erzie­len ließ als über den "klas­si­schen" Musik­ver­trieb. Bis zuletzt erga­ben sich neue Mög­lich­kei­ten des Ver­triebs im Inter­net, sei es durch die Mone­ta­ri­sie­rung von Musik­vi­de­os auf Video­por­ta­len oder durch Streaming-​Plattformen. Zwi­schen 2001 und 2007 wuchs der Umsatz­an­teil von Inter­net­ver­käu­fen an Musik­me­di­en von 6,6 Pro­zent auf 18,3 Pro­zent. Von der Käu­fer­schicht der 10- bis 19-​Jährigen wur­de etwa ein Drit­tel der Down­loads im Jahr 2007 dem Bereich "Dance" zuge­ord­net, zu wel­chem Rap damals noch gehör­te. Die­se Ent­wick­lung spie­gelt auch aktu­el­le Hör­ge­wohn­hei­ten wider. Laut jähr­li­chen Umfra­gen des Musik­in­for­ma­ti­ons­zen­trums beträgt die Rap-​Hörerschaft seit 2009 min­des­tens 70 Pro­zent der 14- bis 19-​Jährigen und immer­hin noch min­des­tens 50 Pro­zent bei den 20- bis 29-​Jährigen.

Die HipHop-​Community fand im Inter­net gänz­lich neue Wege, sich zu ver­net­zen und aus­zu­brei­ten. War die Online-​Piraterie selbst­ver­ständ­lich für Künst­ler, Labels und Ver­trie­be ein gro­ßes Pro­blem, stand sie gleich­zei­tig auch für eine wach­sen­de HipHop-​Gemeinschaft. Cir­ca 30 Pro­zent der Down­loads in den 2000ern fan­den ille­gal statt und auch gekauf­te CDs wur­den im Schnitt etwa drei­mal kopiert bezie­hungs­wei­se gebrannt. Die­se Ent­wick­lung kam nicht von unge­fähr. So waren in den neu­en Online-​Foren Künst­ler und Fans ver­schie­de­ner Städ­te bes­tens dar­über infor­miert, was in den jewei­li­gen ande­ren Städ­ten so ging. Hier wur­den nicht nur Musik­tipps aus­ge­tauscht, son­dern auch MP3s ver­schickt oder "gute" Download-​Portale ver­linkt. Nie­mand war mehr zwin­gend an den Main­stream oder das eige­ne Umfeld gebun­den. Auch wenn vie­le Foren bis heu­te exis­tie­ren und zum Teil auch noch rege genutzt wer­den, wur­den sie Ende der 2000er von den sozia­len Netz­wer­ken abge­löst. Die Mög­lich­kei­ten der Nut­zung zur Con­nec­tion zwi­schen Künst­lern und Hörern haben sich durch Social Media noch­mals ver­viel­facht. Auch die Pro­mo­ti­on der eige­nen Musik ist durch die sozia­len Netz­wer­ke wesent­lich ein­fa­cher gewor­den. Spe­zi­ell der schon in den 90ern belieb­te Batt­ler­ap erhielt in den sozia­len Netz­wer­ken noch mal enor­men Auf­schwung und gewann Fans dazu. So erfreu­te sich Ende der 2000er, zusätz­lich zum "klas­si­schen" Batt­ler­ap, eine Viel­zahl neu­er Videobattle-​Turniere an enor­mer Beliebt­heit in den sozia­len Medi­en. Eini­ge Prot­ago­nis­ten der Videobattle-​Szene wur­den sogar so groß, dass sie eige­ne Label­ver­trä­ge erhiel­ten, wie zum Bei­spiel Lan­ce But­ters oder Wee­kend. Die­se haben ihre Musik zuvor pri­mär nur auf Social Media ohne gro­ßen Ein­fluss von Labels oder Medi­en bewor­ben. So wer­den die neu­en Infor­ma­ti­ons­ka­nä­le heu­te vor allem als Bei­spiel für mehr Unab­hän­gig­keit der Künst­ler von Labels, Medi­en und Ver­an­stal­tern betrach­tet. Künst­ler, die kei­ne Lust auf Zusam­men­ar­beit mit Labels haben oder eben noch zu kei­nem Label gehö­ren, kön­nen sich hier bes­ser denn je prä­sen­tie­ren. Der Kos­ten­auf­wand ist dabei maxi­mal gering und es bedarf nicht zwin­gend gro­ßem Auf­wand. Sowohl das Infor­mie­ren von Fans als auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit poten­zi­el­len Hörern geschieht nahe­zu in Echt­zeit. Dies ist beson­ders effek­tiv, denn die Haupt­ziel­grup­pe gehört zu den soge­nann­ten "Digi­tal Nati­ves" und nutzt Social Media-​Angebote täg­lich. Doch auch wenn auf den ers­ten Blick vie­le posi­ti­ve neue Aspek­te für Künst­ler und Fans durch die sozia­len Netz­wer­ke hin­zu­ge­kom­men sind, ist der pro­ble­ma­ti­sche Rat­ten­schwanz viel­leicht genau­so groß.

Aber wie nut­zen die ver­schie­de­nen Prot­ago­nis­ten der Sze­ne die sozia­len Medi­en heu­te über­haupt? Edgar Was­ser zum Bei­spiel ver­wen­det sei­ne Social Media-​Kanäle ent­we­der gar nicht oder ledig­lich, um knapp die eige­ne Musik zu bewer­ben. Dies pas­siert zwar, pas­send zu sei­ner Kunst, zumeist iro­nisch, viel mehr lässt sich auf sei­nen Pro­fi­len jedoch nicht ent­de­cken. Wer­be­tech­nisch hat dies Vor- und Nach­tei­le für ihn. Einer­seits läuft er kei­ne Gefahr, in Skan­da­le ver­wi­ckelt zu wer­den und lässt nur sei­ne Kunst für sich spre­chen, ande­rer­seits gene­riert er kein son­der­li­ches Poten­zi­al für mehr Reich­wei­te sei­ner Musik. Im Gegen­satz dazu lie­fert Fato­ni nahe­zu dau­er­haft Con­tent. Wäh­rend die bei­den sich text­lich oft ähneln, kann man das über ihre Social Media-​Nutzung nicht behaup­ten. Im Ver­gleich zu Edgar Was­ser besteht der Con­tent von Fato­ni auf Insta­gram und Co. nicht nur aus der eige­nen Musik. Es erscheint fast so, als wür­den sei­ne Fotos, Vide­os und Cap­ti­ons Teil sei­ner Kunst und Kunst­fi­gur sein. Spe­zi­ell die Mas­se an täg­li­chem Fatoni-​Content erleich­tert das Ver­schwim­men zwi­schen Kunst bezie­hungs­wei­se Kunst­fi­gur und Pri­vat­per­son in den Augen eini­ger Fans. Mit die­ser Art der Nut­zung ist er kein Ein­zel­fall, son­dern gehört zu einer gro­ßen Grup­pe von Künst­lern, wie Jui­cy Gay, Hai­y­ti oder LGo­o­ny. Gera­de von LGo­o­ny könn­ten eini­ge "One-liner"-Tweets auch Teil von Song­tex­ten sein, denn "ande­re rap­per kön­nen drei­pa­cken minus zwei­pa­cken (ein­pa­cken)". Die Fra­ge, inwie­weit Kunst und Kunst­fi­gur von der Per­son dahin­ter zu tren­nen sind, erhält durch Social Media eine zusätz­li­che Dimen­si­on. Die­se wird beson­ders deut­lich, wenn der Con­tent sich nicht mehr nur auf die eige­ne Kunst beschränkt, son­dern auch "pri­va­te" Inhal­te geteilt wer­den.

Das Ver­schwim­men von Pri­vat­per­son und Kunst kann dabei zu einem über­aus posi­ti­ven Fak­tor wer­den. Dies wird beson­ders deut­lich bei Künst­lern mit einer sozia­len oder poli­ti­schen Mes­sa­ge, deren Grup­pe in den letz­ten Jah­ren enorm gewach­sen ist. Zu nen­nen sind unter ande­rem Ame­wu, Anti­lo­pen Gang, Nura, Ebow, Fet­tes Brot, Roger Rekless, K.I.Z, Audio88 & Yas­sin, Zuge­zo­gen Mas­ku­lin oder Mar­te­ria. Auf den Social Media-​Kanälen fin­det man nicht nur Musik oder ande­re For­men des künst­le­ri­schen Aus­drucks, son­dern auch Infos zur Teil­nah­me oder Ver­an­stal­tung von Soli­da­ri­täts­kon­zer­ten, wie von K.I.Z mit dem Kon­zert "Nur für Frau­en", Fet­tes Brot bei "Fri­days for Future" oder dem geplan­ten Bene­fiz­kon­zert für Frau­en­häu­ser der Anti­lo­pen Gang. Hin­zu­kom­men Auf­ru­fe an Hörer und Fans zur Teil­nah­me an Demons­tra­tio­nen, Work­shops, Dis­kus­si­ons­run­den, Peti­tio­nen oder Spen­den­samm­lun­gen, unter ande­rem von Nura, wel­che sich in ihren Tex­ten zumeist eher ande­ren The­men wid­met. Außer­dem fin­det man häu­fig State­ments zu aktu­el­len poli­ti­schen oder sozia­len Ent­wick­lun­gen, ins­be­son­de­re von Ame­wu oder Roger Rekless. Roger Rekless ermög­licht zum Bei­spiel auf sei­nem Instagram-​Profil eine Viel­zahl an Inter­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten für Rap-​Hörer, aber auch gene­rell für Fans des poli­ti­schen Dis­kur­ses. Zu Beginn des Covid-​19-​Shutdowns star­te­te er eine Livestream-​Reihe über "Inter­view­din­ge" und "Lesen gegen rechts". Dabei geht er nicht nur auf Fra­gen und Anmer­kun­gen aus dem Chat ein, son­dern ver­weist bei eige­nen poli­ti­schen oder wis­sen­schaft­li­chen Äuße­run­gen stets auf ent­spre­chen­de Quel­len. Er ist damit ein Vor­rei­ter der Social Media-​Welt, in der das Ange­ben von Quel­len bis heu­te von vie­len Influ­en­cern und Pro­mi­nen­ten ver­mie­den wird. Wer sich nun fragt, was die­se For­ma­te über­haupt mit Hip­Hop zu tun haben, dem sei gesagt, dass Live­streams von Roger Rekless grund­sätz­lich mit einem Free­style begin­nen und auch sei­ne Inter­view­part­ner sich häu­fig im HipHop-​Kosmos bewe­gen.

Der ange­spro­che­ne Dis­kurs rund um Covid-​19 kann und ist aller­dings auch in ganz ande­re Rich­tun­gen ver­lau­fen. Es ist beson­ders erschre­ckend, welch posi­ti­ve Reso­nanz Ver­schwö­rungs­theo­rien von eini­gen Prot­ago­nis­ten der Sze­ne erhal­ten. Xavier Naidoos gele­ak­te Vide­os machen Anfang März die Run­de. Nach­dem sich Visa Vie kurz dar­auf extrem kri­tisch gegen­über Xavier Naidoo in Insta-​Storys äußert, schlie­ßen sich ihr eine Viel­zahl Künst­ler an, unter ande­rem Nura und Mega­loh, und geben State­ments ab. Eini­ge ande­re Künst­ler wie­der­um, die mit Xavier Naidoo zusam­men­ge­ar­bei­tet haben, äußern sich ent­we­der gar nicht oder unter­stüt­zen sein zurück­ru­dern­des State­ment auf Insta­gram zu den gele­ak­ten Vide­os, wie zum Bei­spiel Juju, Samy Delu­xe, Afrob, Nico Sua­ve oder MoTrip. In die­sem Fall wirkt die Social Media-​Stille fast dop­pelt schwer, weil Xavier Naidoos eins­ti­ges Pro­jekt, die Bro­thers Kee­pers, in eine völ­lig ande­re Rich­tung ging als sei­ne Äuße­run­gen der letz­ten Jah­re. "Wir fal­len dort ein, wo ihr auf­fallt. Gebie­ten eurer brau­nen Schei­ße end­lich Auf­halt!" heißt es in der Hook von "Adria­no (Letz­te War­nung)", dem Song, der auf­grund des ras­sis­ti­schen Angriffs auf Alber­to Adria­no ent­stand. Knapp 20 Jah­re spä­ter singt Xavier Naidoo in dem gele­ak­ten Video hin­ge­gen: "Ich hab' fast alle Men­schen lieb, aber was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gast­ge­ber ein Leben stiehlt." Ins­be­son­de­re in den letz­ten Mona­ten erhal­ten sei­ne Telegram-​Gruppen regen Zulauf und auch eini­ge Prot­ago­nis­ten der deut­schen Rap-​Szene sprin­gen auf den Zug der Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker mit auf, wie zum Bei­spiel Fler, Mas­siv, Sido, Kol­le­gah, B-​Lash oder Leon Love­lock. Die Ver­schwö­rungs­theo­rien wer­den zumeist ohne etwai­ge Quel­len ver­brei­tet und kom­men­tar­los in den eige­nen Con­tent ein­ge­ar­bei­tet.

Samy Delu­xe feat. Torch, Xavier Naidoo, Afrob, Mega­loh & Den­yo - Adria­no (SaMTV Unplug­ged)

Die­se pro­ble­ma­ti­schen "Ein­zel­fäl­le" schei­nen auf den ers­ten Blick kei­nen gro­ßen Ein­fluss auf die gesam­te Sze­ne und Hörer­schaft zu haben. Doch sie bil­den ein Pro­blem­feld, wel­ches sich ins­be­son­de­re auf Jugend­li­che und Kin­der aus­wirkt. "Das wird man ja noch sagen dür­fen, solang die uns're Fah­ne fürch­ten, auf dem Geh­weg Platz machen, komm' ich klar mit Tür­ken" rappt Audio88 sar­kas­tisch auf "Schel­len". Fans sei­ner Musik wis­sen die Zei­le ein­zu­ord­nen und im Gesamt­kon­text des Songs und sei­ner Musik zu ver­ste­hen. Ähn­li­ches gilt auch für K.I.Z-Texte oder Retro­gott, der sich mitt­ler­wei­le von sei­nen alten ras­sis­ti­schen und sexis­ti­schen Battlerap-​Texten distan­ziert. Die­se Hal­tung tei­len längst nicht alle HipHop-​Künstler, denn vie­le ver­brei­ten wei­ter­hin ras­sis­ti­sche, sexis­ti­sche oder homo­pho­be Inhal­te, wel­che sich auch durch Kon­tex­tua­li­sie­rung nicht legi­ti­mie­ren las­sen. "Im Apple Store warst du ein Slave, bei mir dann Djan­go Unchai­ned" ist nur eine von vie­len Zei­len auf dem neu­en Fler-​Album, die ras­sis­tisch und dis­kri­mi­nie­rend sind. Sie rich­tet sich ein­deu­tig gegen sei­nen Ex-​Labelkollegen Jalil. Eben­die­se Inhal­te fin­den sich auch auf den Social Media-​Kanälen der Künst­ler wie­der und beein­flus­sen die eige­ne Hörer­schaft. Erst jüngst erhielt Syla­bil Spill ver­mehrt ras­sis­ti­sche Direkt­nach­rich­ten auf Insta­gram von Fler-​Hörern, die sich mit des­sen Hal­tung und Tex­ten brüs­ten. Trotz Ver­öf­fent­li­chung der ras­sis­ti­schen Nach­rich­ten bezog Fler dazu kei­ne Stel­lung und blo­ckier­te statt­des­sen ledig­lich Syla­bil Spill auf Insta­gram. In die­sem Zusam­men­hang erschei­nen auch die Richt­li­ni­en vie­ler Platt­for­men und ihre Durch­set­zung schwach. Höchst sel­ten wer­den Inhal­te oder Pro­fi­le gesperrt, oft­mals erst lan­ge nach­dem die Inhal­te und Pro­fi­le mehr­fach gemel­det wur­den. Die­se Pro­ble­ma­tik ist aller­dings kein allei­ni­ges HipHop-​Phänomen, gene­rell ver­läuft die Recht­spre­chung im Bereich Social Media noch viel zu trä­ge. Auch wenn es bereits eini­ge Kla­gen gegen ver­ein­zel­te Social Media-​Inhalte gab, waren die­se nur sehr sel­ten erfolg­reich und ver­lie­fen zumeist auch viel zu lang­sam. Betrach­tet man das Para­de­bei­spiel Gzuz, so erscheint es fast schon unmög­lich, mehr skan­da­lö­se Inhal­te auf sei­nen Kanä­len zu ver­brei­ten. Trotz Kri­tik von ver­schie­dens­ten Sei­ten erhält er einen rie­si­gen Rück­halt sei­ner Fans. Er wird nicht nur wei­ter­hin gefea­turet, son­dern lan­det mit sei­nem letz­ten Album "Gzuz" sogar auf Platz eins der Charts. Dies ist beson­ders pro­ble­ma­tisch, da gera­de jün­ge­re Hörer in ihren Lieb­lings­künst­lern Vor­bil­der sehen. Sämt­li­che Fehl­trit­te wer­den ver­zie­hen oder sogar auf Insta­gram und Co. ver­tei­digt.

Audio88 & Yas­sin - SCHELLEN (prod. Kev­Beats)

Die­ses Ver­hal­ten der Hörer und Fans lässt sich auch aus einer sozi­al­wis­sen­schaft­li­chen Per­spek­ti­ve erklä­ren und ver­ste­hen. Denn wäh­rend Bild, Musik und Film zumeist ein­sei­tig kon­su­miert wer­den, fin­det durch Social Media eine Ver­net­zung von Künst­lern und Fans statt, wel­che sich auch aus der dau­er­haf­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on über Insta­gram und Twit­ter ergibt. Ein ähn­li­cher Habi­tus der Künst­ler und Fans ist hier beson­ders hilf­reich, um Miss­ver­ständ­nis­se und fal­sche Inter­pre­ta­tio­nen des Con­tents zu ver­mei­den. Der Begriff Habi­tus bezeich­net dabei eine Art indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keits­struk­tur, die sich im Den­ken, Han­deln und Auf­tre­ten einer Per­son wider­spie­gelt. Die Dar­stel­lung des eige­nen Habi­tus im Social Media-​Bereich wirkt sich dann auf das Ver­hal­ten von Fans und ande­ren Künst­lern aus, bei denen dann ein ähn­li­cher Habi­tus ent­ste­hen kann. Natür­lich lässt sich die­ser ver­gleich­ba­re Habi­tus durch die soge­nann­te vier­te Wand nur mit Abstri­chen erken­nen. Um bei dem Bei­spiel der bereits erwähn­ten Fler-​Hörer zu blei­ben: Deren Instagram-​Storys wer­den von Fler regel­mä­ßig geteilt, sofern sie ihn dar­in mar­kie­ren. In den geteil­ten Sto­rys fin­den sich eine Rei­he von Ver­hal­tens­wei­sen und Sym­bo­len, die immer wie­der auf­tau­chen. Sei es das bewuss­te Prä­sen­tie­ren von Sta­tus­sym­bo­len, wie einer Uhr oder dem eige­nen Auto, oder das Tra­gen von Ghet­to Sport-​Kleidung, der Mode­mar­ke von Fler.

Ins­be­son­de­re die Dar­stel­lung der eige­nen Gedan­ken ver­ein­facht die Ent­ste­hung von soge­nann­ten Fil­ter­bla­sen im Social Media-​Bereich – denn wer umgibt sich schon ger­ne mit Din­gen, die er selbst als irrele­vant, sinn­los oder sogar falsch ansieht. Künst­ler und Fans bewe­gen sich dann in einer gemein­sa­men Kom­fort­zo­ne. Rap­per müs­sen ihre Ein­stel­lun­gen, Posi­tio­nen und Äuße­run­gen zumeist nicht recht­fer­ti­gen, da sie von ihren Fans geteilt wer­den. Dies macht auch Pro­mo­pha­sen für vie­le wesent­lich ein­fa­cher, da sie nicht gezwun­gen sind, auf Kri­tik oder Nach­fra­gen zu reagie­ren – wie zum Bei­spiel in einer Interview-​Situation. Ganz im Gegen­teil, Kom­men­tar­spal­ten kön­nen nach Belie­ben aus­sor­tiert wer­den und gan­ze Bei­trä­ge ver­schwin­den bei Kri­tik "plötz­lich" von den Platt­for­men.

Selbst­ver­ständ­lich sind Künst­ler nicht dazu ver­pflich­tet, nur bestimm­te Inhal­te zu ver­brei­ten. Trotz­dem wird gera­de den beson­ders Follower-​starken Künst­lern eine Vor­bild­funk­ti­on zuge­wie­sen, wel­che sich aus der Dau­er­prä­senz im All­tag der Fans, also vie­ler Kin­der und Jugend­li­cher, ergibt. Somit ist es nicht unwich­tig, den Con­tent dem­entspre­chend zu gestal­ten. Die­ser wird eben nicht bloß kon­su­miert wie Musik, son­dern ist Teil eines sozia­len Ver­net­zungs­pro­zes­ses. Umso wich­ti­ger ist es, dass sich Künst­ler ein­deu­tig posi­tio­nie­ren wie im ange­spro­che­nen Bei­spiel von Xavier Naidoo. Dabei müs­sen sie ihm die künst­le­ri­schen Fähig­kei­ten zwar nicht abspre­chen, sei­ne "poli­ti­sche" Hal­tung jedoch ein­deu­tig ver­ur­tei­len.

Denn gera­de wenn sich Künst­ler zu ver­schie­dens­ten The­men posi­tio­nie­ren oder kri­tisch äußern, kön­nen span­nen­de Dis­kur­se und Debat­ten ent­ste­hen. Ins­be­son­de­re, weil die Künst­ler dann ihre Kom­fort­zo­ne auf Social Media zumeist ver­las­sen müs­sen. Lei­der kann sich dies sowohl nega­tiv als auch posi­tiv aus­wir­ken. Kürz­lich kom­men­tier­te MC Bom­ber einen Instagram-​Post von Helen Fares mit extrem sexis­ti­schen Inhal­ten und erhielt dafür ins­be­son­de­re aus der lin­ken Fil­ter­bla­se enor­men Gegen­wind. Hier schei­nen Text­in­hal­te und per­sön­li­che Ein­stel­lung von MC Bom­ber wohl näher bei­ein­an­der zu lie­gen, als bis­her von eini­gen Hörern ange­nom­men. Anders sieht es da bei eini­gen ande­ren Künst­lern aus, die text­lich eigent­lich nicht gera­de für poli­ti­sche oder sozi­al­kri­ti­sche Inhal­te bekannt sind. So rie­fen BHZ jüngst eine Spen­den­kam­pa­gne bezüg­lich der unmensch­li­chen Flücht­lings­si­tua­ti­on an den grie­chi­schen Gren­zen ins Leben, wäh­rend Azzi Memo sei­ne Rap­kol­le­gen zu einem gemein­sa­men Charity-​Song im Geden­ken an die Opfer des rechts­ter­ro­ris­ti­schen Anschlags in Hanau ein­lud.

Die Über­tra­gung klas­si­scher HipHop-​Werte in den digi­ta­len Kos­mos ist, ins­be­son­de­re im Social Media-​Bereich, also durch­aus mög­lich. Denn ins­ge­samt neh­men die Kom­mu­ni­ka­ti­on und die dar­aus resul­tie­ren­den Dis­kur­se und Debat­ten in den sozia­len Medi­en eine tra­gen­de Rol­le ein. Sie sind seit eini­gen Jah­ren das Kern­stück der Ver­net­zungs­pro­zes­se der HipHop-​Szene und haben damit sowohl Jams, Kon­zer­te, Foren als auch Mainstream-​Medien hin­ter sich gelas­sen. Gleich­zei­tig kön­nen sie aber auch das genaue Gegen­teil bewir­ken, indem sich ein­zel­ne Fil­ter­bla­sen expli­zit abgren­zen und vom Rest der Sze­ne distan­zie­ren. Die­ser Vor­gang ist nicht zwin­gend pro­ble­ma­tisch, wenn sich zum Bei­spiel von dis­kri­mi­nie­ren­den Inhal­ten distan­ziert wird. Aller­dings wer­den bis heu­te unter ande­rem im Bereich der Mainstream-​Medien stets ein­zel­ne Künst­ler oder Fil­ter­bla­sen als Reprä­sen­tan­ten der gesam­ten Sze­ne benutzt. Eine Bür­de, die kaum eine ande­re Musik­rich­tung in die­ser Form tra­gen muss. Doch gera­de hier liegt heu­te der gro­ße Vor­teil von Social Media für die HipHop-​Community: Zumin­dest der Ver­net­zungs­pro­zess ist nicht mehr von vie­len äuße­ren Fak­to­ren wie den Mainstream-​Medien oder Kon­zer­ten abhän­gig. Denn inner­halb kür­zes­ter Zeit kann mit ein­fachs­ten Mit­teln eine Viel­zahl an Men­schen in den sozia­len Netz­wer­ken erreicht wer­den.

(Alec Weber)
(Titel­bild von Jani­na Stef­fes)