Fatoni

Wer als Künst­ler einen Klas­si­ker erschafft, kann sich erst mal im Ruhm son­nen. Fato­ni lagen 2015 nach sei­nem bis­he­ri­gen Opus Magnum "Yo, Picas­so" gemein­sam mit Dex­ter sowohl die hal­be Rap­sze­ne als auch sämt­li­che Sze­ne­kri­ti­ker und der Feuil­le­ton gefühlt zu Füßen. Gleich­zei­tig stand der gebür­ti­ge Münch­ner, der mitt­ler­wei­le in Ber­lin lebt, aber schnell vor dem Pro­blem, einen Nach­fol­ger lie­fern zu müs­sen, der sei­nem und dem Anspruch der "Ande­ren" gerecht wird. Die­ser Her­aus­for­de­rung stellt sich Fato­ni auf "Andor­ra", indem er dem Hörer weit­aus mehr Ein­bli­cke in die Per­son hin­ter dem Künst­ler gibt als bis­her, ohne an Gesell­schafts­kri­tik, Zynis­mus und Ehr­lich­keit zu spa­ren. Im Inter­view spra­chen wir mit Deutschraps Ben­ja­min But­ton – oder mitt­ler­wei­le Clint East­wood – über die Dis­kus­si­ons­kul­tur in Deutsch­land, Empa­thie­lo­sig­keit und Dop­pel­mo­ral, die Ent­ste­hung von "Andor­ra" und ein mög­li­ches, neu­es Album mit Edgar Was­ser …

MZEE​.com: Bevor wir über dein neu­es Album spre­chen: Auf wel­cher Sei­te stehst du eigent­lich im Kon­flikt zwi­schen Tes­to und dem Mann Panik Pan­zer?

Fato­ni: Erst mal fin­de ich Beef natür­lich ein­fach lächer­lich, das ist pein­lich. Aber die Anti­lo­pen Gang sind mei­ne Freun­de. Wenn's hart auf hart kommt, ste­he ich hin­ter Panik Pan­zer. Der Fisch­ver­käu­fer steht bald wie­der auf dem Fisch­markt.

MZEE​.com: Aber wie stehst du dazu, dass Panik Pan­zer Tes­to vor­wirft, zu weit gegan­gen zu sein, obwohl er ihn zuerst als "Huso" belei­digt hat?

Fato­ni: Ja, das hab' ich ihm auch gesagt: "Bru­der, ich weiß nicht. Du hast Huso zu ihm gesagt." Da mein­te er, es sei scheiß­egal, wer ange­fan­gen hat. Da sag­te ich: "Stimmt auch wie­der, Bru­der."

MZEE​.com: Über dein neu­es Album "Andor­ra" lässt sich als Ers­tes fest­stel­len: Es ist kein Album zum Neben­bei­hö­ren. Durch Songs wie "Digi­ta­les Leben" bedarf es mehr Kon­zen­tra­ti­on als "Yo, Picas­so", das wie­der­um etwas ein­heit­li­cher gewirkt hat.

Fato­ni: Musik für neben­bei fin­det man bei mir viel­leicht auf einem Mix­tape, aber wenn du mich fragst, war "Yo, Picas­so" auch kei­ne Musik für neben­bei. Ich kann mir vor­stel­len, dass eini­ge Skits oder der Song, den du genannt hast, je nach Hör­ge­wohn­heit eini­ge Leu­te her­aus­schmei­ßen kön­nen. Aber ich habe mir schon etwas dabei gedacht und fin­de auch, dass man das Album sehr gut durch­hö­ren kann und es rund ist. Für neben­bei ist es auf jeden Fall nicht gedacht, aber sol­che Musik mache ich gene­rell nicht. Die wenigs­ten Sachen, die ich krass geil fin­de, sind Musik für neben­bei. Davon gibt es ja auch gera­de im Deutschrap genü­gend.

MZEE​.com: Gut durch­hör­bar ist es defi­ni­tiv, das war nicht wer­tend gemeint. Es geht auf dem Album nur bei­spiels­wei­se wenig in die Rich­tung der Sin­gle "Die Ande­ren", die mich direkt an "Aut­hi­ten­zi­tät" von "Yo, Picas­so" erin­nert hat.

Fato­ni: Ja, auf jeden Fall. Das ist so der klas­si­sche Ban­ger, da gebe ich dir schon recht. Auf dem Album unter­schei­det sich aber ein­fach viel von­ein­an­der, nur eben nicht wie auf einem Mix­tape mit zwölf Pro­du­zen­ten, auf dem nichts zusam­men­passt, son­dern schon mit einer Strin­genz. Gera­de text­lich und auch sound­mä­ßig geht vie­les in eine Rich­tung. Der Groß­teil der Songs ist zu 100% von Dex­ter pro­du­ziert. Aber ich weiß, was du meinst. "Die Ande­ren" ist wahr­schein­lich auch der Punchline-​lastigste Song. Der Track mit Cas­per ist da noch ver­gleich­bar.

MZEE​.com: Im Gegen­satz zu dei­nen bis­he­ri­gen Releases hast du dich die­ses Mal bei eini­gen Songs mit Dex­ter zusam­men­ge­setzt und an den Arran­ge­ments mit­ge­schraubt. Wie­so woll­test du dies­mal auch hier­bei mit­wir­ken?

Fato­ni: Ich wer­de, glau­be ich, so schei­ße das klingt, auch auf der Produzenten-​Seite immer mehr zum Musi­ker. Das ist natür­lich ein biss­chen zu viel gesagt, ich bin weiß Gott kein Pro­du­zent. Aber das Intro war zum Bei­spiel mal eine Pro­duk­ti­on von Occup­an­ther, das war so ein House-​Song. Und ich wuss­te ein­fach, wie das klin­gen und sich auf­bau­en soll­te. Ich konn­te das nur nicht umset­zen, weil ich die Skills nicht habe. Ich weiß dann also, wie bestimm­te Din­ge sein sol­len, was aller­dings auch nicht heißt, dass die Pro­duk­tio­nen am Ende so klin­gen. Wenn ich das bei­spiels­wei­se Dex­ter beschrei­be, ist es immer total unkon­kret und schwie­rig. Even­tu­ell kommt dann am Ende etwas ande­res dabei her­aus. Dann wird es viel­leicht anders, als ich dach­te, aber noch viel gei­ler.

MZEE​.com: Auf "Andor­ra" geht es mehr um dich selbst als auf vor­he­ri­gen Releases. Im Pres­se­text steht dazu: "Fato­ni erzählt von […] Per­so­nen, wie er schon immer von ihnen erzählt hat: in unglaub­lich humor­vol­len Anek­do­ten voll kleins­ter Details. Nur wo er frü­her als Mensch Distanz wahr­te, sucht er nun Nähe." Ist "Andor­ra" für dich die logi­sche Wei­ter­ent­wick­lung von "Yo, Picas­so"?

Fato­ni: Es besteht auf jeden Fall eine kla­re Ver­bin­dung zwi­schen den bei­den Alben. Ich hab' das "Im Modus"-Mixtape damals gemacht, weil ich mit dem Erfolg von "Yo, Picas­so" etwas über­for­dert war. Das kön­nen ande­re jetzt bewer­ten, wie sie wol­len. Für mich war das ein gro­ßer Erfolg – in den Kri­ti­ken gab es ganz kras­se Super­la­ti­ve. Ich wuss­te nicht, was ich machen soll­te und hat­te ein­fach Druck. Dann hab' ich eben irgend­was gemacht, mich mit dem Mix­tape etwas befreit, das Kollabo-​Album mit Mine kam zustan­de, was etwas völ­lig ande­res war … Dann wur­de mir klar, dass ich einen rich­ti­gen Nach­fol­ger machen muss. Gleich­zei­tig war klar, dass ich nicht das Glei­che noch mal machen wer­de. Und im End­ef­fekt ist alles eher ein­fach pas­siert, als dass ich es ratio­nal geplant hät­te. Das hat viel mit Ein­flüs­sen von außen, aber auch mit dem Alter zu tun. "Yo, Picas­so" ent­stand, als ich Mit­te, Ende 20 war, jetzt bin ich Anfang, Mit­te 30. Zwi­schen­durch ist viel pas­siert, ich hab' viel Musik gehört, man denkt viel nach und ändert sei­nen Blick. Unter­be­wusst war es inso­fern viel­leicht eine Ent­schei­dung, das Album per­sön­li­cher zu gestal­ten. Mich haben zum einen Din­ge beein­flusst, die sehr per­sön­lich waren, zum ande­ren haben mich vie­le Künst­ler, die immer noch nicht zei­gen, wer dahin­ter steckt, total gelang­weilt und auch genervt. Dadurch bleibt alles so ungreif­bar.

MZEE​.com: Dazu pas­send steht im Pres­se­text auch noch der Satz: "Wo Sar­kas­mus herrsch­te, ist plötz­lich Empa­thie." – Mit dem Alter steigt sicher­lich die Fähig­keit, empa­thisch zu den­ken und die Hand­lun­gen ande­rer nach­voll­zie­hen zu kön­nen.

Fato­ni: Ich glau­be, ich kann meis­tens nach­voll­zie­hen, war­um Men­schen so han­deln, wie sie han­deln. Man kann die Hand­lun­gen ja immer noch wer­ten oder schlecht fin­den, aber trotz­dem fin­de ich es oft leicht zu ver­ste­hen, war­um so gehan­delt wird. Das ist jetzt sehr all­ge­mein.

MZEE​.com: Mir fällt es bei­spiels­wei­se bei The­men wie Sexis­mus, All­tags­ras­sis­mus oder struk­tu­rel­lem Ras­sis­mus schwer. Ich ver­ste­he es nicht, wenn Men­schen, die von die­sen Pro­ble­men in kei­ner Wei­se betrof­fen sind, es für nötig hal­ten, die Pro­ble­ma­tik als Schwach­sinn zu bezeich­nen und mei­nen, die "soll­ten sich mal alle nicht so anstel­len".

Fato­ni: Du hast also kei­ne Empa­thie für Empa­thie­lo­sig­keit. Bezie­hungs­wei­se sind die­se Men­schen ja ein­fach igno­rant. Die wol­len gar nicht empa­thisch den­ken oder irgend­et­was ver­ste­hen, wenn sie in einem Gespräch nur auf ihren Posi­tio­nen behar­ren. Und das ist schei­ße, ja. Gera­de The­men wie Dis­kri­mi­nie­rung, Sexis­mus und so wei­ter sind auch ein­fach sehr kom­plex. Ich tue mich da in Dis­kus­sio­nen mit allen mög­li­chen Sei­ten immer schwe­rer. Aktu­ell habe ich das Gefühl, dass gera­de die Men­schen, die da sehr viel anpran­gern, in ihrer Empa­thie superr­an­dom sind. Das rap­pe ich ja auch: "Zum Bei­spiel has­sen alle Frei.Wild und wir sind uns alle einig, doch wenn Rap­per dum­me Faschos sind, dann sind wir nicht so klein­lich." – Die Line spricht nor­ma­ler­wei­se immer der Inter­view­er an, jetzt hab' ich's selbst gemacht. (lacht) Es herrscht halt eine komi­sche Dop­pel­mo­ral vor. Leu­te bie­gen sich ihre Moral irgend­wie so hin, dass bestimm­te Men­schen etwas dür­fen und ande­re wie­der nicht, aus wel­chen Grün­den das so ist, bei wem man empa­thisch ist und bei wem nicht … Das ist wie­der alles sehr all­ge­mein. Es gibt zum Bei­spiel vie­le, die Sexis­mus anders bewer­ten, je nach­dem, von wem er aus­geht. Wenn der halt von Rap­per XY kommt, der so der mie­ses­te, schlimms­te Fascho-​Sexist ist, der Frau­en wirk­lich ver­ach­tet, dann ist es nicht so schlimm, weil der aus der Unter­schicht kommt. So als ganz dum­mes Bei­spiel. Das gibt es aber. Und das treibt mich um, weil ich mir da nur den­ke: Ist das euer fuck­ing Ernst?

MZEE​.com: Gera­de bei Begrif­fen wie Sexis­mus und Ras­sis­mus hast du im gesell­schaft­li­chen Kon­text ja auch das Pro­blem, dass die­se von ver­schie­de­nen Men­schen ganz unter­schied­lich defi­niert wer­den.

Fato­ni: Heut­zu­ta­ge sagt über­haupt nie­mand mehr über sich selbst, er sei ein Ras­sist. Außer so rich­ti­ge Neo­na­zis, aber die gibt es ja kaum, die sind nicht das Pro­blem. Donald Trump sagt, er sei kein Ras­sist. In der AfD wirst du nie­man­den fin­den, der sich hin­stellt und sagt, er sei ein Ras­sist. Allein das ist so eine moder­ne Kom­ple­xi­tät.

MZEE​.com: Auch wir bei­de wür­den uns wohl belei­digt füh­len, wenn man einen von uns als Ras­sis­ten bezeich­nen wür­de.

Fato­ni: Ich wür­de wahr­schein­lich erst mal zuhö­ren, aber ja, klar. Ich hab' alles schon erlebt. Wenn du dich in bestimm­ten Krei­sen bewegst, hörst du schnell den Vor­wurf, dass du als wei­ßer Cis-​Mann dei­ne Fres­se zu hal­ten hät­test, weil du sowie­so nichts nach­voll­zie­hen könn­test und dass du per se ein struk­tu­rel­ler Ras­sist seist, ohne es zu wis­sen. Das ist ja nichts, was mir noch nicht gesagt wur­de.

MZEE​.com: Sophie Pass­mann sag­te bei­spiels­wei­se in einem Inter­view, dass sie als wei­ßer Mensch sys­te­ma­tisch ras­sis­tisch sei, da sie von einer ras­sis­ti­schen Gesell­schaft pro­fi­tie­re. Um das zu ändern, müs­se sie aktiv anti­ras­sis­tisch sein. Dem­entspre­chend sei ihr gegen­über jeder Mann in unse­rem Sys­tem, in dem Frau­en benach­tei­ligt wer­den, sexis­tisch, inso­fern er nicht aktiv anti­se­xis­tisch sei. Ich ver­ste­he die Argu­men­ta­ti­on schon, gleich­zei­tig sind das natür­lich Aus­sa­gen, von denen sich Men­schen sehr schnell ange­grif­fen füh­len.

Fato­ni: Das ist ein schwie­ri­ges The­ma. Ich ver­ste­he das auf einer intel­lek­tu­el­len Ebe­ne, also es ist nicht so, dass ich nicht nach­voll­zie­hen könn­te, was sie meint. Und sie hat auch einen gewis­sen Punkt. Ich per­sön­lich tei­le die Welt nicht nur in Unter­drück­te und Unter­drü­cker.

MZEE​.com: Kann ich nach­voll­zie­hen. Ich gehe aber schon damit kon­form, dass mei­ne Mei­nung als wei­ßer Mann bei The­men wie Ras­sis­mus bei­spiels­wei­se ein­fach nicht son­der­lich wich­tig ist, weil ich eben nicht betrof­fen bin.

Fato­ni: Das sehe ich ganz genau­so wie du, ja. Da hal­te ich auch schön mein Maul. Bezie­hungs­wei­se ist mei­ne Mei­nung da eh meis­tens auf der Sei­te der Leu­te, die dar­auf auf­merk­sam machen. Das habe ich eben auch defi­ni­tiv nicht gemeint. Das gan­ze The­ma ist aber ein­fach so kom­pli­ziert, weil du total schnell in selt­sa­me Fahr­was­ser gerätst, wenn du Kri­tik an der Kri­tik übst. Es ist eben alles emo­tio­nal auf­ge­la­den. Und da fin­de ich eini­ge Sachen äußerst ungut.

MZEE​.com: Ich habe ein Zitat vom Schwei­zer Publi­zis­ten Dr. Ernst Rein­hardt für dich dabei: "Die eige­ne Mei­nung ist die Rela­ti­vie­rung aller ande­ren." Glaubst du, dass das stimmt?

Fato­ni: Ich glau­be, dass es in den nächs­ten Jah­ren, gera­de für Leu­te wie mich, immer wich­ti­ger wer­den wird, sich als Demo­krat zu sehen und sich ein­zu­set­zen. Ich habe schon das Gefühl, dass vie­le Leu­te sich in ver­schie­de­ne Rich­tun­gen radi­ka­li­sie­ren. Aus der Auf­klä­rung gibt es ja die­sen Satz: "Ich bin nicht dei­ner Mei­nung, aber ich wür­de mein Leben geben, damit du sie äußern kannst." Ich wür­de jetzt ungern mein Leben geben, damit jemand sei­ne däm­li­che Mei­nung äußern kann. Aber das ist halt der Punkt. Alles wird immer auf­ge­la­de­ner und ich habe das Gefühl, dass von allen Sei­ten der Lynch­mob näher rückt. Ich fin­de, dass es mehr Stim­men der Ver­nunft braucht. Aber klar, wenn es um das Dis­ku­tie­ren um des Dis­ku­tie­rens Wil­len geht das macht ja auch Spaß dann negiert eine star­ke Mei­nung natür­lich alle ande­ren. Ich sel­ber habe in Dis­kus­sio­nen tat­säch­lich schon oft ein­ge­se­hen, dass die ande­re Per­son recht hat­te und war dann ande­rer Mei­nung als zuvor. Das beob­ach­te ich bei ande­ren Men­schen eher sel­ten ich weiß nicht, ob das eine Tugend ist. Eigent­lich ist das ja der Sinn und Zweck einer Dis­kus­si­on. Aber das pas­siert nie. In Talk­shows oder so gehen alle mit der­sel­ben Mei­nung, even­tu­ell noch ver­här­te­ter als vor­her, nach Hau­se.

MZEE​.com: Es ist auch selt­sam, dass einem stän­dig auf­ge­drängt wird, wie wich­tig es sei, eine kla­re Mei­nung zu haben, für die man ein­steht. Natür­lich ist das in bestimm­ten Berei­chen wich­tig, wenn es zum Bei­spiel um Grund­wer­te oder Men­schen­rech­te geht. Aber in vie­len Berei­chen scha­det es auch nicht, eine weni­ger gefes­tig­te Mei­nung zu haben, weil vie­le The­men­kom­ple­xe nicht so ein­fach zu bewer­ten sind. Man wird eher dazu erzo­gen, für sei­ne Mei­nung ein­zu­ste­hen, als in einer Dis­kus­si­on auch mal dem ande­ren recht zu geben.

Fato­ni: Da hast du voll recht, ich weiß, was du meinst. Das ist ein inter­es­san­ter Gedan­ke. Es ist ja auch cool, eine Mei­nung zu haben. Ich habe auch das Gefühl, dass bei vie­len The­men tota­le Hys­te­rie herrscht und es gleich­zei­tig gar nicht so sehr um real­po­li­ti­sche The­men geht. Das inter­es­siert eigent­lich kein Schwein. Die gro­ßen The­men, um die es gera­de geht, sind even­tu­ell gar nicht so groß. Also, natür­lich sind die groß, aber es gibt für unser aller Leben auch ande­re super­wich­ti­ge The­men. Zumin­dest in unse­rer Sze­ne oder Bub­ble spie­len die oft kei­ne Rol­le. Ich beob­ach­te bei mir selbst, dass ich mich immer mehr für real­po­li­ti­sche The­men inter­es­sie­re als für hys­te­ri­sche Dis­kus­sio­nen dar­über, was man sagen darf und was nicht. Ich inter­es­sie­re mich mitt­ler­wei­le mehr für Din­ge wie Miet­recht, Woh­nungs­not und so wei­ter. Wie wol­len wir leben? Was für eine Gesell­schaft soll das eigent­lich wer­den? Soll eine Ent­wick­lung wie auf dem Woh­nungs­markt ein­fach so wei­ter­ge­hen oder nicht? Was wol­len wir dage­gen tun? Natür­lich kann man ein­fach immer auf die Inves­to­ren schimp­fen. Aber wenn man sich wirk­lich für Poli­tik inter­es­siert oder ein poli­tisch den­ken­der Mensch ist, ist alles meis­tens kom­ple­xer. Die Dis­kus­si­on um Wor­te und ver­letz­te Gefüh­le respek­tie­re ich sehr, aber sie inter­es­siert mich immer weni­ger. Wahr­schein­lich, weil ich ein wei­ßer Cis-​Mann bin und es mich nicht betrifft. Man muss gegen Ras­sis­mus kämp­fen, gar kei­ne Fra­ge. Aber man muss für vie­le Sachen kämp­fen.

MZEE​.com: Ich glau­be aber auch, dass vie­le Men­schen, die sich mit Dis­kus­sio­nen um Wor­te und so wei­ter befas­sen, auch mit real­po­li­ti­schen The­men zu tun haben. Das eine schließt das ande­re ja nicht aus und lässt sich auch teil­wei­se in Ver­bin­dung brin­gen.

Fato­ni: Ja, wir bespre­chen das Gan­ze auch sehr all­ge­mein, ansons­ten wür­de das hier den Rah­men spren­gen. Ich mei­ne nicht, dass Ras­sis­mus kein wich­ti­ges und gro­ßes The­ma wäre. Es gibt The­men, bei denen im Ver­gleich zu ande­ren ein­fach zu wenig Hys­te­rie herrscht, wür­de ich sagen.

MZEE​.com: Kom­men wir zurück zu dei­nem Album: Auf "Andor­ra" gehst du mit dei­nem eige­nen Ver­hal­ten und dei­nem Lebens­stil teil­wei­se sehr kri­tisch ins Gericht. Stimmst du dem zu?

Fato­ni: Ja, fin­de ich auch. (lacht) Mir ist in letz­ter Zeit außer­dem auf­ge­fal­len, dass das für das Selbst­wert­ge­fühl nicht so gut ist. Da muss ich mal dran arbei­ten.

MZEE​.com: Das ist ein zwei­schnei­di­ges Schwert, oder? Eigent­lich will man ja Ver­hal­tens­wei­sen, die du da teil­wei­se beschreibst, bei­spiels­wei­se bis 11 Uhr schla­fen und völ­lig unnö­tig einen Ter­min ver­pas­sen, ändern … Gleich­zei­tig hilft es nicht viel, sich nur bei sich selbst dar­über aus­zu­kot­zen.

Fato­ni: Genau, im End­ef­fekt ist es halt Nega­ti­vi­tät. Aber es ist viel­leicht gut für die Kunst. Ich find' es auf jeden Fall enter­tai­nend. Gera­de Songs, die von sol­chen Din­gen han­deln, sind auch eher die leich­te­ren.

MZEE​.com: Die­se Selbst­be­trach­tung schwingt auf dem gan­zen Album ein biss­chen mit. Im Intro ist auch die Rede davon, dass du ande­re Lebens­ent­wür­fe roman­ti­sierst.

Fato­ni: Die Idea­li­sie­rung von ande­ren Lebens­ent­wür­fen steckt auf jeden Fall in die­sem Album, in allen mög­li­chen Songs. Das kommt in "D.I.E.T.E.R." vor, auch in "Nein Nein Nein Nein Nein Nein". Da stel­le ich ja die The­se auf, dass es dem Typen, den ich beschrei­be, viel­leicht bes­ser geht, weil er denkt, in sei­nem Welt­bild alles ganz leicht durch­schaut zu haben. Dreis­terwei­se ist es auch im Junkie-​Song "Mitch" vor­han­den … Es steckt in ganz vie­len Songs, das "Die Anderen"-Thema. In "Die Ande­ren" natür­lich auch, wenn auch nicht so kon­kret.

MZEE​.com: Bist du denn mit dir selbst im Rei­nen?

Fato­ni: (über­legt) Noch nicht so ganz, glau­be ich. Sonst wäre es auch ein lang­wei­li­ge­res Album gewor­den.

MZEE​.com: Mehr als vor vier Jah­ren oder weni­ger? Wenn ich "Yo, Picas­so" höre, den­ke ich eher, dass du mit dir im Rei­nen bist, als bei der aktu­el­len Plat­te.

Fato­ni: Da geht's ja auch gar nicht um mich.

MZEE​.com: Eben­drum.

Fato­ni: Gute Fra­ge. Ich hat­te damals ein­fach kein gro­ßes Inter­es­se dar­an, über mich selbst zu reden. Des­we­gen trügt das Gefühl wahr­schein­lich.

MZEE​.com: Ich sag's mal so: Auf "Yo, Picas­so" hast du dich ja viel zu gesell­schaft­li­chen Zustän­den und Ent­wick­lun­gen geäu­ßert. Außer­dem wirk­test du inso­fern ziem­lich selbst­si­cher, als dass du dir sicher warst, das Rich­ti­ge zu sagen. Das ist auf "Andor­ra" ein biss­chen anders.

Fato­ni: Ich glau­be, ich hab' ein­fach über ande­re Din­ge als über mich selbst gere­det. Ich hab' mich nicht selbst so ana­ly­siert. Aber es kann sein, dass ich damals eine sta­bi­le­re Lebens­pha­se hat­te als zu der Zeit, zu der ich die­se Plat­te geschrie­ben hab'.

MZEE​.com: Du hast übri­gens vor drei Jah­ren in einem Inter­view bei uns erzählt, dass du an einem neu­en Album mit Edgar Was­ser sitzt und er schon viel mehr dafür gemacht habe als du. Wie sieht es da so aus?

Fato­ni: (lacht) Schei­ße. Na ja, Edgar Was­ser ist halt auch … Er ist ja jetzt back. Mal sehen, was da noch kommt. Ich glau­be, es kommt ein biss­chen was. Na ja, er hat damals ein paar Songs vor­ge­legt und ich hab' ein­fach nie was geschrie­ben. Dann hat sich das so im San­de ver­lau­fen. Aber wir haben schon vor, irgend­wann noch eine Plat­te zu machen.

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Fotos: Jan Phil­ip Wel­che­ring und Simon Hegen­berg)