High Five: 06 /​ 18 – mit u.a. K.I.Z, Casper & Marteria & Alligatoah

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

K.I.Z. - Ich könn­te dei­ne Mut­ter oder dei­ne Schwes­ter sein (offi­ci­al video)

State­ment: K.I.Z

In der ver­meint­li­chen Män­ner­do­mä­ne Deutschrap hat man es oft mit Typen zu tun, die ihr Geschlecht nicht nur mit Stolz tra­gen, son­dern die­ses auch mit dem Selbst­ver­ständ­nis ver­bin­den, die "stär­ke­re" und "über­le­ge­ne" Art Mensch zu sein. Sexis­mus ist noch immer all­ge­gen­wär­tig und das teil­wei­se der­art ekel­haft und pene­trant, dass man fast gewillt ist, dem Gen­re den Rücken zu keh­ren. Zum Glück gibt es aber Künst­ler, die gegen­steu­ern. So auch K.I.Z, die ihrem fünf Jah­re alten Song "Ich könn­te dei­ne Mut­ter oder dei­ne Schwes­ter sein" kur­zer­hand ein nagel­neu­es Musik­vi­deo ver­pas­sen. In dem Clip sind nicht nur Ein­bli­cke in eines der legen­dä­ren Frau­en­kon­zer­te der Crew zu sehen, son­dern üben sich die Rap­per auch in Cross-​Dressing. Sie neh­men damit visu­ell die im Track ver­kör­per­ten Rol­len als Pro­sti­tu­ier­te ein, wel­che gegen her­ab­wür­di­gen­de Ten­den­zen des "star­ken" Geschlechts auf­be­geh­ren. Die Aus­sa­ge ist klar: In typi­scher K.I.Z-Manier wird mit­tels iro­ni­scher Ver­zer­rung die Absur­di­tät der immer noch weit­hin ver­brei­te­ten Tabui­sie­rung weib­li­cher Sexua­li­tät auf­ge­zeigt. Nico, Tarek und Maxim spie­len ihre Rol­len dabei der­art über­zeu­gend, dass sie so eini­ge macho­haf­te Rap­per und deren Fans – wenigs­tens ein wenig – zum Nach­den­ken brin­gen dürf­ten. Und das ist heu­te so nötig wie eh und je.

 

Alli­ga­to­ah - Alli-​Alligatoah (Offi­ci­al Video)

Video: Alli­ga­to­ah – Alli-​Alligatoah

Wer kennt es nicht? Man hört Musik und hat direkt dazu pas­sen­de Bil­der im Kopf. Manch­mal regen Lie­der die eige­ne Fan­ta­sie so sehr an, dass sich die Hand­lung direkt vor dem geis­ti­gen Auge abspielt und so ein ima­gi­nä­res Musik­vi­deo ergibt. Und genau das weiß Alli­ga­to­ah im Video zu "Alli-​Alligatoah" für sich zu nut­zen: Statt sei­nen Fans neu­es Bild­ma­te­ri­al vor­zu­set­zen, über­lässt er ihnen die Bebil­de­rung des Tracks ein­fach selbst. "Ihr ver­langt von mir, mit Kame­ra­team ein Musik­vi­deo zu dre­hen wie ein Kam­mer­spiel? Mach doch dei­ne Augen zu! Benutz doch dei­ne Fan­ta­sie!" Dann setzt er sei­nen Zuhö­rern ein schwar­zes Bild vor, sodass einem gar nichts ande­res übrig bleibt, als sich sein eige­nes Video zu ersin­nen. Wäh­rend­des­sen rappt Alli­ga­to­ah davon, wie ihm ein Käutz­chen Essens­res­te aus den Zahn­zwi­schen­räu­men pickt, ein Kin­der­chor im Moor ver­sinkt und davon, dass sein Album im Laden bei den Scherz­ar­ti­keln ein­ge­ord­net wird. Also nicht nur jede Men­ge Poten­zi­al für Kopf­ki­no, son­dern auch ein wun­der­vol­ler Vor­ge­schmack auf das anste­hen­de "StRw V" und die Gewiss­heit, dass Alli­ga­to­ah sich mit der Rück­kehr zur "Schlaf­ta­blet­ten Rotwein"-Reihe auch wie­der auf reich­lich musi­ka­li­sche – wie audio­vi­su­el­le – Expe­ri­men­te ein­las­sen wird.

 

Mar­te­ria & Cas­per - Cham­pi­on Sound (Offi­ci­al Video)

Song: Mar­te­ria & Cas­per – Cham­pi­on Sound

Kurz vor dem Monats­en­de eröff­ne­ten die bei­den Rap-​Schwergewichte Mar­te­ria und Cas­per, dass sie nach meh­re­ren Kol­la­bo­ra­tio­nen und offen geleb­ter Freund­schaft ein Album zusam­men ver­öf­fent­li­chen. "1982" heißt es und spielt auf das Geburts­jahr der bei­den Rap­per an. Die ers­te Sin­gle der Plat­te trägt den Titel "Cham­pi­on Sound" und ist – laut eige­ner Aus­sa­ge – musi­ka­lisch an den Stil des ame­ri­ka­ni­schen Pro­du­zen­ten Just Bla­ze ange­lehnt. Auf einem Brett von DJ Ill­vi­be und The Krauts lie­fern die Prot­ago­nis­ten einen erst­klas­si­gen Rep­re­sen­ter und stel­len ihr Stan­ding im Rap-​Olymp zur Schau. So erwähnt Mar­ten, dass er das Ost­see­sta­di­on füllt, wenn er mor­gen dar­auf Lust hat, und Cas­per bedient sich einem Zitat von Kult-​Fußballer Wal­ter Frosch – ent­we­der Cham­pi­ons League oder gar nicht. Ein abso­lut über­zeu­gen­der Track, der gro­ße Vor­freu­de auf das kom­men­de Album macht.

 

Mor­tel feat. Haft­be­fehl - Ori­gi­nal (prod. by Baz­za­zi­an)

Instru­men­tal: Mor­tel feat. Haft­be­fehl – Ori­gi­nal (prod. by Baz­za­zi­an)

Wer nicht auf das all­ge­gen­wär­ti­ge Trap-​Gedudel steht, hat es aktu­ell im deut­schen Rap nicht leicht. Doch es gibt sie: Beats, die mehr leis­ten als leicht ver­dau­li­ches Bei­werk zu Autotune-​Ausflügen des jewei­li­gen Rap­pers zu sein. In die­se Ker­be schlägt das Instru­men­tal von "Ori­gi­nal", dem gemein­sa­men Song von Mor­tel und Haft­be­fehl. Die Pro­duk­ti­on, bei der Baz­za­zi­an an den Reg­lern saß, besticht vor allem durch die Atmo­sphä­re. Die­se wird mit eigent­lich recht simp­len Mit­teln erzeugt: Ein kur­zes Kla­viersam­ple und har­te Drums sind fast die ein­zi­gen Zuta­ten. Den­noch zau­bert der Pro­du­cer dar­aus einen zutiefst düs­te­ren, fast melan­cho­li­schen Beat, der den lyri­schen Bericht aus der Halb­welt, wel­chen die bei­den Prot­ago­nis­ten vor­tra­gen, per­fekt unter­streicht. Die sich stän­dig wie­der­ho­len­de Piano-​Melodie wirkt dabei wie eine Art Sog, der einen immer tie­fer in den Track hin­ein­zieht. Wäh­rend des Parts von Haft­be­fehl fühlt man sich dann fast in "Azz­lack Stereotyp"-Zeiten zurück­ver­setzt und auch Mor­tels ruhi­ge Stim­me passt per­fekt zur kalt­blü­ti­gen Stim­mung, wel­che das Instru­men­tal vor­gibt. "Ori­gi­nal" beweist somit, dass es kei­nes musi­ka­li­schen Bom­basts bedarf, um eine gro­ße Wir­kung zu erzie­len.

 

Son­ne Ra ft. Audio88 & Yas­sin – TERRORIST - prod. Tor­ky Tork & Yas­sin (Offi­zi­ell Audio)

Line: Yas­sin – Ter­ro­rist

Eure gott­ver­damm­te Leit­kul­tur ficke ich mit links.

Eigent­lich ist der Track "Ter­ro­rist" schon seit län­ge­rer Zeit ein Live-​Hit von Son­ne Ra, auch ohne Fea­ture­parts. Aber der Rund­um­schlag, den Yas­sin hier ablie­fert, hebt den Track noch mal auf ein völ­lig ande­res Level. In einem kur­zen 16er bringt er hier auf den Punkt, was eigent­lich falsch läuft mit der Debat­te um die soge­nann­te "deut­sche Leit­kul­tur". Wäh­rend sich immer noch viel zu vie­le auf Kli­schees über Aus­län­der stüt­zen und gegen sel­bi­ge het­zen, reden die Kin­der am Ende "trotz­dem wie Kana­ken". Yas­sin hält Deutsch­land den Spie­gel vor und zeigt kurz auf, dass zumin­dest die jün­ge­ren Gene­ra­tio­nen schon längst gar kein gro­ßes Pro­blem mit Ein­wan­de­rern haben. Und das auch noch in einer sehr ein­gän­gi­gen und erschla­gen­den Art und Wei­se. Kurz und knapp: Er hat ganz neben­bei "eure Leit­kul­tur mit links gefickt".

(Flo­ri­an Peking, Dani­el Fersch, Lenn­art Wen­ner, Lukas Päck­ert)
(Gra­fik von Puf­fy Pun­ch­li­nes)