High Five: 03 /​ 19 – mit u.a. Juse Ju, Afrob & Tua

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

Juse Ju - Män­ner (prod. Pro­vo)

State­ment: Juse Ju

Wann ist ein Mann ein Mann? Nach­dem uns Her­bert Grö­ne­mey­er bereits vor 35 Jah­ren zum Nach­den­ken ange­regt hat, beschäf­tigt sich nun auch Juse Ju auf sei­ner Sin­gle "Män­ner" mit der Fra­ge nach den grund­le­gen­den Eigen­schaf­ten des ver­meint­lich stär­ke­ren Geschlechts. Und das ist nach wie vor – gera­de auch in der oft­mals sexis­ti­schen HipHop-​Szene – mehr als not­wen­dig. Denn auch im Jahr 2019 ist das Männ­lich­keits­bild der meis­ten noch der­ma­ßen starr und ein­sei­tig, dass "ganz oben auf dem Pavi­an­fel­sen" zu sit­zen für vie­le ein legi­ti­mes Lebens­ziel zu sein scheint. Juses pointiert-​bissige Per­si­fla­ge auf das ste­reo­ty­pi­sche (Selbst-)Bild beson­ders männ­li­cher Her­ren ver­deut­licht dabei wun­der­bar, wie ver­al­tet, kin­disch und zuwei­len toxisch die­ses auf sie selbst, ihre Mit­men­schen und die Gesamt­ge­sell­schaft wir­ken kann. Zwi­schen Stammtisch-​Meinungsmachern, "Hurensohn"-rufenden Ehren­män­nern und sol­chen mit Madonna-​Huren-​Komplex bekom­men dabei all die­je­ni­gen ihr Fett weg, die ihre gesell­schaft­li­che Kon­di­tio­nie­rung mal gründ­lich über­den­ken soll­ten.

 

ERRDEKA - Sili­kon (prod. Dan­ny Dra­ma & Dis­ko­jür­gen) | Offi­ci­al Video

Video: eRR­de­Ka – Sili­kon

Der aus der Nähe von Augs­burg stam­men­de eRR­de­Ka mach­te zwi­schen 2014 und 2018 vor allem als Signing von Prinz Pi auf sich auf­merk­sam, baut inzwi­schen aller­dings sein eige­nes Label Eye­s­low auf. Nach zwei Alben im letz­ten Jahr ver­öf­fent­lich­te er mit "Sili­kon" einen Vor­bo­ten auf die inzwi­schen erschie­ne­ne "28"-EP. Im Song pran­gert der Künst­ler an, dass vie­le Rap­hö­rer nach mög­lichst viel Protz und Prunk in der Musik und deren Ver­fil­mung suchen, um einen Kon­trast zu ihrem eige­nen, unbe­frie­di­gen­den Leben her­zu­stel­len. Das zuge­hö­ri­ge Video von Felix Bap­tist könn­te dies nicht bes­ser unter­strei­chen. Statt sich vor den nächs­ten Plat­ten­bau zu stel­len, den wir noch nicht gese­hen haben, in einem Club die größ­te Par­ty zu fei­ern oder sich das teu­ers­te Auto zu mie­ten, sehen wir ledig­lich den Rap­per vor wei­ßem Hin­ter­grund per­for­men. So kann man sich drei Minu­ten lang ein­fach auf den Song und die Mes­sa­ge kon­zen­trie­ren. Und letz­te­re ist in Zei­ten, in denen sich man­che Künst­ler mit den Rech­nun­gen für Video­drehs gegen­sei­tig zu über­bie­ten ver­su­chen, beson­ders wich­tig.

 

Song: Afrob Stadt­mensch

Land­flucht ist ein all­ge­gen­wär­ti­ges The­ma in Deutsch­land – und eigent­lich nicht nur hier, son­dern über­all auf der Welt. Der groß­städ­ti­sche Lebens­stil ist vor allem für die Jün­ge­ren deut­lich ver­lo­cken­der. So erging es auch einst Rob­be, der das ruhi­ge und idyl­li­sche Land­le­ben bei Mut­ti gegen ein schnel­le­res, facet­ten­rei­che­res Dasein ein­tausch­te. Nun blickt er in sei­nem neu­en Track "Stadt­mensch" zurück und kann die Gegen­sät­ze mit etwas Abstand betrach­ten. Der Beat kommt von Buz­ztee und besticht durch sei­nen melo­di­schen Cha­rak­ter, erin­nert in Ver­bin­dung mit dem Rap­per sogar ein wenig an "Hey du" – einen Track von ASD aus den frü­hen 2000ern. Die aus­ge­wo­ge­ne Bass­li­ne und die domi­nan­ten Claps pas­sen daher per­fekt zu sei­nem eher ruhi­gen Flow. Unter­malt wird das Gan­ze pha­sen­wei­se von Laris­sa Ker­ner, die mit ihrer Stim­me den Song per­fekt abrun­det. In "Stadt­mensch" prä­sen­tiert sich Afrob wie gewohnt offen und the­ma­ti­siert gekonnt ein für die Gesell­schaft wich­ti­ges Pro­blem. Kurz: ein rund­um gelun­ge­ner Song.

 

Nura - Sati­va (prod. By SAM SALAM)

Instru­men­tal: Nura – Sati­va (prod. by Sam Salam)

Es ist immer wie­der schön, einen Song ein­zu­schal­ten, des­sen Vibe eben­je­nem Gefühl ent­spricht, wel­ches der Titel bereits her­vor­ruft. Genau das dürf­te wohl für vie­le beim Sam Salam-Instru­men­tal zu Nuras Sin­gle "Sati­va" der Fall sein. Mit den ruhi­gen Melo­di­en und tie­fen, tra­gen­den Bäs­sen ist die Instru­men­tie­rung extrem pas­send zum The­ma. Die Drums, die zwar ohne Fra­ge nicht beson­ders lang­sam sind, wir­ken jedoch kei­nes­wegs unru­hig oder hek­tisch und bre­chen so nicht mit dem ent­spann­ten Vibe. Dadurch ent­steht ein Sound, der – wie der Titel ver­spricht – eine durch­aus rela­xen­de Wir­kung hat. In Ver­bin­dung mit Nuras klang­lich wie auch inhalt­lich der The­ma­tik ent­spre­chen­den Parts und der Hook besteht der gesam­te Track so aus einem har­mo­ni­schen Zusam­men­spiel aller Betei­lig­ten. Sam Salam scheint es geschafft zu haben, die opti­ma­le Grund­la­ge zu den Gedan­ken der Künst­le­rin zu schaf­fen. Die­ser Song wird die meis­ten Hörer mit exakt dem Gefühl zurück­las­sen, wel­ches Nura hier beab­sich­tigt hat. Der wohl per­fek­te Beat für die­sen Track.

 

TUA - Vater (Offi­ci­al Video)

Line: Tua – Vater

From­me Wor­te fül­len kei­nen Platz, der leer ist.

Mit "Ohne Titel" schrieb Tua 2009 den wohl ehr­lichs­ten und här­tes­ten Song, den ich je gehört habe. Die Wor­te, mit denen er die Abtrei­bung sei­ner Freun­din beschreibt. Die Kon­se­quen­zen, die er für sich selbst zieht. Die Strin­genz, mit der er über sich selbst urteilt. All das bün­delt er in einer unglaub­li­chen Ehr­lich­keit, vor der sich der Wahl­ber­li­ner auch heu­te nicht scheut: Mit "Vater" ver­ar­bei­tet er den Tod sei­nes Papas und schreibt ihm sei­ne letz­ten gro­ßen Zei­len. Dass auch Reli­gi­on ihn in die­sen schwe­ren Zei­ten nicht ret­tet, genau­so wenig wie ärzt­li­che Fehl­dia­gno­sen und das Ablen­ken mit Lite­ra­tur über Ster­be­pha­sen und Trans­hu­ma­nis­ten, bün­delt er dabei geschickt in einem vier Minu­ten lan­gen Song. Die­ser ist so voll­ge­stopft mit Inhalt, dass er kaum einen Beat außer dem Geräusch eines Beatmungs­ge­räts braucht. Die rei­ne Wucht unse­rer Zei­le des Monats spricht für sich selbst.

(Stef­fen Bau­er, Micha­el Col­lins, Jan Men­ger, Stef­fen Uphoff, Sven Aumil­ler)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)