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Vollständige Version anzeigen : Zeitungartikel / Poetry Slam



Ralf Kotthoff (ForumMaster)
14-01-2001, 12:17
Original (die Wlet) hier:
http://www.welt.de/daten/2001/01/14/0114ku215439.htx



Ein Club voller Selbstdarsteller

Der Trend kommt aus Chicago: Überall in NRW treffen sich junge Leute bei so genannten Poetry Slams. Sie tragen eigene Gedichte und Rap-Texte vor - und inszenieren sich so selbst

Von Andreas Fasel

Wenn der Dichter spricht, schweigen die Zuhörer. Normalerweise. Doch bei einem Poetry Slam gelten andere Regeln: Das Publikum darf mitreden, wenn es darum geht, ob der Dichter weitersprechen darf. Und wenn das Publikum buht, dann kann er sowieso gleich einpacken; dann weiß er: Ende der Vorlesung. Aber wenn die Zuschauer Geschmack und Gefallen finden an seiner Poesie, dann peitschen sie mit Gejohle und Gejubel den Poeten von Vers zu Vers und von Runde zu Runde. Denn im Idealfall ist Poetry Slam ein bisschen wie Boxkampf. Jeder dichtet gegen jeden, erlaubt ist auch der literarische Tiefschlag, wichtig ist nur, dass die Texte selbst gemacht sind.
Beim "8. Wuppertaler Poetry Slam" ist Markim Pause der stärkste Dichter. Er gibt eine Mischung aus Klassenkasper und Büttenredner zum Besten und kassiert dafür Höchstnoten bei der Publikumsjury. Dafür darf er ein gelbes Trikot und hundert Mark mit nach Hause nehmen. Die schwülen Selbstentäußerungen eines gewissen Wollni Amseljäger sind an diesem Abend chancenlos. Zu seinem Abgang muss Amseljäger auch noch Häme einstecken: "Was wurden denn bei dir zu Hause für Weihnachtskekse gebacken?", flachst Michael Wefers, der als "Master of Ceremony" das Amt eines Moderators hat.

Wefers, 40 Jahre alt, im bürgerlichen Leben Bankkaufmann und ansonsten selber ein Dichter, hat den Wuppertaler Slam vor drei Jahren gegründet. Bevor er mit seinen Texten auf die Bühne ging, lagen sie meistens in der Schublade rum. "Beim Slam bekommst du sofort eine Reaktion darauf. Das ist das Schöne daran."

Alle zwei Monate wagt sich in der Wuppertaler "Börse" ein halbes Dutzend Slam-Poeten vor durchschnittlich hundert Zuschauer. "Tendenz stark steigend", sagt Wefers. Und nach und nach wächst in NRW auch die Zahl der Slams: Wuppertal, Aachen, Düsseldorf, Bochum, Duisburg, Dortmund haben sich längst etabliert. Neu ist der Remscheider Slam, hin und wieder wird in Bielefeld, Münster und Unna öffentlich gedichtet.

Die Vorbilder heißen Chicago und New York. Dort wurden Ende der 80er Jahre die ersten Poetry Slams veranstaltet. "Aber", so sagt Wehwalt Koslovsky, "die deutschen Slams sind mit den amerikanischen nicht zu vergleichen. In Amerika ist das viel politischer. Ein Slammer hat dort den Charakter eines Wanderpredigers." Er selbst sieht sich eher in der Tradition der Minnesänger.

Koslovsky, den kaum noch jemand als Frank Wesselmann kennt, ist ein Globetrotter in Sachen Slam. "Dat is wie Rock' n'Roll", sagt der 28-jährige Düsseldorfer, "die Texte reifen erst, wenn du viel mit ihnen unterwegs bist und sie immer wieder woanders unter die Leute bringst." So kann Koslovsky sich rühmen, als erster Deutscher bei einem US-National-Slam dabei gewesen zu sein. "Komplett durchgefallen" sei er da, "aber immerhin bin ich noch 171ster von 216 Poeten geworden."

Ein guter Verlierer zu sein ist für den Slammer genauso wichtig wie das Verse-Schmieden. "Denn man weiß ja nie", sagt Koslovsky, "gegen wen man antritt; plötzlich taucht da ein Greenhorn auf und textet dich von der Bühne." Schlimmer ist, wenn das Publikum den Poeten nicht einmal ausreden lässt. Dann bekommt die Veranstaltung den Charakter einer Lyrik-Lynchjustiz. Die Düsseldorferin Pamela Granderath erinnert sich daran, wie in Aachen eine Slammerin ans Mikrophon ging und aus ihrem Tagebuch vorlas. Weit kam sie nicht, dann war nur noch Gelächter im Saal zu hören. "Wenn du denen dein Herz hinwirfst", sagt Pamela Granderath, "musst du damit rechnen, dass es gefressen wird."

"Die Angst", glaubt sie, sei einer der Gründe, warum so wenige Frauen bei Poetry Slams mitmachen, "und das, obwohl mit Sicherheit mehr Frauen schreiben als Männer". Wahrscheinlich fehle es ihnen am Selbstdarstellungsdrang. Auch das sei in den USA anders, berichtet Wehwalt Koslovsky: "Dort ist der Slam für Frauen ein Ausdruck von Emanzipation."

Tina B., die noch den Nachnamen Arnhelm trägt, aus Wuppertal stammt und derzeit in Tübingen lebt, gehört wie Pamela Granderath zu der Handvoll erfolgreicher deutscher Slam-Poetinnen. "Als Frau versucht man auf der Bühne zunächst einmal, entweder verrucht oder lieb zu wirken", sagt sie. Zum guten Ton des Poetry Slams gehöre aber, "irgendwie eine Coolness darzustellen, und das betrachten Männer wohl als ihr ureigenes Milieu".

So richtig cool wirkt Wollni Amseljäger an diesem Abend nicht. Das bisschen Text, das er sich ausgedacht hat, vergisst er immer wieder. Andere lesen von Anfang an vom Papier ab - so wie dieser nervöse Typ, der in Wuppertal versponnene Texte rezitiert, die das Publikum noch nicht einmal zum Lachen reizen.

Koslovsky hält vom Ablesen nichts, so wichtig wie der Text sei die Bühnenpräsenz. "Du musst die Leute angucken, jede Drei-Minuten-Performance sollte ein kleines Theaterstück sein."

Und doch: Die Show allein ist nicht alles. Auch der Text muss den Nerv der Zuhörer treffen. "Das ist schwierig", sagt Michael Wefers. Zumal das Publikum in jeder Stadt anders ist. "Ich war mal in Oldenburg, da hatten die Leute ziemlich lange Texte mit extrem verschachtelten Sätzen", erzählt Pamela Granderath. In München seien dagegen abgeschlossene Geschichten gefragt. "Und im Rheinland", sagt Koslovsky, "da hat das Ganze einen gewissen Karnevalscharakter". Das wiederum finden die Berliner Slammer überhaupt nicht lustig.

Feuerwasser
14-01-2001, 13:00
zu dem Thema stand auch viel in dem Buch 20 Jahre Hip Hop in den Deutschland, ich denke ma das ich mir sowas demnächst geben werde, ist bestimmt interessant, das es in den USA politischer ist, scheint einleuchtend US-Rap is ja zum großteil auch politischer als sein deutsches Pendant
[Bearbeitet von Feuerwasser - 14-01-2001 13:02]

Lion
14-01-2001, 15:49
ich sag nur saul williams! ("niggaz way back" und "1972" zb)
außerdem checkens wert is mike ladd! (infesticons...)