High Five: 12 /​ 18 – mit u.a. Favorite, Tua & Yassin

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

Favo­ri­te - Kool Savas (Har­le­kin 2)

State­ment: Favo­ri­te

"Wir haben das Game gefickt – Cas­per, Kol­le­gah, Shiml, Favo­ri­te." – Fast zehn Jah­re nach die­ser Ansa­ge auf "Mit­tel­fin­ger hoch" ist von den ehe­ma­li­gen Selfmade-​Legionären kei­ner mehr beim ursprüng­li­chen Label unter Ver­trag. Der letz­te, der sich von der alten Hei­mat lös­te, war Favo­ri­te – der prompt Anfang 2019 mit einer neu­en Plat­te zurück­kom­men will. Für ordent­lich Ran­da­le in sozia­len Medi­en sorg­te sein Diss­track gegen Kool Savas, der den vor­läu­fi­gen Tief­punkt einer längst aus­ge­ar­te­ten Promo-​Kultur mar­kiert. Im Song wird nicht ein­mal ein Grund für die Sei­ten­hie­be genannt. Es wirkt, als hät­te der Esse­ner ein­fach nur irgend­wel­che Punch­li­nes und stump­fe, ras­sis­ti­sche Belei­di­gun­gen anein­an­der­ge­reiht und für die größt­mög­li­che Auf­merk­sam­keit auf einen kon­kre­ten Namen gemünzt. Das Feed­back war ent­spre­chend gering – kaum einer ließ sich auf die­se plum­pe Art noch beein­dru­cken. Trotz sei­nes sofor­ti­gen Zurück­ru­derns nach der ent­spre­chen­den Fan-​Schelte sorg­te Favo­ri­te damit für ein abso­lu­tes Negativ-​Highlight zum Jah­res­en­de.

 

TUA - Vater (Offi­ci­al Video)

Video: Tua – Vater

Nach lan­gem War­ten, sozia­ler Absti­nenz und eini­gen per­sön­li­chen Rück­schlä­gen mel­det sich Tua mit sei­nem gleich­na­mi­gen Album zurück. Eine aktu­el­le Aus­kopp­lung davon trägt den Titel "Vater". Tua spricht hier über den Ver­lust, aber auch über die Auf­ar­bei­tung des Todes sei­nes Erzeu­gers. Das Video ist selbst ohne den äußerst star­ken Text noch aus­sa­ge­kräf­tig genug, um die Ent­wick­lung des Dra­mas zu ver­fol­gen. Ein klei­ner Raum, in dem sich bei­de befin­den, ist Schau­platz des Gan­zen. Tua sitzt ruhig und nach­denk­lich auf einem Stuhl, der neben dem Bett sei­nes Vaters plat­ziert ist. Regungs­los und in sei­nen Gedan­ken ver­fan­gen erkennt er nach eini­ger Zeit die eige­ne Unfä­hig­keit, einem gelieb­ten Men­schen nicht hel­fen zu kön­nen. Er ist gezwun­gen, den Ver­lust zu akzep­tie­ren – auch wenn es ihm schwer­fällt. Am Ende jedoch blei­ben ihm die guten Erin­ne­run­gen, wel­che hel­fen, den Schmerz zu lin­dern, wenn auch nur etwas. Gedreht wur­de im Schwarzweiß-​Stil, was die traurig-​nachdenkliche Atmo­sphä­re noch­mal unter­mau­ert und die mini­ma­lis­ti­sche Sze­ne­rie ver­stärkt. Der Track und das dazu­ge­hö­ri­ge Video sind sehr intim, sodass "Vater" dem Hörer beängs­ti­gend nahe­geht.

 

Song: Yas­sin – 1985 (prod. Dienst & Schul­ter)

Yas­sin – sonst stets im Duo mit Audio88 unter­wegs – beschrei­tet nun Solo­pf­a­de und hat im Janu­ar 2019 sein Album "Ypsi­lon" ver­öf­fent­licht. Mit "1985" schick­te er, auf einer Pro­duk­ti­on von Dienst & Schul­ter, einen wei­te­ren musi­ka­li­schen Vor­bo­ten hin­aus in die Welt. Dar­in beschreibt er nicht nur sei­ne Lie­be zur Musik, son­dern auch detail­liert, wie es zu eben die­ser gekom­men ist und wel­che Aus­wir­kun­gen sie auf sein Leben hat­te. Wäh­rend ande­re Jungs in ihrer Kind­heit drau­ßen waren und ver­schie­de­ne Erfah­run­gen sam­mel­ten, saß Yas­sin irgend­wo her­um und hör­te Musik. Ande­re Kin­der spiel­ten Fuß­ball, er bekam ein Key­board geschenkt. Sei­ne Eltern trenn­ten sich, er zog sich in sei­ne eige­ne Welt zurück. Egal, was da drau­ßen geschah, er hör­te oder mach­te Musik, da die­se immer den höchs­ten Stel­len­wert für ihn ein­ge­nom­men hat und dies auch immer noch tut. Eine schö­ne­re Lie­bes­er­klä­rung an Hip­Hop bezie­hungs­wei­se Musik an sich kann man kaum schrei­ben und des­halb ist "1985" an die­ser Stel­le das Song-​Highlight des Monats.

 

Horst Wege­ner - Mein Name Ist Horst (prod. Golow & DJ Vito)

Instru­men­tal: Horst Wege­ner – Mein Name ist Horst (prod. by Golow & DJ Vito)

Horst Wege­ner hat die Pro­duk­ti­on der Instru­men­tals sei­ner EP "Mein Name ist Horst" kom­plett in die Hän­de von Golow und DJ Vito gelegt und der Beat des Titel­tracks lässt ver­mu­ten, war­um: Er ist unglaub­lich gut! Mit­hil­fe einer sie­ben­köp­fi­gen Band haben die bei­den einen warm klin­gen­den Sound geschaf­fen, der rhyth­misch wie auch melo­disch in jeder Hin­sicht über­zeu­gen kann. Beson­ders fällt das Zusam­men­spiel zwi­schen Beat-​Passagen und Horsts Flow auf. Immer wie­der unter­strei­chen die ver­schie­de­nen Instru­men­te ein­zel­ne Wör­ter oder Sät­ze und rücken die­se so wei­ter in den Vor­der­grund. Ins­ge­samt erin­nert der Sound etwas an Samy Delu­xe zu Zei­ten von "Schwarz­Weiss", was wohl der Tat­sa­che geschul­det ist, dass DJ Vito schon seit Jah­ren regel­mä­ßig als DJ und Pro­du­zent im Hau­se Delu­xe anzu­tref­fen ist. Die­se Ähn­lich­keit scheint man jedoch bewusst hin­ge­nom­men zu haben, da sie von Horst sogar im Song und mit einem Gast­auf­tritt des Vor­bilds im Video auf­ge­grif­fen wird. Schließ­lich gibt es doch deut­lich schlim­me­re Rap­per, mit denen man ver­gli­chen wer­den kann …

 

BOZ - Königin der 1000 Jah­re [prod. by Oul Good] [offi­ci­al Video]

Line: BOZ – Köni­gin der 1000 Jah­re

Haupt­sa­che, dei­ne Reich­wei­te wächst.
Von mir gibt's nur vol­le Breit­sei­te Rap.

Schaut man sich die aktu­el­le Rap-​Landschaft an, könn­te man mei­nen, dass Lyri­cism lang­sam, aber sicher aus­stirbt. Auf einem immer gerin­ger wer­den­den Pro­zent­satz aller Ver­öf­fent­li­chun­gen gibt es Tex­te zu hören, die mehr sein wol­len als blo­ße Erzeu­ger von Vibes und den Anspruch haben, lyrisch in die Tie­fe zu gehen. Von den weni­gen Künst­lern, die sich den­noch nach wie vor das Tex­ten auf die Fah­ne schrei­ben, sind zudem recht vie­le in die Jah­re gekom­me­ne Ewig­gest­ri­ge, deren bes­ter Out­put längst hin­ter ihnen liegt. BOZ gehört da aller­dings nicht dazu. Er scheint nach wie vor gro­ßen Wert dar­auf zu legen, nicht nur mit hand­werk­li­chen Fähig­kei­ten, son­dern auch inhalt­lich zu punk­ten. Auf dem kur­zen "Köni­gin der 1000 Jah­re" demons­triert er das ein­drucks­voll. Lei­der kann man mit die­ser Her­an­ge­hens­wei­se heut­zu­ta­ge kei­ne all­zu gro­ße "Reich­wei­te" gene­rie­ren. Das ist ihm jedoch offen­bar egal, sodass die "vol­le Breit­sei­te Rap" bei ihm kei­ne hoh­le Phra­se ist. Das ist alles ande­re als gefäl­lig – und genau das gefällt uns.

(Sven Aumil­ler, Jan Men­ger, Micha­el Col­lins, Stef­fen Uphoff, Stef­fen Bau­er)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)