Yassin

Gemein­sam mit sei­nem Part­ner Audio88 hat sich Yas­sin in den letz­ten Jah­ren einen beacht­li­chen Namen inner­halb der Sze­ne erar­bei­tet. Dabei kennt man die bei­den Wahl-​Berliner vor allem für ihre bit­ter­bö­sen Tex­te und den Unwil­len, sich der Rapper-​Konkurrenz oder gar dem gesell­schaft­li­chen Main­stream anzu­pas­sen. Solo ist Yas­sin bis­lang jedoch kaum in Erschei­nung getre­ten. Mit sei­nem ers­ten Album "YPSILON" ändert sich das nun, sodass der Mann mit den ergrau­ten Haa­ren zum ers­ten Mal völ­lig allei­ne im Schein­wer­fer­licht steht. Genug zu sagen, um eigen­stän­dig eine Plat­te mit jeder Men­ge Gedanken-​anstoßenden Wor­ten zu fül­len, hat er jeden­falls alle­mal. Dem­entspre­chend fiel es uns auch nicht schwer, anhand sei­ner Lyrics über The­men wie den kol­lek­ti­ven Angst­zu­stand bezüg­lich einer dro­hen­den Apo­ka­lyp­se oder die Zugäng­lich­keit sei­ner Tex­te zu spre­chen. Doch auch die musi­ka­li­sche Wei­ter­ent­wick­lung, die er seit sei­nen Anfän­gen durch­ge­macht hat, und die man­geln­de Bereit­schaft vie­ler Fans, eine sol­che zu akzep­tie­ren, waren The­ma unse­res Gesprächs.

MZEE​.com: Bei "YPSILON" han­delt es sich um dein ers­tes Solo-​Album. Hat sich die Arbeit dar­an stark vom gewöhn­li­chen Audio88 & Yassin-​Arbeitsprozess unter­schie­den?

Yas­sin: Ja, schon. Anders war vor allem, dass ich allei­ne geschrie­ben und mich auch – anders, als wir es bei den bis­he­ri­gen Alben gemacht haben – viel mehr an der Ent­ste­hung der Musik betei­ligt habe. Nicht bei allen Songs, aber bei denen, die den Grund­stein der Plat­te gelegt haben, war ich rela­tiv stark invol­viert. Am Anfang hat­te ich auch mal den Plan, alles selbst zu pro­du­zie­ren, um es dann spä­ter mit ande­ren aus­zu­pro­du­zie­ren. Aber letzt­end­lich war das jetzt nur bei zwei Songs der Fall. So gese­hen war es auf jeden Fall eine ande­re Arbeits­wei­se, ja.

MZEE​.com: Gibt es auf dem Album Tracks, die gemein­sam mit Audio88 viel­leicht über­haupt nicht funk­tio­niert hät­ten?

Yas­sin: Ja, meh­re­re. Da tue ich ihm jetzt sicher­lich kein Unrecht, das ist ja der Grund dafür, dass ich eine Solo-​Platte machen woll­te. Ich habe eben auch Ide­en oder Facet­ten in bezie­hungs­wei­se an mir, die in einem Duo nicht so gut funk­tio­nie­ren. Das hat nicht unbe­dingt was mit ihm per­sön­lich zu tun, son­dern ein­fach mit der Tat­sa­che, dass ein Song über mei­ne Ver­gan­gen­heit mit Audio88 zusam­men auf jeden Fall anders aus­fal­len wür­de, als wenn ich allei­ne von mei­ner Kind­heit erzäh­le. Da muss man kei­nen gemein­sa­men Nen­ner oder Wider­sprü­che fin­den. Statt­des­sen geht es wirk­lich nur um die Erzäh­lung. Und die muss sich selbst genug sein. Das ist dann schon etwas ande­res, als wenn man sich einen Song teilt.

MZEE​.com: Blei­ben wir mal bei den text­li­chen Inhal­ten. Das apo­ka­lyp­ti­sche Motiv taucht wie­der­holt in "YPSILON" auf. Spielt die­se The­ma­tik in dei­nem All­tag eine Rol­le oder woher genau stammt das?

Yas­sin: (über­legt) Ich neh­me an, das liegt unter ande­rem am aktu­el­len, kol­lek­ti­ven Gemüts­zu­stand. Die Vor­zei­chen für die Zukunft ste­hen ein­fach schlecht. Das ist ja wis­sen­schaft­lich teil­wei­se sogar erwie­sen – wenn man sich jetzt bei­spiels­wei­se den Kli­ma­wan­del anschaut. Gleich­zei­tig ver­sucht man trotz­dem, die­se Din­ge in sei­nem All­tag aus­zu­blen­den, um sein Leben zu genie­ßen. Da wür­de ich mich nicht aus­neh­men. Es gibt natür­lich Pha­sen, in denen das mehr oder weni­ger der Fall ist. Aber ich glau­be, es ist schon so, dass alle – oder zumin­dest wir hier in die­ser pri­vi­le­gier­ten Gesell­schaft mit einem gewis­sen Infor­ma­ti­ons­stand – sich dar­über bewusst sind, dass in unse­rer Lebens­er­war­tung auf jeden Fall noch Zei­ten kom­men wer­den, die dras­tisch anders aus­se­hen wer­den als die heu­ti­ge. Das habe ich mir jetzt nicht andau­ernd bewusst gemacht und das hat auch nicht zwangs­läu­fig etwas mit jedem mei­ner Lebens­the­men zu tun. Aber ich den­ke, der Umstand, dass wir das im Unter­be­wusst­sein tra­gen, beein­flusst uns alle auf eine gewis­se Art und Wei­se – auch wenn wir uns das viel­leicht nicht so ein­ge­ste­hen wol­len. Ich glau­be schon, dass das einen Ein­fluss auf unse­re Genera­ti­on und auf die vor uns hat. Es ist ein­fach klar: Wir wer­den noch mit­er­le­ben, dass es eklig wird.

MZEE​.com: Du nimmst dich nicht aus, wenn es um das Ver­drän­gen sol­cher The­men geht. Unbe­wuss­te Musik im Sin­ne von Eska­pis­mus zu machen, wür­de für dich aber den­noch nicht infra­ge kom­men, oder?

Yas­sin: (über­legt) Natür­lich mach' ich auch Musik, die ein­fach nur Spaß bedeu­tet. Und das hört man ja auch. Wenn wir einen Song wie "True Sto­ry" mit Mäd­ness und Döll oder auch einen Song wie "Gna­de" machen, dann sind da natür­lich Moti­ve drin, die von einem Bewusst­sein für den all­ge­mei­nen Zustand der Welt zeu­gen. Das heißt jedoch nicht unbe­dingt, dass die­ser Zustand alles dik­tie­ren muss. Aber natür­lich taucht sowas immer wie­der auf, wenn man als reflek­tier­ter Mensch Musik macht, um ein gewis­ses Ven­til zu fin­den oder bestimm­te Gedan­ken kon­trol­liert zu Ende zu füh­ren. Das The­ma ist eben ein­fach grö­ßer als man selbst und auch grö­ßer als die The­men, die einen im All­tag letzt­end­lich beherr­schen. Über all dem schwe­ben ja viel grö­ße­re Fak­to­ren. Und die kann man nicht igno­rie­ren, wenn man ernst­haft ver­sucht, etwas für die Ewig­keit zu schaf­fen. Musik muss sich rich­tig anfüh­len oder das Rich­ti­ge sagen, damit sie län­ger bleibt. Das ist zumin­dest unser Anspruch. Von daher glau­be ich jetzt nicht, dass es in naher Zukunft die kom­plett hoh­le Trend-​Rap-​Platte von uns geben wird. Das kann ich mir ein­fach nicht vor­stel­len. Ich glau­be auch nicht, dass wir das könn­ten, ehr­lich gesagt, und habe durch­aus Respekt davor, wenn Leu­te das kön­nen. Aber ich kann das nicht.

MZEE​.com: Auf "Abend­land" stellst du die ernüch­tern­de Fra­ge: "Was nüt­zen die schöns­ten Meta­phern, wenn's die Dümms­ten nicht raf­fen?" – Lohnt es sich denn über­haupt, kri­ti­sche Musik zu machen, wenn die Kri­tik nicht die­je­ni­gen erreicht, an die sie gerich­tet ist? Hast du Angst, offe­ne Türen ein­zu­ren­nen?

Yas­sin: Der Song war – gera­de bei der Fer­tig­stel­lung und beim Schrei­ben der zwei­ten Stro­phe – ein bewuss­ter Ver­such, die­ses Mal auch ande­re Men­schen zu errei­chen. Ein Song wie "Schel­len" zum Bei­spiel hat auch eine klei­ne Seg­men­tie­rung in der eige­nen Fan­ba­se bewirkt. Das ist uns bewusst. Der hat vor allem eine Posi­tio­nie­rung nach außen hin deut­lich gemacht. Aber natür­lich wird er lang­fris­tig eher zur Hym­ne derer, die eh schon genau­so den­ken und bei­spiels­wei­se das glei­che anti-​rassistische Mind­set haben. Bei "Abend­land" war es mir wich­tig, Wor­te zu fin­den, die auch dann nach­voll­zieh­bar sind, wenn du viel­leicht noch unent­schlos­sen bist oder gene­rell zu dem The­ma gar nicht so eine kras­se Ein­stel­lung hast. Vor allem, weil ich da gesun­gen habe und der Song auch musi­ka­lisch noch mal eine ande­re Aus­rich­tung hat. Da geht es um den emo­tio­na­len Aspekt – sowohl auf der Sei­te der Betrof­fe­nen als auch auf der Sei­te aller ande­ren. Gera­de die zwei­te Stro­phe han­delt ja davon, dass kapi­ta­lis­ti­sche Moti­ve dazu füh­ren, dass wir uns teil­wei­se unmensch­lich oder bar­ba­risch ver­hal­ten und gegen­über dem Leid ande­rer Men­schen wahn­sin­nig igno­rant sind. All das woll­te ich durch die musi­ka­li­sche Inter­pre­ta­ti­on zugäng­li­cher machen. So gese­hen hof­fe ich, dass es in dem Fall eben nicht nur die Gleich­den­ken­den abholt oder bestärkt. Die­ser Satz war ehr­lich gesagt auch so ein biss­chen eine Kri­tik an der intel­lek­tu­el­len Lin­ken. Den kann man in vie­ler­lei Hin­sicht inter­pre­tie­ren. Aber das war defi­ni­tiv eine Inter­pre­ta­ti­on, die ich bezweckt habe, weil die eher eli­tä­ren Krei­se in der Lin­ken, was die popu­lis­ti­sche Ver­brei­tung huma­nis­ti­scher Idea­le angeht, in den letz­ten Jah­ren ein­fach ver­sagt haben. Die popu­lis­ti­sche Ver­brei­tung anti-​humanistischer Idea­le der Rech­ten hat dage­gen her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Das ist genau das, was ich mei­ne. Was nüt­zen die schöns­ten Meta­phern, wenn du sie zwar elo­quent for­mu­lie­ren kannst und dabei eine Mil­li­on Wör­ter mei­dest, weil sie nicht poli­ti­cal­ly cor­rect sind, dir am Ende aber kei­ner mehr zuhö­ren kann, der nicht dei­nen Bil­dungs­stand hat? Dann hast du dei­nen eigent­li­chen Auf­trag, näm­lich die Poli­ti­sie­rung des Vol­kes, ver­wirkt. Das ist eine Inter­pre­ta­ti­on, die ich ger­ne sehe und beab­sich­tigt habe. Ich glau­be, man kann mit kri­ti­scher Musik Men­schen, die sich viel­leicht schon im rich­ti­gen Gedan­ken­feld bewe­gen, noch mal anders moti­vie­ren oder beein­flus­sen. Das sind Hoff­nun­gen, die ich in mir tra­ge. Ob die jetzt so berech­tigt sind oder nicht … Am Ende des Tages mache ich ein­fach Musik, die mir gefällt. (lacht)

MZEE​.com: Man wird ja am Ende sehen, ob es funk­tio­niert oder nicht.

Yas­sin: Die Geschich­te mit der ara­bi­schen Über­set­zung des Gedichts am Ende des Songs hat ja zum Glück funk­tio­niert. Ich hat­te die Absicht, Leu­te dazu zu brin­gen, sich mit Men­schen zu unter­hal­ten, die ara­bisch spre­chen, um dadurch die Über­set­zung für das Gedicht zu fin­den. Das war sehr schön und hat tat­säch­lich her­vor­ra­gend funk­tio­niert. Da gab es rela­tiv viel Dis­kus­sio­nen und Nach­rich­ten von Leu­ten, die genau das gemacht haben, was ich errei­chen woll­te und ent­we­der Frem­de, Bekann­te oder eben ein­fach Freun­de ange­spro­chen haben. Dadurch fand ein Kon­takt zu einer ande­ren Kul­tur und Spra­che statt, der vor­her in der Form viel­leicht noch nicht da war und das Bewusst­sein dafür för­dert, dass es eben immer noch um Men­schen geht – und nicht um irgend­wel­che Zah­len.

MZEE​.com: Mal ange­nom­men, du hät­test das Ven­til des Musik­ma­chens nicht. Hät­test du dann trotz­dem das Bedürf­nis, dei­ne poli­ti­sche Mei­nung nach außen zu tra­gen? Wenn ja, wie?

Yas­sin: Also, es ist nicht so, dass ich ohne die Musik nicht an Demons­tra­tio­nen teil­ge­nom­men hät­te. Das tue ich so ja auch – wenn auch nicht mehr so häu­fig. Aber ich wür­de mich defi­ni­tiv ander­wei­tig enga­gie­ren, wenn ich kei­ne Musik machen wür­de. Jetzt mache ich es eben auf eine ande­re Art und Wei­se. Ich hat­te aller­dings nie einen beson­ders star­ken Kon­takt zu poli­ti­schen Grup­pie­run­gen – auch nicht in mei­ner Jugend. Es gab schon eine Anti­fa, aber die war nicht so prä­sent oder so tief ver­wur­zelt in der Rap-​Subkultur bei uns, dass man da die gro­ßen Kon­tak­te gehabt hät­te. Dazu muss ich sagen, dass Poli­tik in mei­ner Jugend kei­ne gro­ße Rol­le gespielt hat. Man war sich schon bestimm­ter Din­ge bewusst und gera­de bei mir in der Schu­le wur­de Poli­tik sehr prä­sent behan­delt. Aber es war in den Krei­sen, in denen ich mich vor allem durch die Musik auf­ge­hal­ten hab', des­halb kein gro­ßes The­ma, weil dort eigent­lich alle Idea­le gelebt wur­den. Das klingt jetzt total Hippie-​mäßig. Es ist jedoch tat­säch­lich so gewe­sen, dass man bei uns in der Sze­ne zwar wuss­te, wel­chen natio­na­len Back­ground ande­re Leu­te hat­ten, es aber abso­lut kei­ne Rol­le gespielt hat. Es war wirk­lich egal. Und bevor das in der Musik zum The­ma gemacht und auch Abgren­zung wie­der zum The­ma wur­de – gera­de bei Stra­ßen­rap –, war das sowie­so kom­plett egal. Da gab es ein­fach Crews mit ver­schie­de­nen Mit­glie­dern. Haut­far­be und Abstam­mung waren dabei völ­lig wurscht.

MZEE​.com: Auf "1985" rappst du unter ande­rem über dei­ne Eltern und dei­nen Wer­de­gang als Musi­ker. Gab es mal eine Art "Rapper-​Outing" nach dem Mot­to: "Mama und Papa, ich bin jetzt Rap­per" und spä­ter "Ich bin jetzt Vollzeit-​Rapper"?

Yas­sin: Das ers­te Outing gab es nicht so krass. Ich habe mit 13 oder 14 Jah­ren ange­fan­gen, Beats zu bau­en und ein biss­chen auf­zu­le­gen. Rap­pen kam erst etwas spä­ter. Zuerst habe ich ein paar Tapes mit ande­ren Rap­pern pro­du­ziert. Geschrie­ben habe ich schon die gan­ze Zeit, aber ich habe das nicht so wirk­lich ernst genom­men und mir nie gedacht: "Ich stel­le mich jetzt hin und neh­me das mal auf." Aber irgend­wann habe ich mit so vie­len Rap­pern gear­bei­tet, dass ich mir dach­te: "Okay, ich neh­me das jetzt doch auf." Am Anfang waren das natür­lich Geh­ver­su­che. Als ich begon­nen habe, das ernst­haft zu betrei­ben und mehr Songs zu machen, habe ich schon nicht mehr bei mei­nen Eltern gewohnt. Dadurch hat sie das auch gar nicht so tan­giert. Erst als ich mit Audio88 Musik her­aus­ge­bracht habe, haben sie das mit­be­kom­men und ich habe ihnen dann auch etwas davon gezeigt. Das war aber nicht so ein kras­ses Outing in dem Sin­ne. Anfangs konn­ten die bei­den rein musi­ka­lisch nicht wirk­lich etwas damit anfan­gen, aber sie haben mich immer unter­stützt und waren auch stolz, als es grö­ßer wur­de. Erst seit "Hal­le­lu­ja" fin­den sie einen Zugang zu mei­ner Musik und kön­nen auch mal einen Song cool fin­den. Gera­de mei­ne Mut­ter ist sehr anfäl­lig für die Ohr­wür­mer. Das Vollzeit-​Rapper-​Outing gab es hin­ge­gen schon, jedoch war ich da alt genug, sodass mir mei­ne Eltern ein­fach ver­traut haben. Sie haben ver­stan­den, dass ich die Ent­schei­dung tref­fen möch­te und für rich­tig hal­te. Glück­li­cher­wei­se ste­hen sie immer hin­ter mir.

MZEE​.com: Wo wir schon bei der The­ma­tik sind, auf "1985" kon­sta­tierst du außer­dem: "A: Mucke macht noch Spaß. B: Mucke ist jetzt Job." – Was über­wiegt im Moment? Gibt es da ein gesun­des Gleich­ge­wicht?

Yas­sin: Das Gefühl wech­selt manch­mal täg­lich. Die letz­ten Wochen waren weni­ger von musi­ka­li­schem Inhalt geprägt, son­dern eher von dem Label-​Aspekt, da wir das Album auf der eige­nen Platt­form her­aus­brin­gen. Das macht das Gan­ze wahr­schein­lich manch­mal etwas Job-​mäßig, aber das ist natür­lich ein Weg, sei­ne Musik auch auf geschäft­li­cher Sei­te unter Kon­trol­le zu hal­ten. Ich ken­ne vie­le Geschich­ten von Leu­ten, die das kom­plett abge­ge­ben haben und dar­un­ter sehr lei­den. Am Ende des Tages gilt: Wenn du davon leben möch­test, musst du dei­ne Musik ver­mark­ten. Du musst sie zugäng­lich und käuf­lich machen. Wenn das jemand ande­res für dich über­nimmt, gibst du dem­je­ni­gen etwas in die Hand, wor­in dein Herz­blut liegt. Falls dann jemand fahr­läs­sig damit han­delt, kann das sehr ver­let­zend sein. Des­halb bin ich eigent­lich froh dar­über, dass es unser Job ist, aber es macht eben nicht alles Spaß. Gera­de, wenn Din­ge nicht so klap­pen, wie man sie sich vor­stellt, bedeu­tet das ein­fach Stress. Es ist kein Job, den man aus­stel­len kann. Es gibt kei­nen Fei­er­abend. Es ist das Ers­te, wor­an du beim Auf­ste­hen denkst und das Letz­te, wenn du schla­fen gehst – wenn du über­haupt schläfst. Es ist der per­sön­lichs­te und lei­den­schaft­lichs­te Job, den ich je hat­te, und das macht sich bemerk­bar.

MZEE​.com: Spre­chen wir noch ein biss­chen über musi­ka­li­sche Ent­wick­lung. Du hast wäh­rend der Album-​Promo häu­fig betont, dass du es scha­de fin­dest, wenn Hörer nicht offen für musi­ka­li­sche Ver­än­de­rung sind. Wenn du aber ehr­lich zu dir bist: Geht es dir nicht auch manch­mal so? Oder dif­fe­ren­zierst du zwi­schen ver­schie­de­nen Arten der Ver­än­de­rung?

Yas­sin: Ich sehe das so: Ein Musi­ker lie­fert natür­lich Unter­hal­tung. Aber ein Musi­ker ist in ers­ter Linie kein Dienst­leis­ter, son­dern ein Künst­ler. Wenn er es für wich­tig emp­fin­det und den Drang hat, etwas auf eine ande­re Art zu machen, dann ist das nicht mei­ne Ange­le­gen­heit. Ich kann dar­an teil­ha­ben oder es las­sen. Wenn ich von einem Künst­ler begeis­tert bin und ihn als Fan gewis­ser­ma­ßen ver­eh­re, dann tue ich das, weil er mit sei­ner Kunst etwas geschaf­fen hat, das mich berührt, in mei­nem Leben beglei­tet oder sogar wei­ter­ge­bracht hat. Eigent­lich soll­te ich dann aus die­sem Respekt her­aus sei­ne künst­le­ri­schen Ide­en und Emp­fin­dun­gen auch respekt­voll behan­deln und wahr­neh­men. Er hat mir schließ­lich vor­her etwas gege­ben, was mich so über­zeugt, beein­flusst oder berührt hat, dass ich ihm sozu­sa­gen ver­fal­len bin. Wenn man bei­spiels­wei­se ein rie­sen Kanye-​Fan ist und "Yee­zus" beim ers­ten Durch­hö­ren nicht nach­voll­zie­hen kann und es direkt als Dreck bezeich­net, dann ver­gisst man mei­ner Mei­nung nach, was der Künst­ler vor­her für einen geleis­tet hat. Aus die­sem Respekt her­aus sehe ich das ehr­lich gesagt immer. Wenn ein Künst­ler, den ich groß­ar­tig fin­de, sich dazu ent­schei­det, eine Plat­te zu machen, die mei­nen Geschmack beim ers­ten Durch­hö­ren nicht trifft, dann höre ich sie mir noch ein zwei­tes Mal an. Wenn ich da noch immer kei­nen Zugang fin­den kann, ist das okay. Dann bin ich bei die­ser Epi­so­de sei­nes künst­le­ri­schen Schaf­fens eben nicht dabei. Das ist auch nicht scha­de. Die alten Alben exis­tie­ren schließ­lich wei­ter­hin. Ich bin zum Bei­spiel ein gro­ßer Björk-​Fan, aber ich fin­de kei­nen Zugang mehr zu ihren neu­en Sachen. Ich höre mir das an und kann nach­voll­zie­hen, was sie da macht, aber es berührt mich nicht mehr so. Die Songs von frü­her wer­den dadurch aber nicht schlech­ter. Ich fin­de sie als Künst­le­rin des­we­gen weder unbe­deu­ten­der, noch habe ich weni­ger Respekt vor ihrem Schaf­fen – ich höre es mir nur nicht so ger­ne an. Das muss nicht das Maß aller Din­ge sein, aber das ist mei­ne Hal­tung gegen­über der Kunst ande­rer. Ich ver­ur­tei­le zwar nie­man­den, der das anders macht, jedoch fin­de ich mei­nen Weg respekt­vol­ler. Des­halb freue ich mich auch total, wenn Leu­te sagen, dass sie mein Album beim ers­ten Durch­hö­ren nicht moch­ten oder ver­stan­den haben und sich die Mei­nung beim zwei­ten Durch­lauf ver­än­dert hat. Das ist doch total geil, wenn Musik einen wei­ter­bringt – auch im musi­ka­li­schen Ver­ständ­nis. Ich habe bei James Bla­ke Ewig­kei­ten gebraucht und erken­ne mitt­ler­wei­le, dass der Typ ein Genie ist. Mei­ner Mei­nung nach soll­te man sowas zulas­sen, auch wenn jeden Tag eine Mil­li­on neue Songs erschei­nen. Man soll­te sich nicht dazu ver­lei­ten las­sen, dass man Musik wie Essen kon­su­miert: Ein­mal durch den Ver­dau­ungs­trakt, dann wie­der raus und nie wie­der gese­hen. Das fin­de ich ein­fach nicht cool – so ist Musik im Ursprung nicht gedacht.

MZEE​.com: Hast du schon immer so gedacht? Schließ­lich bist du sound­tech­nisch mitt­ler­wei­le an einem ganz ande­ren Punkt als zu Beginn dei­ner Kar­rie­re.

Yas­sin: Ich hat­te frü­her auf jeden Fall Dog­men, durch die ich mir bestimm­te Musik nicht ange­hört habe. Das waren teil­wei­se rich­tig dum­me Sachen wie zum Bei­spiel die Stadt, aus der die Musik kommt. Man muss aber auch sagen, dass Audio88 und ich bei­de mit kom­mer­zi­ell nicht erfolg­rei­chem und expe­ri­men­tel­lem Rap sozia­li­siert wur­den. Anti­con und Def Jux – zwei gro­ße Underground-​Labels aus den USA – haben in den 2000ern sehr viel her­vor­ge­bracht und hat­ten einen gro­ßen Ein­fluss auf den Unter­grund. Bei­de Labels waren musi­ka­lisch sehr viel­fäl­tig und rück­bli­ckend betrach­tet wirk­lich futu­ris­tisch, wenn man sich die Sound­ent­wick­lung oder die Song­struk­tu­ren anschaut. Da wur­de pro­gres­si­ve Musik gemacht und ich schät­ze, dass es des­halb für uns schon immer einen Durst nach einem neu­en oder ande­ren Sound gab. Wenn man aber irgend­wann sei­ne Ecke fin­det, in der man sich wohl­fühlt, ist das voll­kom­men in Ord­nung – dar­um geht es mir auch nicht. Genau­so wenig geht es dar­um, Geschmack zu kri­ti­sie­ren. Aller­dings glau­be ich, dass man sich etwas Gutes tut, wenn man immer wie­der Aus­flü­ge wagt und sich auf etwas Neu­es ein­lässt. Das habe ich tat­säch­lich schon immer gemacht. Vie­le Sachen haben mir natür­lich nicht gefal­len und man kann sich trotz allem auch über Musik lus­tig machen oder sie schlecht fin­den – das ist nicht die Fra­ge. Aber wenn ich einen Künst­ler respek­tie­re, dann soll­te ich auch respek­tie­ren, was er mir vor­schlägt. Ob ich die­sen Vor­schlag anneh­me oder nicht, ist etwas ande­res.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­den wir gern noch auf dein spe­zi­el­les "Notfall-​Kit-​Bundle" zu spre­chen kom­men. Was genau hast du dir dabei gedacht und wor­auf legst du Wert, wenn du eine Premium-​Edition kon­zi­pierst und ver­öf­fent­lichst?

Yas­sin: Uns ist es bei Premium-​Editionen immer wich­tig, dass es wirk­lich eine Wert­stei­ge­rung für die Fans gibt. Damit mei­ne ich kei­ne finan­zi­el­le Wert­stei­ge­rung, son­dern dass die Premium-​Edition ihnen etwas gibt, das wir geil fin­den, jedoch nur mit mehr Geld umzu­set­zen ist. Das ist der Haupt­be­weg­grund. Bei dem Notfall-​Kit-​Bundle ist das Kon­zept, dass dar­in alles ent­hal­ten ist, was ich jeman­dem geben kann, wenn der letz­te Tag anbricht. Die gro­ße Idee, unter der alles steht, ist, das Gan­ze so zu ver­sie­geln, dass es prak­tisch für die Ewig­keit kon­ser­viert ist. Und die­ser Fakt hat extrem viel Auf­wand bedeu­tet. Wenn wir gesagt hät­ten, dass alles in Kar­tons ver­packt wer­den soll, dann hät­ten wir das in Asi­en her­stel­len las­sen kön­nen, man hät­te uns das in Con­tai­nern gelie­fert und Leu­te wären dafür bezahlt wor­den, dass sie die Boxen zusam­men­pa­cken. So wird zumin­dest in der Regel eine Premium-​Box her­ge­stellt. Die­ses Vaku­um­ie­ren und Ver­schwei­ßen der Inhal­te ist so spe­zi­ell, dass wir es nur in Hand­ar­beit fer­ti­gen konn­ten – das war für uns aber nur ein Grund mehr, das zu machen. Ein­fach des­halb, weil es für den Fan, der dazu bereit ist, viel Geld zu bezah­len, auch einen emo­tio­na­len Wert haben kann. Jedes Exem­plar ist ein Uni­kat. Dann habe ich noch ein hand­si­gnier­tes Pos­ter bei­gelegt und drei Leu­te haben die Mög­lich­keit, eine Test­pres­sung zu bekom­men. Das sind alles Sachen, von denen ich als Fan wirk­lich etwas habe. Natür­lich habe ich auch etwas davon, wenn ich eine Rolex gewin­ne – logo. Aber die Rolex kann auch eine Fir­ma ver­lo­sen. Ein signier­tes Pos­ter und die Hand­ver­pa­ckung ist schon etwas ande­res, weil ich das als Künst­ler für mei­ne Hörer mache. Ich ver­ur­tei­le nie­man­den dafür, wenn er eine Box macht und dabei eine Rolex ver­lost wird. Ich weiß auch, dass man, wenn man 30.000 Boxen ver­kauft, nicht die Mög­lich­keit hat, jede per Hand zu ver­pa­cken. Wobei das wohl bereits vor­ge­kom­men ist. In unse­rer Grö­ßen­ord­nung ist es unse­re obers­te Maxi­me, dass wir dem Fan etwas an die Hand geben, wovon er per­sön­lich etwas hat.

(Stef­fen Bau­er & Jens Paep­ke)
(Fotos von V.Raeter)