High Five: 01 /​ 19 – mit u.a. Ben Salomo, Dendemann & Pöbel MC

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

BEN SALOMO - SIE SAGEN MIR (OFFICIAL VIDEO)

State­ment: Ben Salo­mo

Wie bei jeder Dis­kus­si­on inner­halb der Rap­sze­ne, die auch nur ein wenig Selbst­re­fle­xi­on for­dert, wur­de auch im Zuge der Antisemitismus-​Debatte nur an der Ober­flä­che gekratzt. Da über­rasch­te es fast, als Ben Salo­mo 2018 das Ende von "Rap am Mitt­woch" ankün­dig­te. Eine Platt­form und Com­mu­ni­ty, die nur zu gern Ras­sis­mus, Sexis­mus und Homo­pho­bie unter dem "Ist doch nur Rap"-Deckmantel zu legi­ti­mie­ren ver­such­te. Den­noch hät­te man hof­fen kön­nen, dass dies für man­chen Batt­ler­ap­per und Fan nun Stein des Ansto­ßes sein könn­te, den Umgang mit der­ar­ti­gen Inhal­ten zu hin­ter­fra­gen. Doch Rap wäre nicht Rap, wenn er ein solch wich­ti­ges The­ma nicht schnell wie­der im San­de ver­lau­fen las­sen und man – jetzt ohne den Rap­per – unter neu­em Namen auf die alte Art wei­ter­ge­macht hät­te. Zumin­dest Salo­mo scheint es ein (per­sön­li­ches) Anlie­gen zu sein, den Dis­kurs nicht nur in Inter­views und Facebook-​Posts, son­dern auch in sei­ner Musik wei­ter­zu­füh­ren, in der er nun wie­der auf die Pro­ble­ma­ti­ken auf­merk­sam macht. Der am Tag des Geden­kens an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus ver­öf­fent­lich­te Track "Sie sagen mir" steht dabei als State­ment zur gene­rel­len Bereit­schaft zur Debat­te. Der Rap­per kri­ti­siert dar­in eben­je­ne Men­ta­li­tät, den Kampf gegen rech­te Gesin­nung auf­zu­ge­ben, nur weil er einem viel Arbeit und Selbst­re­fle­xi­on abver­langt. Und auch wenn der Track, so wie man­cher Post Salo­mos zu dem The­ma, Zei­len und Stel­len ent­hält, mit denen man nicht unbe­dingt d'accord gehen muss: Es ist wich­tig, über­haupt eine Dis­kus­si­on zu füh­ren, statt das Gan­ze – wie sonst sze­ne­üb­lich – ein­fach zu igno­rie­ren und sich damit abzu­fin­den.

 

Nord Nord Muzikk - NEURUPPIN 2 feat. K.I.Z (Offi­ci­al Video)

Video: Nord Nord Muzikk feat. K.I.Z – Neu­rup­pin 2

2007 schu­fen K.I.Z auf ihrem legen­dä­ren Album "Hah­nen­kampf" zusam­men mit Kuba und Can­ni­bal Rob mit dem Song "Neu­rup­pin" einen Klas­si­ker. Er bekam als ers­ter Track welt­weit ein inter­ak­ti­ves Musik­vi­deo spen­diert und wird noch heu­te auf jedem Kon­zert gespielt und gefei­ert. Zwölf Jah­re spä­ter haben sich die Prot­ago­nis­ten von damals mit Vork, der nun zu Nord Nord Muzikk gehört, erneut zusam­men­ge­tan, um der zeit­lo­sen Mord­fan­ta­sie einen zwei­ten Teil zu spen­die­ren. Anders als in 2007 liegt nun ein klas­si­scher Clip vor, der jedoch nicht weni­ger bild­ge­wal­tig ist. Eine Grup­pe jun­ger Leu­te, die zunächst noch VSK-​hörend – man beach­te die Iro­nie – mit dem Van durch das Bran­den­bur­ger Hin­ter­land fährt, wird pas­send zum Song in eine Fal­le gelockt. Im und um das Haus von Neu­rup­pin her­um fin­den sie einen grau­sa­men Tod durch die Hän­de der sechs Rap­per. Dabei wird an Details nicht gespart und durch die gelun­ge­ne Insze­nie­rung des Hau­ses und der Künst­ler, die wie Hin­ter­wäld­ler in ein­schlä­gi­gen Fil­men geklei­det durch den Wald stap­fen, die Stim­mung per­fekt wie­der­ge­ge­ben. Mit "Neu­rup­pin 2" und ins­be­son­de­re dem dazu­ge­hö­ri­gen Video wird also ein wür­di­ger Nach­fol­ger gelie­fert.

 

PÖBEL MC - Zero Pro­ble­mo (beat by Bovs­key) [Offi­ci­al Video]

Song: Pöbel MC – Zero Pro­ble­mo

Nach der äußerst star­ken Koll­abo mit Mil­li Dance letz­tes Jahr ist Pöbel MC nun wie­der solo am Start und hat im Febru­ar ein neu­es Tape für uns. Und bereits die ers­te Sin­gle hat es in sich. Anfangs erwar­tet man noch gewohnt Boom bap-​lastigen Sound, doch dann droppt Bovs­key die Bass­li­ne und Pöbel MC beginnt sei­nen Part. Für den Ber­li­ner ein etwas unge­wohnt moder­ner, aber äußerst pas­sen­der Sound. Denn er ani­miert zum Kopf­ni­cken, schafft aber gleich­zei­tig eine leicht düs­te­re Atmo­sphä­re. Also genau rich­tig für die The­ma­tik, die der Rap­per hier anschnei­det: "Zero Pro­ble­mo" behan­delt die Pro­ble­me, die jeder selbst hat, die er aber kei­nes­falls als sol­che sieht. Oder anders aus­ge­drückt: Er pran­gert auf geschick­te Art und Wei­se die gan­zen First World Pro­blems an. Smoot­hies trin­ken, aber Ziga­ret­ten rau­chen etwa. Die­se Inten­ti­on wird aller­dings erst im letz­ten Part rich­tig deut­lich. Hier geht es um die Fra­ge, was man nach dem abge­schlos­se­nen Stu­di­um eigent­lich macht, aber eben­so um die Flücht­lings­pro­ble­ma­tik. Die rich­ti­gen Pro­ble­me eben, auf die Pöbel die rich­ti­ge Fra­ge zum Schluss stellt: "Lösen wir sie mit­ein­an­der, statt uns selbst zu opti­mie­ren?" – Word.

 

Sam­ra - Instink­te (Ama­zon Music Ori­gi­nal)

Instru­men­tal: Sam­ra – Instink­te (prod. by Lukas Pia­no)

Es gab mal eine Zeit, in der melan­cho­li­sche Gei­gen der­ma­ßen oft in Beats der Mar­ke Stra­ßen­rap ver­wen­det wur­den, dass hier­zu­lan­de eine voll­kom­me­ne Über­sät­ti­gung die­ses Sounds statt­fand. Das war jedoch in den 2000ern, sodass man mit Streich­in­stru­men­ten mitt­ler­wei­le wie­der punk­ten kann. So gesche­hen beim Instru­men­tal zu Sam­ras "Instink­te", wel­ches von Lukas Pia­no stammt. Die dra­ma­ti­sche Melo­die­füh­rung der atmo­sphä­ri­schen Gei­gen, die es hier zu hören gibt, wird allein durch den Ein­satz tro­cke­ner Drums unter­stützt. Der Beat klingt dabei jedoch kei­nes­wegs alt­ba­cken. Im Gegen­teil: Durch die Reduk­ti­on auf ledig­lich zwei Ele­men­te sowie die gute Arbeit im Bereich des Mixing und Mas­te­rings ertönt die musi­ka­li­sche Unter­maue­rung des Ber­li­ner Rap­pers zeit­los gut. Lukas Pia­no beweist mit "Instink­te" jeden­falls, dass eine simp­le Gei­gen­me­lo­die nach wie vor das Zeug dazu hat, rohe Emo­tio­nen zu erzeu­gen und auch im Jahr 2019 noch abso­lut dope zu klin­gen.

 

Line: Den­de­mann – Müde

Müde und in schlech­ter Ver­fas­sung wie Arti­kel drei.
Müde von den Rech­ten, den Faschos, den Nazi­par­tei­en.

Den­de­mann hat sein Album "da nich für!" releast, was unter ande­rem die Fra­ge auf­wirft: Wofür ist er denn nicht? Betrach­tet man unse­re Line des Monats genau, wird kla­rer, was er damit meint. Wenn Den­de­mann eines beherrscht, dann mit Wor­ten zu spie­len. Die ers­te Hälf­te der Zei­le ist gespickt mit Dop­pel­deu­tig­kei­ten. Den­de spielt hier einer­seits auf sei­nen eige­nen kör­per­li­chen Zustand an. Ande­rer­seits kann man es auch als Kri­tik am Grund­ge­setz inter­pre­tie­ren: Der Arti­kel drei bekommt in unse­rem Land sei­ner Mei­nung nach nicht die Ernst­haf­tig­keit zuge­schrie­ben, die ange­bracht wäre. Die­ser soll die Gleich­heit aller Men­schen vor dem Gesetz sowie die Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlech­ter garan­tie­ren und ver­bie­tet jeg­li­che Dis­kri­mi­nie­rung. Wofür der Ham­bur­ger nicht ist, macht er dann ganz ein­deu­tig im zwei­ten Teil klar, denn er ist "müde von den Rech­ten, den Faschos, den Nazi­par­tei­en". Es ist eine wich­ti­ge Kri­tik, die hier künst­le­risch hoch­wer­tig ver­packt wur­de. Mit einem gewis­sen Inter­pre­ta­ti­ons­spiel­raum, doch auch klar genug, dass sie zum Nach­den­ken anregt.

(Dani­el Fersch, Micha­el Col­lins, Lukas Päck­ert, Stef­fen Bau­er, Dzer­ma­na Schön­ha­ber)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)