OG Keemo – 216

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Ich sehe der Welt gedan­ken­ver­lo­ren dabei zu, wie sie an mir vor­bei­zieht. Mein Zug rollt lang­sam in den Hanau­er Bahn­hof ein, als ich mich fra­ge, wie all das immer noch pas­sie­ren kann. Die Black Lives Matter-​Bewegung ist momen­tan all­ge­gen­wär­tig – in allen sozia­len Medi­en, in allen Zei­tun­gen und in aller Mun­de. Aber dass Men­schen auf­grund ihrer Haut­far­be ster­ben und Gewalt psy­chi­scher und phy­si­scher Natur erfah­ren, pas­siert nicht erst seit Geor­ge Floyd. So vie­le Bil­der, Wor­te und Ein­drü­cke schwir­ren mir im Kopf rum. Und wäh­rend mir "216" im Ohr dröhnt, lässt mich OG Kee­mo die­se berech­tig­te, unvor­stell­ba­re Wut ein wenig mehr nachempfinden.

Er erzählt von Gesprä­chen mit sei­nem Vater, wie sie mei­ne Eltern nie mit mir füh­ren muss­ten. Dar­über, wie er das Blau­licht auf sei­ner Haut spürt. Ste­reo­ty­pe, die ihn ver­mut­lich bereits sein gesam­tes Leben ver­fol­gen. Er ver­ar­bei­tet Schwar­ze Geschich­te und das Leid dar­in, wel­ches wir – die wei­ße Mehr­heits­ge­sell­schaft – zu ver­ant­wor­ten haben. Es ist auch unse­re Geschich­te. Eine, von der wir nur pro­fi­tiert haben. Die eine Ungleich­heit her­vor­ge­bracht hat, wel­che die wenigs­ten, die dadurch nicht benach­tei­ligt sind, sehen wol­len. Aber die Betrof­fe­ne unauf­hör­lich zu spü­ren bekom­men. Kee­mo spricht von Fol­gen wie ver­wehr­ten Bil­dungs­mög­lich­kei­ten. Vom Unver­ständ­nis und Unwis­sen der ande­ren, das sie nicht vom Urtei­len und Reden abhält. Davon, kate­go­ri­siert zu wer­den. Immer das Dop­pel­te geben zu müs­sen und sich nicht ver­ste­cken zu kön­nen. Sich weh­ren zu müs­sen, um nicht wei­ter hilf­los zu sein. Er beschreibt eine Prä­gung, die ihre Spu­ren hin­ter­lässt und nie ganz ver­schwin­den kann. Ein Leben, das mir kom­plett fremd ist, weil ich sehr pri­vi­le­giert und weiß bin. All die­se Gefüh­le, die sich am Ende in einem bün­deln – Wut. Er kre­iert ein so prä­zi­ses Bild, dass es einem Angst machen kann und sollte.

OG Kee­mo hat mir mit dem Track "216" sei­ne Lebens­rea­li­tät zwei­fel­los ver­deut­licht. Des­we­gen, glau­be ich, ist es manch­mal schon ein Anfang, genau­er zuzu­hö­ren. Den Men­schen, die etwas Wich­ti­ges zu sagen haben. Wir kön­nen alle so viel von ihnen und für sie ler­nen. Um nach dem Zuhö­ren wei­ter gegen Ras­sis­mus han­deln zu kön­nen. Spä­tes­tens jetzt, wenn wir es bis­her nicht getan haben. Denn so soll­te sich nie­mand füh­len müssen.

(Yas­mi­na Rossmeisl)