History-​Adventskalender: Türchen #18 – Casper (2011)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2011: Cas­per – XOXO

Lie­ber anti alles. Für jetzt und immer.

Als "XOXO" ver­öf­fent­licht wur­de, war ich 15 Jah­re alt. Deutschrap befand sich im Wan­del, ich mich in einer rebel­li­schen Pha­se. Sowohl für die Sze­ne als auch für mich kam das Album genau zur rich­ti­gen Zeit. Cas­per brach­te den ent­schei­den­den Stein ins Rol­len und berei­cher­te die Sze­ne mit einem brei­ten musi­ka­li­schen Hori­zont, wel­chen er seit "XOXO" in sei­nen Sound ein­flie­ßen lässt.

Da ist es: das Album, auf das sich plötz­lich alle eini­gen kön­nen. Ein­dring­lich und mit­rei­ßend wird mit "Der Druck steigt" das Release eröff­net und gleich­zei­tig die neue musi­ka­li­sche Rich­tung des Bie­le­fel­ders vor­ge­ge­ben. Das Klang­bild steu­ert die Stim­mung über die gesam­te Lauf­zeit. Eine "Balan­ce zwi­schen Neh­men und Geben", zwi­schen Stil­le und Wut, Auf­ru­he und Gefal­lensein, druck­voll getak­tet durch Drums und mit lau­ten Gitar­ren­riffs. Zudem ist es eine Hom­mage an Ben­ja­min Grif­feys musi­ka­li­schen Back­ground wie The Smiths und Toco­tro­nic und spielt durch die Unter­ma­lung von 808s auf Südstaaten-​Rap an. Vom tech­ni­schen Anspruch her ist es eine Rap-​Platte, musi­ka­lisch eher weit ent­fernt davon – doch die­ser Gegen­satz wird zusam­men­ge­hal­ten durch die mar­kan­te, raue Stim­me des Prot­ago­nis­ten. In der Essenz bleibt es Rap, schließ­lich ist "XOXO" alles ande­re als Regel­werk und durch­bricht end­gül­tig eine Art Sta­gna­ti­on. Cas­per lässt in sei­ne See­le schau­en – aber nicht durch typi­sche Selbst­dar­stel­lung, eher durch Selb­stof­fen­ba­rung in flim­mern­den Bil­dern, um damit auch the­ma­tisch einen roten Faden zu malen. Auf Revo­lu­ti­on und Auf­bruch fol­gen Welt­flucht und Resi­gna­ti­on, Zer­stö­rung und Wie­der­auf­bau, die "bit­ter­sü­ße Melan­cho­lie" abge­run­det mit "Kontrolle/​Schlaf".

Cas­per gelingt es, mit einem Album die Sehn­sucht und die damit ver­bun­de­ne Zer­ris­sen­heit der "Genera­ti­on 'Gott ist tot'" ein­zu­fan­gen. "XOXO" lässt sich in kei­ne Schub­la­de ein­ord­nen: Es hat eine eige­ne Spra­che, einen eige­nen Sound. Jedem Ton hört man an, dass Cas­per hier genau die Plat­te gemacht hat, die er machen woll­te, und präg­te damit Deutschrap nach­hal­tig. Zudem wird es auf ewig eines mei­ner Lieb­lings­al­ben blei­ben, da es der Anstoß für mei­ne Lei­den­schaft zu Rap war.

(Anna Eber­ding)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)