History-​Adventskalender: Türchen #14 – K.I.Z (2007)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2007: K.I.Z – Hah­nen­kampf

Brich die Schu­le ab, stich einen Schwu­len ab.
Auch du kannst ein Künst­ler sein, bemal ein Juden­grab.

Ber­lin, 2007: Aus dem Roy­al Bun­ker dröh­nen ver­hei­ßungs­vol­le Klän­ge. Denn nach M.O.R. und A.i.d.S. macht sich die nächs­te Genera­ti­on des Untergrund-​Labels dar­an, auf ganz eige­ne Wei­se ein Aus­ru­fe­zei­chen zu set­zen.

Dies gelingt Tarek, Maxim und Nico von K.I.Z – damals noch zusam­men mit DJ Craft – mit "Hah­nen­kampf" ein­drucks­voll. Die Crew, bis zu die­sem Zeit­punkt eher ein Insider-​Tipp, über­zeugt dabei vor allem durch ihre text­li­che Krea­ti­vi­tät. So reiht sich die Sze­ne­be­trach­tung auf "Geld essen" mühe­los ein zwi­schen dem Berlin-​Representer "Klas­sen­fahrt", dem par­ty­taug­li­chen "Hurensohn"-Nachfolger "Spasst" oder gesell­schafts­kri­ti­schen Inhal­ten wie auf "Wenn es brennt". Die von Sar­kas­mus, Selbst­iro­nie und bis­si­gen Poin­ten bestimm­te Art, mit der die Ber­li­ner gera­de erns­te­re Inhal­te ver­pa­cken, ist zu die­sem Zeit­punkt frisch und auch heu­te noch größ­ten­teils uner­reicht. So bekommt man zahl­rei­che Lines gebo­ten, die nicht nur für Lacher sor­gen, son­dern auch mal auf­hor­chen und nach­den­ken las­sen. Pas­send dazu knal­len die Beats abwechs­lungs­reich und zudem aus­ge­feil­ter als zuvor aus den Boxen. Die Scrat­ches von Craft auf "Wenn es brennt", die Horrorcore-​ähnliche Adap­ti­on von "House of the Rising Sun" für "Neu­rup­pin", 90s-​Europop- oder Punk-​Anleihen – jedes Instru­men­tal weist irgend­ein spe­zi­fi­sches High­light auf, ohne dass es im Gesamt­ein­druck der Plat­te stört. Bei 19 Titeln fin­det man daher null skip­ba­res Mate­ri­al, dafür aber rei­hen­wei­se tech­nisch über­zeu­gen­de Zei­len und Beats, die eini­ge Tracks in der Fol­ge zu Klas­si­kern wer­den las­sen.

Wäh­rend sich für den Roy­al Bun­ker an die­sem Punkt bereits lang­sam die Türen zu schlie­ßen begin­nen, mar­kiert "Hah­nen­kampf" mit einem ers­ten Charterfolg den Durch­bruch für K.I.Z. Und der wird auch elf Jah­re spä­ter noch gefei­ert – spä­tes­tens dann, wenn auf irgend­ei­ner Büh­ne die ers­ten vier Töne von "Ellen­bo­gen­ge­sell­schaft" erklin­gen und Kan­ni­ba­len-Fans beim Beat-​Drop inni­gen Kör­per­kon­takt zuein­an­der suchen.

(Sascha Koch)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)