High Five: 08 /​ 18 – mit u.a. Yung Hurn, Rockstah & Lance Butters

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

State­ment: Bud­di – Bass gegen Hass

Wir schrei­ben das Jahr 2018 und wäh­rend sich deut­scher Rap vor­wie­gend fragt, ob sich Video­ga­ming als zwei­tes Stand­bein lohnt und wer dem­nächst wes­sen Kar­rie­re been­det, soll­te man sich statt­des­sen eher über­le­gen, wohin der gesell­schafts­kri­ti­sche, poli­ti­sche Aspekt der HipHop-​Community ver­schwun­den ist. Nicht zuletzt mit Blick auf die Ereig­nis­se in Chem­nitz wird wie­der mehr als deut­lich, dass die­se Sze­ne im Gro­ßen und Gan­zen längst an Aus­druck ver­lo­ren und sich der Kauf­kraft ihrer Fans zuge­wandt hat. Es gibt sie aber noch: Künst­ler, die sich immer wie­der klar posi­tio­nie­ren und ein deut­li­ches Zei­chen gegen Rechts set­zen. Ob form, der sich als Künst­ler und Mensch der guten Sache ver­schrie­ben hat, oder Rap­per wie Trett­mann, Mar­te­ria, Cas­per und K.I.Z im Zuge von #wirs­ind­mehr – es wird von Tag zu Tag wich­ti­ger, die­se Artists und ihre Aktio­nen wert­zu­schät­zen und zu unter­stüt­zen. So wie etwa das vom Wit­te­ner Bud­di initi­ier­te Benefiz-​Konzert "Bass gegen Hass". Nach­dem sich der Rap­per zuvor schon wegen des Brand­an­schlags auf einen syri­schen Lebens­mit­tel­la­den in einem offe­nen Brief an den Bür­ger­meis­ter der Stadt Wet­ter wand­te, wur­den mit dem Kon­zert am 31. August, bei dem unter ande­rem auch Wit­ten Untouch­a­ble auf der Büh­ne stand, für den Besit­zer jenes Ladens sowie wei­te­re sozia­le und gemein­nüt­zi­ge Ver­ei­ne und Grup­pen Spen­den gesam­melt. Ein gro­ßes Dan­ke an alle Teil­neh­mer, Bud­di und jeden, der in der HipHop-​Szene aktiv wird gegen rech­tes Gedan­ken­gut und den men­schen­ver­ach­ten­den Hass, der in der heu­ti­gen Zeit wie­der viel zu laut ist.

 

Yung Hurn – Eis­block (Offi­ci­al Video) (prod. by Stick­le)

Video: Yung Hurn – Eis­block

HipHop-​Videos ent­wi­ckeln sich genau­so wie der dar­in ent­hal­te­ne Rap immer wie­der in neue Rich­tun­gen. So muss man heut­zu­ta­ge nicht mehr unbe­dingt mit fet­ten Ket­ten vor noch dicke­ren Wagen und einer aus gefühlt 100 halb­star­ken Ver­mumm­ten bestehen­den Crew posie­ren, um Cool­ness zu bewei­sen. Manch­mal reicht es schon aus, sei­ne Gefüh­le offen auf der Zun­ge zu tra­gen und dabei, wie in Yung Hurns neu­em Video, auf einem zwei Meter hohen "Eis­block" zu sit­zen. Ab und an kann es auch sein, dass die Tita­nic durchs Bild huscht oder man Yung Hurn beim Bear­bei­ten eines Eis­klum­pens beob­ach­ten kann. Visua­li­siert wur­de von Andre­as Hof­stet­ter, Ste­fan Rei­ne­ke sowie Eli­as Asi­si hier­bei die inne­re Käl­te des Künst­lers, die es ihm nicht ermög­licht, Lie­be zuzu­las­sen oder eben damit umzu­ge­hen, geliebt zu wer­den. Damit ist es auf jeden Fall das "cools­te" Video, das uns die­sen Som­mer erreicht.

 

Rock­stah - Der Pin­gu­in (offi­ci­al video)

Song: Rock­stah – Der Pin­gu­in

Rock­stahs Comeback-​Single "Der Pin­gu­in" ist ein irrer Mix aus Rap, 80er Jahre-​Sounds und cine­as­ti­schem Inhalt. Der Rod­gau­er schlüpft hier in die Rol­le des titel­ge­ben­den Böse­wichts aus dem DC-​Comic-​Universum rund um Bat­man, in wel­ches man sich beim Hören unwei­ger­lich hin­ein­ver­setzt fühlt. Das unge­wöhn­li­che Set­ting nutzt der "Ben­gel mit Promisohn-​Status" geschickt dazu, dem Zuhö­rer meta­pho­risch sei­ne Posi­ti­on in der deutsch­spra­chi­gen Rap-​Landschaft zu ver­deut­li­chen. Er por­trä­tiert sich als zyni­scher und des­il­lu­sio­nier­ter Außen­sei­ter, des­sen Frust sich in gefähr­li­chem Hass nie­der­schlägt. Es besteht kei­ne Fra­ge, dass er sich kein Stück weit dem gesell­schaft­li­chen und musi­ka­li­schen Main­stream anbie­dern möch­te. Ganz im Gegen­teil: Er macht sein ganz eige­nes Ding, ob ihn die Leu­te nun lie­ben oder has­sen. Der von Phil Koch pro­du­zier­te Track ist klang­lich und inhalt­lich abso­lut ein­zig­ar­tig und macht gro­ße Lust auf das bald erschei­nen­de neue Album von Rock­stah. Die­ses wird ver­mut­lich, schenkt man dem Titel Glau­ben, ähn­lich außer­ge­wöhn­lich und kon­zep­tio­nell – denn bei "Cob­ble­pot" han­delt es sich um den bür­ger­li­chen Nach­na­men des Pin­gu­ins.

 

Mar­te­ria & Cas­per - Adre­na­lin (Offi­ci­al Video)

Instru­men­tal: Mar­te­ria & Cas­per – Adre­na­lin (prod. by The Krauts & Mar­kus Gan­ter)

Gute Beats ent­fal­ten vor allem dann ihre vol­le Wir­kung, wenn sie zur Stim­mung des Gesamt­songs pas­sen. Ein ein­drucks­vol­les Bei­spiel hier­für bie­tet "Adre­na­lin" von Mar­te­ria & Cas­per. Denn nicht nur die Deli­very und Ener­gie der bei­den Rap­künst­ler ver­kör­pern per­fekt den Rausch des titel­ge­ben­den Hor­mons – auch das Instru­men­tal von Mar­kus Gan­ter und The Krauts hat die­sen Effekt. Die schnel­len Drums zu Beginn des Tracks kün­di­gen bereits die Power an, mit der sich der Beat dann ent­lädt. Trotz­dem rech­net man nicht mit dem hef­ti­gen Drop, der noch vor dem ers­ten Part mit der Hook ein­setzt. Denn dann schep­pern der­ar­tig gro­be Bäs­se durch die Boxen, dass man gar nicht anders kann als auf­zu­sprin­gen. In den Parts neh­men sich der Bass und die har­ten Drums etwas zurück, um dem Rap der Prot­ago­nis­ten Platz zu geben – nur, um dann erneut in einer kraft­vol­len Hook zu gip­feln. Hier fin­det das Anstei­gen des Adre­na­lin­spie­gels wahr­lich sein musi­ka­li­sches Eben­bild. Ins­ge­samt mag "Adre­na­lin" ein rela­tiv plum­per Song zum Mit­grö­len sein. Doch gera­de auf­grund sei­ner bom­bas­ti­schen Pro­duk­ti­on wer­den damit sicher­lich so eini­ge Büh­nen des Lan­des abge­ris­sen wer­den.

 

Lan­ce But­ters - Yeee­aaah (Offi­ci­al Video)

Line: Lan­ce But­ters – Yeee­aaah

Wir sind von­ein­an­der alle kei­ne Fans. Denn nimmt der eine einem was weg: Kommt der ande­re und macht Stress!

Die­se Zei­len von Lan­ce But­ters' neu­er Sin­gle sind lyrisch nicht gera­de außer­ge­wöhn­lich, ohne Fra­ge. Doch die Aus­sa­ge, die dahin­ter steht, ist sehr bezeich­nend. Deut­scher Rap ist oft viel zu viel damit beschäf­tigt, sich gegen­sei­tig das Leben schwer zu machen. Wie schon in unse­rem aktu­el­len State­ment beschrie­ben, könn­te viel mehr Posi­ti­on zu wich­ti­gen The­men bezo­gen wer­den. Aber statt­des­sen geht es meis­tens nur dar­um, wer wem den Style geklaut hat oder wes­halb plötz­lich wie­der jemand bei Rap­per XY vor der Tür steht, um mit Schlä­gen zu dro­hen. Zu vie­le Künst­ler stres­sen sich lie­ber gegen­sei­tig und zu weni­ge schlie­ßen sich für eine gute Sache zusam­men. Und auch wenn Lan­ce in sei­nem neu­en Track maxi­mal das Feu­er schürt statt einen Lösungs­an­satz zu bie­ten, rüt­telt er damit ja viel­leicht doch den ein oder ande­ren Rap­per wach. Wün­schens­wert wäre es.

(Dani­el Fersch, Jan Men­ger, Stef­fen Bau­er, Flo­ri­an Peking, Lukas Päck­ert)
(Gra­fik von Puffy Punch­li­nes)