Lakmann

Es gibt gro­ße Künst­ler, die Auf­trit­te eine hal­be Stun­de vor Beginn absa­gen, weil sie etwas erkäl­tet sind. Viel­leicht auch, weil sie ein­fach kei­ne Lust haben, aber das ist an die­ser Stel­le natür­lich Spe­ku­la­ti­on. Und es gibt Künst­ler, die schwer ange­schla­gen eine gro­ße Fes­ti­val­büh­ne abrei­ßen und sich vor­her noch von uns zum Inter­view bit­ten las­sen. In die­sem Fall spre­chen wir von Lak­mann One. In einem, nur gele­gent­lich von klei­nen Hus­ten­an­fäl­len unter­bro­che­nen, sehr ehr­li­chen Gespräch rede­te der Wit­te­ner mit uns vor einem Auf­tritt über sei­ne Kar­rie­re, die Wer­tig­keit von Musik in Zei­ten von Spo­ti­fy & Co und die aktu­el­le Ent­wick­lung der deut­schen Rap­sze­ne. Außer­dem spra­chen wir mit Lak­mann über die locke­re Her­an­ge­hens­wei­se an sei­ne aktu­el­le Plat­te "Fear of a wack Pla­net" und die posi­ti­ve Reso­nanz dar­auf, die deut­sche Battlerap-​Szene und einen noch uner­füll­ten Traum.

MZEE​.com: Begin­nen wir das Inter­view mit einem klei­nen Gedan­ken­spiel: Stell dir mal vor, der jun­ge Lak­mann von damals wür­de heu­te in Kon­takt mit der HipHop-​Szene kom­men. Meinst du, er wür­de von der Sze­ne an sich und dem gan­zen Vibe genau­so gecatcht wer­den?

Lak­mann: Nee, wahr­schein­lich wäre ich nicht so begeis­tert gewe­sen. Das Gan­ze ist heu­te ja viel ein­fa­cher zugäng­lich. Wir muss­ten damals nach Hip­Hop und unse­ren Gleich­ge­sinn­ten suchen. Die­sen Gold­schatz zu fin­den, hat es so reiz­voll gemacht. Wenn etwas schwe­rer zu krie­gen ist, hat es für dich ja einen viel grö­ße­ren Wert, als wenn du es an jeder Ecke hin­ter­her­ge­schmis­sen bekommst. Und abge­se­hen davon ist natür­lich vie­les im Rap­kos­mos heu­te ziem­lich weich­ge­spült. Ich mei­ne das gar nicht nega­tiv, es müs­sen ja nicht alle auf hart machen. Aber der Sound und die Images von vie­len Leu­ten sind doch sehr Pop-​orientiert, glatt und kon­tur­los. Die Rap­per, die mich als Sieb­zehn­jäh­ri­gen begeis­tert haben, waren eher roughe Typen mit Cha­rak­ter. Du wuss­test genau, wofür jeder stand. Da kann man zum Bei­spiel Bus­ta Rhy­mes und Mobb Deep unter­schei­den. Zwei Legen­den, aber total unter­schied­lich. Ein Ver­rück­ter und zwei Street-​Rapper. Wenn wir das auf die heu­ti­ge Zeit und das ange­sag­te Sound­bild über­tra­gen, sind alle im glei­chen Gewand und fül­len die glei­che Scha­blo­ne von Sounds aus. Das macht die halt extrem aus­wech­sel­bar.

MZEE​.com: Was meinst du, wie es aus­ge­se­hen hät­te, wenn du im Jahr 2000 gebo­ren wärst?

Lak­mann: Da hast du natür­lich ganz ande­re Anfangs­vor­aus­set­zun­gen, wie du über­haupt Musik hörst. Wahr­schein­lich hörst du nicht so viel Musik rück­wir­kend wie wir damals. Wir haben uns, nach­dem wir in den frü­hen 90ern die ers­ten Amis gehört haben, immer im Nach­hin­ein die vor­he­ri­gen Sachen von denen ange­hört. Durch eine Hand­voll Artists hat sich da ja für dich schon ein ziem­lich wei­ter Rapho­ri­zont auf­ge­tan, in dem du alles wich­ti­ge mit­be­kom­men hast. So haben wir dann Public Ene­my und KRS-​One gehört. Wenn du das heut­zu­ta­ge machen willst, hast du ja 'ne Mam­mut­auf­ga­be vor dir.

MZEE​.com: Dei­ne ers­te Ant­wort zeigt schon, dass du eini­gen Ent­wick­lun­gen in der Sze­ne recht kri­tisch gegen­über­stehst. Was ist dei­ner Mei­nung nach denn die posi­tivs­te Ent­wick­lung im deut­schen Rap seit Mit­te der 90er Jah­re?

Lak­mann: Boah. Viel­leicht der Erfolg, der Fame und das Geld, das für die Artists dabei abspringt.

MZEE​.com: Ein grö­ße­rer Kuchen für alle?

Lak­mann: Ja, ich glaub' schon. Ein Kuchen ist da, ich weiß nicht, ob der grö­ßer gewor­den ist. (grinst) Es ist ja so, dass jeder, der ernst­haft rappt, extrem viel opfert. Und bei jedem, der etwas opfert, soll­te auch mal etwas auf der Haben­sei­te ste­hen, sonst ist es ein unfai­res Spiel. Des­halb ist es nur gerecht, dass das Gan­ze grö­ßer gewor­den ist.

MZEE​.com: Die Tape­fa­brik, die sich das Mot­to "Unter­grund aus Prin­zip!" auf die Fah­ne geschrie­ben hat, ist in die­sem Jahr zum Bei­spiel im Vor­hin­ein aus­ver­kauft gewe­sen.

Lak­mann: Dies­mal war es schon sehr under­ground. Es gab kei­nen ein­zi­gen Major-​Artist als Haupt­act. Ich habe aber auch mal mit Creutz­feld & Jakob auf der Tape­fa­brik gespielt, als auch Haf­ti gebucht war. Und dann hat es mal ein Jahr gar nicht statt­ge­fun­den. Es gab also eine "gesun­de Häu­tung".

MZEE​.com: Durch das all­ge­mein grö­ße­re Inter­es­se an Rap fin­den eben auch mehr Men­schen in die Nischen und ver­schie­de­nen Sub­gen­res bezie­hungs­wei­se -sze­nen. Da spielt auch Spo­ti­fy eine Rol­le, das es dir ja wahn­sin­nig ein­fach macht, auch nach unbe­kann­ter Musik zu suchen.

Lak­mann: Das stimmt zum einen, schlägt aber auch die Brü­cke zu der Fra­ge nach Ver­füg­bar­keit von Musik. Etwas ver­liert an Wert, wenn es dir ein­fach for free vor die Nase gehal­ten wird. Ich mein' das auch wert­frei. Damals hab' ich mich geär­gert, dass wir bei Hor­ten oder Gale­ria Kauf­hof nur ein klei­nes Mini-​Segment für HipHop-​CDs hat­ten. Das waren viel­leicht 20, 30 Stück. Fan­den wir natür­lich schei­ße. Heu­te hast du halt die­se rie­si­ge Viel­falt und na ja, du wünschst dir jetzt nicht die alte Zeit zurück, aber … Man kann es den Men­schen eben nie recht machen. Auf der ande­ren Sei­te sieht's immer bes­ser aus. Kurz gesagt: Wenn du immer mehr krie­gen kannst und so ein ange­fix­ter Nerd bist, dann ist es natür­lich gut, dass du so viel hören kannst.

MZEE​.com: Gibt es nach all der Zeit, die du dich in die­ser Sze­ne bewegt hast, denn heu­te noch HipHop-​Momente, die dich wirk­lich berüh­ren?

Lak­mann: Auf jeden Fall. Es gibt immer herz­li­che und tol­le Momen­te im Live-​Sektor, in dem wir mit Wit­ten Untouch­a­ble jede Woche unter­wegs sind. Von klei­nen Kin­dern in der ers­ten Rei­he, die in die nächs­te Stadt zum Kon­zert rei­sen, weil der Ver­an­stal­ter Kin­der rein­lässt, bis zu rich­ti­gen Bekannt­schaf­ten. Als wir heu­te ange­kom­men sind, hat die Kat­ja geschrie­ben – die ist mitt­ler­wei­le so Mit­te 50, glaub' ich. Deren Sohn Jus­tin hat mal Aquarell-​Portraits von uns gemalt. Die ver­folgt uns von Auf­tritt zu Auf­tritt hier in der Regi­on. Oder jemand, der sich "Untouch­a­ble" täto­wiert hat und für immer bei uns in den Back­stage kann. Zu sol­chen Leu­ten hal­ten wir auf jeden Fall einen klei­nen, pri­va­ten Draht. Die Momen­te sind voll krass für mich. Bei ande­ren Artists fin­de ich die­se Momen­te aller­dings nicht mehr so sehr wie frü­her. Wobei: Dra­kes "God's Plan"-Aktion fand' ich wirk­lich cool, das hat mich berührt. In Ame­ri­ka kommt sowas ja auch gut an, da gön­nen dir die Leu­te, wenn du es geschafft hast. Wenn du es dann mit den Leu­ten teilst – noch bes­ser. Der hat da ja schein­bar Men­schen glück­lich gemacht. Ist nur die Fra­ge, wie es in Deutsch­land ankommt, wenn man so eine Akti­on von Dra­ke fei­ert. Eigent­lich has­se ich den auch. (lacht) Wie er bei den Toron­to Rap­tors an der Bank sitzt und die ande­ren Spie­ler auf­sta­chelt, das mag ich über­haupt nicht. Aber man sagt auch, dass gro­ße Egos ein gro­ßes Herz haben und ich fand die Akti­on klas­se.

MZEE​.com: Hast du durch dei­nen Legen­den­sta­tus in der Sze­ne manch­mal das Gefühl, auch eine Art Ver­ant­wor­tung für Rap zu haben? Wie jemand, der hier immer mal wie­der nach dem Rech­ten sehen muss?

Lak­mann: Nee, also zur HipHop-​Polizei gehör' ich gar nicht. Ich den­ke natür­lich, dass ich eine ech­te Ver­ant­wor­tung für die Leu­te in mei­nem Umfeld hab'. Manch­mal red' ich mir da auch ein, dass ich noch viel erfolg­rei­cher sein müss­te, um allen in mei­nem Umfeld mehr Mög­lich­kei­ten geben zu kön­nen, erfolg­reich zu sein. Ich bin froh, dass es momen­tan für mich und mei­ne Fami­lie reicht. Zur­zeit kommt bei Lakmann-​Solo-​Gigs unge­fähr soviel rum wie bei Untouchable-​Gigs, aber da müs­sen wir ja noch durch drei tei­len. (grinst) Das Ziel wäre, das bei Untouch­a­ble jeder so viel kriegt wie bei einem Lakmann-​Solo-​Gig … und das ist auch schon nicht so viel.

MZEE​.com: Lass uns mal über ein ande­res The­ma spre­chen: Soci­al Media ist in der Rap­welt so prä­sent wie nie zuvor. Bei dir küm­mern sich Freun­de und Kol­le­gen um dei­ne Accounts. Ist dir das Gan­ze ein­fach nur zu anstren­gend und läs­tig? Oder hast du eine rich­ti­ge Abnei­gung dage­gen?

Lak­mann: Es ist mir echt zu anstren­gend und ehr­lich gesagt auch zu blö­de. (lacht) Wirk­lich. Wenn wir hier mit­ein­an­der reden, dann hab' ich auch Bock dar­auf und ant­wor­te nicht ein­sil­big oder so. Auf Face­book kann ich ja gar nicht so auf jeden Post oder jede Nach­richt ein­ge­hen. Visa Vie hat mir vor vie­len Jah­ren schon gesagt, dass ich viel erfolg­rei­cher wäre, wenn ich mein Soci­al Media Game mal ein biss­chen ups­tep­pen wür­de. Das war mir aber damals ein­fach nicht wich­tig und ist es jetzt, Jah­re spä­ter, immer noch nicht. (lacht) Mein bes­ter Homie führt jetzt aber immer­hin mei­ne Instagram-​Seite. Die hat er aber auch nur gemacht, weil wir als Wit­ten Untouch­a­ble ein E-​Sports-​Team haben. Wir zocken NBA 2K18 auf der XBox One. Spielt das einer von euch?

MZEE​.com: Nee, lei­der nicht.

Lak­mann: Also, wir spie­len echt zu fünft mit Head­set und so wei­ter online in einer E-​Sports-​Liga. Letz­tens hat­ten wir 39 Zuschau­er auf Twitch und Leu­te gucken echt zu, wie der Lak­mann da mit sei­nem Team mit Wit­ten Untouchable-​Logo zockt. Das ist schon geil. (grinst) Was mir ansons­ten Leu­te bei Face­book und Insta­gram schrei­ben, erreicht mich auch alles, nur halt nicht so schnell. Ich bin da sehr alt­mo­disch und schau' höchs­tens ein­mal am Tag rein. Was mich danach erreicht, beant­wor­te ich erst am nächs­ten Tag. Den Rhyth­mus lass' ich mir nicht neh­men. Die Leu­te sagen immer, dass sie kei­ne Zeit mehr hät­ten. Wir haben genug Zeit, wir müs­sen sie uns nur für die wich­ti­gen Din­ge neh­men und nicht jeder auf­blit­zen­den Mit­tei­lung sofort hin­ter­her­ren­nen. Dann ver­lierst du dich dar­in. Digi­tal ist schön und geil, du musst es nur rich­tig nut­zen. Wenn du dich als jun­ger Dude total dar­in ver­lierst und sonst nichts aus­zu­fül­len hast, hast du auch echt nur wenig Per­sön­lich­keits­bil­dung, fin­de ich zumin­dest.

MZEE​.com: Spre­chen wir über dei­ne letz­te Plat­te "Fear of a wack Pla­net". Die ist unse­rer Mei­nung nach eine ziem­lich selbst­be­wuss­te Plat­te gewor­den und vor allem um eini­ges weni­ger melan­cho­lisch als der Vor­gän­ger "Aus dem Schoß der Psy­cho­se".

Lak­mann: Ich find's geil, dass das end­lich mal ein paar Leu­te mit­be­kom­men. Aus den Kri­ti­ken war ja auch raus­zu­le­sen, dass vie­le es so wahr­ge­nom­men haben, dass ich unbe­schwer­ter rap­pe und die Plat­te etwas posi­ti­ver klingt. Dies­mal muss­te ich ja bei Oran­ge Field nur ein­rap­pen. Props an die Jungs noch­mal an der Stel­le fürs Mischen und Arran­gie­ren. Ich hab' mir Sor­gen gemacht, dass vie­len Leu­ten die­se Ernst­haf­tig­keit fehlt und es ihnen zu locker ist. Ich hab' ja selbst immer die­sen Anspruch. Tat­säch­lich gefällt es den Leu­ten so jetzt viel bes­ser. (grinst) Aber mir per­sön­lich gefällt eigent­lich das ande­re bes­ser. Du darfst halt beim Musik­ma­chen nie­mals den Gedan­ken haben, dich irgend­wie anzu­bie­dern und zu über­le­gen, für wen du Musik machst, bezie­hungs­wei­se wie es rüber­kommt. Dann bist du schon ver­lo­ren. Ich hab' mich des­halb total gefreut, dass die Plat­te so gut ange­kom­men ist und die Leu­te das posi­ti­ve Sound­bild und die Locker­heit gefei­ert haben. Ich hat­te echt noch nie so wenig geis­ti­gen Anspruch an die Tex­te wie bei die­ser Plat­te. Da sieht man wie­der: Du kannst so viel Arbeit in ein Pro­jekt ste­cken und ver­su­chen, alles per­fekt zu machen, nur um sozu­sa­gen Per­len vor die Säue zu schmei­ßen. Du willst in dei­ner ver­ner­de­ten 20-​Jahre-​HipHop-​Welt immer wie­der was Neu­es umkrem­peln und schaf­fen. Und bist viel zu weit weg von dem, was die Leu­te fei­ern. Wenn du dann ein­fach mal los­lässt und einen Track oder eine gan­ze Plat­te lang "Lak­mann", "Aah" und "Elah­ka" sagst … Es gibt kein Album, auf dem ich so oft "Aah" und "Elah­ka" sage. (lacht) Das trifft eben ein Gefühl. Es muss nicht die tiefs­te Lyrik sein. Das ist für mich das bes­te Kom­pli­ment an die Plat­te. Savas hat mir auch gesagt, dass er es geil fin­det, wie unauf­ge­regt ich auf der Plat­te rap­pe. Ich hab' mir eben kei­nen Kopf gemacht.

MZEE​.com: Der Track "Wofür mach ich das", mit dem du dich vor rund sechs Jah­ren zurück­ge­mel­det hast, war im Gegen­satz zu dei­nen aktu­el­len Songs auch sehr viel trü­ber und melan­cho­li­scher.

Lak­mann: Ja, dazwi­schen lie­gen wirk­lich Wel­ten. Aber sowohl die aktu­el­le Plat­te als auch die, die damals raus­kam, ist sehr per­sön­lich. "Fear of a wack Pla­net" ist sehr posi­tiv, "2 Gramm gegen den Stress" war sehr depres­siv. Es lag eine har­te Zeit hin­ter mir. Ich war grad Papa gewor­den und wenn du Kin­der kriegst, ändert das die Sicht auf vie­le Din­ge. Prio­ri­tä­ten und Ver­hält­nis­se zwi­schen Men­schen ver­schie­ben sich. Du bist für dei­nen Part­ner viel­leicht nicht mehr die Num­mer 1 und du willst auch nur noch für dei­ne Kin­der die Num­mer 1 sein. Das stellt dei­ne Bezie­hung auf die Pro­be, es kom­men noch ande­re Pro­ble­me von Freun­den und vie­les ande­res dazu – dann ent­steht so eine Plat­te. Ich bin sehr froh, dass ich sie gemacht habe, die haben wir bis jetzt auch am häu­figs­ten nach­ge­presst, vier oder fünf mal. Die bil­det letzt­end­lich das Fun­da­ment, auf dem Ear­touch und Untouch­a­ble ste­hen. Da bin ich stolz drauf. Ich hab' aus der Not eine Tugend gemacht und die Schei­be im Allein­gang ver­öf­fent­licht, genau wie "Aus dem Schoß der Psy­cho­se". Im Sin­ne von, ich saß hin­ter jeder Stu­dio­ses­si­on, jedem Scratch und jedem Beat und hab' alles zusam­men­ge­fügt. Da hab' ich den Dri­ve gehabt, es allen zei­gen zu wol­len. Alle mein­ten, es sei viel zu lang mit 23 Songs, zu melan­cho­lisch, zu düs­ter und viel zu viel Rap über Rap. Und "Fear of a wack Pla­net" haust du so aus der Hüf­te raus und es fin­det voll den Anklang. Das ist geil. Auf der ande­ren Sei­te gibt's ein klit­ze­klei­nes Defi­zit: Du fragst dich, ob das der Anspruch ist, den du in Zukunft haben willst. Willst du wirk­lich nur noch so Musik oder auch wei­ter ver­kopf­te Musik als Selbst­the­ra­pie machen? Im End­ef­fekt ist Musik bei mir aber immer Selbst­the­ra­pie. Ich bin dann froh, wenn es jemand gut fin­det. Wenn 100 000 Leu­te mei­ne depres­si­ven Plat­ten kau­fen wür­den, wäre irgend­wie auch der Mind­sta­te in der Gesell­schaft falsch, Alter. (lacht)

MZEE​.com: Wie schon erwähnt, stell­te dein letz­tes Album Batt­lerap in den Fokus, bei ver­schie­dens­ten For­ma­ten prä­sen­tierst du immer wie­der dein Freestyle-​Talent. Könn­test du dir vor­stel­len, auch mal Aca­pel­la zu batt­len? Nicht weni­ge Men­schen in der hie­si­gen Acapella-​Battleszene wür­den dich dort gern ein­mal sehen …

Lak­mann: Also, ich kann nie­man­den batt­len und dem­je­ni­gen danach die Hän­de schüt­teln und vor der Kame­ra posen. Geht ein­fach nicht.

MZEE​.com: Kannst du das nicht tren­nen?

Lak­mann: Na ja. Als ich bei "Feu­er über Deutsch­land" den guten Basic Rest in peace  gebatt­let hab’, war das Neu­land und so ein Competition-​Ding für mich. Da war ich ja mit Bren­na, Desas­ta und Ercan­di­ze unter­wegs. Wir haben aber damals auch nie gedacht, dass "Feu­er über Deutsch­land" so erfolg­reich wird. Es war eher so ein Zusam­men­tref­fen von Leu­ten, die nichts zu tun hat­ten. Musik stand da für mich so an drit­ter, vier­ter Stel­le … ich hab' viel mehr gepo­kert zu der Zeit. Da hab' ich das ein­fach so neben­bei gemacht. Die heu­ti­gen Batt­les sind ja so groß und die Leu­te so gut gewor­den … ich müss­te mich dann auch auf den Geg­ner per­sön­lich vor­be­rei­ten. Da hät­te ich kei­nen Bock drauf. Frü­her haben wir ein­fach ima­gi­nä­re, auf jeden ummünz­ba­re Lines geschrie­ben, sodass du nicht in sei­ne Pri­vat­sphä­re tau­chen muss­test, son­dern ein­fach nur eine Poin­te brauch­test.

MZEE​.com: Das ist auch eine total kras­se Ent­wick­lung. Und es ist auch beein­dru­ckend, dass sich Rap­per nach sol­chen Batt­les die Hän­de schüt­teln kön­nen, auch wenn es "Sport" ist.

Lak­mann: Die Fra­ge ist: Zeugt es nicht viel eher von dei­nen Skills, wenn du einen Battle-​Text schreibst, mit dem du jeden zufäl­li­gen Rap­per im Raum batt­len kannst?

MZEE​.com: So war's ja bei den Batt­les in den USA frü­her, als du erst in der Loca­ti­on erfah­ren hast, wen du batt­lest.

Lak­mann: Genau. Das ist für mich die grö­ße­re Leis­tung. Ich glau­be, dass ein all­ge­mei­ne­res Batt­le grö­ße­re Skills erfor­dert. Wenn du so per­sön­lich gräbst und irgend­et­was Pein­li­ches fin­dest, musst du dir nicht mehr so gro­ße Gedan­ken dar­über machen, wie und was du erzählst. Du erzählst das dann eben wie einen guten Witz.

MZEE​.com: Ver­folgst du die Sze­ne denn selbst?

Lak­mann: Ich guck' alles. Ich hab' Big Chief auch eben noch getrof­fen. Zu dem muss ich auch 'ne kur­ze Geschich­te erzäh­len. Er hat­te "2 Gramm gegen den Stress" damals als einer der ers­ten vor­be­stellt, mit Unter­schrift von mir. Wir haben das ja nur über die Vor­be­stel­lun­gen finan­zie­ren kön­nen. Und dann treff' ich ihn eines Tages in Ber­lin im Cas­sio­peia und er steht da in sei­nem Anzug vor mir. Ich kann­te ihn gar nicht von DLTLLY. Und er sagt mir, dass ich sei­ne Schei­be nicht unter­schrie­ben hät­te. Der ver­peil­te Dude. (lacht) Ich wuss­te ganz genau, dass ich jede ein­zel­ne unter­schrie­ben habe. Dann hab' ich die CD genom­men, auf­ge­klappt und ihm die Innen­sei­te gezeigt und gesagt: "Guck mal hier, Chief." Er hat da anschei­nend nicht ein­mal rein­ge­guckt. (lacht) Seit­dem sind wir Best Fri­ends, Mann. Also: Ich guck' sehr viel, am meis­ten DLTLLY.

MZEE​.com: Wie wür­dest du das Niveau bewer­ten?

Lak­mann: Eini­ge fin­de ich gut, ande­re fin­de ich schlecht. Das liegt oft dar­an, dass ich die Rei­me plump und doof fin­de oder mir der Cha­rak­ter des Rap­pers nicht rein­geht. Es wird ja auch viel gecho­ked. Eigent­lich ist ein Batt­le aber wie ein Dunking-​Contest – du kriegst die Höchst­no­te nur, wenn du den Dunk beim aller­ers­ten Ver­such schaffst. Na ja.

MZEE​.com: Gibt's ein Batt­le, das dir rich­tig im Gedächt­nis geblie­ben ist?

Lak­mann: Klar. Cris Kot­zen gegen Rino Man­din­go hat­te die bes­ten Lines, Alter. Habt ihr nicht gelacht?! "Ich mein' alleee!!!" (lacht) Hab' ich gepfif­fen, ey. Cris Kot­zen ist Boss. Gegen den willst du nicht batt­len. Ich zumin­dest nicht. Viel­leicht ist der auch ein­fach so ein gechill­ter Lebowski-​Dude, für den die­se Art zu batt­len passt. Wenn jemand anders ver­sucht, das nach­zu­ma­chen, kommt es wahr­schein­lich nicht so gut. Auf Tracks hin­dert ihn das angeb­lich so ein biss­chen. Ich hab' noch kei­nen Song von ihm gehört.

MZEE​.com: Das ist ja auch all­ge­mein ein The­ma bei Battle-​MCs. Irgend­wie tun sich vie­le schwer damit, gute Tracks zu machen.

Lak­mann: Abso­lut. Und du musst als Rap­per alles kön­nen, du kannst nicht nur eine Sache machen. Das ist Ver­geu­dung an Talent, wenn du schon rap­pen kannst und dir der Macht der Spra­che bewusst bist. Wenn du weißt, dass du mit dei­nen Wor­ten etwas errei­chen kannst, soll­test du ers­tens nicht zu viel Bull­shit erzäh­len, weil du eine Ver­ant­wor­tung hast. Und zwei­tens soll­test du ver­su­chen, dich breit zu fächern und alles zu kön­nen. Du musst ein guter Studio-​MC sein, ein guter Live-​Rapper, ein guter Batt­ler­ap­per, ein guter Sto­ry­tel­ler, ein guter Free­sty­ler. Das musst du alles sein, fin­de ich zumin­dest.

MZEE​.com: Bli­cken wir noch ein­mal auf dei­ne Kar­rie­re. Du hast schon eini­ges mit dei­ner Musik erreicht. Hast du denn noch einen bis­her uner­füll­ten HipHop-​Traum?

Lak­mann: (über­legt) Na ja. Ich war ja echt ehr­lich heu­te. Also, ich hab' das Pro­blem, dass ich so viel für die Musik geop­fert habe, dass ich kei­ne ande­re Aus­bil­dung habe. Mit­ten im Abi hab' ich ein­fach auf­ge­hört und bin auf Tour gegan­gen. Das war ein biss­chen blö­de, aber die­ser Weg hat mei­ne Per­sön­lich­keit gebil­det und ich wür­de ihn nie­mals tau­schen. Viel­leicht soll­te ich jetzt schon etwas mehr auf der Haben­sei­te haben. So, dass ich in zehn Jah­ren, wenn ich viel­leicht nicht mehr rap­pe, nicht irgend­was ande­res machen muss. Ich wür­de ungern in einem Plat­ten­la­den arbei­ten, nur weil ich Rap­per war. Ich kann halt nichts ande­res. Also, ich weiß schon, dass ich auch ande­res machen könn­te, die Fra­ge ist nur, ob ich das auch will. Ich kann mei­ne Fami­lie ernäh­ren und mei­nen Kin­dern Wer­te ver­mit­teln, dadurch, dass ich mein eige­ner Herr bin und tat­säch­lich arbei­te, um zu leben und nicht anders­her­um. Des­halb wür­de ich auch ger­ne mal einen Num­mer 1-​Hit lan­den, so acht Wochen lang wie Bau­sa oder Sido. Oder halt so viel ver­kau­fen, dass es irgend­wann reicht. Also, ich befas­se mich 0,0 Pro­zent damit. Ich weiß nur, wo alles ange­fan­gen hat. Es ist ein Unter­schied, ob du weißt, wo dein Weg hin­führt – das wis­sen näm­lich vie­le Leu­te von Anfang an – oder, ob du den Weg ein­fach beschrei­test.

MZEE​.com: Du wür­dest dich ja ver­mut­lich für so einen Num­mer 1-​Hit auch nicht ver­bie­gen. Im End­ef­fekt ist ja auf die­sem Weg, den man beschrei­tet, alles cool – solan­ge man cool damit ist, wer man ist und mit nie­man­dem tau­schen möch­te. Unab­hän­gig davon, in wel­cher Lage man sich gera­de befin­det.

Lak­mann: Das hab' ich erst so mit Anfang, Mit­te 30 gecheckt. Das ist manch­mal natür­lich auch hart. Ich hab' mit Anfang 20 ein Rock­star­le­ben geführt und dach­te, es geht immer so wei­ter. Aber es ist tat­säch­lich so, wie du sagst, kann ich nur unter­schrei­ben.

MZEE​.com: Und wenn du mal zu dei­nen Kol­le­gen schielst: Gibt es eine Per­son in der deut­schen Rap­sze­ne, die dich wäh­rend dei­ner bis­he­ri­gen Kar­rie­re so rich­tig beein­druckt hat?

Lak­mann: Puh. Also, beein­druckt haben mich nur am Anfang mei­ner Kar­rie­re Dike, Reim­wärts, RAG und Too Strong. Und nach­dem wir mit Creutz­feld & Jakob in deren Fahr­was­ser selbst die Büh­ne betre­ten haben, war's damit auch schnell vor­bei. Aber die­se Leu­te haben mich natür­lich beein­druckt. Sonst kei­ner mehr. Es kamen dann ja auch vie­le Leu­te nach mir. Homies, die mich jetzt beglei­ten. Savas haben wir als ers­te auf einem Album gehabt. Die Sekte-​Leute mit Sido kamen nach uns raus. Wir haben Ende der 90er die ers­ten Plat­ten raus­ge­bracht. Danach ist es schwer, zu irgend­wel­chen Leu­ten auf­zu­se­hen oder so. Natür­lich haben die viel mehr erreicht und alles wur­de immer grö­ßer – aber alle kochen nur mit dem glei­chen Was­ser. Daher hab' ich nur zu eini­gen, die vor mir kamen, auf­ge­schaut. Auch nicht zu allen. Fet­tes Brot und die Begin­ner waren vor uns da, aber nicht so mein Ding. Eher die, die mir in mei­nem Umfeld viel gezeigt haben.

MZEE​.com: Du hast jetzt in unse­rem Inter­view schon eini­ge Künst­ler erwähnst. Wenn du bei einem Rap­per, ganz egal wer, Mäus­chen im Stu­dio spie­len könn­test: Wer wäre es und war­um?

Lak­mann: Wow. (über­legt) Das ist tri­cky. Ich wür­de ger­ne wis­sen, wie Devin the Dude recor­det. Das fänd' ich krass. Ob der wirk­lich so laid back ist oder in irgend­ei­ne Rol­le rein­schlüpft und doch nur ein Typ ist, der halt einen Text vom Blatt abliest. Der rappt ja auch schon so lan­ge und ist Voll­blut­pro­fi. Wenn ich so über­le­ge, ist es viel­leicht doch nicht so inter­es­sant. Der ist bestimmt mit allen Was­sern gewa­schen, so wie ich es auch gelernt habe. Ich glau­be, es gibt kei­nen gro­ßen Unter­schied zwi­schen der Art, wie die Leu­te in Ame­ri­ka in den frü­hen 90ern und wir in den spä­ten 90ern auf­ge­nom­men haben, sowohl von der Tech­nik als auch der Men­ta­li­tät. Du hast vom Blatt oder am bes­ten aus dem Kopf gerappt. Heut­zu­ta­ge liest du wahr­schein­lich vom Han­dy ab und machst am Bes­ten gleich­zei­tig noch ein Sel­fie für den Blog. Ich den­ke, da möch­te ich bei gar kei­nem vor­bei­gu­cken. (lacht) Ich glau­be, die schlüp­fen alle nur in eine Rol­le und sagen irgend­wel­che schö­nen Din­ge und ste­hen per­fekt aus­ge­leuch­tet im bes­ten Licht. Ich wür­de ger­ne bei irgend­ei­nem Rap­per Mäus­chen spie­len, der den Stu­dio­in­ge­nieur voll anscheißt. (lacht) Der den Klaus Kin­ski raus­hän­gen lässt. Das wäre krass, aber kei­ne Ahnung, wer das sein soll.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­den wir gern noch eines wis­sen: Wel­cher ist der dei­ner Mei­nung nach bes­te Track, den du je ver­öf­fent­licht hast?

Lak­mann: (über­legt) Im Kon­text die­ses Inter­views muss ich "Unschär­fe­re­la­ti­on" von "Aus dem Schoß der Psy­cho­se" sagen. Der Song ist sowas von Moll, melan­cho­lisch und depri. In die­sem Stil hab' ich das noch von kei­nem ande­ren Rap­per gehört. Viel­leicht mal irgend­ein deepes Chabs-​Ding aus den Frank­fur­ter Roey Marquis-​Zeiten, aber sonst nicht. Ich hab' den heu­te Abend nicht im Pro­gramm. In klei­nen Clubs funk­tio­niert der, wenn die Leu­te deepen Shit fei­ern. Aber so ab 300 Leu­ten auf­wärts gucken die Leu­te dich nur so an: "Alter, hat der Pro­ble­me in sei­nem Leben? Lass mal 'ne Ker­ze anma­chen und für den Jun­gen beten!" (grinst) Auf der Büh­ne ver­mit­telst du damit wirk­lich das Bild eines vom Leben gezeich­ne­ten Men­schen. Aber der Song bedeu­tet mir so viel. Viel­leicht einer mei­ner Lieb­lings­songs.

(Kris­ti­na Scheu­ner & Alex­an­der Hol­len­horst)
(Fotos von Ziryshots)