High Five: 06 /​ 19 – mit u.a. KUMMER, Haiyti & Die Orsons

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

KUMMER - 9010 (offi­ci­al video)

State­ment: KUMMER

KUMMER kennt man als Teil von Kraft­klub. Mit sei­nem Song "9010" ist er nun solo unter­wegs und hat nicht nur einen Track releast, son­dern viel­mehr ein über­aus star­kes State­ment abge­ge­ben. Der Titel "9010" ist die alte Post­leit­zahl sei­ner Hei­mat Chem­nitz. In dem Song the­ma­ti­siert er den Natio­nal­so­zia­lis­mus, der in der Stadt ein erns­tes Pro­blem dar­stellt. Er erzählt, wie er schon zu Jugend­zei­ten vor den Nazis weg­ren­nen muss­te, da er und sei­ne Freun­de als Links­ori­en­tier­te zum Feind­bild die­ser zähl­ten. Am Bei­spiel von einem in die Jah­re gekom­me­nen Natio­nal­so­zia­lis­ten beschreibt er, wie die anfäng­li­che Angst vor ihm wich und wie bemit­lei­dens­wert und erbärm­lich er heut­zu­ta­ge ist. Der Song ver­mit­telt, dass wir uns immer wie­der gegen die­se poli­ti­sche Denk­wei­se stel­len und uns vor Augen füh­ren müs­sen, dass dahin­ter kei­ne Stär­ke steckt. Son­dern es sich viel­mehr um schwa­che, bemit­lei­dens­wer­te Men­schen han­delt, die den abso­lut fal­schen Weg ein­ge­schla­gen haben und für deren Gesin­nung wir kei­ner­lei Ver­ständ­nis auf­brin­gen soll­ten – aber die­se auch nie­mals rela­ti­vie­ren dür­fen.

 

Hai­y­ti - Coco Cha­nel (prod. by Macloud & MIKSU)

Video: Hai­y­ti – Coco Cha­nel

Prot­zi­ge Musik­vi­de­os gehö­ren zum deut­schen Rap wie Diss­tracks und Inter­views in Spiel­film­län­ge. Hai­y­ti aller­dings hat das groß­kot­zi­ge Ange­ber­tum mit ihrem neu­en Clip zu "Coco Cha­nel" eben mal gekonnt durch­ge­spielt. Was sie tut, hat man schon tau­send­mal gese­hen: über ihre schier end­lo­se Koh­le rap­pen und dabei Desi­gner­kla­mot­ten prä­sen­tie­ren. Viel inter­es­san­ter ist aber, wo sie das tut: in einer spa­ni­schen Fin­ka näm­lich. Und zwar genau in jener Vil­la, in der das berühm­te "Ibiza-​Video" um Heinz-​Christian Stra­che ent­stand – inklu­si­ve Ori­gi­nal­re­qui­si­ten wie Wod­ka­fla­sche, Red Bull-​Dosen und Glas­tisch. Der Ort, an dem Stra­che die öster­rei­chi­sche Demo­kra­tie zum Aus­ver­kauf feil­bot, gibt den Lines von Hai­y­ti eine völ­lig neue Ebe­ne: "Mache das nur für das Money." Die Gren­zen zwi­schen Proll­rap und poli­ti­schem State­ment ver­wi­schen hier auf groß­ar­ti­ge Wei­se. Insze­niert wur­de das Video von Künst­ler Paul Spen­ge­mann und dem Fil­me­ma­cher Stef­fen Gold­kamp. Die berüch­tig­te Vil­la fan­den die Macher übri­gens ganz ein­fach über Boo​king​.com – und der Sekt­kü­bel aus dem Strache-​Video war auch noch im Schrank.

 

CONNY - Tem­po­rär für immer (prod. von DONKONG & Eli­as Mani­kas)

Song: CONNY – Tem­po­rär für immer

Ein deut­scher Rap­song ist wie ein Gericht und der Inter­pret ist der Koch, der sei­ne Zuta­ten bedacht dosie­ren muss. Eine Pri­se Pathos und Kitsch zu viel und es schmeckt nicht mehr. Doch dann gibt es Köche, die mit man­chen Zuta­ten eben beson­ders gut umge­hen kön­nen. Und so gelingt es CONNY, mit "Tem­po­rär für immer" einen Song über eine Bezie­hung zu schrei­ben, der an jeder Stel­le mit Kitsch über­la­den, aber den­noch ange­nehm zu hören ist. Ein­zeln betrach­tet wir­ken Zei­len wie "Wenn du flie­gen willst, ist klar, dass du auch Federn las­sen musst" und "Ich set­ze alles auf die Far­be dei­nes Lip­pen­stifts" zunächst so, als wür­den sie sich gegen­sei­tig an eben­je­nem über­tref­fen wol­len. Doch im Gan­zen ver­fliegt die­ser Ein­druck sofort. Es ist das Zusam­men­spiel der Stim­me und Erzähl­wei­se von CONNY, das es wie­der natür­lich und nicht auf­ge­setzt wir­ken lässt. Kitsch muss nicht immer schlecht sein, solan­ge man ihn über­zeu­gend ver­packt und nicht erzwingt. Und in die­ser Kunst ist CONNY ein Meis­ter.

 

The­lo­nious Col­tra­ne - Just Like Me

Instru­men­tal: The­lo­nious Col­tra­ne – Just Like Me

Der Juni war mal wie­der voll mit guten Instru­men­tals. Flo Filz, Retro­gott, das Suff Daddy-​Instrumental für Mäd­ness … Aber viel zu wenig Auf­merk­sam­keit bekam The­lo­nious Col­tra­ne mit sei­nem neu­en Instrumental-​Release "Watch Out!". 15 feins­te, jaz­zi­ge Beats – for free. Ein beson­de­res Schmuck­stück der Plat­te ist "Just Like Me". Mit sanf­ter Stim­me ein­ge­lei­tet, geht der Beat in ent­spann­te Saxophon-​Klänge über, um dann im Fred­die Gibbs-​Sample "I said you mother­fu­ckers just like me" zu gip­feln. Ab da wer­den die jaz­zi­gen Grund­tö­ne abwech­selnd mit Orgel, Saxo­phon oder eben­je­nem Voice-​Sample ergänzt. Wenn das mal nicht gute Lau­ne ver­sprüht! Wie beim Rest des Albums kann The­lo­nious Col­tra­ne auch hier­nach zurecht von sich selbst behaup­ten: "You mother­fu­ckers just like me."

 

Die Orsons - Dear Mozart (Offi­ci­al Video)

Line: Die Orsons – Dear Mozart

Doch Ant­ares wie die­sen sind schwe­re Zei­ten für Kunst.
Man braucht Algo­rith­mus im Blut.

Die Kar­rie­re in der Musik­bran­che muss heut­zu­ta­ge kei­nem Cha­rak­ter­kopf mehr ver­wehrt blei­ben. Es bedarf eigent­lich nicht ein­mal einer Men­ge Takt­ge­fühl, denn die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten sind unbe­grenzt. Auch im Rap sind Auto­tu­ne und Ver­zer­run­gen der Usus jedes Chart­hits – doch ist das eigent­lich noch ech­te Musik? Wie wür­den die Beet­ho­vens und Haydns der Welt wohl über die heu­ti­ge Kul­tur urtei­len? Eine Fra­ge, bei der sich auch Die Orsons auf "Dear Mozart" nicht einig wer­den. Tua scheint der Über­zeu­gung, dass Mozart von Hip­Hop nicht abge­neigt wäre und beschreibt indes die aktu­el­len Szene-​Erscheinungen mit nur zwei klei­nen Zei­len so pas­send wie sel­ten: Neben sei­ner Anspie­lung auf "An Tagen wie die­sen" in Ver­bin­dung mit dem Autotune-​Programm "Ant­ares" dürf­te sich vor allem Klickkauf-​Kai mit der zwei­ten Zei­le iden­ti­fi­zie­ren kön­nen. Kunst muss sich für Erfolg dem Spotify-​Algorithmus beu­gen – und wer den hier­zu­lan­de im Blut hat, kann man jeden Frei­tag bei der Chart-​Verkündung bestau­nen. Für uns könn­te man die­se Ent­wick­lung kaum prä­gnan­ter zusam­men­fas­sen – und so dür­fen Die Orsons viel­leicht nicht Platz 1 der Charts, aber immer­hin unse­re Kürung zur Line des Monats fei­ern.

(Dzer­ma­na Schön­ha­ber, Flo­ri­an Peking, Micha­el Col­lins, Lukas Päck­ert, Sven Aumil­ler)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)