Adventskalender: Türchen #21 Roger Rekless & CONNY

Und wie­der neigt sich ein prall gefüll­tes HipHop-​Jahr dem Ende zu. Um es gebüh­rend abzu­schlie­ßen, stell­ten wir rele­van­ten Per­sön­lich­kei­ten der deut­schen HipHop-​Szene vier Fra­gen zu den ver­gan­ge­nen Mona­ten. Egal, ob Jour­na­list, Rap­per, Pro­du­zent oder ande­re, dem Hip­Hop nahe­ste­hen­de Künst­ler – sie alle ver­ra­ten uns ihre per­sön­li­chen High­lights aus 2019. Zudem beant­wor­te­ten sie uns eine wei­te­re Fra­ge, um auch das ver­gan­ge­ne Jahr­zehnt noch ein­mal Revue pas­sie­ren zu las­sen. Somit las­sen wir nicht nur ein ein­zel­nes Jahr, son­dern gleich eine gan­ze Deka­de fei­er­lich aus­klin­gen. Wir wün­schen unse­ren Lesern sowie allen Lieb­ha­bern und Prot­ago­nis­ten der Kul­tur eine besinn­li­che Weih­nachts­zeit.

 

Roger Rekless

MZEE​.com: Wel­ches Album aus die­sem Jahr war dein abso­lu­ter Favo­rit?

Roger Rekless: "Wer Sagt Denn Das?" von Deich­kind – und das hat nichts damit zu tun, dass ich den Jungs nächs­tes Jahr live zur Sei­te ste­he. Es ist ein so unfass­bar gutes und erwach­se­nes Album. Wit­zig, unter­halt­sam, kri­tisch und dabei musi­ka­lisch ein­fach sau­gut! Lieb­lings­bass­li­nes: "Alles Außer Sunshi­ne" und "Knall­bon­bon". Lieb­lings­songs: "Rich­tig Gutes Zeug", "Ich Bin Ein Geist" und "End­lich Auto­nom".

MZEE​.com: Und wer ist dei­ne Per­sön­lich­keit des Jah­res der deut­schen Rap­sze­ne?

Roger Rekless: Chef­ket, weil er eine öffent­li­che Dis­kus­si­on über Ras­sis­mus auch in einer ver­meint­lich offe­nen Bewe­gung wie dem Umwelt­schutz ange­sto­ßen hat. Das war so wich­tig. Erst zwei Wochen vor sei­nen Posts hat­te ich mit einer afro­deut­schen Land­tags­wahl­kan­di­da­tin der Grü­nen über genau das The­ma gespro­chen. Sie hat­te mir erzählt, dass sie inner­halb der Par­tei unglaub­lich star­ke ras­sis­ti­sche Struk­tu­ren über­win­den muss. Und das, weil den Men­schen nicht bewusst ist, wie aus­schlie­ßend man­che Aktio­nen sind. Sie begrei­fen sich als völ­lig befreit von Ras­sis­mus. Des­halb fand ich das so wich­tig. Dan­ke Chef­ket!

MZEE​.com: Von wel­chem New­co­mer 2019 wird man in den nächs­ten Jah­ren noch viel hören?

Roger Rekless: John Known ist zwar schon län­ger around als zwölf Mona­te, aber macht gera­de erst den Anfang hör­bar von allem, was da noch kommt.

MZEE​.com: Wel­che Emp­feh­lung aus dem Jahr 2019 kannst du unse­ren Lesern vor Ende des Jah­res noch geben?

Roger Rekless: Wie Prinz Pi sich als wei­ßer, pri­vi­le­gier­ter und erfolg­rei­cher Mann raus­nimmt, zu sagen, es gäbe kei­nen struk­tu­rel­len Ras­sis­mus im Rap und Musik­busi­ness. Und es dann Ras­sis­mus nennt, wenn Mine ihm sagt, er kön­ne dies aus sei­ner Posi­ti­on nicht beur­tei­len – womit sie kom­plett recht hat. Die­se Hal­tung ist gefähr­lich und unre­flek­tiert, denn sie mar­gi­na­li­siert ras­sis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung, mit der Peop­le of Color – inner­halb und außer­halb der Musik­in­dus­trie – zu kämp­fen haben.

MZEE​.com: Mit 2019 endet auch gleich­zei­tig eine Deka­de. Was waren dei­ne liebs­ten drei Alben aus den 2010er Jah­ren?

Roger Rekless: Abso­lu­ter Instant Clas­sic ist für mich "Mali­bu" von Ander­son .Paak. Die Plat­te wird in mei­ner Lis­te der bes­ten Alben ever in den nächs­ten Deka­den noch sei­nen Platz behal­ten. Außer­dem für mich mit dabei " The Good Vibe Tri­be" von Audio Push. Die Inland Empire-​Crew hat mich mit dem 2015er-​Release so abge­holt und mir gezeigt, wie moder­ner, intel­li­gen­ter, gut geflow­ter Rap sein kann. Ich hab' die Jah­re davor fast nur Hard­core, Jazz und Metal gehört, aber die­se Plat­te hat mich so begeis­tert und gepusht, dass ich ohne sie wahr­schein­lich nicht so selbst­be­wusst wei­ter Musik hät­te machen kön­nen. Dann wäre da noch "Section.80" von Kendrick Lamar. Ich weiß, ich weiß: "To Pimp A But­ter­fly" und "good kid, m.A.A.d city" waren auch unfass­bar gut, aber für mich ist "Section.80" der direk­te Ein­blick in die Lebens­welt eines jun­gen Künst­lers, der so prä­zi­se beob­ach­tet und die­se Beob­ach­tun­gen unfass­bar gut in Songs packt. Da ist alles sehr direkt und man merkt schon, was er sich musi­ka­lisch traut. Mein favou­rite Song dar­auf ist "No Make-​Up".

 

CONNY

MZEE​.com: Wel­ches Album aus die­sem Jahr war dein abso­lu­ter Favo­rit?

CONNY: Auch wenn ich es mir als Künst­ler anders wün­schen wür­de, kann ich mich nicht davon frei machen, dass ich Musik immer sel­te­ner im For­mat "Album" kon­su­mie­re. Das Deutschrap-​Album, das ich die­ses Jahr am wenigs­ten auf Play­lists oder in eini­ge weni­ge Lieb­lings­songs auf­ge­teilt habe, war "Orsons Island" von den Orsons. Ich mag die Pro­duk­tio­nen sehr und vor allem auch, dass es so viel Pop- und so wenig Rap-​Album ist. Wenn ich noch ein Werk außer­halb des Deutschrap-​Kosmos nen­nen darf, dann ist das "Hyper­so­nic Mis­si­les" von Sam Fen­der. Ein wun­der­vol­les Indie-​Album, das unter ande­rem mit dem Track "Dead Boys" eine extrem wich­ti­ge, poli­ti­sche The­ma­tik auf­greift und musi­ka­lisch auf eine Art und Wei­se ver­ar­bei­tet, die mich nei­disch macht.

MZEE​.com: Und wer ist dei­ne Per­sön­lich­keit des Jah­res der deut­schen Rap­sze­ne?

CONNY: Mit sei­nem Solo-​Album und den Pro­duk­tio­nen auf dem Orsons-​Album ist es defi­ni­tiv Tua. Die­ser Name ist sicher für vie­le der "cheap way out", weil man ihn in so vie­len Kate­go­ri­en nen­nen kann. Es gibt weni­ge Deutschrap-​Künstler, die mir die Feels so geben kön­nen wie Tua.

MZEE​.com: Von wel­chem New­co­mer 2019 wird man in den nächs­ten Jah­ren noch viel hören?

CONNY: Auch wenn "Mein Name ist Horst" schon Ende 2018 ver­öf­fent­licht wur­de, habe ich Horst Wege­ner erst seit 2019 auf dem Schirm. Ich habe ihn die­ses Jahr in Ber­lin ken­nen­ge­lernt und bin ziem­lich beein­druckt von sei­ner Musi­ka­li­tät, dem Output-​Pensum sowie der Ener­gie, mit der er an sei­ne Pro­jek­te geht. Ich freue mich auf wei­te­re Sin­gles und vor allem ein grö­ße­res Release von ihm.

MZEE​.com: Wel­che Emp­feh­lung aus dem Jahr 2019 kannst du unse­ren Lesern vor Ende des Jah­res noch geben?

CONNY: Ich möch­te die­se Fra­ge für das Stich­wort "Sicht­bar­ma­chung" nut­zen – für mich einer der wich­tigs­ten Aspek­te, wenn wir an den aktu­el­len Deutschrap-​Strukturen etwas ändern wol­len. Ich habe genug Rap­per im Release-​Radar. Ich wün­sche mir da mehr Frau­en und non­bi­na­ry Künst­ler. Wem es ähn­lich geht, dem emp­feh­le ich Press­luft­han­na – Hands down, bes­ter Rap­per­na­me aller Zei­ten. Außer­dem Hasz­ca­ra mit dem Track "Han­nah Mon­ta­na" und Sir Man­tis, den ich vor Kur­zem live gese­hen habe. Es ist so erfri­schend, mal etwas Staub von der Deutschrap-​Schublade zu pus­ten.

MZEE​.com: Mit 2019 endet auch gleich­zei­tig eine Deka­de. Was waren dei­ne liebs­ten drei Alben aus den 2010er Jah­ren?

CONNY: Und damit sind wir wie­der zurück bei einem All Male-​Line Up. Es gab vie­le gute Alben, aber beim Durch­fors­ten mei­ner Spotify-​Playlists hat­te ich bei die­sen drei Plat­ten spon­tan die stärks­ten "Muss rein!"-Gedanken. In kei­ner Rei­hen­fol­ge: "Kalen­der­blät­ter" von Fabi­an Römer. Ich bin Fan seit "Das Mund­werk". Die­ses Album ist, was Pro­duk­ti­on und Song­wri­ting angeht, immer noch ein gro­ßes Vor­bild für mich. Dann "Gott­kom­plex" von 3Plusss. Was Inhal­te und den Wech­sel zu einer kom­plet­ten We Do Drums-​Produktion angeht, ist es für mich bis dato das stärks­te Release von 3Plusss. Einer der authen­tischs­ten Rap­per aktu­ell. Schön auch, wie unbe­ein­druckt er sei­ne Release-​Schlagzahl so gering hält. Zuletzt "Yo, Picas­so" von Fato­ni. Für mich ein Leuchtturm-​Album, wenn es dar­um geht, poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Inhal­te in die Trap-​Ära zu brin­gen. Auch vier Jah­re nach Release noch beein­dru­ckend.

(Kris­ti­na Scheu­ner & Sabri­na Heu­ler)
(Fotos von Phil­ipp Wulk (Roger Rekless) & Sebas­ti­an Lüdtke (CONNY))
(Gra­fik von Dani­el Fersch)