High Five: 02 /​ 19 – mit u.a. Alligatoah, Dexter & Tua

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

State­ment: 3Plusss

"in die­se whats­app grup­pe wird man mich wohl nie­mals ein­la­den". – Die­ser Tweet des Rap­pers 3Plusss nimmt Bezug auf einen WhatsApp-​Gruppenchat rund um Felix Krull und ande­re Namen der hie­si­gen HipHop-​Szene – einen Grup­pen­chat, des­sen Inhalt er in einem vor­he­ri­gen Tweet als "wider­wär­ti­ge, men­schen­ver­ach­ten­de Backstage- & Tourbus-​Storys" beschreibt. Und damit macht der Esse­ner genau das, wodurch er schon in der Ver­gan­gen­heit posi­tiv auf­ge­fal­len ist. Er benennt und ver­ur­teilt Äuße­run­gen ande­rer, die mit sei­nen Wer­ten und sei­nem Ver­ständ­nis der HipHop-​Kultur nicht zu ver­ein­ba­ren sind. Der Künst­ler rea­li­siert offen­sicht­lich den Ein­fluss, den Rap­per auf ihre Fans haben, und stellt sich klar gegen die Ver­mitt­lung eines respekt­lo­sen oder gar ver­ach­ten­den Umgangs mit­ein­an­der. Auch wenn in der Sze­ne vie­les mit dem Deck­man­tel Humor legi­ti­miert wird, haben Wit­ze ihre Gren­zen und 3Plusss ist da, um uns dar­an zu erin­nern.

 

Alli­ga­to­ah - Die grü­ne Regen­rin­ne (Offi­zi­el­les Video)

Video: Alli­ga­to­ah – Die grü­ne Regen­rin­ne

"Hol doch dei­ne Stif­te raus. Benutz doch dei­ne Fan­ta­sie!" Mit die­sen Wor­ten for­der­te Alli­ga­to­ah im Novem­ber letz­ten Jah­res sei­ne Hörer­schaft auf, ihn bei dem Video von "Die grü­ne Regen­rin­ne" zu unter­stüt­zen. Der Plan: Fans soll­ten sich eine Stel­le her­aus­pi­cken, wel­che sie beson­ders anspre­chend fin­den, und bild­lich umset­zen. Vier Mona­te spä­ter prä­sen­tiert der selbst­er­nann­te Schauspiel-​Rapper nun das Ergeb­nis. Aus ins­ge­samt 643 Bil­dern ist ein acht-​minütiger, ani­mier­ter Kurz­film ent­stan­den. Der in drei Tei­le geglie­der­te Song erzählt die Geschich­te von Inspek­tor Gato­ah, der her­aus­fin­den möch­te, was bei sei­nem nächt­li­chen Alko­hol­ex­zess alles pas­siert ist. Lei­der hat er gro­ße Erin­ne­rungs­lü­cken und nur ein Stück grü­ne Regen­rin­ne als ers­ten Anhalts­punkt für sei­ne Ermitt­lun­gen. Es ist wirk­lich etwas ganz Beson­de­res, wie die ein­zel­nen Text­pas­sa­gen visua­li­siert und zu einem stim­mi­gen Comic zusam­men­ge­setzt wur­den. Daher bleibt über die­ses Video nur zu sagen: Cha­peau, Hörer­schaft!

 

TUA - Wem mach ich was vor (Offi­ci­al Ver­si­on)

Song: Tua – Wem mach ich was vor

Die Lis­te der rap­pen­den Per­so­nen im deutsch­spra­chi­gen Raum ist etwa genau so lang wie die Lis­te der Rap­per, die einen Tren­nungs­song geschrie­ben haben. Die meis­ten davon spie­len sich irgend­wo zwi­schen pein­lich und über­trie­ben pathe­tisch ab. Tua lie­fert nun mit "Wem mach ich was vor" einen Track ab, der zwar zunächst der ein­gangs erwähn­ten Kate­go­rie zuzu­ord­nen ist, jedoch aus der Rei­he tanzt. Zum einen, weil es sich nicht um einen klas­si­schen Rap-​Song han­delt – der Groß­teil ist gesun­gen. Und zum ande­ren, weil weder fremd­scha­mer­zeu­gen­de Lyrik noch Pathos-​Overload zu fin­den sind. Statt­des­sen setzt sich der Rap­per ele­gant mit den eige­nen Gefüh­len und der Zeit nach der Tren­nung aus­ein­an­der. Auch die Gegen­sei­te, die im Song selbst eigent­lich gar nicht kon­kret benannt wird, kommt in Form einer Sän­ge­rin zu Wort, was eine ange­neh­me Kom­bi­na­ti­on zu Tuas Gesang dar­stellt. "Wem mach ich was vor" ist ein ast­rein geschrie­be­ner und pro­du­zier­ter Song. Er zeigt, dass Rap in Deutsch­land auch über den Tel­ler­rand schau­en kann und deutsch­spra­chi­ger Gesang nicht immer aus anein­an­der­ge­reih­ten blu­mi­gen Sät­zen bestehen muss, die irgend­wie zum The­ma pas­sen. Damit ver­dient sich der Track defi­nitv den Titel "Song des Monats".

 

Dex­ter - SWIPE SWIPE (feat. Jui­cy Gay)

Instru­men­tal: Dex­ter feat. Jui­cy Gay – SWIPE SWIPE (prod. bei Dex­ter)

Es gibt vie­les, was am aktu­el­len Track von Dex­ter und Jui­cy Gay "SWIPE SWIPE" gelun­gen ist: das quat­schi­ge, aber zugleich sty­li­sche Musik­vi­deo, der unter­halt­sa­me Song­text der bei­den Prot­ago­nis­ten und auch die posi­ti­ve Ener­gie, die der Song ver­sprüht. Der Beat hin­ge­gen scheint – gemes­sen an dem, was Dex­ter sonst so prä­sen­tiert – über­ra­schend unspek­ta­ku­lär. Eine ein­fa­che Melo­die, ein paar Drums – aus sehr viel mehr besteht das Instru­men­tal bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung nicht. Doch geht das Sound­kon­zept kom­plett auf: Die Pro­duk­ti­on ist sim­pel wie geni­al. Die Klän­ge gehen sofort ins Ohr und set­zen sich dort fest. Gleich­zei­tig kom­men auf­grund des Prunk­ver­zichts die Deli­very und die Lyrics von Dexy und Jui­cy per­fekt zur Gel­tung. In der Hook stei­gert sich der Kopfnicker-​Beat dann noch ein­mal wei­ter, um voll­ends das Hit­po­ten­zi­al des Tracks zu ent­fal­ten. Rap und Instru­men­tal sind hier bes­tens auf­ein­an­der abge­stimmt, sodass ein durch und durch run­des Gesamt­werk ent­steht.

 

Waving The Guns - Was hast du denn erwar­tet (Offi­ci­al Video)

Line: Waving The Guns – Was hast du denn erwar­tet

Scheiß' auf Con­scious Rap, ich hab' Con­scious Swag!

Gewohnt fromm und zugleich stark pro­vo­kant mel­det sich die nord­deut­sche Grup­pie­rung Waving The Guns aus ihrem Deli­ri­um zurück. Knapp zwei Jah­re lie­ßen sie sich Zeit, um einen wür­di­gen Nach­fol­ger für ihre Plat­te "Eine Hand bricht die ande­re" zu kre­ieren. Nun gibt es die ers­te Aus­kopp­lung auf die Ohren, in der – wie erwar­tet – vor allem die Belang­lo­sig­keit der hie­si­gen Sze­ne bemän­gelt wird. Con­scious Rap, also das bewuss­te Han­tie­ren mit durch­aus gesell­schafts­kri­ti­schen Aspek­ten, wird immer mehr ver­drängt und fin­det auch beim Groß­teil der Hörer immer weni­ger Anklang. Grob gesagt: Vie­len Musi­kern ist es mitt­ler­wei­le egal, was sie sagen und vor allem wie sie es sagen. WTG appel­lie­ren dabei an das Bewusst­wer­den, dass das Mikro­phon durch­aus als Sprach­rohr einer Gesell­schaft und damit als ein Instru­ment der Mei­nungs­frei­heit genutzt wer­den kann und darf. Mil­li Dance scheut somit kei­nen Kon­flikt und wid­met sei­ne Zei­len eben­je­nen, die mei­nen, Life­style und Image sei­en alles.

(Stef­fen Uphoff, Tho­mas Lin­der, Micha­el Col­lins, Flo­ri­an Peking, Jan Men­ger)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)
(Foto von Lukas Rich­ter (3Plusss))