High Five: 05 /​ 18 – mit u.a. Marsimoto, DISSY & Füffi

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

State­ment: Absz­trakkt

In der letz­ten Zeit hat deut­scher Rap immer wie­der bewie­sen, wie kri­ti­kun­fä­hig er in wei­ten Tei­len ist und dass Selbst­re­fle­xi­on für vie­le Ver­tre­ter der HipHop-​Kultur in Deutsch­land eher ein Fremd­wort zu sein scheint. Und obwohl er sich ger­ne als Gegen­pol zum Szene-​Mainstream sieht, glänzt auch Absz­trakkt seit eini­gen Jah­ren genau damit. Kri­ti­sche Gegen­stim­men zu sei­nen Aus­sa­gen lässt er unre­flek­tiert an sich abpral­len oder äußert sich in State­ments kom­plett wider­sprüch­lich zu dem, was er in pro­ble­ma­ti­schen Tracks erzählt. Einen neu­en Tief­punkt errei­chen die Äuße­run­gen des Rap­pers auf dem Track "Dei­ne Mudra Euda". Denn egal, ob die Zei­le "Ja man, ich bin rechts – und es ist auch gut so" (die im Übri­gen nur eine von meh­re­ren frag­wür­di­gen Text­stel­len ist) nun wirk­lich so gemeint oder nur aus einer "Wenn ihr mich alle rechts nennt, bin ich eben rechts"-Mentalität ent­stan­den ist: Inak­zep­ta­bel bleibt sie in jedem Fall. Dass Rap­per ger­ne mal bockig wie klei­ne Kin­der sein kön­nen, müs­sen wir wohl hin­neh­men. Wenn sie aus die­ser Eng­stir­nig­keit her­aus aber – direkt oder indi­rekt – Ver­tre­tern rech­ter Gesin­nung in die Hän­de spie­len, muss dies in jedem Fall ange­pran­gert und kri­ti­siert wer­den. Selbst dann, wenn der ent­spre­chen­de Künst­ler für Kri­tik abso­lut unemp­fäng­lich ist.

 

Füf­fi - Peng /​ Voll in die Fres­se

Video: Füf­fi – Peng /​ Voll in die Fres­se

Füf­fis Video zu "Peng /​ Voll in die Fres­se", das unter der Regie von Herr Wed­ding ent­stand, erin­nert von der Farb­ge­bung zunächst an das gegen­der­te Kin­der­zim­mer eines klei­nen Mäd­chens, des­sen Mut­ter ger­ne eine Prin­zes­sin in die Welt gesetzt hät­te. Die schrä­gen Visu­als machen dem Zuschau­er jedoch sofort klar, dass einem hier trotz Laven­del, Alt­ro­sa und knal­li­gem Oran­ge kein Bubblegum-​Wohlfühlprodukt prä­sen­tiert wird, son­dern viel­mehr ein psy­che­de­li­scher Fie­ber­traum von einem Musik­vi­deo. Wäh­rend Füf­fi bit­ter­bö­se Kom­men­ta­re über Rap­sze­ne und Gesell­schaft zum Bes­ten gibt, zeigt ihn die sich stän­dig bewe­gen­de Kame­ra unter ande­rem dabei, wie er auf der Rücken­leh­ne statt der Sitz­flä­che eines alt­mo­di­schen Dreh­ses­sels sitzt und wild ges­ti­ku­liert. Die Sze­nen, die den Wahl­ber­li­ner beim Rap­pen zei­gen, wer­den neben ande­ren kryp­ti­schen Bil­dern mit­un­ter von sol­chen unter­bro­chen, in denen eine sche­men­haf­te Krea­tur schein­bar unter einer Plas­tik­fo­lie zu ersti­cken scheint. Ästhe­tisch irgend­wo zwi­schen M. C. Escher, Stan­ley Kub­rick und Odd Future zu ver­or­ten, han­delt es sich bei dem Video zu "Peng /​ Voll in die Fres­se" um ein kurz­wei­li­ges Werk, das die Krea­ti­vi­tät und schie­re Ver­rückt­heit sei­nes Prot­ago­nis­ten bes­tens unter­streicht.

 

Celo & Abdi x Fal­co - VIENNA CALLING feat. Niqo Nue­vo (prod. von PzY) [Offi­ci­al Video]

Song: Ćelo & Abdï – Vien­na Cal­ling feat. Niqo Nue­vo (prod. by PzY)

Das Falco-​Tribute-​Album "Ster­ben um zu Leben" weist eine ein­drucks­vol­le Aus­wahl an Inter­pre­ten auf, wel­che bei die­sem Pro­jekt mit­wir­ken. Beson­ders durch ihren Song her­vor­he­ben konn­ten sich Ćelo & Abdï , die zusam­men mit Niqo Nue­vo den Klas­si­ker "Vien­na Cal­ling" neu inter­pre­tie­ren. Auf sehr sym­pa­thi­sche Art und Wei­se erzäh­len die drei von frü­her. Die­se Art von Track ist im Rap selbst­ver­ständ­lich kei­ne Neu­erfin­dung des Rads, aber gera­de zu Abdï passt die­ses The­ma – der 385er wirkt schließ­lich des Öfte­ren, als sei er immer ein Stück weit Kind geblie­ben. Vie­le Hörer wer­den beson­ders die Zei­le "Es gibt Sachen, die ändern sich nie, wie Dra­gon Ball gucken und Play­sta­ti­on spiel'n" füh­len. Doch auch Ćelos Part und Niqo Nue­vos catchy Hook gehen gut ins Ohr. Pas­send dazu ist auch das Instru­men­tal von PzY, wel­ches die gut gelaun­ten Vibes noch ein­mal unter­streicht. Alles in allem ein Track, der ein­fach Spaß macht und eine Emp­feh­lung wert ist.

 

Instru­men­tal: DISSY – Rave on 2018 (prod. by Dong­kong)

Dis­sy­the­kid und das Pro­du­zen­ten­duo Dong­kong haben bereits auf "Fynn", der letz­ten EP des Rap­pers, zusam­men­ge­ar­bei­tet. Wäh­rend auf die­sem Werk ger­ne mal Gitar­ren zu hören waren, ist nun das "Kid" aus dem Namen ent­fal­len und der Sound klingt auch gleich deut­lich rabia­ter. "Rave On 2018" kommt mit einem bass­las­ti­gen Sound­bild daher, das sich aller­dings an kei­nen kon­tem­po­rä­ren Trends bedient. Dong­kong set­zen hier­bei nicht auf rol­len­de Hi-​Hats oder ande­re oft benutz­te Ele­men­te, son­dern kon­zen­trie­ren sich auf schnör­kel­lo­se Drums, die mit düs­te­ren Syn­thies ein­her­ge­hen. Wäh­rend die Stro­phen mini­ma­lis­tisch erklin­gen, basiert die Hook größ­ten­teils auf einem Vocalsam­ple und einem Syn­thie. Das reicht aber auch aus, um bei kom­men­den Live­gigs von DISSY die Men­ge ins Schwit­zen zu brin­gen. Denn obwohl der Titel des Songs das Raven sug­ge­riert, dürf­te jede Men­ge in aus­ge­las­se­nen Pogos zukünf­tig dazu fei­ern. Eine groß­ar­ti­ge ers­te Sin­gle, die neu­gie­rig auf das kom­men­de Album macht.

 

Line: Mar­si­mo­to – Sams­tag der 14te

Der Spuk im Hoch­haus ist vor­bei, der Fluch Legen­de.
All die Hitch­cocks und die Jig­saws crip-​walken durchs Gelän­de.

Das sind die Zei­len, mit denen Mar­si­mo­to sein neu­es­tes Album "Ver­de" eröff­net. Es sind Zei­len, die eine Geschich­te von all den berühm­ten und ver­bit­ter­ten Horror-​Legenden erzäh­len, die Sams­tag, den 14. erle­ben müs­sen. Es sind vor allem aber Zei­len, die uns ein wei­te­res Mal in die grü­ne und durch­ge­dreh­te Welt von Mar­te­rias Alter Ego ent­füh­ren. Auf dem Trip durch die 14 Songs wer­den wir unter ande­rem durch den All­tag eines Terror-​Kükens in der Mas­sen­fleisch­pro­duk­ti­on geführt, sehen die Welt von "Photoshop"-Philipp und die vom "bes­ten Freund des Men­schen". Alle­samt irr­wit­zi­ge Gedan­ken, die nur ein Cha­rak­ter wie das sym­pa­thi­sche "Green Berlin"-Männchen umset­zen könn­te. Dabei sprüht vor allem das Horror-​Szenario auf dem ers­ten Track vor lau­ter krea­ti­ver Ide­en, die sich bereits mit der ers­ten Zei­le kana­li­sie­ren las­sen. Die Zei­le des Monats ist dabei nur ein Bei­spiel für vie­le Meta­phern, die einen bild­haft in Sze­ne­ri­en ein­tau­chen las­sen – und die aus­ge­hen­de Gefahr von Nor­man Bates, Jig­saw und Co. defi­ni­tiv ein­schrän­ken.

(Dani­el Fersch, Stef­fen Bau­er, Stef­fen Uphoff, Lenn­art Wen­ner, Sven Aumil­ler)
(Zeich­nung von Dani­el Fersch, Foto von Paul Rip­ke)