Marcus Staiger

Deutschrap-​Journalismus. Schon über das Wort lässt sich strei­ten. Die einen mei­nen, "rich­ti­ger" Jour­na­lis­mus im deut­schen Rap exis­tie­re doch gar nicht. Außer­dem kön­ne ja jeder selbst bes­se­re Arti­kel schrei­ben als "die­se Prak­ti­kan­ten". Die ande­ren fin­den, jeder, der im deut­schen Rap jour­na­lis­ti­sche Tätig­kei­ten aus­führt, sei auch ein Jour­na­list. Die nächs­ten füh­ren auf: Ja, im deut­schen Rap sind Redak­teu­re unter­wegs – aber kei­nes­falls Jour­na­lis­ten. Zusam­men­fas­sen lässt sich: Fast jeder hat zumin­dest eine Mei­nung dazu. Aber wie steht es um die Mei­nung der Jour­na­lis­ten selbst? Denn die hat kaum jemand mal gefragt. Und so star­tet unse­re neue Serie – eine klei­ne Inter­view­rei­he mit aktu­ell rele­van­ten und akti­ven Jour­na­lis­ten der deut­schen Rap­sze­ne. Dabei möch­ten wir dar­über reden, war­um die Deutschrap-​Medien von so vie­len Sei­ten – auch von der der Künst­ler – immer wie­der unter Beschuss ste­hen und wie die Jour­na­lis­ten die­se Sei­ten­hie­be per­sön­lich emp­fin­den. Wir bespre­chen, wie ein­zel­ne Jour­na­lis­ten ihren Platz in der Rap­sze­ne wahr­neh­men und ob deut­scher Rap­jour­na­lis­mus in Gossip-​Zeiten noch kri­tisch ist. Wir möch­ten erfah­ren, ob sie die Sze­ne noch unter dem Kultur-​Begriff ver­ste­hen oder das Gan­ze für sie aus­schließ­lich ein Beruf (gewor­den) ist. Es kom­men Fra­gen auf, ob es ver­ein­bar ist, in die­sem Auf­ga­ben­be­reich Geld zu ver­die­nen und wie der aktu­el­le Deutschrap-​Journalismus und sei­ne Ent­wick­lung gese­hen wird. Und: Wie steht es über­haupt um die Ent­wick­lung der Rap­sze­ne an sich? Das und vie­les mehr wer­den wir in über zehn Inter­views bespre­chen, in wel­chen es ver­ständ­li­cher­wei­se immer nur um einen Teil­be­reich die­ser gro­ßen The­men­welt gehen kann. Nach einer län­ge­ren Pau­se star­ten wir die­ses For­mat heu­te wie­der mit einem der wohl wich­tigs­ten Jour­na­lis­ten des deut­schen Raps aller Zei­ten. Wir tra­fen Mar­cus Stai­ger zwi­schen schwar­zem Tee und Gebäck in einem Café direkt am Kot­ti in Ber­lin und stell­ten ihm zu The­men von sei­ner Kar­rie­re über deut­sche Rap­per bis hin zu Poli­tik end­lich alle Fra­gen, die uns schon seit Lan­gem auf der See­le lagen.

MZEE​.com: Zu Beginn wür­den wir ger­ne wis­sen, wie du dich in der Jour­na­lis­ten­sze­ne des deut­schen Raps sel­ber ver­or­ten wür­dest: Was siehst du heut­zu­ta­ge als dei­ne Rol­le?

Mar­cus Stai­ger: Ich hat­te in den letz­ten Jah­ren eine klei­ne Selbst­fin­dungs­kri­se in Bezug auf die­ses The­ma, weil ich mir ger­ne über mei­ne eige­ne Rol­le und Pri­vi­le­gi­en Gedan­ken mache. Poli­tisch gemein gespro­chen, bin ich ein alter wei­ßer Mann, der mit 50 Jah­ren ver­bit­tert in sei­nem Elfen­bein­turm sitzt und jun­ge Rap­per bekrit­telt. Das woll­te ich nie sein. Ich emp­fin­de Rap nach wie vor als dyna­mi­sche Geschich­te. Ich habe vie­le Aufs und Abs erlebt und ein gro­ßes Ver­trau­en in die­se Kul­tur. Natür­lich nervt mich die­ser Over­kill, dass man im Video mit Geld­bün­deln am Ohr steht. Aber wir leben gera­de in einer turbo-​kapitalistischen Zeit. Geld ist der Maß­stab, an dem man gemes­sen wird. Des­we­gen kann ich ver­ste­hen, dass Leu­te, die auf­stre­ben und in unse­rer Gesell­schaft nicht beson­ders pri­vi­le­giert sind, sich über Geld defi­nie­ren. Trotz­dem wür­de ich mir wün­schen, dass sie ihr Selbst­wert­ge­fühl anders ent­wi­ckeln kön­nen. Ich mache mir Gedan­ken dar­über. Aber wie krie­ge ich die­se Mes­sa­ge unters Volk, ohne dass die sich ange­fickt füh­len? In letz­ter Zeit hat­te ich oft den Ein­druck, Men­schen wür­den den­ken, dass ich ihnen nichts gön­ne. Des­halb habe ich mei­ne JUICE-​Kolumne so umge­stellt, dass ich sie jetzt zusam­men mit einer jün­ge­ren, migran­ti­schen Frau schrei­be. Genau­so wich­tig war es mir, dass ich nicht allei­ne in der Radio­sen­dung sit­ze und den Leu­ten die Geschich­te vom Pferd erzäh­le, son­dern einen jun­gen Kol­le­gen dazu neh­me, der aus einer kom­plett ande­ren Genera­ti­on ist. Mir ist das Dia­lo­gi­sche sehr wich­tig. Gleich­zei­tig habe ich aber den Ein­druck, dass die­ser Dia­log nicht immer gewollt ist. Die Ent­wick­lung des Rap­jour­na­lis­mus ist mehr oder weni­ger ein Out­let der Künst­ler: Es ist kei­ne kon­struk­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung gewünscht, son­dern Mikro­fon­stän­der, die eine Promo-​Plattform bie­ten. Ein biss­chen Hof­jour­na­lis­mus ist da schon auch dabei …

MZEE​.com: Hast du das Gefühl, dass das mal anders war?

Mar­cus Stai­ger: In Deutsch­land war es immer schwie­rig, kri­ti­schen Musik­jour­na­lis­mus zu machen. In den USA und Groß­bri­tan­ni­en gab es mehr Bei­spie­le, die viel respekt­lo­ser mit Künst­lern umge­gan­gen sind, wodurch das Gan­ze dann auch lus­ti­ger war. Bei der Source, dem HipHop-​Magazin-​Flaggschiff der 90er, gab es immer wie­der Vor­fäl­le, bei denen gewis­se Künst­ler das Maga­zin boy­kot­tiert oder ange­grif­fen haben. US-​amerikanische Künst­ler sind eben­falls emp­find­sa­me Wesen. Aller­dings habe ich manch­mal den Ein­druck, dass es unter der Künst­ler­schaft in Deutsch­land ein Über­maß an Mimo­sen­haf­tig­keit gibt. Aber weil du fragst, ob das mal anders war: Struk­tu­rell gese­hen war das frü­her auch nicht bes­ser, weil die Maga­zi­ne extrem von Künst­lern und deren Plat­ten­fir­men abhän­gig waren. Wenn sie mit der Bericht­erstat­tung nicht zufrie­den waren, wur­den kei­ne Anzei­gen mehr geschal­tet, wodurch die Hef­te finan­ziert wur­den. Das war gang und gäbe. Es war nicht ein­fach, Ver­ris­se unter­zu­brin­gen oder Inter­views, die nicht so geil gelau­fen sind.

MZEE​.com: Du bist für eini­ge ein gro­ßes Vor­bild. Hat­test du – auf Jour­na­lis­mus bezo­gen – denn eben­falls mal eins?

Mar­cus Stai­ger: (über­legt) Im Musik­be­reich? Nein, ehr­lich gesagt nicht. Ich war gro­ßer Fan der schrift­li­chen Source-​Reportagen. Drei Tage mit einem Rap­per unter­wegs sein und dann des­sen Geschich­te erzäh­len – das fand ich schon sehr geil. So was wie die ers­ten VICE-​Reportagen woll­te ich machen. Das gefilm­te Inter­view ist nicht mein Lieb­lings­for­mat, weil es immer eine künst­li­che Situa­ti­on ist. Licht- und Kame­ra­auf­bau. Da mag ich Situa­tio­nen wie die­se hier viel lie­ber. Das ist mein Interview-​Style. Wir reden ganz nor­mal und neben­her drückt man irgend­wann auf Record und es geht los …

MZEE​.com: Bist du dir denn dei­ner Rol­le bewusst?

Mar­cus Stai­ger: Schwie­rig. Ich habe mehr den Ein­druck, es inter­es­siert nicht mehr, was ich mache oder gemacht habe. Ich glaub', da hat die Zeit einen über­rollt. Momen­tan den­ke ich wie­der dar­über nach, ein Inter­view­for­mat auf­zu­le­gen, weil wir gera­de ver­su­chen, einen eige­nen Medi­en­ka­nal auf­zu­bau­en. Es gibt genü­gend Leu­te, für die sich im Rap nie­mand so rich­tig inter­es­siert. Die haben aber trotz­dem ihr Publi­kum und ich fin­de sie auch inter­es­sant. Eine Drei­vier­tel­stun­de Gespräch über Musik, Kul­tur und Poli­tik. Das sind die The­men­fel­der, in denen ich mich am bes­ten aus­ken­ne.

MZEE​.com: Ich glau­be nicht, dass das nie­man­den inter­es­siert …

Mar­cus Stai­ger: Guck mal, ich will ger­ne ein Capi­tal Bra-​Interview machen. Kei­ne Ahnung, ob Capi­tal mit mir spre­chen wol­len wür­de. Mein gro­ßes Pro­blem ist: Vie­le den­ken, der Stai­ger will einen immer auf Glatt­eis füh­ren. Das will ich gar nicht. Aber ich neh­me sie beim Wort. Ich neh­me sie ernst in ihrem Künst­ler­da­sein und ihrer Aus­sa­ge und fra­ge dann nach.

MZEE​.com: Du kannst aber auch fie­se Fra­gen stel­len. Wenn man zum Bei­spiel an das Disarstar-​Interview im Park denkt: Er weiß, wie er dich zu neh­men hat. Auf jemand ande­ren kann das ein­schüch­ternd wir­ken …

Mar­cus Stai­ger: Aber was ist denn der Punkt, wenn man über Kunst spricht? Wer das pro­du­ziert hat?! Guck doch nach! (lacht) Ich kann mir vor­stel­len, dass so man­cher Künst­ler beschließt, dass ihm das zu anstren­gend ist. Da müss­te der­je­ni­ge ja wirk­lich mal über sei­ne Kunst nach­den­ken. Ich habe den Ein­druck, das wol­len man­che nicht. Dar­auf haben sie kei­nen Bock – was scha­de ist.

MZEE​.com: Gibt es inner­halb dei­ner jour­na­lis­ti­schen Kar­rie­re etwas, für das du dir selbst auf die Schul­ter klop­fen und etwas, das du so nicht noch mal machen wür­dest?

Mar­cus Stai­ger: Was ich wirk­lich ger­ne gemacht habe, war mei­ne Rei­se nach Syri­en. Das war eine rich­ti­ge Her­zens­an­ge­le­gen­heit und ich war am Ende auch ein biss­chen sau­er. Eigent­lich war das anmo­de­riert für die VICE. Ich habe die Sto­ry aufs Tablett gebracht und die Kon­tak­te her­ge­stellt, aber ver­mut­lich war ich – oder das Gan­ze – schluss­end­lich zu poli­tisch. Des­we­gen haben sie mir erklärt, dass ich als Host für die­se Sen­dung aus­fal­le. Obwohl die pro­duk­ti­ons­tech­nisch einen gro­ßen Auf­riss mit einem fixen Über­set­zer und Grenz­über­gang gemacht haben, war ich raus. Ich bin dann ohne sie gefah­ren. Wir waren im Okto­ber 2015 in der Tür­kei und woll­ten mit einer Hilfs­or­ga­ni­sa­ti­on die Gren­ze über­tre­ten. Lei­der hat das nicht geklappt, weil es einen Bom­ben­an­schlag in Anka­ra gab. Als wir an der Gren­ze fest­hin­gen, sind alle ande­ren abge­reist. Ich bin dann allei­ne quer durch die Tür­kei und anschlie­ßend in den Irak, um vom Irak nach Syri­en zu rei­sen. Ich wür­de ger­ne öfter und aus­gie­bi­ger aus die­sen Tei­len der Welt berich­ten. Dann wie­der­um – und da kann ich mir nicht auf die Schul­ter klop­fen – war das Gan­ze von der Aus­wer­tung her zu spär­lich und ich habe zu wenig dar­aus machen kön­nen, weil ich es sel­ber finan­zie­ren und wie­der arbei­ten gehen muss­te.

MZEE​.com: Wo wur­de das ver­öf­fent­licht?

Mar­cus Stai­ger: Zum einen habe ich zwei, drei Arti­kel über ver­schie­de­ne Parts der Rei­se in der WOZ ver­öf­fent­licht. Zum ande­ren habe ich einen län­ge­ren Rei­se­be­richt für die SPEX geschrie­ben. Bei der VICE wur­de dann noch über den Wahl­abend am 1. Novem­ber in der Tür­kei berich­tet. Bei den Wah­len im Juni hat­te die Regie­rungs­par­tei AKP von Erdoğan eine rela­ti­ve Schlap­pe erlit­ten, wor­auf­hin im Novem­ber eine Neu­wahl ange­setzt wur­de. An die­sem Tag bin ich zurück­ge­kom­men und habe es mit­er­lebt.

MZEE​.com: Wenn du sagst, dass du so was ger­ne öfter machen wür­dest: Was hält dich davon ab?

Mar­cus Stai­ger: Das hat sowohl fami­liä­re als auch finan­zi­el­le Grün­de. Ich habe, jour­na­lis­tisch gese­hen, ein biss­chen das Fach gewech­selt und bin poli­ti­scher Jour­na­list gewor­den. Im Musik­jour­na­lis­mus gibt es wenig Geld. Als fast 50-​jähriger Fami­li­en­mensch damit ein Leben zu gestal­ten, ist fast unmög­lich. Das ist was für jun­ge Leu­te, die stu­die­ren, in einer WG leben und kei­nen bestimm­ten Betrag im Monat drin haben müs­sen. Außer­dem sind die Vor­be­hal­te, die man gegen­über bür­ger­li­chen Medi­en und der Mainstream-​Presse haben kann, teil­wei­se schon berech­tigt. Du musst irgend­wie rein­pas­sen. Es wäre für mich nicht völ­lig unmög­lich gewe­sen. Aber da ich durch den poli­ti­schen Jour­na­lis­mus ein star­kes poli­ti­sches Bewusst­sein aus­ge­bil­det habe, pas­se ich tat­säch­lich nicht so ganz rein. Mei­ne Kri­tik an die­ser Gesell­schaft ist doch ein wenig fun­da­men­ta­ler als das, was im Feuil­le­ton der ZEIT zu fin­den ist. Außer­dem gefällt mir die Art und Wei­se teils nicht, wie in eta­blier­ten Medi­en Jour­na­lis­mus gemacht wird. Es gab die­sen Vor­fall Relo­ti­us. Alle haben die Hän­de über dem Kopf zusam­men­ge­schla­gen und sich gefragt, wie jemand so krass lügen kann. Ich weiß genau, wie er so krass lügen kann. Der ver­kauft sei­ne Sto­ry vor­her. Wenn er nach Ken­tu­cky flie­gen möch­te, um sich anzu­se­hen, ob die Men­schen dort wirk­lich so reak­tio­när sind, bekommt er das nicht bewil­ligt. Des­halb behaup­tet er, dass die Men­schen dort seit 15 Jah­ren Top Gun schau­en und mexi­ka­ni­sche Stoff­pup­pen hän­gen. Wenn er die Sto­ry von sei­nem Chef­re­dak­teur so geneh­migt bekommt, muss er aber auch mit die­ser zurück­kom­men … Mir ging es genau­so, als ich für das ZEIT-​Feuilleton geschrie­ben habe. Bushi­do und Sido haben eine neue Plat­te auf­ge­nom­men. Mich wür­de inter­es­sie­ren, wie­so sie so kras­se Spie­ßer gewor­den sind. Das war die Ansa­ge, mit der ich das Inter­view füh­ren soll­te. Ich habe mich dar­über sehr geär­gert. Die gön­nen sich jetzt ein Leben in einem Ber­li­ner Vor­ort, aus dem du kommst. Was ist dar­an so krass spie­ßig? Nur, weil du jetzt von dort nach Kreuz­berg gezo­gen bist, ist das nicht revo­lu­tio­när. Im End­ef­fekt haben wir ewig an die­sem Text rum­ge­dok­tert und redi­giert. Bis man am Schluss denkt: Das ist nicht mehr mein Text. Ich mag es, los­zu­zie­hen und zu gucken, was ist. Aber das bekommst du heu­te gar nicht mehr so bewil­ligt. Des­we­gen ist es mir nicht unrecht, dass ich mei­nen Brot­er­werb nicht so bestrei­ten muss. Ich ver­die­ne mein Geld als Indus­trie­klet­te­rer und mache das zusätz­lich. Weißt du, ich habe mal ein rich­tig gro­ßes Inter­view mit Haft­be­fehl an eine Ber­li­ner Zei­tung ver­kauft. Dafür habe ich 140 Euro bekom­men. Der Arti­kel wur­de in der Frank­fur­ter Rund­schau zweit­ver­öf­fent­licht, wofür ich noch eine Gut­schrift über 34,70 Euro bekom­men habe. Da dach­te ich mir: Ist doch gut, das ist ein bezahl­tes Hob­by – aber nichts, womit ich mein Geld ver­die­nen kann.

MZEE​.com: Du hast die Rol­le als Jour­na­list, bei man­chen Künst­lern aber auch die eines Men­tors. Wenn wir an dein Radio-​Interview mit Disar­star den­ken: Wie schwie­rig ist es für dich, ein kri­ti­sches Inter­view mit ihm zu füh­ren? Kannst du bei dir bekann­ten Leu­ten noch kri­ti­scher sein, weil du genau weißt, was ihr wun­der Punkt ist?

Mar­cus Stai­ger: (lacht) Also, bei Disar­star ist das aber auch immer ein Miss­ver­ständ­nis. Das war über­haupt nicht so kri­tisch geplant. Mau­li hat danach gemeint, ich hät­te mich wie ein Leh­rer ver­hal­ten, der sei­nen Schü­ler abfragt. Das ist rich­tig gemein … So war das über­haupt nicht. Ich hat­te nur einen Fra­ge­bo­gen für Leu­te vor­be­rei­tet, mit denen ich in Kon­takt bin und dach­te, dass das eigent­lich ganz gut passt. Und Ger­rit (Anm. d. Red.: Disar­star) hat den Ein­druck gehabt, ich fra­ge ihn ab. (lacht) Ich habe mich jedoch nur dafür inter­es­siert. Aber ja, für mich ist es sehr viel schwie­ri­ger, Freun­de zu inter­view­en. K.I.Z-Interviews waren immer die Höl­le, ganz schlimm. Abge­se­hen davon, dass ich ja auch geschäft­li­che Bezie­hun­gen mit ihnen hat­te. Ich habe es immer so gehal­ten: Wenn ich über mei­ne Freun­de schrei­be, ver­fas­se ich Pro­mo­tex­te. Ich fin­de das voll geil, weil man es so bril­lant wie mög­lich machen kann, ohne die Distanz wah­ren zu müs­sen. Aber wenn ich solch einen Text geschrie­ben habe, hab' ich kei­nen Pres­se­text mehr dazu gemacht. Das war mein jour­na­lis­ti­sches Ethos. In der Radio­sen­dung ist das jetzt ein biss­chen anders. Da lade ich auch Leu­te ein, mit denen ich geschäft­li­che Bezie­hun­gen habe.

MZEE​.com: Hast du von dir aus mal ein Inter­view abge­bro­chen oder wur­de von­sei­ten eines Künst­lers mal eins vor­zei­tig been­det?

Mar­cus Stai­ger: Nein, aber das war immer mei­ne größ­te Angst. Immer. Ich bin auch nach wie vor auf­ge­regt vor Inter­views, ohne Witz. Es gab eine gei­le Sze­ne: West­side Connection-​Interview in New York. Damals hat­ten Plat­ten­fir­men noch Geld und haben die Jour­na­lis­ten nach New York geflo­gen, das war wirk­lich krass. Und dann saßen da WC, Ice Cube und Mack 10. Ice Cube moch­te mich wohl, aber WC und Mack 10 waren rich­ti­ge Prol­los. Die konn­ten mit mir nicht so viel anfan­gen. Ich hat­te mich wirk­lich super vor­be­rei­tet – ich hat­te 43 Fra­gen oder noch mehr. (lacht) Irgend­wann bin ich kom­plett lost gewe­sen in mei­nen Auf­zeich­nun­gen und habe den Faden ver­lo­ren. Kennt ihr die Situa­ti­on? Du denkst nicht mehr mit und die nächs­te Fra­ge fehlt. Wäh­rend ich suche, haut die­ser WC auf den Tisch und schreit: "Come on with the ques­ti­on!" Ich habe mir dann schnell irgend­ei­ne Fra­ge über­legt …

MZEE​.com: Da du ja schon eine gan­ze Wei­le dabei bist: Wie siehst du die Ent­wick­lung und den Sta­tus Quo der Bericht­erstat­tung im deut­schen Rap?

Mar­cus Stai­ger: Schwie­rig – wür­de mich aber wirk­lich inter­es­sie­ren. Ich woll­te für die letz­te JUICE-​Ausgabe eine Repor­ta­ge über die ver­schie­de­nen Beweg­grün­de der heu­ti­gen Jour­na­lis­ten schrei­ben. Was treibt einen Aria an? Ich weiß zum Bei­spiel, dass ein Davud ger­ne kri­ti­scher wäre. Aber er sagt auch, dass er es nicht sein kann, weil sie sonst nicht kom­men wür­den … Es ist halt so, wie es ist. Es ist nicht gut, es ist nicht schlecht. Es lebt von Cha­rak­te­ren und dar­um geht's. Klar, die Leu­te brau­chen ihre Gäs­te, um die Klick­zah­len zu errei­chen. Und die Künst­ler wie­der­um sagen: "Pass auf, wir brau­chen euch über­haupt nicht. Ich mach' ein­fach Insta-​Storys, reicht doch."

MZEE​.com: Laut Wiki­pe­dia hast du inhalt­lich mal gesagt: "Durch das Inter­net fällt der Fil­ter zwi­schen Plat­ten­fir­men und Kon­su­men­ten weg und muss durch den Jour­na­lis­mus ersetzt wer­den." – Ist die Auf­ga­be von Deutschrap-​Magazinen heu­te wich­ti­ger denn je? Gera­de als Medi­um, das auch mal etwas Kri­ti­sches von sich gibt?

Mar­cus Stai­ger: Ich glau­be, es war damals mein from­mer Wunsch, dass das pas­siert. Wor­auf ich wohl hin­aus­woll­te, ist, dass man fast schon kura­tiert. Ich habe immer die Posi­ti­on ver­tre­ten, dass man über Musik nicht objek­tiv schrei­ben kann. Du kannst sagen: "Das sind mei­ne Stan­dards, das sind mei­ne Kri­te­ri­en, das ist mein aktu­el­ler Gemüts­zu­stand. Ich höre die­ses Album und des­we­gen bewer­te ich das jetzt so und so." Kann sein, dass du in einer Woche eine ganz ande­re Lebens­pha­se erreichst und die­ses Album dann wie­der anders hören wür­dest. Aber wenn man das offen­siv vor sich her­trägt, kann nie­mand was dage­gen sagen. Man muss eben ein Bezugs­sys­tem her­stel­len. Ich glau­be aber, dass die Bedeu­tung von Musik­jour­na­lis­mus und Musik­ma­ga­zi­nen gene­rell sinkt. Inso­fern ist die­se Aus­sa­ge schon wie­der ver­al­tet …

MZEE​.com: Macht es in dei­nen Augen Sinn, Künst­lern mit ver­werf­li­chen Inhal­ten kei­ne Platt­form mehr zu geben? Soll­te man mit ihnen in einen Dia­log tre­ten oder kri­ti­sche Kom­men­ta­re über sie ver­fas­sen?

Mar­cus Stai­ger: Wir hat­ten auf dem Ree­per­bahn Fes­ti­val ein Panel über sexua­li­sier­te Gewalt im Show­ge­schäft. Wir haben das extra grö­ßer ange­legt, damit es nicht nur um Rap geht, denn Miss­brauch und Über­grif­fig­keit gibt es schon immer. Über­all, wo es ein Macht­ge­fäl­le gibt. Wich­tig sind soli­da­ri­sche Struk­tu­ren im Busi­ness, die so etwas auf­fan­gen, dis­ku­tie­ren und im End­ef­fekt aus dem Men­schen einen bes­se­ren Men­schen machen. Oder so etwas im Vor­feld schon ver­hin­dern kön­nen. Ein­fa­ches Bei­spiel: Der Tour­ma­na­ger irgend­wel­cher Rap­per hat auf dem splash! Fes­ti­val 15 jun­ge Mäd­chen ein­ge­sam­melt, ihnen die Han­dys abge­nom­men und woll­te sie ins Hotel brin­gen las­sen. Ein Mana­ger vor Ort hat das mit­ge­kriegt, die­se Han­dys wie­der aus­ge­teilt und die Mäd­chen nach Hau­se geschickt. Das zum Bei­spiel ist eine Inter­ven­ti­on, die eine mög­li­che unan­ge­neh­me Situa­ti­on im Vor­feld ver­hin­dert. Wenn am Ende doch irgend­wel­che Leu­te im Hotel lan­den und es zu sol­chen Situa­tio­nen kommt, ist das auch doof. Aber er hat das – zumin­dest in die­sem Moment – unter­bun­den und kommt nicht in die Situa­ti­on, sich 20 Jah­re spä­ter dafür recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Zu jedem Künst­ler, der sich schei­ße ver­hält, gehört ein Manage­ment und Assis­ten­ten, die die Flug­ti­ckets und Hotels buchen, die Secu­ri­ty stel­len und so wei­ter. Da sind jede Men­ge Men­schen drum her­um, die ein­grei­fen und inter­ve­nie­ren könn­ten. Dass Leu­te durch­dre­hen und Schei­ße im Kopf haben, gibt es immer und über­all. Wie schaf­fen wir es, das gesell­schaft­lich oder im Musik­busi­ness zu ver­hin­dern? Ich hal­te nichts davon, Leu­te zu boy­kot­tie­ren. Ich hal­te auch nichts davon, die­se Songs nicht mehr zu spie­len. Die­se Rap­per kom­men nicht aus einer Höh­le, in der sie sich den ver­rück­tes­ten sexis­ti­schen Scheiß aus­ge­dacht haben. Nein, die sagen das, was da ist.

MZEE​.com: Wür­dest du also auch ein Inter­view mit einem Künst­ler füh­ren, der gera­de bei­spiels­wei­se wegen sexu­el­ler Beläs­ti­gung in den Schlag­zei­len war?

Mar­cus Stai­ger: Ich wür­de zum Bei­spiel ger­ne mit Bonez dar­über spre­chen, wie­so er die­se Insta-​Storys gepos­tet hat. Sein Kum­pel hat mög­li­cher­wei­se sei­ne Freun­din geschla­gen. Das ist nichts, das nur bei Fami­lie Gzuz vor­kommt. Das gibt es in allen Gesell­schafts­ebe­nen. Aber das ist eine scheiß Situa­ti­on. Sie geht an die Öffent­lich­keit, was auch ein rie­si­ger Schritt ist. Es ist zwar ein fami­liä­res Pro­blem, das aber auch durch das Umfeld sup­por­tet wer­den muss, damit ein Pro­zess in Gang kommt. Und dann stellt sich sein bes­ter Kum­pel mit x-​tausend Fol­lo­wern hin und macht Wit­ze dar­über. Ich wür­de ger­ne mit ihm dar­über spre­chen, was ihn dazu bewegt hat. War­um nicht ein­mal ein ehr­li­ches State­ment abge­ben und sagen: "Freun­de, ihr wisst nicht, was da pas­siert ist. Aber Frau­en zu hau­en, ist schei­ße. Ich posi­tio­nie­re mich gegen häus­li­che Gewalt."

MZEE​.com: Du wür­dest also auf kei­nen Fall eine neu­tra­le Bericht­erstat­tung machen.

Mar­cus Stai­ger: Ich wür­de nicht zur Tages­ord­nung über­ge­hen. In dem Moment, in dem das Manage­ment sagt, die­ses The­ma gibt es nicht, wäre die­ses Inter­view auch nicht mehr rele­vant. Dann wür­de ich es nicht machen.

MZEE​.com: Fin­dest du, dass alles sei­ne Daseins­be­rech­ti­gung hat, was deut­schen Rap angeht? Auch, wenn es einem Künst­ler nur um Geld und Strea­ming­zah­len statt künst­le­ri­schen Aus­druck geht?

Mar­cus Stai­ger: Geld­ver­die­nen ist doch die Haupt­mo­ti­va­ti­on. (lacht) Es gibt eine Sache, bei der ich mich wei­ge­re, sie als Rap anzu­er­ken­nen: Nazi-​Rap. Das sind kei­ne Rap­per. Das sind Nazis. Und die will ich nicht in die­se Fami­lie auf­neh­men. Aber sonst gön­ne ich jedem. Also, bei jeman­dem wie Mert pei­le ich nicht, dass er über­haupt ansatz­wei­se akzep­tiert wird. Der ist doch You­Tuber? Aber hey, mei­ne Güte. Wer bin ich, dass ich sowas sagen darf? Wenn die ihr Publi­kum fin­den, fair enough. Bei mir in der Sen­dung wird er nicht gespielt. (lacht)

MZEE​.com: Inzwi­schen sind Künst­ler nicht mehr von Maga­zi­nen abhän­gig, da sie durch Insta­gram und Co. ihre eige­nen Platt­for­men haben. Trotz­dem haben wir in der Sze­ne eine neue Wel­le erfolg­rei­cher Jour­na­lis­ten. Wie erklärst du dir das?

Mar­cus Stai­ger: So ein Inter­view ist kei­ne Ein­bahn­stra­ße. Durch die Dialog-​Form kom­men noch mal ande­re Facet­ten zum Vor­schein als bei einer Insta-​Story. Außer­dem habe ich den Ein­druck, dass es immer um ein gewis­ses Inter­es­se an einer Meta-​Diskussion geht. War­um funk­tio­niert das alles so? Wie hängt das alles mit­ein­an­der zusam­men? Ich glau­be, das wird in sol­chen For­ma­ten bedient. Es ist immer noch etwas ande­res, ob dir jemand Fra­gen stellt oder du das allei­ne zu Hau­se dei­nem Han­dy erzählst. Aber was ich zu Social Media sagen will: Die viel inter­es­san­te­re Ent­wick­lung ist dabei für mich, dass die Tren­nung zwi­schen Kunst­per­son und ech­ter Per­sön­lich­keit immer wei­ter auf­ge­weicht wird, weil du 24 Stun­den auf Sen­dung bist. Pla­ka­tiv gesagt: "Savas, der Pim­ple­gio­när" war das 40 Minu­ten auf der Büh­ne – danach war ich mit Savaş Yur­de­ri unter­wegs. Aber wenn du das 24 Stun­den am Tag sein musst, tut das die­sen fra­gi­len Per­sön­lich­kei­ten nicht gut … Manch­mal habe ich den Ein­druck, dass die von ihnen selbst geschaf­fe­ne Kunst­fi­gur sie lang­sam auf­ge­ges­sen hat. Es gibt auch kei­ne Distanz mehr zu den Fans, die den Ein­druck haben, dass sie die Stars ken­nen. Und für die Künst­ler wird es immer schwie­ri­ger, das zu tren­nen.

MZEE​.com: Apro­pos Savas: Emp­fin­dest du Rap nach wie vor als Jugend­kul­tur?

Mar­cus Stai­ger: (lacht) Das ist eine ganz gemei­ne Fra­ge. Für mich war Rap schon immer mehr als eine Jugend­kul­tur. Inso­fern, dass er eine eige­ne Spra­che und eige­ne Wer­te hat. Auf­grund der Zeit, die Hip­Hop schon exis­tiert, hat er den Sta­tus der Jugend­kul­tur über­schrit­ten. Das Gan­ze ist schon eher eine Kul­tur.

MZEE​.com: Denkst du, dass man sich zum Bei­spiel durch ein gewis­ses Alter irgend­wann von Rap­pern und ihren Lebens- und musi­ka­li­schen Inhal­ten ent­fernt und dann nicht mehr geeig­net ist, dar­über zu berich­ten?

Mar­cus Stai­ger: Iden­ti­fi­ziert habe ich mich mit den Lebens­ent­wür­fen der meis­ten Rap­per nicht. Ich habe ger­ne gesagt: 95 Pro­zent aller Rap­per sind schei­ße – aber 95 Pro­zent aller Men­schen sind auch schei­ße. Wür­de ich heu­te so nicht mehr sagen, ich bin sehr viel mil­der gewor­den. Ich fin­de gar nicht mehr, dass die Men­schen so schei­ße sind. Aber dar­um geht es ja nicht. Ob ich mich damit iden­ti­fi­zie­ren kann? Ich könn­te mich mit einem DMX auch nicht iden­ti­fi­zie­ren. Der hat­te ein ganz ande­res Leben, wur­de von sei­ner Mut­ter ver­prü­gelt und das ist nicht mei­ne Lebens­rea­li­tät. Er ist aber ein guter Künst­ler. Und was einen guten Künst­ler aus­macht, ist, mir ein Fens­ter zu sei­ner Welt zu öff­nen. Dabei spielt das Alter kei­ne Rol­le. Dass ich das sehen, füh­len, schme­cken, rie­chen, anfas­sen kann, ist wich­tig. Das pas­siert immer wie­der. Und das ist Talent. Das ist das Unbe­re­chen­ba­re und Schö­ne. Des­we­gen glau­be ich immer noch an Rap. Das ist Rhyth­mus, Beat und Rhy­mes – ganz ein­fach.

MZEE​.com: Ist Rap auch pri­vat die Musik, die du am meis­ten hörst?

Mar­cus Stai­ger: Ich höre schon ger­ne text­las­ti­ge Musik – auch ger­ne Singer/​Songwriter oder Coun­try. Das Pro­blem, das ich mit Rap habe: Ich kate­go­ri­sie­re ihn immer. Ich kann Rap nicht ein­fach so hören. Ein Regis­seur kann auch nicht ein­fach ent­spannt Fil­me anschau­en. Der sieht alle mög­li­chen Feh­ler. Und so höre ich Rap. Immer mit dem ana­ly­ti­schen Ohr. Da fällt natür­lich auf, wenn es schon wie­der um Koka-​Kilos geht. Es kommt halt immer drauf an. Grin­go rappt auch nichts ande­res. Aber wie er es macht, ist halt neu und fresh.

MZEE​.com: Hast du auch das Gefühl, es gibt seit zwei Jah­ren unfass­bar vie­le Rap­per und du kennst die gar nicht mehr alle?

Mar­cus Stai­ger: Ja, aber da hat­te ich am Anfang eher ein Pro­blem mit. Jetzt bin ent­spann­ter. Ich mei­ne: Ich habe Kin­der, die Teen­ager sind und die zei­gen mir Rap­songs, die ich nicht ken­ne. Die hören Musik ganz anders. Oft fah­ren wir Auto und mein Sohn macht sein Release Radar an und dann ler­ne ich neue Sachen ken­nen, schrei­be sie mir auf und spie­le sie in der Radio­sen­dung.

MZEE​.com: Als letz­tes The­ma noch etwas ande­res: Gehö­ren Rap und Poli­tik von Grund auf zusam­men?

Mar­cus Stai­ger: Nein, nicht zwin­gend. Kommt immer drauf an, wie weit man das The­men­feld Poli­tik spannt. Ich fin­de Rap als Seis­mo­graph von gesell­schaft­li­chen Stim­mun­gen inter­es­sant. Ich glau­be, dass in Rap­vi­de­os und -songs viel behan­delt wird, was in der Gesell­schaft wich­tig ist. Zum Bei­spiel Iden­ti­tät, Her­kunft und Fremd­zu­schrei­bung. Das sind The­men, die immer wie­der mit­schwin­gen und vie­le Men­schen beschäf­ti­gen. Rap kann ein Sound­track zu gesell­schaft­li­chen The­men sein. Wenn es eine Bar­ri­ka­de gibt, wird es auch Rap­per geben, die dort gepumpt wer­den. Garan­tiert. Aber es gibt kei­nen Rap­per, der zur Bar­ri­ka­de auf­ru­fen kann und dann wird es so gemacht. Das funk­tio­niert nicht.

MZEE​.com: Fin­dest du, dass deut­sche Rap­per poli­tisch gese­hen öfter Stel­lung bezie­hen soll­ten?

Mar­cus Stai­ger: Das wür­de ich mir tat­säch­lich wün­schen. Und auch, dass sie sich dahin­ge­hend bil­den. Rap­per haben ein gutes Gespür für Unge­rech­tig­kei­ten und die Beschrei­bung von Lebens­um­stän­den: "Wir sind per­spek­tiv­los, wir sind abge­schrie­ben, uns gibt kei­ner eine Chan­ce. Die Gesell­schaft will mich nach unten zie­hen." – Das wird oft gesagt. Lösungs­vor­schlag ist dann immer: "Ich habe an mich geglaubt, ich habe mich durch­ge­setzt und alle ande­ren platt­ge­macht." Es wäre schön, wenn da ein Begrei­fen statt­fin­den wür­de: "Es waren auch ande­re Leu­te dabei und wir haben das zusam­men geschafft. Wir haben uns gegen­sei­tig sup­por­tet." Es wäre ein schö­ne­rer Lösungs­an­satz, wenn auch grö­ße­re Struk­tu­ren ange­spro­chen wer­den wür­den. Das hat aller­dings etwas mit poli­ti­schem Bewusst­sein zu tun und ich sehe nicht, wo das her­kom­men soll­te. Wo sol­len Rap­per jetzt plötz­lich ande­re Gedan­ken her­krie­gen als der Rest der Gesell­schaft? Klar kann man die Leu­te auf so etwas auf­merk­sam machen und es anspre­chen. Aber man kann es ihnen nicht auf­ok­troy­ie­ren. Da müs­sen sie sel­ber drauf­kom­men … Auch die­ses Pen­del wird wie­der zurück­schwin­gen. Wir haben gera­de einen Über­hang an Hedo­nis­mus, Geld und Guc­ci, aber die Leu­te wer­den irgend­wann wie­der was Gehalt­vol­le­res hören.

MZEE​.com: Aber die Men­schen, die die­se Musik hören, erreicht das doch gar nicht. Die, denen es nur um Sound geht, sind doch nicht die glei­chen, die du mit einem sozi­al­kri­ti­schen Album abho­len kannst …

Mar­cus Stai­ger: Capi hat auch immer wie­der ver­ein­zelt sozi­al­kri­ti­sche Zei­len und das ist etwas, was auf frucht­ba­ren Boden fällt. Das braucht man nicht über­in­ter­pre­tie­ren. Aber wenn sol­che Leu­te irgend­wann auf den Trich­ter kom­men und sich mit den Sachen beschäf­ti­gen, kann das etwas bewir­ken. Das muss natür­lich aus ihnen sel­ber her­aus­kom­men – und dann hat das auch einen Impact. Beein­flus­sung pas­siert immer auf sub­ti­le Art und Wei­se. Wer hät­te gedacht, dass so ein Typ mit blau­en Haa­ren, der Cover-​Mashup-​Versionen im Inter­net pos­tet, plötz­lich den Rant des Jahr­hun­derts absetzt? Kei­ne Ahnung, wie vie­le Men­schen sei­ner Fol­lo­wer­schaft die­se Mes­sa­ge geil gefun­den haben. Aber wie willst du das mes­sen?

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­den wir dir ger­ne noch eine Grund­satz­fra­ge stel­len. Wenn man poli­tisch ist und sich ansieht, was in der Welt so abgeht und mit was man sich beschäf­ti­gen und etwas Posi­ti­ves oder Nach­hal­ti­ges bewe­gen könn­te: Inwie­fern macht es dann über­haupt Sinn, im deut­schen Rap­jour­na­lis­mus tätig zu sein?

Mar­cus Stai­ger: (über­legt) Für mich ist Rap die Chan­ce, einen Dis­kurs zu füh­ren. Dadurch, dass im Rap so viel aus­ge­spro­chen wird, was nor­ma­ler­wei­se nicht aus­ge­spro­chen wird, besteht die Chan­ce, sich dar­über zu unter­hal­ten und aus­zu­tau­schen. Des­we­gen fin­de ich Rap nicht das schlech­tes­te Tool, um immer wie­der einen gesell­schafts­po­li­ti­schen Gesamt­zu­sam­men­hang her­zu­stel­len. Aber es reicht nicht aus. Poli­ti­sches Enga­ge­ment ist etwas ande­res. Das hat viel mit Orga­ni­sa­ti­on zu tun. Allei­ne ist das schwie­rig. Um zu mir zu kom­men: Ich glau­be, dass ich an einem Punkt bin, an dem ich das poli­ti­sche Enga­ge­ment so trans­for­mie­ren muss, dass mir mei­ne Erfah­rung mit Rap und die­sem Jour­na­lis­mus viel hel­fen wird. Aber so, dass es trotz­dem auf einer gesell­schaft­li­chen Ebe­ne mit mehr Ein­fluss pas­siert. Die kul­tu­rel­le und die poli­ti­sche Ebe­ne wer­den auf kom­plett unter­schied­li­che Wei­se behan­delt. Du kannst im Feuil­le­ton sehr viel mehr sagen, sehr viel radi­ka­le­re Vor­stel­lun­gen und Visio­nen prä­sen­tie­ren als im Wirt­schafts­teil. Das ist inter­es­sant zu beob­ach­ten. Wenn man Poli­tik machen möch­te, ist die Kul­tur ein Bei­werk und kann ein Vehi­kel sein. Kann auch der Anlass sein, sich dar­über aus­zu­tau­schen. Aber das wird die Poli­tik nicht ver­än­dern und poli­ti­sche Arbeit nicht erset­zen. Genau­so, wie man es ein­zel­nen Prot­ago­nis­ten nicht abneh­men kann, sich poli­tisch zu bil­den.

(Flo­rence Bader und Kris­tina Scheu­ner)
(Fotos von Kai Heim­berg)