History-​Adventskalender: Türchen #13 – Hollywood Hank (2006)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

2006: Hol­ly­wood Hank – Sozio­path

Ich bin kein Mensch, ich bin ein art­ver­wand­ter Straf­ge­fan­ge­ner.
Nut­te, mei­ne Woh­nung sieht aus wie die Asser­va­ten­kam­mer. 

Die Weih­nachts­zeit soll bekannt­lich für Lie­be, Gemein­sam­keit und Frie­den ste­hen. Dass die Rea­li­tät sich eher aus Ein­kaufs­stress und Fami­li­en­tru­bel zusam­men­setzt, las­sen wir mal außen vor. Tat­säch­lich ist es daher gar nicht so ein­fach, in solch besinn­li­chen Zei­ten über eine der hass­erfüll­tes­ten Plat­ten zu schrei­ben, die die hie­si­ge Sze­ne je her­vor­ge­bracht hat.

Nein, wenn sich Hol­ly­wood Hank selbst als "Got­tes Rache" bezeich­net, ist das kei­ne Über­trei­bung. Auf "Sozio­path" fin­det wirk­lich jede Art der Absur­di­tät ihren Raum. Ob sexu­ell anstö­ßig, gesell­schaft­lich nicht aner­kannt oder schlicht­weg ille­gal – erst, wenn der Text got­testreue Groß­müt­ter in Schnapp­at­mung ver­setzt, fängt die Musik von Hol­ly­woods­fi­nest an, Spaß zu machen. 2006 sam­mel­te er auf 23 Tracks die här­tes­ten, ekligs­ten und absto­ßends­ten Punch­li­nes und schuf damit ein Werk, wel­ches bis heu­te Bestand hat. Der blan­ke Hass, die extre­men Situa­tio­nen und der Wort­witz, mit dem sich Ted Bun­dy durch die Songs kämpft, zei­gen immer noch eine gewal­ti­ge und ein­zig­ar­ti­ge Eigen­dy­na­mik. Ob nun Nekro­phi­lie, Sodo­mie oder das schlich­te Sozio­pa­then­tum des ost­deut­schen Rap­pers: Sei­ne Ener­gie und das rei­ne Ent­set­zen wis­sen wei­ter­hin in den Bann zu zie­hen. Gemischt mit den oft per­sön­li­chen Ein­drü­cken des Künst­lers ergibt sich ein Gesamt­werk, bei dem jede Debat­te über die Gren­zen der Kunst­frei­heit und frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung wohl schnell hit­zig wer­den könn­te. Alles, was man sich so kurz vor der besinn­lichs­ten Zeit des Jah­res eben ger­ne anhört.

Ich schlen­de­re also wei­ter über den fried­li­chen Weih­nachts­markt und höre dabei zu, wie "Joy to the World" aus dem Glüh­wein­stand neben­an schallt. Set­ze ich die Kopf­hö­rer wie­der auf, wer­de ich nur mit­be­kom­men, wie ein Mann behaup­tet, "mit ent­si­cher­ter Waf­fe die nächs­te 'Popstars'-Staffel" zu stür­men. Nun – gut, dass es die­ses Fern­seh­for­mat nicht mehr gibt.

(Sven Aumil­ler)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)