Koljah

Die Jün­ge­ren wer­den es gar nicht mehr wis­sen, doch bevor Kol­jah die deut­sche Kunst­sze­ne mit sei­nem Konzept-​Instagram-​Account und der Rei­he "Blö­des Foto mit Buch und Medi­ka­ment" auf den Kopf stell­te, hat er tat­säch­lich Musik gemacht. Sowohl allei­ne als auch mit der Anti­lo­pen Gang. Und dies – beson­ders im Ver­bund mit sei­ner Band – gar nicht mal so erfolg­los: Er spielt aus­ver­kauf­te Kon­zer­te, hat mit dem letz­ten Antilopen-​Album die Spit­ze der deut­schen Charts erklom­men und im Die Toten Hosen-​Label JKP sogar eine Hei­mat gefun­den, die er auf "Publi­kums­be­schimp­fung" noch als völ­lig uto­pi­schen Wunsch­traum for­mu­lier­te. Wie es dazu kam, dass er nach neun Jah­ren nun musi­ka­lisch wie­der auf Solo­pfa­den wan­delt, erzähl­te er uns im Inter­view. Zudem ver­riet er, was er von den Islamophobie-​Vorwürfen hält, die wegen einer gerapp­ten Zei­le gegen ihn erho­ben wur­den, und ob all die Höhen und Tie­fen des Lebens am Ende im Abgrund mün­den müs­sen.

MZEE​.com: 2010 ist mit "Publi­kums­be­schimp­fung" dei­ne letz­te Solo­plat­te erschie­nen. War­um hat es fast neun Jah­re gedau­ert, bis du wie­der ein eige­nes Release ver­öf­fent­licht hast?

Kol­jah: Unmit­tel­bar nach "Publi­kums­be­schimp­fung" kam ja das "Mot­to Mobbing"-Album im März 2011. Ich hab' im Lau­fe von 2011 auch direkt wie­der ange­fan­gen, Solo­songs zu machen und hat­te vor, ein Album zu ver­öf­fent­li­chen, das "Der gro­ße Rap Sschwin­del" heißt. Irgend­wann soll­te das nur noch eine EP wer­den. Aber wie es damals bei uns eben war, hat immer alles ewig gedau­ert, weil wir ja auch nie­man­den hat­ten, der uns gehol­fen hat. 2011 kam erst mal noch die "Egotrip"-EP, danach "Din­kel­brot und Ölsar­di­nen" und Ende 2012 schon das "Aschenbecher"-Album. Das waren alles Sachen, die zur Zeit ihrer Ver­öf­fent­li­chung schon teil­wei­se fast zwei Jah­re alt waren. Danach hät­te dann eigent­lich 2013 mein Solo­al­bum kom­men sol­len, weil ich im Lau­fe des Vor­jah­res dafür noch ein paar Sachen gemacht hat­te. Dann kam aber halt alles anders. Jakob hat sich umge­bracht und zu dem Zeit­punkt – also wirk­lich am Tag davor – hab' ich mich mit den Pitlabs noch über sol­che Din­ge unter­hal­ten wie: "Wie machen wir das jetzt? Wann kommt 'Der Ekel­haf­te' raus? Wann 'Der gro­ße Rap Sschwin­del'?" Aber dann ist das pas­siert und alles war anders. Nach dem ers­ten Schock haben wir als eine Art Trau­er­be­wäl­ti­gung das NMZS-​Album fer­tig­ge­macht. Danach haben wir beschlos­sen, erst mal das Ding mit der Gang wei­ter­zu­ma­chen, uns letzt­lich auch einen Label­de­al geholt und alle Solo-​Aktivitäten zurück­ge­stellt. Und die­ser Plan ist die letz­ten Jah­re ja auch echt gut auf­ge­gan­gen. Nur sind eben so Sachen wie "Der gro­ße Rap Sschwin­del" ein biss­chen auf der Stre­cke geblie­ben. Der ein­zi­ge Song auf "Aber der Abgrund", der noch aus die­ser Zeit stammt, ist "Immer­hin etwas", den ich für die EP aber noch mal etwas über­ar­bei­tet habe. Wir haben erst ab "Aver­si­on" wirk­lich fokus­siert an Din­gen gear­bei­tet und auch Alben her­aus­ge­bracht, die noch halb­wegs aktu­ell waren. (lacht) Und jetzt sind wir an einem Punkt ange­kom­men, an dem Dani­el zum Bei­spiel sag­te, er wür­de gern mal ein Solo­al­bum machen. Ich hab' Bock gehabt, mal wie­der ein paar Songs allei­ne fer­tig zu machen und dann haben wir ein­fach fest­ge­stellt, dass das für uns auch wie­der klar­geht.

MZEE​.com: Sind die Plat­te von Dan­ger Dan und dei­ne EP auch zum sel­ben Zeit­punkt ent­stan­den oder war sein Album für dich erst die Moti­va­ti­on, wie­der allei­ne zu rap­pen?

Kol­jah: Ich glau­be, dass Dan­ger Dan zuerst gesagt hat, dass er jetzt die­ses Solo­ding machen will – wovon ich selbst, ehr­lich gesagt, erst mal gar nicht so begeis­tert war. Aber das war ein Moment, in dem ich mir gedacht habe: "Ich hab' ja auch noch ein paar Lie­der in der Schub­la­de, die so halb ange­fan­gen sind." Mir war rela­tiv schnell klar, dass ich kein Album machen will, dann wäre ich da noch mal anders ran­ge­gan­gen. Ich hab' ein­fach gemerkt, dass sich mit der Zeit ein paar Lie­der ansam­mel­ten, die in der Zusam­men­stel­lung auch einen roten Faden erga­ben. Aber ich hab' mich dage­gen ent­schie­den, noch fünf wei­te­re Lie­der zu machen, nur damit das ein Album wird. Ich hat­te das Gefühl, dass es der EP nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen gibt. Und schon wäh­rend Dan­ger Dan an sei­nem Album war, habe ich an mei­nen Songs geschraubt. Dann ist er auf Tour gegan­gen und ich habe par­al­lel dazu ganz ent­spannt und ohne Druck alles fer­tig gemacht. Es hat aller­dings alles etwas län­ger gedau­ert, bis das öffent­lich wur­de. Ich bin zwi­schen­drin ja auch Vater gewor­den und hat­te ein­fach ande­re Sachen im Kopf.

MZEE​.com: Im Allein­gang an einer Plat­te zu arbei­ten, ist ja sicher­lich noch mal etwas ande­res, als wenn die gesam­te Gang an den ein­zel­nen Lie­dern betei­ligt ist, oder?

Kol­jah: Bei der EP habe ich halt das gemacht, was bei man­chen Antilopen-​Songs auch am Anfang steht: Ich hab' zu Hau­se 'nen Beat gepickt, dar­auf geschrie­ben und auf­ge­nom­men. Da gab es auch zwei, drei Lie­der, bei denen ich erst mal dach­te: "Viel­leicht ist das ja was für die Anti­lo­pen Gang?" Aber da hat­te ich dann das Gefühl, das allei­ne fer­tig machen zu wol­len oder die ande­ren bei­den konn­ten damit gar nichts anfan­gen. Da gibt's eben auch kei­ne gesun­ge­nen Hooks. Das ist sti­lis­tisch viel­leicht ein biss­chen anders. Aber wenn das wirk­lich auf­ge­nom­men wird, ist es schon wie­der sehr ähn­lich, denn das habe ich alles mit dem Mann Panik Pan­zer gemacht. Mit dem füh­le ich mich am wohls­ten, wenn es dar­um geht, Vocals zu recor­den, weil wir da seit vie­len Jah­ren ein ein­ge­spiel­tes Team sind. Hin und wie­der hab' ich die bei­den dann aber doch gefragt, weil zum Bei­spiel mal ein Beat gewech­selt wer­den muss­te. Da woll­te ich ein­fach wis­sen, was sie dar­über den­ken. Das war schon immer irgend­wie das Ding – bereits vor "Aver­si­on" – dass auch die Solo­al­ben irgend­wie Anti­lo­pen Gang-​Projekte sind. Jetzt steht ja auch wie­der "Anti­lo­pen Gang prä­sen­tiert" auf dem Cover. Irgend­wie gibt halt jeder sei­nen Senf dazu. Einer der Beats ist sogar von Dan­ger und Panik – also, so ganz iso­liert mache ich das nicht.

MZEE​.com: Ereig­nen sich dabei auch die in "Haupt­sa­che Koh­le" erwähn­ten täg­li­chen Strei­te­rei­en mit Dan­ger Dan? In künst­le­ri­schen, sti­lis­ti­schen Fra­gen?

Kol­jah: (lacht) Joa, auch … Wobei die Strei­tig­kei­ten eher poli­ti­scher Art sind. Das sind meist Grund­satz­dis­kus­sio­nen über poli­ti­sche The­men. In der Gang wird gene­rell viel gestrit­ten. Es ist aber auch nicht so, als wür­den wir uns dau­ernd anschrei­en oder so. Wir wis­sen, wie wir uns zu ver­ste­hen haben und sind nicht böse, wenn mal einer sehr deut­li­che Wor­te fin­det. Aber wir sind stän­dig unter­schied­li­cher Mei­nung. Wir funk­tio­nie­ren gemein­sam eigent­lich am bes­ten, wenn wir Mucke machen, weil wir zu dritt eine Syn­er­gie ent­wi­ckeln, die kei­ner von uns allei­ne hat. Da ent­ste­hen dann so "magi­sche Momen­te". (lacht) Das ist schon cool. Aber alles, was es sonst gibt … Wel­ches Lied kommt denn nun aufs Album? Mit wem führt man ein Inter­view? Was sagt man da? Wie sieht das Büh­nen­bild bei den Live­shows aus? Bei all sol­chen Sachen sind wir uns nie einig. Und Dani­el und ich sind dann auf­fal­lend oft die bei­den, die sich gegen­sei­tig die Köp­fe ein­schla­gen.

MZEE​.com: Und der Mann Panik Pan­zer ist der har­mo­ni­sche Spiel­ball eurer Emo­tio­nen?

Kol­jah: Ja! Er ist ganz oft in der Mit­te. Das ist die klas­si­sche Posi­ti­on von Panik Pan­zer in der Anti­lo­pen Gang. Dan­ger und ich strei­ten über irgend­was und Panik Pan­zer kann bei­de ver­ste­hen, aber fin­det auch, dass bei­de zu sehr auf ihrem Stand­punkt behar­ren. Er weiß dann nicht so rich­tig, zu wem er hal­ten soll. Denn an ihm liegt's dann ja qua­si. Wer es schafft, mit Panik Pan­zer eine Koali­ti­on zu bil­den, der hat gewis­ser­ma­ßen gewon­nen. (lacht) Außer wir dis­ku­tie­ren das basis­de­mo­kra­tisch aus. Das ist natür­lich sehr anstren­gend, wenn alle drei über­zeugt sein müs­sen. Aber ansons­ten ist Panik Pan­zer der Ver­nünf­ti­ge, der immer abwägt.

MZEE​.com: Sind die Anti­lo­pen also vor allem ein Kom­pro­miss?

Kol­jah: Ja, ich fin­de, das kann man so sagen. Was wir machen und ver­öf­fent­li­chen, ist schon ein Kom­pro­miss. Damit sind wir dann so zufrie­den, dass jeder von uns damit leben kann und alles irgend­wie berück­sich­tigt wur­de. Aber ich den­ke, bei fast allem wirst du – je nach­dem, wen du von uns fragst – auch immer jeman­den fin­den, der Sachen anders gemacht hät­te. Es gibt auch Din­ge, bei denen ich gar nicht so mei­nungs­stark bin. Sowas wie das Licht­kon­zept bei Live­shows … Das inter­es­siert mich über­haupt nicht. Da sage ich dann: "Ey, macht ihr ein­fach." Es ist immer ganz ange­nehm, wenn das einer von uns zum Rest sagt. Das macht die Sache natür­lich leich­ter. Die ande­ren bei­den sagen auch, dass ich immer kon­trär sein muss und stän­dig eine Gegen­po­si­ti­on ein­neh­me, die alles ver­kom­pli­ziert. Ich wür­de sagen, ich mache das gar nicht aus Prin­zip, son­dern ein­fach, weil ich der Ein­zi­ge bin, der checkt, wie's cool wäre. (lacht)

MZEE​.com: Ist "Aber der Abgrund" mehr strai­gh­ter, klas­si­scher Rap?

Kol­jah: Im Ver­gleich zu einem übli­chen Antilopen-​Album ist es klar mehr strai­gh­ter Rapsound. So ist das halt eher, wenn ich allei­ne Musik mache. Da fin­de ich einen Beat cool und spit­te ein­fach dar­über. Das hat aber natür­lich auch mit mei­nen limi­tier­ten Fähig­kei­ten zu tun. Ich kann eben nicht sin­gen. Ich bin Rap­per. Da hört es sich auto­ma­tisch so an. "Aber der Abgrund" ist eigent­lich Unter­grund­rap. Auch wenn es jetzt bei JKP erscheint und wir nicht wie bei "Publi­kums­be­schimp­fung" einen Free-​Download raus­hau­en und auf eige­ne Faust 500 CDs pres­sen las­sen. Aber vom Sound her hat das nicht wirk­lich etwas mit dem Antilopen-​Sound zu tun, der auch mal auf 1LIVE lau­fen kann oder so.

MZEE​.com: Wo wir gera­de bei CDs sind: Du selbst hast ja eine rela­tiv gro­ße CD-​Sammlung. Gibt es da auch ein abso­lu­tes Lieb­lings­stück mit ganz beson­de­rem Wert für dich? Egal, ob von mone­tä­rem oder emo­tio­na­lem Wert.

Kol­jah: Ja, es gibt … (über­legt sehr inten­siv) … da so ein paar Sachen … Also, was mei­ne Comic-​Sammlung angeht, ist das die Don Rosa-​Gesamtausgabe. Das ist ein Disney-​Zeichner, der neben Carl Barks eigent­lich der Bes­te und eben nicht der Standard-​Disney-​Zeichner ist. Da sieht alles mehr nach Underground-​Comics aus. Den fin­de ich sehr gut. Und die habe ich mir dann gegönnt – ich glau­be, das war, nach­dem es das ers­te Mal 'ne GEMA-​Zahlung gab. Die kos­te­te so um die 500 Euro, glau­be ich. Und ich hab' mir halt sonst noch nie sowas Teu­res geholt. Ich hole mir auch sonst kei­ne teu­ren Sachen, kei­ne Gold­ket­ten oder sowas. (lacht) Was Plat­ten und CDs angeht, gibt's auch so ein paar Schät­ze. Die Toten Hosen haben mal ihr Gesamt­werk auf Vinyl raus­ge­bracht. Auch die Alben, die bis dahin noch nie auf Vinyl erschie­nen sind – in einer schö­nen, mas­si­ven Holz­box, die in einer Behin­der­ten­werk­statt ange­fer­tigt wur­de. Limi­tiert auf 1 000 Stück oder so – das ist schon ein rich­tig gutes Ding, das auf eBay mitt­ler­wei­le echt Höchst­prei­se erzielt. Sowas dann. Oder halt alte Punk­sa­chen. Ich hab' mal die ers­te ZK-​Single geschenkt bekom­men. Das war die Vor­läu­fer­band der Toten Hosen und die haben ihre ers­te Sin­gle 1979 auf einer 7-​Inch raus­ge­bracht. Ach, und eine Sache muss ich unbe­dingt noch erwäh­nen: Es ist ja bekannt, dass ich gro­ßer Illmat!c-Fan bin. Sein zwei­tes Album "Still ill" hab' ich mir irgend­wann mal auf Vinyl geholt. Und als ich ihn letz­tes Jahr im Zuge des ALL GOOD-​Podcasts ken­nen­ge­lernt habe, hab' ich die Plat­te mit­ge­nom­men und von ihm signie­ren las­sen. Auf die hat er mir dann auch 'ne Wid­mung geschrie­ben. Damit hat sie sich natür­lich auch sofort bei mei­nen Top-​Stücken ein­ge­reiht. Das darf ich nicht uner­wähnt las­sen!

MZEE​.com: Die teu­ren Samm­ler­stü­cke sind auch die per­fek­te Über­lei­tung zur Sin­gle "Haupt­sa­che Koh­le". Da heißt es in der Hook: "Hal­tet es für kri­tisch, hal­tet es für iro­nisch. Hal­tet es für ernst gemeint, hal­tet es für komisch." – War­um genau möch­test du den Hörern nicht sagen, wie dei­ne Tex­te zu ver­ste­hen sind?

Kol­jah: Ich fand das oft ein wenig müßig und ner­vig, sei­ne eige­nen Tex­te zu erklä­ren. Ich mach' das manch­mal zwar auch ger­ne, aber ich wür­de jetzt nicht wie ande­re Rap­per auf Geni­us selbst Anmer­kun­gen schrei­ben und jede Line detail­liert erklä­ren. Das fän­de ich irgend­wie witz­los. Ich gehe statt­des­sen auf Geni­us und lese mir durch, wie ande­re Leu­te Tex­te, die ich geschrie­ben habe, inter­pre­tie­ren. Dann eig­ne ich mir das an und fin­de die­se Deu­tung auch span­nend. Aber ich habe oft das Gefühl, es wird lang­wei­lig, wenn man anfängt, Tex­te oder Kunst ganz gene­rell zu erklä­ren. Du wirst plötz­lich dein eige­ner Rezen­sent. Das hat mich oft genervt. Ich mei­ne, es gibt ja so ein­deu­ti­ge, poli­ti­sche Tex­te wie "Bea­te Zschä­pe hört U2" – da ist natür­lich klar, wie das gemeint ist. Aber irgend­wel­che Punch­li­nes oder Zei­len, die oft davon leben, dass du die ein­fach in den Raum stellst und sie eine dop­pel­te Ebe­ne haben … Das kann man auch kaputt machen, wenn man das so zer­re­det und ein­deu­tig macht. Ich war immer Fan von Künst­lern, die zwei­deu­tig sind und für Irri­ta­ti­on sor­gen. Das feie­re ich selbst und hat mir als Rap­per auch immer Spaß gemacht.

MZEE​.com: Als Sex Pistols-​Fan kennst du das Zitat viel­leicht schon, aber John­ny Rot­ten hat zu dem The­ma mal gesagt: "You should never, ever, be unders­tood com­ple­te­ly. That's like the kiss of death, isn't it? It's a full stop. I don't ever think you should put full stops on thoughts. They chan­ge."

Kol­jah: Ja! Das ist ja eigent­lich das, was ich gera­de gesagt habe. Leu­te wie er waren da für mich auch immer ein Vor­bild. Er ist den­noch jemand, der für etwas steht. Ist ja nicht so, als wenn du den Mann nicht grei­fen könn­test. Aber der hat sich das nie ein­fach gemacht. Er hat mit den Sex Pis­tols mehr oder weni­ger Punk erfun­den … Gut, da schei­den sich jetzt viel­leicht die Geis­ter … Der hät­te auch mit dem Sound des ers­ten Sex Pistols-​Albums wei­te­re zehn Plat­ten machen kön­nen, die genau­so klin­gen und alles wäre ganz ein­fach gewe­sen und hät­te her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Aber drei Mona­te nach dem Debüt, als es die Band viel­leicht zwei Jah­re gab, ist er ein­fach aus­ge­stie­gen, hat Public Image Ltd. mit­ge­grün­det und völ­lig absur­de Musik gemacht, die nie­mand ver­stan­den hat. Er hat ein­fach nicht gemacht, was die Leu­te von ihm erwar­tet haben. Dann wur­de er von irgend­wel­chen Pun­kern mit Fla­schen bewor­fen, weil sie fan­den, dass er etwas ver­rät, was er sich selbst aus­ge­dacht hat. Eigent­lich war er ja kon­se­quent, indem er gesagt hat: "In dem Moment, in dem irgend­wel­che Idio­ten kom­men, die den­ken, dass das eine Idee ist, die in Stein gemei­ßelt ist und die man irgend­wie ver­ra­ten kann, bin ich schon wie­der auf einem ganz ande­ren Pla­ne­ten." – Und das fin­de ich viel inter­es­san­ter als Leu­te, die jahr­zehn­te­lang nach wie vor ledig­lich Sachen von ihrem ers­ten Album live spie­len. Das kann man schon auch machen, aber es ist halt die künst­le­risch unin­ter­es­san­te­re Vari­an­te.

MZEE​.com: Läuft man – wenn man sich wie Rot­ten nicht selbst erklä­ren möch­te – aber viel­leicht auch Gefahr, dass man gar nicht oder sogar fehl­ver­stan­den wird?

Kol­jah: Das kann natür­lich sein. Da ist dann eben die Fra­ge, wie man damit umgeht. Das kann man ja ein­kal­ku­lie­ren. Wenn du fest­stellst, dass dir Leu­te Bei­fall spen­den, auf die du kei­nen Bock hast, kannst du dich auch von denen distan­zie­ren. Ich per­sön­lich wür­de in so einem Fall wohl die Stra­te­gie wäh­len, bei nächst­bes­ter Gele­gen­heit irgend­was zu sagen, was die­se Leu­te ärgert. Wir hat­ten ja ver­schie­de­ne Pha­sen bei den Anti­lo­pen. Als wir damals die Anti Alles Akti­on gegrün­det haben, ging es eine Zeit lang dar­um, sich von die­sem Zecken- und Polit-​Rap zu distan­zie­ren, weil es uns genervt hat, so ver­ein­nahmt und redu­ziert zu wer­den. Dann hat man die eben ver­arscht. Da haben wir auch "Caught in the Crack" gemacht und mit Gangs­ter­rap alle vor den Kopf gesto­ßen. Aber in dem Moment, in dem sich das so durch­ge­setzt hat, dass wir die sind, die alle ande­ren ver­ar­schen und man genau dafür Schul­ter­klop­fer bekom­men hat, haben wir wie­der einen Turn gemacht und spä­ter auch "Bea­te Zschä­pe hört U2" ver­öf­fent­licht. So sind wir die poli­ti­schen Vorzeige-​Rapper gewor­den. Und damit wur­de es wie­der Zeit, genau die­sen Leu­ten vor den Kar­ren zu pis­sen, was wir dann so ein biss­chen mit "Das tro­ja­ni­sche Pferd" ver­sucht haben, bei dem wir uns über eben­die­sen Sta­tus lus­tig gemacht haben, den man uns auf ein­mal ver­lie­hen hat. Und das hal­te ich eigent­lich immer für die rich­ti­ge Stra­te­gie, um auch vor­zu­beu­gen, dass die fal­schen Leu­te dich fei­ern oder Leu­te über­haupt ver­su­chen, dich zu ver­ein­nah­men. Es ein­fach nie­mals jeman­dem kom­plett recht machen. Nie­mals zu bequem oder alt­ein­ge­ses­sen wer­den. Nicht immer die glei­chen, aus­ge­latsch­ten Pfa­de gehen. Ich mache auf Kon­zer­ten lie­ber eine Ansa­ge, für die ich dann Kopf­schüt­teln ern­te, weil die Leu­te es nicht che­cken oder viel­leicht sogar sau­er wer­den, als mir ein­fach den Applaus abzu­ho­len. Das ist aber auch so ein typi­scher Punkt, bei dem die Anti­lo­pen Gang sich unei­nig ist. (lacht)

MZEE​.com: Das Lower­Class­Mag hat im letz­ten Monat auch einen län­ge­ren Arti­kel über die Anti­lo­pen Gang ver­fasst und dar­in – ver­mut­lich in Bezug auf dei­ne "Kopftuch"-Line im Track "Drei gegen einen" – über dich geschrie­ben: "In einem Punkt ist zumin­dest Kol­jah den deut­schen Nazis sehr nahe. Er lässt sei­nen anti­mus­li­mi­schen Res­sen­ti­ments mal ger­ne frei­en Lauf." – Ist da nicht ein Punkt erreicht, an dem man sich gegen sol­che Fehl­in­ter­pre­ta­tio­nen weh­ren muss?

Kol­jah: Ach, na ja … Der gan­ze Arti­kel war ja eher so ein nie­der­träch­ti­ges Mach­werk, das uns dif­fa­mie­ren soll­te. Ich glau­be aber auch, dass es ein Trug­schluss ist, dass die­se Zei­le jetzt bei irgend­wel­chen Rechts­ra­di­ka­len Anklang fin­det. Rechts­ra­di­ka­le haben halt ein Pro­blem mit dem Islam, solan­ge er in Deutsch­land ist. Aber die kri­ti­sie­ren nicht, dass es im Iran Ver­schleie­rungs­zwang gibt. Das inter­es­siert die gar nicht. Da geht es nicht um Kri­tik an patri­ar­cha­len Welt­bil­dern. Ich glau­be, dass da eher eine positiv-​rassistische "Bewun­de­rung" von irgend­wel­chen Nazis ist: "Ja, im Mor­gen­land, da gibt's wenigs­tens noch rich­ti­ge Wer­te" und sowas. Ich find's eher absurd, dass die Kri­tik an so einem The­ma wie dem Kopf­tuch, das vor allem ein patri­ar­cha­les Sym­bol und Unter­drü­ckungs­in­stru­ment ist, so der­ma­ßen ver­pönt ist unter Lin­ken und man sich da gar nicht her­an­traut. Dass sowas als AfD-​nah aus­ge­legt wird, weil die eben die Ein­zi­gen sind, die was dazu sagen, ist absurd. Und dann heißt es: "Ja, wenn du jetzt aber auch was gegen das Kopf­tuch sagst, dann pro­fi­tiert die AfD davon." Wenn die gan­zen auf­klä­re­ri­schen, fort­schritt­li­chen, lin­ken oder mei­net­we­gen auch links­li­be­ra­len Kräf­te etwas zu der The­ma­tik sagen wür­den, könn­te die AfD doch gar nicht so davon pro­fi­tie­ren, weil es dann nicht "deren The­ma" wäre. Dar­um fand ich die­se gan­ze Debat­te eigent­lich ziem­lich schräg. Gera­de, weil ich fin­de, dass The­men wie Reli­gi­ons­kri­tik, Kri­tik an patri­ar­cha­len Ver­hält­nis­sen und an Unge­rech­tig­keit oder Ungleich­heit der Geschlech­ter gar nicht so bahn­bre­chen­de Erkennt­nis­se sein soll­ten. Eigent­lich müss­ten das doch Stan­dard­the­men sein, die man kri­tisch beleuch­tet. Da irri­tiert mich eher der Zustand, dass so ein Lower­Class­Mag oder auch rap​.de sowas schrei­ben und das irgend­wie als legi­tim gel­ten kann.

MZEE​.com: Ich fand es tat­säch­lich auch recht frag­wür­dig, dass man die Kri­tik an patri­ar­cha­len Bege­ben­hei­ten lie­ber mei­det, um nicht direkt als isla­mo­phob abge­stem­pelt zu wer­den.

Kol­jah: Da steht dann ja die­ses Argu­ment im Raum: Als wei­ßer Mann darfst du kei­ne Kri­tik dar­an üben, weil du damit gewis­ser­ma­ßen schon wie­der den Kolo­nia­lis­mus repro­du­zierst oder so. Das ist aber halt eine Stra­te­gie, die sämt­li­che Kri­tik ver­un­mög­licht und vor allem den fun­da­men­ta­lis­ti­schen Hard­li­nern voll in die Hän­de spielt. Die­je­ni­gen, die unter so einer Tabui­sie­rung von Kri­tik zu lei­den haben, sind ja die­je­ni­gen Mus­li­me, die den Islam refor­mie­ren wol­len und aus genau sol­chen Staa­ten flüch­ten. Es befür­wor­ten auch gar nicht alle Mus­li­me das Kopf­tuch. Ich mei­ne, die größ­te Kri­tik am Kopf­tuch kommt wahr­schein­lich von mus­li­mi­schen Frau­en, die sagen, dass sie kei­nen Bock haben, das zu tra­gen. Um noch mal beim Bei­spiel des Irans zu blei­ben: Letz­tes Jahr gab es dort eine Frei­heits­be­we­gung, bei der Frau­en ihr Kopf­tuch aus­ge­zo­gen haben. Da gab es die­ses ganz berühm­te Sym­bol­bild, als eine Frau ihr Kopf­tuch an einen Stock gehan­gen hat. Und ich fin­de, dass es selbst­ver­ständ­lich ist, dass man sowas unter­stützt. Zu sagen, man dür­fe das nicht kri­ti­sie­ren, weil es ras­sis­tisch sei, ist ein Schlag ins Gesicht sol­cher Frau­en. Die gehen wirk­lich jah­re­lang in den Knast, weil sie ihr Kopf­tuch aus­zie­hen. Die ris­kie­ren rich­tig was. Mal ganz davon abge­se­hen, dass ein Kopf­tuch auch gar kein unver­än­der­li­ches Wesens­merk­mal ist. Ras­sis­mus rich­tet sich klas­si­scher­wei­se gegen unver­än­der­li­che Wesens­merk­ma­le. Du wirst ja nicht mit Kopf­tuch gebo­ren. Und nicht jede mus­li­mi­sche Frau trägt eines. Außer­dem gibt es auch diver­se deut­sche Kon­ver­ti­tin­nen, die Kopf­tuch tra­gen. Das hat nichts mit der Her­kunft zu tun. Inso­fern zeugt der Vor­wurf für mich von einem ganz fal­schen Ras­sis­mus­be­griff. Trotz­dem bin ich ja nicht bescheu­ert. Ich hab' mir schon gedacht, dass die­se Zei­le auch sol­che Reak­tio­nen her­vor­ru­fen kann. Aber ich bin der Ansicht, dass das kein Grund sein darf, sowas nicht zu machen. Im Gegen­teil – dann muss man das erst recht machen. Ich fin­de auch, dass es gar kei­ne so intel­lek­tu­el­le Glanz­leis­tung ist, die Idee frag­wür­dig zu fin­den, dass alle Frau­en, bis hin zu klei­nen Mäd­chen, ihre Haa­re ver­de­cken müs­sen, damit sie die Män­ner nicht geil machen. Da könn­te man als halb­wegs ver­nünf­ti­ger Mensch schon dar­auf kom­men, dass da was nicht stimmt. Und es müss­te erst recht klar sein, dass Zwangs­ver­schleie­rung nicht klar­geht. Klar kann man sagen, dass nicht jede mus­li­mi­sche Frau ihr Kopf­tuch aus Zwang trägt. Natür­lich nicht. Natür­lich gibt es auch wel­che, die das frei­wil­lig tra­gen. Und nicht alle Frau­en mit Kopf­tuch sind bemit­lei­dens­wer­te Opfer, man­che tra­gen es stolz und hal­ten es für 'ne tol­le Sache. Nur gibt es eben auch sehr vie­le Frau­en, die sich nicht den Luxus erlau­ben kön­nen, zu sagen, sie tra­gen das Kopf­tuch frei­wil­lig. Die tra­gen das eben aus Zwang. Das muss nicht immer expli­zi­ter Zwang sein, son­dern kann auch ein Druck sein, der im fami­liä­ren und per­sön­li­chen Umfeld auf­ge­baut wird. Solan­ge das so ist, fin­de ich nicht, dass man sich posi­tiv auf das Kopf­tuch bezie­hen soll­te, denn es ist ein Sym­bol für Ungleich­heit und Unter­drü­ckung. So zu tun, als wäre eine femi­nis­ti­sche Kri­tik dar­an ver­gleich­bar mit dem Ras­sis­mus irgend­wel­cher rech­ter Idio­ten, fin­de ich infam. Denn das bedeu­tet, dass man die Frau­en schwächt, die unter dem isla­mi­schen Patri­ar­chat lei­den, wäh­rend die frau­en­feind­li­chen Arschloch-​Männer gestärkt wer­den. Und wenn eine kopf­tuch­tra­gen­de Frau ras­sis­tisch ange­grif­fen wird, soll­te man sich natür­lich für die Frau und gegen den Ras­sis­ten posi­tio­nie­ren. Was aber nicht bedeu­tet, dass man das Kopf­tuch gut fin­den muss.

MZEE​.com: Du sag­test, dass dir schon klar war, wel­che Reak­tio­nen das her­vor­ru­fen könn­te. Ver­mut­lich war es ähn­lich bei der Ent­schei­dung, Pre­zi­dent als Fea­ture­gast auf dei­ne EP zu holen. Du hast ihn im Zuge des­sen scherz­haft als "Skan­dal­rap­per" bezeich­net. Ist sein Bei­trag zu "Aber der Abgrund" also pro­vo­kan­tes Kal­kül gewe­sen?

Kol­jah: Na ja … Ich hab' das nicht gemacht, um zu pro­vo­zie­ren. Pre­zi­dent ken­ne ich jetzt seit 2011 oder so. Der ist ein­fach ein Kum­pel von mir. Ich woll­te mit dem schon immer mal 'nen Song machen. Und die Idee zu dem Song mit Pre­zi und Degen­hardt gab es auch schon lan­ge, bevor er sein "Skan­dalal­bum" ver­öf­fent­licht hat. In dem Moment, in dem die Dis­kus­si­on um ihn so hoch­ge­kocht ist, war mir natür­lich klar, dass das jetzt viel­leicht wie ein State­ment wirkt, ihn auf die Plat­te zu holen. Aber er wäre da auch gelan­det, wenn das alles nicht pas­siert wäre. Ich fand auch – viel­leicht wur­de das nach mei­nen Aus­füh­run­gen eben schon klar – die­se gan­ze Dis­kus­si­on um Pre­zi­dent völ­lig bescheu­ert und fin­de sein Album cool. Aber es wäre mir zu bil­lig, ihn nur des­we­gen jetzt auf mei­ne Plat­te zu holen, nur um noch mal in die­se Ker­be zu hau­en. Da sind ja auch gar kei­ne Anspie­lun­gen zu der Sache auf dem Song. Ich sage dazu zwar jetzt im Inter­view was, aber eigent­lich habe ich gar kei­nen Bock, mich so viel mit der Sache zu beschäf­ti­gen und so ein Gewicht auf die­se Debat­te zu legen, weil sie mich schlicht­weg lang­weilt. Ich hal­te Pre­zi­dent ein­fach für 'nen super Rap­per, von dem ich seit sei­nem ers­ten Release auch Fan bin.

MZEE​.com: Ich per­sön­lich stand Pre­zi­dent lan­ge wohl­wol­lend gegen­über und war der Ansicht, dass es sein gutes Recht und oft­mals auch wich­tig ist, libe­ra­le Ansich­ten und lin­ke Struk­tu­ren eben­so kri­tisch zu betrach­ten wie rech­te. Nach­dem ich aber sein Streit­ge­spräch mit David Häu­ßer ali­as form/​prim gehört hat­te, kam in mir das Gefühl auf, dass hin­ter Pre­zis Posi­ti­on mehr als eine rei­ne Anti­hal­tung ohne wirk­li­che Argu­men­te stand. Hast du mit ihm über die gene­rel­le Pro­ble­ma­tik dahin­ter gere­det?

Kol­jah: Wir haben uns schon über die gan­ze Dis­kus­si­on unter­hal­ten. Ich kann­te sein Album auch bereits, bevor es ver­öf­fent­licht wur­de, aber das hat die­ses Fea­ture halt nicht beein­träch­tigt. Wenn über­haupt wäre "Jetzt erst recht" dann mei­ne Ver­hal­tens­wei­se. Ich fin­de, dass jeder alles kri­ti­sie­ren soll, wie er will und man nicht immer einer Mei­nung sein muss. Ist jetzt zwar nicht unbe­dingt meins, irgend­wel­che Stuhl­krei­se oder Podi­ums­dis­kus­sio­nen abzu­hal­ten, aber ich habe da auch über­haupt kein Pro­blem mit. Was mich aber nervt, ist, dass Pre­zi­dent auf ein­mal die Per­so­na non gra­ta sein soll. Die­ser rie­si­ge Auf­schrei, er sei jetzt irgend­wie der "AfD-​Rapper" oder sowas. Mei­ne Güte, lasst doch mal die Kir­che im Dorf. Wenn immer gleich die Alarm­glo­cken ange­hen und nie­mand mehr in der Lage ist, sich auf einer sach­li­chen Ebe­ne und per Argu­men­ta­ti­ons­aus­tausch über ein The­ma zu ver­stän­di­gen … Da muss man am Ende ja nicht mal zu einer Eini­gung kom­men. Aber wer die­se Plat­te auf­merk­sam ange­hört hat und dann irgend­et­was sagt von wegen, dass das der Sound der Neu­rech­ten sei, der hat doch nicht mehr alle Lat­ten am Zaun. Man muss das nicht gut fin­den, was er da sagt. Aber was ist das denn für eine Harmonie-​Sucht, dass immer alle einer Mei­nung sein müs­sen und alle mit­ein­an­der kuscheln wol­len? Wenn mal einer etwas sagt, das die fried­li­che Stim­mung stört, hat der­je­ni­ge sich dadurch völ­lig ver­un­mög­licht und soll gleich aus­ge­sto­ßen und boy­kot­tiert wer­den? Das fin­de ich total dumm und da wer­de ich bestimmt nicht mit­ma­chen. Ich find' Pre­zi cool und mach' mit dem 'nen Song. Und wenn mich das dann auch zur Per­so­na non gra­ta macht, ist das halt so. Aber das zeugt für mich von einer komi­schen Hal­tung. Das klingt für mich irgend­wie so nach: "Wir müs­sen die Sze­ne rein hal­ten von kri­ti­schen Stim­men!" Das ist mir ein­fach zu blö­de.

MZEE​.com: Der ande­re Fea­ture­gast auf dem Track ist Degen­hardt. Da gab es ja auch schon die ein oder ande­re Zusam­men­ar­beit und einen Bei­trag dei­ner­seits auf sei­nem Album. War das so eine "Ich war bei dir, du kommst zu mir"-Sache?

Kol­jah: Also mit Dege war das eigent­lich wie mit Pre­zi. Ich feie­re die bei­den echt schon sehr lan­ge – eigent­lich, seit­dem sie etwas ver­öf­fent­li­chen – und hat­te schon immer Bock, mal was mit denen zu machen. Dass ich vor­her auf dem Degenhardt-​Album war, war eigent­lich Zufall, weil wir ein­fach in den letz­ten Jah­ren häu­fi­ger in Düs­sel­dorf zusam­men abhin­gen. Aber ist natür­lich schön, dass wir in rela­tiv kur­zer Zeit zwei Songs zusam­men machen konn­ten. Ich fand das auch ein­fach pas­send. Denn wie ich eben schon gesagt habe, ist die EP mei­ner Mei­nung nach ein­fach rougher, strai­gh­ter Unter­grund­rap. Das ist auch eher so die Ecke, in der ich mich selbst als Solo­künst­ler ver­ord­nen wür­de – bei dem, was die so machen. Dar­um woll­te ich die bei­den gemein­sam auf einen Track neh­men und bin wirk­lich sehr zufrie­den mit dem Ergeb­nis. Auch weil das ja so ein rich­ti­ger Boom bap-​Beat ist, ganz klas­sisch. Und weil ich es geil fin­de, Degen­hardt mal auf sowas zu hören. Das ist ja nicht unbe­dingt typisch für ihn. Und ich fin­de, das hat er echt gut gemacht. Genau wie das Art­work, das ist auch von ihm. Da hat ein­fach alles gepasst.

MZEE​.com: In Bezug auf den Titel "Aber der Abgrund": Wenn ich mir die Musik der Anti­lo­pen aus der Ver­gan­gen­heit anse­he, war die­ser Sog nach unten immer da und hat­te nur ver­schie­de­ne Namen wie "Aschen­be­cher", "Sumpf" oder nun eben "Abgrund". Ist das ein roter Faden der Anti­lo­pen Gang?

Kol­jah: Ja. Wie du schon sagst, wir haben ver­schie­de­ne Wör­ter dafür gefun­den. Es gibt da halt die­sen Abgrund und den gibt es auf ganz ver­schie­de­ne Wei­sen. Bei jedem. Und bei jedem von uns anders. Natür­lich auch bei Jakob. Es gibt die­se Anzie­hungs­kraft, die die­ser Sumpf hat. Der möch­te einen in sich rein­zie­hen. Irgend­wie hat man eine gewis­se Sehn­sucht danach, weiß aber natür­lich auch, dass er das eige­ne Ver­der­ben ist. Und das ist es letzt­lich, was auf ver­schie­de­ne Wei­sen immer wie­der gesagt wird. Der Sumpf kann der Aschen­be­cher sein. Der kann so ein völ­lig ver­kack­tes Gammler-​Leben sein, in dem man nichts auf die Rei­he kriegt. Er kann aber auch etwas viel Exis­ten­zi­el­le­res sein. Bei mir hat­te das viel mit Alko­hol zu tun, mit irgend­wel­chen Eska­pa­den und Abgrün­den, die am Ende dazu geführt haben, dass ich gesagt habe: "Ich trink' jetzt gar nicht mehr!" Als ich mei­nen per­sön­li­chen Abgrund erreicht hat­te, also des­sen Peak … Peak ist echt gut für einen Abgrund – qua­si der Höhe­punkt des Abgrunds. (lacht) Als ich den erreicht hat­te und das auch irgend­wie in der Psych­ia­trie ende­te, von Poli­zis­ten im Kran­ken­wa­gen beglei­tet, weil ich da noch irgend­wel­che Hal­lu­zi­no­ge­ne genom­men hat­te und völ­lig durch­ge­dreht war … Das war für mich der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass mir der Abgrund lang­sam zu nah kommt und ich ent­schie­den habe, nicht mehr zu trin­ken. Es gab schon immer die­se dunk­le Sei­te. Die ist so ein Beglei­ter. "Aber der Abgrund" kommt ja auch aus unse­rem Song "Pati­en­ten­kol­lek­tiv". Da sage ich am Ende mei­ner Stro­phe: "Aber der Abgrund ist nicht weg, son­dern war­tet. Ich zie­he mei­nen Antrieb aus dem Wis­sen, dass er da ist." Da habe ich mir, ohne es zu wis­sen, schon den Titel für mei­ne EP gelie­fert. Du kannst ganz vie­le Antilopen-​Lieder auf die­se The­ma­tik her­un­ter­bre­chen.

MZEE​.com: Bewegst du dich nach wie vor am Abgrund – als täg­li­cher Balan­ce­akt? Du hast auf dei­ner pri­va­ten Face­book­sei­te mal den Screen­shot einer lau­fen­den Stopp­uhr gepos­tet. Da wage ich ein­fach mal die stei­le The­se, dass die läuft, seit du nicht mehr trinkst?

Kol­jah: (lacht) Nein … Das hast du so inter­pre­tiert? Wit­zig. Eigent­lich war das nur ein Zufall. Ich hab' aus irgend­ei­nem Grund mal die Stopp­uhr gestar­tet und ver­ges­sen, die wie­der aus­zu­ma­chen. Ich weiß nicht, wie lan­ge, aber die lief echt 'ne gan­ze Wei­le. Ich habe mich auch immer wie­der gewun­dert, war­um mein Han­dy auf ein­mal so lang­sam ist. Bis ich irgend­wann gecheckt habe: "Ach du schei­ße, die­se Stopp­uhr läuft ein­fach schon seit tau­send Stun­den oder so …" (lacht) Und dann habe ich da eben die­sen Screen­shot gepos­tet. Das war gar nicht dar­auf bezo­gen, dass ich nicht mehr trin­ke oder so. Aber dass der Abgrund immer da ist – das stimmt schon irgend­wie. Der ist wie eine Tür, die man auf­ge­macht hat, aber nicht wie­der zukriegt. Man kann sich davon ent­fer­nen und soll­te nicht unbe­dingt sein Nacht­la­ger direkt neben der Tür – also am Abgrund – auf­schla­gen. Viel­leicht geht man ja mal in ein ande­res Zim­mer oder sogar in ein ande­res Haus … Geil! Ich bin wie Bushi­do und spre­che in Meta­phern. (lacht) Aber man weiß, es gibt immer noch das Zim­mer mit die­ser Tür und die ist auch immer noch offen. Und wenn man Pech hat oder dumm ist oder aus wel­chen Umstän­den auch immer, dann könn­te es auch sein, dass man wie­der in die Nähe die­ser Tür kommt. Da wäre es bes­ser, wenn man nicht wie­der durch­geht. Und ich habe mich auch genau dafür ent­schie­den: ein Leben zu füh­ren, dass von die­sem Abgrund weg­geht. Ich bin gespannt, wie das so funk­tio­niert, die nächs­ten 50 Jah­re.

MZEE​.com: Und die Anti­lo­pen sind dein Weg weg vom Abgrund?

Kol­jah: Irgend­wie sowohl als auch. Die sind schon der Weg weg, aber wir haben auch zusam­men Din­ge erlebt, die "abgrün­dig" waren. So sage ich das jetzt mal, ohne näher ins Detail zu gehen. Aber klar, in dem Moment, in dem du die­se The­ma­tik krea­tiv bear­bei­test, weil du einen Song dar­über machst, ist das schon ein Schritt weg davon. Das ist ja so ähn­lich, wie wenn du der Ticker aus der Hood bist und sagst: "Okay, ich schrei­be jetzt lie­ber ein Gedicht dar­über, dass ich der Ticker aus der Hood bin und neh­me das auf einen Beat auf. Dann bin ich zwar in mei­ner Musik noch der Gangs­ter, aber in Wirk­lich­keit bin ich ein Poet." So ähn­lich ist das auch, wenn man nicht im Sumpf ver­sinkt, son­dern nur ein Lied dar­über macht.

MZEE​.com: Den­noch gehst du mit eurer Musik rela­tiv hart ins Gericht. Auf "Haupt­sa­che Koh­le" sagst du, dass du eure Musik nicht unbe­dingt hören wür­dest. Ist das über­spitzt for­mu­liert?

Kol­jah: In der Gesamt­heit ist das natür­lich irgend­wo über­spitzt, es kommt auch echt auf die Songs an. Wenn ich mich jetzt mal so auf das letz­te Album bezie­he … Also, ein Lied wie "Piz­za" wür­de ich mir pri­vat wirk­lich nicht anhö­ren. "Ges­tern war nicht bes­ser" ande­rer­seits fin­de ich auch per­sön­lich sehr gut. Es gibt ja immer wie­der Songs, die wir machen, die ich cool fin­de, also so ist es nicht. (lacht) Ich sage auf "Haupt­sa­che Koh­le" ja auch sowas in Rich­tung: "Wir haben teil­wei­se gute Tracks." Ich weiß jetzt gera­de mei­nen eige­nen Text nicht mal rich­tig, aber in jedem Fall sage ich das auch so. Wir haben vie­le coo­le Songs, aber es gab auch teil­wei­se Moves, wenn ich da ganz ehr­lich bin, die nicht so mei­ne Welt sind. Da füh­le ich mich dann manch­mal so wie Tua bei den Orsons. (lacht)

MZEE​.com: Zum Abschluss noch ein Blick in die Zukunft. Dei­ne Eltern stan­den dei­nem Musik­ge­schmack frü­her skep­tisch gegen­über, weil du bereits im Kin­der­gar­ten Die Toten Hosen gehört hast. Sie haben ver­sucht, gewis­se Lie­der von den Tapes fern­zu­hal­ten, die dir Freun­de zusam­men­stell­ten. Wel­che Lie­der wer­den dei­ne Kin­der mal nicht hören dür­fen?

Kol­jah: Also Lie­der, die ich selbst gemacht habe? (über­legt) So kon­kret habe ich dar­über noch nicht nach­ge­dacht. Mei­ne Toch­ter ist ein Jahr alt, da stellt sich die Fra­ge noch nicht so wirk­lich. Wor­über ich aber tat­säch­lich nach­ge­dacht habe, ist das "Aversion"-Cover. Das ist ja ein Ölge­mäl­de – das hängt bei uns im Schlaf­zim­mer. Und das ist wirk­lich ein sehr gro­ßes Bild. Und da sieht man halt – ich weiß nicht, ob du das gera­de vor Augen hast – auf der einen Sei­te eine ganz schö­ne Welt und auf der ande­ren Sei­te geht das über in eine sehr düs­te­re. Und letz­tens dach­te ich mir so: "Ach krass, das sind ja so bren­nen­de Men­schen und davor liegt eine tote Anti­lo­pe mit 'nem Pfeil … Fuck." Irgend­wann wird mei­ne Toch­ter das halt che­cken und das ist für ein Kind viel­leicht nicht der tolls­te Anblick. (lacht) Da habe ich mich schon gefragt, wie ich ihr das mal erklä­re mit den bren­nen­den Men­schen und so … Weiß ich jetzt noch nicht. Und in Sachen Musik … Na ja, mir ist klar, dass ich gewis­se Gangsterrap-​Songs auf deut­scher Spra­che ver­mut­lich erst hören soll­te, wenn sie pennt. Ansons­ten grei­fe ich eher zu irgend­wel­chen US-​Songs. Aber wie das mit mei­nen eige­nen Songs ist? Weiß ich gar nicht genau. Ich glau­be, das liegt auch ein biss­chen dar­an, ob sie da über­haupt Inter­es­se zeigt, in wel­chem Alter sie dann ist und inwie­fern man das selbst ein­ord­nen kann. Aber ich habe das Gefühl, dass die Antilopen-​Sachen wei­test­ge­hend "kin­der­freund­lich" sind. Zumin­dest mache ich mir mehr Sor­gen bei der Musik, die ich selbst höre. Mir per­sön­lich ist das womög­lich sogar ein biss­chen egal, aber wenn sie irgend­wann in der Kita anfängt, alle zu belei­di­gen, ist das viel­leicht nicht so geil. (lacht) Wenn es soweit ist, wer­de ich dazu viel­leicht auch eine kla­re­re Mei­nung haben und dar­über lächeln, was ich hier gera­de so stamm­le, weil ich ein­fach noch kei­ne Ahnung habe. Ich will nicht als so eine kras­se Zensur-​Institution auf­tre­ten – viel­leicht kann man über bestimm­te Sachen ja ein­fach reden. Mal schau­en.

(Dani­el Fersch)
(Fotos: Kay Özde­mir)