Verrückte Hunde

Rap ist gefühlt so erfolg­reich und prä­sent wie nie zuvor. Mitt­ler­wei­le lau­fen auf jeder Par­ty ganz selbst­ver­ständ­lich Hits von Kendrick Lamar, Tra­vis Scott oder Post Malo­ne – oder hier­zu­lan­de RAF Camo­ra und Bonez MC. Sound­tech­nisch ist hier vor allem der Trap- bezie­hungs­wei­se Dancehall-​Sound ver­tre­ten. Die Musik der Ver­rück­ten Hun­de habt ihr auf der letz­ten Deutschrap-​Party wahr­schein­lich genau­so wenig gehört, wie ihr sie in der "Deutschrap Brandneu"-Playlist auf Spo­ti­fy fin­den wer­det. Die Ber­li­ner Crew – bestehend aus den Rap­pern Scu und Foxn, den DJs Da Kid und Gera­et sowie Kova am Mix – steht für einen klas­si­schen Rap-​Entwurf, ange­lehnt an den Sound Mit­te der 90er Jah­re, den sie sowohl rap- als auch pro­duk­ti­ons­tech­nisch ins Heu­te trans­por­tiert. Musik von Heads für Heads, für B-​Boys und Wri­ter. Anläss­lich ihres drit­ten Albums "VH" und der dazu­ge­hö­ri­gen Tour spra­chen wir mit Scu und Da Kid über das Allein­stel­lungs­merk­mal ihrer Crew und das frü­he­re Außen­sei­ter­da­sein als Hip­Hop­per in der Gesell­schaft. Außer­dem über die Wer­tig­keit von Musik in Zei­ten von Streaming-​Diensten und natür­lich ihre Lieb­lings­hun­de.

MZEE​.com: Die ver­rück­ten Hun­de kön­nen mitt­ler­wei­le auf fast zehn Jah­re Band­ge­schich­te zurück­bli­cken. Was ist die größ­te Ver­än­de­rung, die ihr als Crew in die­sen Jah­ren durch­ge­macht habt? Und was ist immer gleich­ge­blie­ben?

Scu: Eigent­lich ist vie­les gleich­ge­blie­ben, was zum Bei­spiel den Arbeits­pro­zess und so wei­ter angeht. Die gan­ze Her­an­ge­hens­wei­se ist aber ein biss­chen pro­fes­sio­nel­ler gewor­den, sowohl live als auch auf Plat­te. Wir haben eben irgend­wann gemerkt, dass eini­ge Leu­te unse­re Musik ger­ne hören. Dann pro­fes­sio­na­li­sierst du dich auto­ma­tisch und orga­ni­sierst dich bes­ser.

Da Kid: Mit der Zeit muss man dann kei­ne Release­da­ten mehr ver­schie­ben, wie es beim ers­ten Album immer pas­siert. (grinst) Wir wis­sen schon, wie wir alles vor­be­rei­ten müs­sen, um ein Release locker über die Büh­ne zu brin­gen.

Scu: Und wir wis­sen auch genau­er, was wir wol­len. Auf den ers­ten Releases haben wir uns noch etwas aus­pro­biert, die Styles der Beats gewech­selt und die Leu­te auch mal in die Irre geführt, weil wir halt Bock dar­auf hat­ten. Einen roten Faden im Sound­bild und allem Drum­her­um haben wir eher seit "Tohu­wa­bo­hu", als wir ange­fan­gen haben, wie­der mit der SP1200 Beats zu machen.

MZEE​.com: Von der Sound­äs­the­tik her seid ihr euch immer recht treu­ge­blie­ben. Die ver­rück­ten Hun­de von vor zehn Jah­ren wären ver­mut­lich cool damit, was ihr macht, oder?

Scu: Ja, ich den­ke schon. Wir machen halt den Sound, den wir kön­nen. Ich mach' das seit 25 Jah­ren, die ande­ren auch schon län­ger und wir haben ein­fach Bock dar­auf, wenn wir zusam­men Mucke machen. Es ist ja nicht so, dass wir Scheu­klap­pen tra­gen und nur die Musik fei­ern, die wir machen. Wir wis­sen auch, was sonst so abgeht. Aber die­ser Sound und der Fla­vour erge­ben sich bei uns ein­fach. Im End­ef­fekt ist das halt 'ne Geschmacks­fra­ge.

Da Kid: Wir haben an sich ja auch alle einen unter­schied­li­chen Musik­ge­schmack. Da arran­giert man sich natür­lich immer wie­der. Ich leg' in Clubs ja auch Trap und ande­ren moder­nen Scheiß auf. Foxn und Scu hören halt immer noch die gan­zen alten Schin­ken. (grinst) Da groovt man sich ein­fach ein und muss auch kei­ne gro­ßen Kom­pro­mis­se fin­den. Es fühlt sich ein­fach rich­tig an.

Scu: Genau. Auch wenn wir total ver­schie­den sind, clasht es da eigent­lich nie rich­tig. Wir sind immer froh, wenn wir zusam­men sind, wir haben ja auch beruf­lich ande­re Ver­pflich­tun­gen als frü­her. Wenn wir zusam­men­kom­men, ist es ein­fach immer ins­ge­samt ein coo­ler Vibe. Wir haben halt Bock, zusam­men Mucke zu machen und vor allem mit­ein­an­der abzu­hän­gen. Das ist ja das Wich­tigs­te: Ein­fach 'ne gute Zeit zu haben.

MZEE​.com: Beim Hören eures Albums habe ich mich vom Sound und der Atti­tü­de her zurück in die Gol­den Era ver­setzt gefühlt. Wür­det ihr das als das Beson­de­re und Allein­stel­lungs­merk­mal eurer Musik bezeich­nen?

Da Kid: Schon, ja. Ich ken­ne zumin­dest kei­ne ande­re deut­sche Rap-​Band, die die­sen Sound macht. Das ist halt der Sound, mit dem wir auf­ge­wach­sen sind und wir blei­ben der Sache treu. Das nächs­te Album könn­te natür­lich auch pro­blem­los ein Trap-​Album wer­den, aber das macht halt jeder. Umso mehr freut es uns natür­lich, wenn wir mit der Musik das Gefühl ver­mit­teln kön­nen, das wir auch selbst haben. Der Song "Gol­den Raprea­ver" reprä­sen­tiert das eigent­lich zu 100 Pro­zent. Jede Zei­le, die da gesagt wird, ist halt genau so gewe­sen. So haben wir Hip­Hop von 1996 bis 2000 wahr­ge­nom­men.

Scu: 1993 ging's ja eigent­lich los, bei mir zumin­dest. Aber wir sind jetzt auch nicht total hän­gen­ge­blie­ben, wir wol­len den Sound von damals schon in die heu­ti­ge Zeit trans­por­tie­ren. Des­we­gen haben wir auch den Kova dazu­ge­holt, der alles gemixt hat. Der hat ein gol­de­nes Ohr. Wir haben die Plat­te fett mas­tern las­sen. Also, wir wol­len schon, dass es zeit­ge­mäß und heu­te noch hör­bar ist, es soll nicht wie von Tape klin­gen. Und es hat viel Zeit und Mühe gekos­tet, den Sound ohne total ana­lo­ges Stu­dio hin­zu­be­kom­men. Es ist auf jeden Fall unser Anlie­gen, den Leu­ten zu zei­gen, dass die­se Mucke auch heu­te noch fett ist. Und wenn wir die Sachen live spie­len, haben die Leu­te auch mega viel Spaß. Es ist ja nicht so, dass das kei­ner nach­voll­zie­hen könn­te.

MZEE​.com: Rap selbst hat sich in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren enorm ver­än­dert – mal weiter- und mal zurück­ent­wi­ckelt. Wel­chen Wan­del der Sze­ne betrach­tet ihr als posi­tivs­ten, wel­che Ver­än­de­rung ist für euch die nega­tivs­te?

Scu: Es ist geil, dass Rap grö­ßer gewor­den ist und über­all statt­fin­det. In jedem Sub­gen­re gibt es super­gu­te Acts, fin­de ich. Es hat sich all­ge­mein mega­mä­ßig wei­ter­ent­wi­ckelt. Aber was sich lei­der nicht so wei­ter­ent­wi­ckelt hat, ist ein­fach der Sound an sich. Da wird ein biss­chen auf die Qua­li­tät geschis­sen. Es geht ja nur noch um MP3s und so wei­ter – wir ste­hen noch drauf, das über HiFi-​Boxen oder live gut hören zu kön­nen, sodass dir die Höhen nicht um die Ohren flie­gen. Da wird halt drauf geschis­sen, weil auch das Geld dafür nicht mehr so da ist wie frü­her. Die fet­ten, ana­lo­gen Stu­di­os gibt's ja kaum noch. Aber ansons­ten hat es sich super ent­wi­ckelt – es gibt so viel Hip­Hop in jeg­li­cher Form in Deutsch­land bezie­hungs­wei­se auf der gan­zen Welt. Und es ist schon cool, wie sich das ent­wi­ckelt hat.

MZEE​.com: Auf "Gol­den Rap Rea­ver" rappt Scu: "Ich war grad' 16, da hat das alles ange­fan­gen. Die einen Freun­de hör­ten Hea­vy Metal und die ande­ren Punk." – Habt ihr euch zu Beginn eurer Akti­vi­tät in der Sze­ne als Außen­sei­ter in der Gesell­schaft gefühlt?

Da Kid: Abso­lut. Du wur­dest ja auf der Stra­ße blöd ange­guckt, wenn du 'ne Bag­gy anhat­test. Auch allein club­mä­ßig: Wir muss­ten uns den Floor halt meis­tens mit Punk-​Bands oder Crossover-​Musik tei­len. Das heißt, es lief ein paar Stun­den was ande­res und dann kam ab und zu mal 'ne hal­be Stun­de Hip­Hop. Heut­zu­ta­ge hast du für jedes Gen­re einen eige­nen Club. Hier in Ber­lin haben wir min­des­tens fünf Clubs, in denen wir jede Art von Rap hören kön­nen. Die Leu­te heut­zu­ta­ge haben es da schon wesent­lich ein­fa­cher. Wir muss­ten uns die Infor­ma­tio­nen zie­hen und die Inspi­ra­ti­on suchen, um über­haupt mit Hip­Hop in Kon­takt zu kom­men.

Scu: Ich bin ja noch ein biss­chen älter. Ich hab' so um 1992 her­um ange­fan­gen, Rap zu hören. Da gab's noch nicht mal Bag­gys in den Läden. Du bist zu C&A gerannt, hast dir 'ne wei­te Opa-​Hose geholt und die umschnei­dern las­sen. Hast dir noch 'ne Opa-​Mütze geholt und bist abends damit in den Club gegan­gen. Das war schon fun­ky. (grinst) Oder du bist jeden Sams­tag in den Second Hand-​Laden gegan­gen, um ein coo­les Out­fit zu haben. 'Ne Leder­ja­cke oder so, um ein biss­chen B-​Boy-​mäßig rüber­zu­kom­men. Da muss­te man sich schon Gedan­ken machen. Heu­te kannst du dir halt alles im Inter­net kau­fen.

MZEE​.com: Ihr habt schon gesagt, es freut euch, dass Rap mitt­ler­wei­le so groß ist. Wie seht ihr denn die Ent­wick­lung, dass ande­re HipHop-​Elemente wie Break­dance oder Graf­fi­ti in der brei­ten Wahr­neh­mung ver­gleichs­wei­se eine eher klei­ne Rol­le spie­len?

Scu: Das sieht man ja auch an Rap­vi­de­os. Die B-​Boys sind dann irgend­wann eige­ne Wege gegan­gen. Die haben schon zu mei­ner Zeit gar kei­nen Rap mehr gehört, weil sie sich benach­tei­ligt gefühlt haben. Du siehst B-​Boys nur noch auf irgend­wel­chen eige­nen Tanz­ver­an­stal­tun­gen, die Wri­ter zie­hen nachts los, aber von denen hören auch vie­le gar kei­nen Rap mehr. Zumin­dest die, die ich ken­ne. Das ist lei­der etwas aus­ein­an­der­ge­gan­gen, aber wir hal­ten da noch die Fah­ne hoch und pro­bie­ren auch, das mit unse­rem Pro­jekt zu kom­mu­ni­zie­ren, damit es nicht in Ver­ges­sen­heit gerät. Der Stuff ist schon wich­tig für uns, auf jeden Fall.

Da Kid: Graf­fi­ti ist aber auf jeden Fall immer noch groß, fin­de ich. Wenn du dir Ber­lin anguckst … Auch die 187er sind da ja zum Bei­spiel voll am Start. Und auch die DJ-​Szene als "vier­tes Ele­ment" wächst.

MZEE​.com: Mich wür­de eure Mei­nung zu einem The­ma inter­es­sie­ren, über das wir vor Kur­zem mit Lak­mann gespro­chen haben: den Stel­len­wert von Musik in einer Zeit, in der sie über Streaming-​Dienste immer ver­füg­bar ist. Lak­mann hat die The­se auf­ge­stellt, dass Musik dadurch an Wer­tig­keit ver­liert. Wie seht ihr das?

Da Kid: Da wür­de ich ihm voll­kom­men zustim­men. Das siehst du ja auch selbst an dei­ner Play­list, wenn du auf dein Han­dy guckst. Ich glau­be nicht, dass du das noch nach Gen­res oder alpha­be­tisch sor­tierst. Wir strea­men halt alles, wor­auf wir gera­de Bock haben. Die­se "Genera­ti­on Play­list" fin­de ich auch nicht so geil. Ech­te Künst­ler ver­su­chen halt, auf einem Album einen roten Faden von A nach B durch­zu­zie­hen. Durch die­se Play­lists geht das total ver­lo­ren. Aber es gibt ja auch schon die ers­ten Leu­te, die etwas aus die­sem Playlist-​Flavour machen. Zum Bei­spiel jede Woche einen Song hoch­zu­la­den und so das Album ent­ste­hen zu las­sen, fin­de ich wie­der ganz geil. So erzieht der Künst­ler die Hörer auch ein biss­chen. Aber ins­ge­samt fin­de ich es scha­de, dass das For­mat "Album" so unter­geht und es nur noch um Sin­gles geht. Dadurch geht schon ein Fee­ling ver­lo­ren.

Scu: Genau. Die­ses Fee­ling, dass dich ein Album mit auf eine Rei­se nimmt. Der Pro­zess, das Album erst mal im Plat­ten­la­den zu dig­gen und dir dann bewusst die­se 12 bis 16 bis 20 Songs anzu­hö­ren, geht lei­der total ver­lo­ren. Ich fin­de auch, dass dir nur ein Album ein rich­ti­ges Bild vom Künst­ler ver­mit­teln kann. Ein Song kann das nicht wie­der­ge­ben. Aber das ist für die jun­ge Genera­ti­on eh nicht mehr inter­es­sant. Die sind auf ihrem Film und das ist auch völ­lig okay, genau­so, wie wir auf unse­rem Film waren. Die Zei­ten ändern sich halt. Wir fei­ern immer noch Alben und ver­su­chen auch, gute Alben zu machen. Obwohl wir wis­sen, dass das zumin­dest in der Mas­se nicht all­zu vie­le Leu­te nach­voll­zie­hen kön­nen.

MZEE​.com: Mau­li hat in einem Inter­view mit uns den Begriff "Streaming-​Rap" für die­se gan­zen Sin­gles benutzt. Er mein­te, dass es ihn total ankotzt, dass vie­le Rap­per qua­si nur noch Tracks aus den ange­sag­ten Deutschrap-​Playlists kopie­ren.

Da Kid: Wir reden ja im End­ef­fekt auch immer über die­sel­ben Play­lists. Du skippst "Deutschrap Brand­neu" durch und es ist ein­fach immer wie­der das­sel­be. Das Sche­ma ist ja rela­tiv sim­pel, das Rezept für einen Hit ist les­bar. Da reiht sich jeder ein. Ich glau­be, dass wir mit unse­rer Musik letzt­end­lich den län­ge­ren Atem haben und auch in den nächs­ten zehn Jah­ren unse­re Mucke machen wer­den. Da wer­den eini­ge Leu­te, die ihre Sin­gles in die­se Play­lists gedrückt haben, wahr­schein­lich irgend­wann mer­ken, dass sie nicht der Eine unter den Hun­dert sind und sich nach dem nächs­ten Trend rich­ten. Die wer­den dann viel­leicht Fashion-​Blogger und foto­gra­fie­ren ihre Snea­ker.

Scu: Die Lang­le­big­keit der Musik liegt uns sehr am Her­zen. Uns schrei­ben auch vier Jah­re nach Release noch Leu­te an und fra­gen nach älte­ren Alben, weil sie gera­de erst auf uns gesto­ßen sind. Frü­her muss­test du ein Ori­gi­nal sein. Es gab zwar vie­le Rap­per, aber die waren alle rela­tiv eigen. Heu­te gibt's halt die zehn­te Kopie von jedem. Ich fin­de die Ori­gi­na­le teil­wei­se sehr gut, aber das Pro­blem ist eben, dass sich am Ende alles gleich anhört, weil alle den glei­chen Style fah­ren. Ich will das nicht mal so sehr ver­ur­tei­len. Aber die­se HipHop-​Einstellung, ein Ori­gi­nal zu sein und einen eige­nen Style zu kre­ieren, ist bei vie­len auf der Stre­cke geblie­ben. Defi­ni­tiv. Natür­lich gibt's auch Ver­an­stal­tun­gen wie die Tape­fa­brik, auf der die Kul­tur noch lebt. Aber das ist im End­ef­fekt halt auch nur eine Sub­kul­tur.

MZEE​.com: Wobei die­se Sub­kul­tur auch total gewach­sen ist. Die Tape­fa­brik war zum Bei­spiel in die­sem Jahr erst­mals im Vor­hin­ein aus­ver­kauft. Das Gan­ze hat eben zwei Sei­ten.

Scu: Voll, klar.

MZEE​.com: Und tat­säch­lich sit­zen bei Spo­ti­fy ja schon ein paar Leu­te mit Ahnung, die für musi­ka­lisch anspre­chen­de Lis­ten sor­gen. Die bie­ten ja zum Bei­spiel mit der "Rohstoff"-Playlist Beatma­kern eine Platt­form.

Da Kid: Ste­phan Szil­lus sitzt da, ja. Zum Glück sitzt da so einer.

Scu: Es ist auf jeden Fall cool, dass sie da auch jeman­den mit Ahnung von der gan­zen Geschich­te ein­bin­den.

MZEE​.com: Kom­men wir noch mal auf euer Album zu spre­chen. Im Song "Schau­kel­stuhl" sprecht ihr über vie­le Unge­rech­tig­kei­ten und Din­ge, die auf der Welt falsch lau­fen, kommt aber zum Schluss, dass ihr im End­ef­fekt auch nicht wirk­lich etwas dage­gen tut. Beschäf­tigt euch das The­ma häu­fi­ger?

Scu: Ja, das The­ma beschäf­tigt mich sehr. Wir woll­ten mit dem Song mit einem sehr blu­mi­gen Instru­men­tal und einer Jazz-​Stimmung mal ein erns­tes The­ma anspre­chen. Das haben vie­le auch nicht kapiert. Es geht eigent­lich dar­um, dass der Mensch 'ne Bitch ist und dass sich auch kei­ner da raus­neh­men kann. Wir tra­gen alle die Nikes und machen es irgend­wie mit. Da ist es ein zwei­schnei­di­ges Schwert, den Zei­ge­fin­ger hoch­zu­hal­ten. Auch wenn man viel­leicht ein paar mehr Kar­ma­punk­te gesam­melt hat, ist man 'ne Bitch, die in einem rei­chen Land im Wes­ten lebt, wäh­rend es 80 Pro­zent der Welt schlecht geht, damit 20 Pro­zent der Welt davon leben kön­nen. Man soll­te sich schon vor Augen hal­ten, wie gut wir es hier haben. Und wenn es uns schon ziem­lich gut geht und trotz­dem im Hin­ter­grund Kor­rup­ti­on und so wei­ter vor sich geht, was ist das dann für 'ne ver­fick­te Welt? Dar­um ging es mir in dem Song. Es ist natür­lich manch­mal schwie­rig, das in einem Track für jeden ver­ständ­lich zu machen, des­halb machen wir das oft zwi­schen den Zei­len …

Da Kid: (unter­bricht) Ich dach­te, wir machen nur Rap über Rap. (alle lachen)

Scu: "Schau­kel­stuhl" liegt mir auf jeden Fall sehr am Her­zen. Aber ist natür­lich nicht jeder­manns Sache. Es hat nicht jeder Bock drauf, sich anzu­hö­ren, dass er auch ein Wich­ser ist.

MZEE​.com: Was kann man denn auch aus sei­nem Schau­kel­stuhl her­aus tun, um etwas zu bewe­gen?

Scu: Du kannst das, was dir zur Ver­fü­gung steht, nut­zen, um Men­schen auf die The­ma­tik auf­merk­sam zu machen. Unser Medi­um ist halt die Musik. Und wir ver­su­chen, unse­ren Teil dazu bei­zu­tra­gen, dass ande­re Men­schen mal dar­über nach­den­ken, dass die Welt etwas gerech­ter wer­den könn­te. Ansons­ten war ich frü­her viel eupho­ri­scher und hoff­nungs­vol­ler und dach­te, dass man viel ändern kann. Lei­der habe ich aber die Erfah­rung gemacht, dass der Mensch in der Mas­se ein­fach zu Sys­te­men mit Hier­ar­chi­en und damit auch zu Kor­rup­ti­on neigt. Nimm dir lie­ber dei­nen klei­nen Freun­des­kreis, sei ehr­lich zu dei­nen Freun­den, häng mit denen ab und ver­such, mit ihnen was Gutes zu machen. Bei zu vie­len Leu­ten gibt es direkt wie­der Neid und den gan­zen Hick­hack, den es seit Jahr­hun­der­ten gibt. So ist der Mensch eben gestrickt.

MZEE​.com: Kon­kre­ter wer­det ihr auf dem Track "Long ago", auf dem ihr gegen den Rechts­ruck und die AfD schießt. Euch ist es dies­be­züg­lich schon wich­tig, auch eine poli­ti­sche Hal­tung ein­zu­neh­men?

Scu: Ja, haben wir frü­her nie gemacht. Ich find's immer schei­ße, mit Halb­wis­sen um sich zu wer­fen. Des­halb hab' ich es so gelöst, dass ich ein­fach Bil­der aus dem Drit­ten Reich anein­an­der­ge­reiht und am Ende etwas auf die heu­ti­ge Zeit adap­tiert bezie­hungs­wei­se bezo­gen habe. Ansons­ten hal­te ich mich von Poli­tik eher fern, weil ich da ein­fach nicht viel Gerech­tig­keit sehe. Den Song fin­de ich aber sehr gelun­gen, jeder kann sei­ne Schlüs­se dar­aus zie­hen. Wir haben auf jeden Fall eine Mei­nung und die haben wir jetzt auch mani­fes­tiert. Ich bin sehr links erzo­gen wor­den und was gera­de abgeht, ist für mich abso­lu­ter Wahn­sinn. Ich kann gar nicht nach­voll­zie­hen, wie vie­le Men­schen so eine Par­tei bei uns wäh­len kön­nen, wie vie­le Men­schen so einen Prä­si­den­ten in Ame­ri­ka wäh­len kön­nen … Das ist für mich echt unfass­bar.

MZEE​.com: Wür­det ihr euch wün­schen, dass mehr Künst­ler ihre Reich­wei­te nut­zen, um eine Hal­tung zu demons­trie­ren bezie­hungs­wei­se auf sol­che The­men auf­merk­sam zu machen?

Scu: Defi­ni­tiv. Es gibt so vie­le Leu­te, die viel mehr Reich­wei­te haben als wir und bestimmt etwas bewe­gen könn­ten. Die müs­sen ja nicht immer nur über Dro­gen und Nut­ten rap­pen. Die haben zwar ihren Reiz, aber 'ne ehr­li­che Mei­nung ist auch mal ganz fun­ky. Das haben ja die Lyri­ker vor Jahr­hun­der­ten auch nicht anders gemacht. Wir sind die Lyri­ker der Gegen­wart, unse­re Tex­te wer­den in 100 Jah­ren in irgend­wel­chen Büchern ste­hen. Nicht mei­ne, aber die von gro­ßen Rap­pern. Das ist ja die ein­zi­ge Lyrik, die gera­de ent­steht und wirk­lich Auf­merk­sam­keit erhält. Gro­ße Schrift­stel­ler schrei­ben ja kei­ne Gedich­te mehr, son­dern Roma­ne, Novel­len oder Ähn­li­ches. Rap­per und Musi­ker der Gegen­wart haben in der Hin­sicht schon Macht. Wenn jetzt ein Haft­be­fehl in der Hin­sicht mal poli­tisch kor­rekt einen poli­ti­schen Song machen wür­de – das wäre schon was. (grinst)

MZEE​.com: In der letz­ten Zeit hat Rap im Zuge der Echo-​Verleihung aus unse­rer Sicht vor allem gezeigt, unfä­hig für Eigen­kri­tik zu sein. Wie habt ihr den Umgang der Sze­ne mit dem The­ma wahr­ge­nom­men?

Scu: Das hab' ich ähn­lich wahr­ge­nom­men. Man kann sich alles schön­re­den und das wur­de wie­der mal getan. Wenn Kol­le­gah und Farid Bang die Line, um die es ja zu gro­ßen Tei­len ging, auf ihrem Album nicht drop­pen: Ver­kau­fen die dann zwei Alben weni­ger? Wahr­schein­lich nicht. Das kann ich dazu sagen. Irgend­wann ist es halt auch gut. Da wur­de mei­ner Ansicht nach eine Gren­ze über­schrit­ten. Wir leben hier in dem Land, in dem vor 80 Jah­ren so eine Schei­ße pas­siert ist. Die­ses The­ma soll­te man dann ein­fach umge­hen. Ich find' Batt­lerap schön und gut, das ist alles cool und man kann auch mal über die Strän­ge schla­gen und gei­le, abge­fah­re­ne Meta­phern brin­gen. Aber das war zu hef­tig für mich und ich find's schei­ße, das schön­zu­re­den.

Da Kid: Ich fin­de es auch scha­de, dass die Rap­sze­ne dar­un­ter gelit­ten hat. Obwohl Rap in der Gesell­schaft ange­kom­men ist, gilt Rap jetzt so als "die­se anti­se­mi­ti­sche Musik da".

MZEE​.com: Es fehlt ja all­ge­mein immer wie­der an kri­ti­schen Stim­men in der Sze­ne – auch wenn es um The­men wie Homo­pho­bie und Frau­en­feind­lich­keit geht.

Da Kid: Vor allem war das The­ma in der Rap­sze­ne selbst bis April über­haupt nicht prä­sent. Das Album kam im Dezem­ber raus. Wir hät­ten ja die Ers­ten sein müs­sen, die dar­über in Inter­views spre­chen oder das kri­ti­sie­ren. Ich hab' kei­nen HipHop-​Medienartikel dar­über im Janu­ar gele­sen. Das ist eigent­lich ein Rie­sen­pro­blem. Und da soll­ten sich alle mal selbst an die Nase fas­sen, war­um sie erst vier Mona­te spä­ter, nach­dem sie schon 15 Reviews über das Album geschrie­ben haben, über die­se eine Line debat­tie­ren.

Scu: Da muss­te erst Cam­pi­no kom­men.

MZEE​.com: Kom­men wir zum Ende des Gesprächs noch mal zu einem ange­neh­me­ren The­ma: Euer eige­ner Sound knüpft ja eher an eure Lieb­lings­künst­ler von frü­her an. Ich wüss­te ger­ne, wel­che Acts ihr aktu­ell ger­ne hört.

Scu: Bei Ami-​Sachen bin ich völ­lig raus. Wenn ich mich mit Musik beschäf­ti­ge, tu' ich das tat­säch­lich fast nur noch, wenn ich selbst Musik pro­du­zie­re. Man hat ja auch nicht alle Zeit der Welt. Aber die­ser Kwam.e aus Ham­burg ist mega dope. Tat­säch­lich hab' ich aber auch 'ne ande­re Sei­te. Mei­ne Fans wer­den mich wahr­schein­lich dafür has­sen, aber ich bin ein ehr­li­cher Typ: Das Trettmann-​Album hat mich so berührt. Das find' ich text­lich und lyrisch so krass. Der darf auch mal Auto­tu­ne benut­zen, weil er sin­gen kann. Ich hab' das gehört und mega Gän­se­haut bekom­men. Das Album hat mich jetzt lan­ge Zeit rich­tig geflasht. Ich wür­de so einen Sound nicht machen, weil es nicht mei­ner ist, aber die Plat­te hat mich umge­hau­en. Der hat's auch echt ver­dient, dafür, dass er seit 30 Jah­ren rum­strugglet.

MZEE​.com: Das Trettmann-​Album ist in die­sem Playlist-​Dschungel echt eins der weni­gen, das, glau­be ich, vie­le Leu­te mal wie­der über einen län­ge­ren Zeit­raum beglei­tet hat.

Da Kid: Da reden ja auch alle über das Album. Das The­ma "Sin­gle" ist da gar nicht so prä­sent.

Scu: Er hat's geschafft. Und das musst du heu­te erst mal.

Da Kid: Ich fei­er' Ulys­se. Der wird auf jeden Fall noch was rei­ßen. Und ja, die neu­en Kwam.e Sachen sind auf jeden Fall auch dope.

MZEE​.com: Dann kom­men wir zur letz­ten Fra­ge, die sich an eurem wun­der­schö­nen Crew-​Namen ori­en­tiert: Was sind eure Lieb­lings­hun­de?

Scu: Mein Lieb­lings­hund ist mein Hund! Der ist ja auch in unse­ren Blogs am Start. Das ist ein Labra­dood­le. Eine ganz süße, mitt­ler­wei­le gro­ße Hün­din. Ich bin Labrador-​Fan, aber da ist Pudel mit drin, dann haa­ren die nicht so. Das sind so Anti-​Allergiker-​Hunde. Hun­de sind ein­fach die bes­se­ren Men­schen. Immer treu und an dei­ner Sei­te, die neh­men immer wahr, wie du drauf bist. Das ist 'ne coo­le Sache.

Da Kid: Spä­ter, wenn ich alt bin, hole ich mir auf jeden Fall einen Dackel. So rich­tig old­school.

Scu: Alter. (lacht)

Da Kid: Ich erzieh' den zu 'nem rich­ti­gen Wich­ser. (lacht)

Scu: Die sind von Haus aus Wich­ser. Mein gro­ßer Traum ist 'ne Mischung aus Ber­ner Sen­ne und Bern­har­di­ner. Das sind so rich­tig rie­si­ge Klöp­se. Der kriegt dann ein Fass um, in dem ich mein Gras depo­nie­re. Das mach' ich, wenn ich in Ren­te gehe.

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Fotos von Dani­el Feigl)