History-​Adventskalender: Türchen #03 – Massive Töne (1996)

Wenn es drau­ßen lang­sam wie­der käl­ter wird und sich das Jahr dem Ende neigt, blickt man selbst ja ger­ne mal zurück und lässt die ver­gan­ge­nen Tage Revue pas­sie­ren. Wir möch­ten mit unse­rem dies­jäh­ri­gen Advents­ka­len­der einen Blick zurück­wer­fen – von heu­te bis hin zu den Anfän­gen von Hip­Hop in Deutsch­land. Sprich: knapp ein Vier­tel­jahr­hun­dert deut­scher Rap. Eine Sze­ne, die Mit­te der 90er unter ande­rem "direkt aus Rödel­heim" kam, aus dem "Fens­ter zum Hof" klet­ter­te, sich "vom Bord­stein zur Sky­line" auf­schwang und "zum Glück in die Zukunft" reis­te, um sich letzt­lich zwi­schen ein paar "Pal­men aus Plas­tik" nie­der­zu­las­sen. Kein Ele­ment der hie­si­gen HipHop-​Kultur dürf­te in all den Jah­ren einen so gewal­ti­gen Wan­del, so vie­le Höhen und Tie­fen, so vie­le Erfol­ge und Miss­erfol­ge durch­lebt haben wie Rap. Genau die­se Ent­wick­lung inner­halb der letz­ten 24 Jah­re möch­ten wir nun für Euch skiz­zie­ren, indem wir jedes Jahr anhand eines Albums dar­stel­len, wel­ches – unse­rer Mei­nung nach – nicht nur das ent­spre­chen­de Ver­öf­fent­li­chungs­jahr, son­dern auch die Sze­ne all­ge­mein nach­hal­tig präg­te.

 

1996: Mas­si­ve Töne – Kopf­ni­cker

Ich will aus der Dun­kel­heit ins Tages­licht.

Betrach­tet man die­se Plat­te nüch­tern, ist sie ein Genie­streich in zwölf Akten. Betrach­tet man sie emo­tio­nal, ist sie Spie­gel einer Genera­ti­on und Sze­ne. Ein Spie­gel, in den man wie in einem Fan­ta­sy­film hin­ein­bli­cken und ent­we­der klar und deut­lich das eige­ne Ich oder als unsicht­ba­rer Drit­ter das Leben der ande­ren sehen kann.

Trotz­dem ver­liert sich "Kopf­ni­cker" lei­der neben den "Bam­bu­les" der Deutschrap-​Geschichte. Wor­an das liegt, bleibt ein Rät­sel. Denn das, was die Mas­si­ven Töne vor 22 Jah­ren ver­öf­fent­lich­ten, gab es damals so noch nicht. Ja, es gab 1992 "Fremd im eige­nen Land". Doch in genau die­sen vier Jah­ren danach sind in Stutt­gart Style und Gefühl für text­li­che Tie­fe, Wer­te, Flow und vor allem atmo­sphä­ri­sche Beats und Scrat­ches her­an­ge­wach­sen. Nadel drauf und der Album­ti­tel ist Pro­gramm: Kopf­ni­cken. Zunächst musi­ka­lisch, dann auch inhalt­lich. Denn wenn Wasi in "Nichts­nutz" über sein Leben zwi­schen der Lie­be zu Hip­Hop und dem Aus­bil­dungs­ver­druss rappt, wird zustim­mend mit dem Kopf genickt. Das war emo­tio­na­ler Real­talk, bevor es Real­talk gab. Dazu Tracks für die Crew, die Stadt, ohne Blö­de­lei, ohne viel Poli­tik, ohne ober­fläch­li­che Batt­le­zei­len, frei von Sexis­mus und Prot­ze­rei. Was da noch bleibt? Gefühl. Wasi bricht die Aus­bil­dung ab und löst den Bau­spar­ver­trag für neu­es Equip­ment auf. Heu­te wür­de man sagen: "All in." Ges­tern hieß es noch: "Der Kerl spinnt doch!" Denn wer im Süden Deutsch­lands an einem Sams­tag lie­ber Beats und Tex­te baut, anstatt den Geh­weg zu keh­ren, der ist gesell­schaft­lich ver­lo­ren. Das schwar­ze, Schan­de über die Fami­lie brin­gen­de Schaf der Hood. So und nicht anders waren die Dau­men­schrau­ben des süd­deut­schen Spie­ßer­tums einst zu bewer­ten.

Die Ado­les­zenz im Nacken, die Lie­be zum Game in den Augen. Kopf­ni­cker war Auf­bruch. Besinn­li­che Weih­nachts­zeit ist jedes Mal, wenn ich die­ses Album höre, denn es gibt kaum bes­se­re Geschen­ke, die ich mir machen kann.

(Micha Wal­ken)
(Gra­fik von Dani­el Fersch)