High Five: 09 /​ 18 – mit u.a. The Cratez & Raf Camora, DCVDNS & Kollegah

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

KOLLEGAH - Wie ein Alpha (Prod. by Mesh & Juli­an Tie­mann)

State­ment: Kol­le­gah

Mit einer Sache hat Felix Blu­me recht: Auf dem Buch­markt gibt es zu vie­le Rat­ge­ber, die mit Flos­keln und hoh­len Phra­sen ver­su­chen, ihre Leser zu einem bes­se­ren Leben zu bewe­gen. Hand­fes­te Hil­fe bie­ten lei­der die wenigs­ten Schrif­ten die­ser Art. Dass es Kol­le­gah aller­dings kein Stück bes­ser macht, son­dern sein Moti­va­ti­ons­buch neben Stan­dard­sprü­chen auch noch mit Stein­zeit­rhe­to­rik und Sexis­mus füt­tert, ver­schweigt der Autor von "DAS IST ALPHA!". So gibt er etwa sei­ner recht jun­gen Leser­schaft ein völ­lig fal­sches Frau­en­bild mit auf den Weg: "Die Frau hat natür­lich ein Mit­spra­che­recht bei Ent­schei­dun­gen, aber der Initia­tor und Durch­set­zer, der das letz­te Wort hat, bist du." Und gleich­zei­tig beschäf­tigt er sich hob­by­mä­ßig noch als Wirt­schafts­pro­fes­sor: "Inves­ti­ti­on: 2+1=3, Aus­ga­be: 2-1=1." Wofür Invest­ment­ban­ker jah­re­lang stu­die­ren, reicht Kol­le­gah ein ein­fa­cher Satz – und sei­ne Fans kau­fen es ihm wort­wört­lich ab. Der Rap­per will jeden Leser vom "Lauch" zum "Boss" machen, des­halb gibt es am Ende des 22 Euro teu­ren Mach­werks auch noch die Emp­feh­lung zu sei­nem ent­spre­chen­den Trans­for­ma­ti­ons­pro­gramm. Wer also "Boss" sein will, muss tief in die Tasche grei­fen – und so pro­fi­tiert nur Kol­le­gah allein von sei­nen Moti­va­ti­ons­sprü­chen.

 

Juse Ju - Pain is Love (prod. Dex­ter)

Video: Juse Ju – Pain is Love

Deutschrap­vi­de­os sind längst eine Kunst für sich gewor­den, erschei­nen in vie­len Fäl­len immer pro­fes­sio­nel­ler und glei­chen optisch wie sti­lis­tisch ger­ne mal kino­rei­fen Pro­duk­tio­nen. Und ganz dem Competition-​Charakter der Sze­ne ent­spre­chend, ver­su­chen sich inzwi­schen auch hier Inter­pre­ten samt ihrer Video­pro­du­cer gegen­sei­tig zu über­trump­fen. Alle wol­len die teu­ers­te, anspre­chends­te und auf­wen­digs­te Visua­li­sie­rung schaf­fen. Deutschraps per­so­ni­fi­zier­te Ful­mi­nanz in Sachen Vor­be­rei­tungs­zeit für ein neu­es Video dürf­te nun wohl aber Juse Ju sein. Denn der sam­mel­te für die Bebil­de­rung von "Pain is Love" seit mehr als 18 Jah­ren Mate­ri­al an. Die Lie­bes­er­klä­rung an das heim­li­che, fünf­te Ele­ment von Hip­Hop aus Juses Album "Shi­bu­ya Crossing" zeigt den Rap­per und sei­ne Freun­de in den Jah­ren 1999 und 2000. Sie albern her­um, ska­ten – und fal­len vor allem auf die Nase, als hät­ten sie damals schon genau die­sen Track im Ohr gehabt. Die groß­ar­ti­ge Ver­bin­dung der VHS-​Optik die­ser Zusam­men­schnit­te und der all­ge­mein melan­cho­lisch ange­hauch­ten Throwback-​Mentalität des Albums lässt das Video dabei nicht mal wahl­los und zufäl­lig erstellt wir­ken. Statt­des­sen geht es im Gesamt­kon­zept von "Shi­bu­ya Crossing" so per­fekt auf, dass wohl kei­ne noch so hol­ly­woodrei­fe Pro­duk­ti­on der Sze­ne hier mit­hal­ten kann. Wer die­ses Video nicht liebt, trägt beim Ska­ten ver­mut­lich Knie­scho­ner.

 

FACE feat. Vega - Feu­er (prod. von John­ny Ill­stru­ment)

Song: Face feat. Vega – Feu­er

Sep­tem­ber 2018 in Deutsch­land: Der Som­mer ist vor­bei, die Blät­ter fal­len lang­sam von den Bäu­men, der Him­mel wird düs­te­rer und dem­entspre­chend wird der Ton nicht nur in Frank­furt am Main rau­er. So lässt Face zusam­men mit Label­chef und Kum­pel Vega ein FvN-​typisches Brett als wei­te­ren Vor­bo­ten zum kom­men­den Solo­al­bum "Kar­tof­fel mit Atti­tü­de" auf die Nati­on los. Dabei ist der Name Pro­gramm: Auf einen gewal­ti­gen John­ny Ill­stru­ment-Beat wer­den Türen ein­ge­tre­ten und alles abge­fa­ckelt, was nicht bei drei auf dem Baum ist. Face besticht hier­bei zusätz­lich zu sei­ner gewohnt sym­pa­thisch ver­rück­ten Art mit anspruchs­vol­len Flows und wird durch das aggressiv-​düstere Auf­tre­ten von Vega per­fekt ergänzt, so als hät­ten die zwei nie etwas ande­res gemacht. Der Hun­ger der bei­den Prot­ago­nis­ten – wel­cher durch eine "Fres­se, die glüht" und eine "Schnau­ze, die tropft" ver­deut­licht wird ist trotz der Erfol­ge der letz­ten Jah­re deut­lich zu spü­ren und macht Lust auf mehr.

 

BONEZ MC & RAF CAMORA feat. GZUZ - KOKAIN (prod. by The Cra­tez & RAF Camo­ra)

Instru­men­tal: Bonez MC & RAF Camo­ra feat. Gzuz – Koka­in (prod. by The Cra­tez & RAF Camo­ra)

Bonez und Gzuz haben bereits mehr­fach ihre Lie­be für Ohr­wür­mer der Ver­gan­gen­heit bewie­sen. Ob nun die Hook auf "Mil­lio­när", in der Bonez die Melo­die von The Cran­ber­ries' "Zom­bie" nach­singt, oder das ATC-​Sample auf "Mari­hua­na". Zusam­men mit RAF Camo­ra und The Cra­tez wid­met man sich nun dem 1995 erschie­nen Hit-​Song "Be My Lover" von La Bou­che. Zwar wird hier "nur" ein kur­zes Stück Gesang des Intros ver­wen­det, trotz­dem ist das zeit­lo­se "La La La" von Sän­ge­rin Mela­nie Thorn­ton wohl das stärks­te Wie­der­erken­nungs­merk­mal auf bei­den Tracks. Mit dem Instru­men­tal zu "Koka­in" zei­gen die betei­lig­ten Inter­pre­ten also wie­der ein­mal, wie sehr uns die Kunst des Sam­plings mit den rich­ti­gen Song­schnip­seln an längst ver­ges­se­ne Schät­ze erin­nern kann. Gott sei Dank gibt es noch unzäh­li­ge die­ser Per­len, die nur dar­auf war­ten, ges­am­plet zu wer­den.

 

DCVDNS & TAMAS - STRUGGLE (Prod. Asad­John)

Line: DCVDNS & Tamas – Strugg­le

Aber prah­len dann, sie wol­len mir die Nase bre­chen.
Weil sie zu dumm sind, um nach­zu­den­ken.

Das Kollabo-​Album von DCVDNS und Tamas rückt näher – und direkt die ers­te Sin­gle hat es in sich. Nicht nur auf­grund des für die bei­den eher unge­wohn­ten, aber star­ken Sound­bilds, son­dern auch weil sich DCVDNS über­ra­schend echt in sei­nem Part gibt. Ist man von ihm sonst ein über­zo­ge­nes Image gewohnt, bringt er die­ses Mal ehr­li­chen Real­talk. Das ist zum einen unge­wöhn­lich erfri­schend sei­tens des Saar­län­ders, zum ande­ren führt es auch zu unse­rer Line des Monats. Denn mit die­ser greift der Rap­per nicht nur den Umstand auf, dass er mit sei­nem letz­ten Solo­al­bum pola­ri­sier­te und wofür er von man­chem Künst­ler Schlä­ge ange­droht bekom­men hat. Nein, er spricht auch einen wei­te­ren wich­ti­gen Punkt an: War­um den­ken die meis­ten nie nach und suchen das Gespräch, son­dern dro­hen direkt Gewalt an? War­um wun­dert es HipHop-​Fans 2018 nicht ein­mal mehr, dass Rap­per ernst­haft die Büh­ne von Künst­lern stür­men und eine Schlä­ge­rei anfan­gen? "Weil sie zu dumm sind, um nach­zu­den­ken …"

(Sven Aumil­ler, Dani­el Fersch, Micha­el Col­lins, Stef­fen Uphoff, Lukas Päck­ert)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)