High Five: 04 /​ 18 – mit u.a. Retrogott, Danger Dan & Piklevel

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

State­ment: Retro­gott

Im April ging deut­scher Rap durch sämt­li­che Medi­en. Doch die Grün­de waren nicht etwa bahn­bre­chen­de kom­mer­zi­el­le Erfol­ge oder gar künst­le­ri­scher Natur. Im Gegen­teil: Schar­fe Kri­tik wur­de geäu­ßert. Der Vor­wurf des Anti­se­mi­tis­mus, der ange­sichts der ECHO-​Verleihung an Farid Bang und Kol­le­gah auf­kaum, zwang die deut­sche Rap­sze­ne, sich kri­tisch mit sich selbst aus­ein­an­der­set­zen. Soll­te man zumin­dest mei­nen – doch all­zu oft flüch­te­ten sich hie­si­ge Szene-​Vertreter schnell in teils abstru­se Ver­tei­di­gungs­hal­tun­gen. Unser Redak­teur Dani­el beschäf­tig­te sich mit die­ser "Unfä­hig­keit der deut­schen Rap­sze­ne, Selbst­kri­tik zu üben" bereits in einem eige­nen Arti­kel. Es gab aber auch Jour­na­lis­ten und Künst­ler, die sich klar posi­tio­nier­ten. Die wohl poin­tier­tes­te die­ser Stel­lung­nah­men stammt von Retro­gott. In einem Facebook-​Post stellt er sich klar gegen die Ver­brei­tung von Hass – auch unter dem Deck­man­tel des Battle-​Raps: "Der Ver­zicht auf Dis­kri­mi­nie­rung Anders­den­ken­der, -lie­ben­der oder -glau­ben­der ist kei­ne Zen­sur, son­dern mora­li­sches Han­deln, zu dem auch die Kunst Über­gän­ge hat." Zugleich zeigt er die Wider­sprüch­lich­kei­ten der Recht­fer­ti­gungs­stra­te­gi­en all jener auf, die die Dis­kus­si­on eilig zu rela­ti­vie­ren ver­su­chen. Retro­gott arti­ku­liert hier eine bedach­te und stich­hal­ti­ge Distan­zie­rung, in der auch eige­ne Ver­feh­lun­gen nicht ver­schwie­gen wer­den. Wie die jüngs­te Kon­tro­ver­se gezeigt hat, ist dies etwas, zu dem lei­der nur die wenigs­ten Mit­glie­der der Rap­sze­ne in der Lage sind.

 

VBT 2018 Qua­li: Talf (prod. by Old­food)

Video: Talf – VBT-​Qualifikation

Deut­scher Batt­lerap ist nach wie vor (lei­der) eine Män­ner­do­mä­ne. Eine Sze­ne, die nicht nur zum Grund­prin­zip hat, sich selbst als den männ­lichs­ten, talen­tier­tes­ten und über­le­gens­ten Rap­per dar­zu­stel­len, son­dern deren höchs­tes Ziel es zudem ist, ein genau gegen­tei­li­ges Bild vom Gegen­über zu zeich­nen. Spe­zi­ell beim 1-​on-​1-​Battle auf der Büh­ne oder im Zuge eines Video­tur­niers mit direk­tem Geg­ner ist es daher ent­schei­dend, mög­lichst wenig Angriffs­flä­che zu bie­ten und im Gegen­zug viel Dif­fa­mie­ren­des aus dem her­aus­zu­ar­bei­ten, was der Kon­tra­hent dar­stellt. Oder man wirft all das über Bord und macht ein Video wie das, mit dem sich Talf für das dies­jäh­ri­ge VBT bewor­ben hat. Mit per­fekt sit­zen­dem Make Up, in Netz­hemd, Hot­pants und Knie­strümp­fen räkelt sich der Rap­per auf einem Bett. Und ganz neben­bei wirft er damit nicht nur die unge­schrie­be­nen Regeln des Battle-​Raps, son­dern auch Geschlech­ter­rol­len und das hege­mo­nia­le Männ­lich­keits­bild über den Hau­fen. Das von Tina Turnup gedreh­te Video macht zwar einen etwas unru­hi­gen Ein­druck, passt aber bes­tens zur spon­tan anmu­ten­den Art des Gesamt­werks, auf dem Talf über einen Beat von Olfood sei­ne Stro­phen zum Bes­ten gibt. Wer zuvor noch kei­nen Grund hat­te, dem soll­te spä­tes­tens die­ses Video den Impuls geben, Talfs Kunst und even­tu­ell auch den Ver­lauf des letz­ten VBTs in die­ser Form zu ver­fol­gen – ins­be­son­de­re, weil er die Video­idee allem Anschein nach auch in kom­men­den Run­den wei­ter­ver­folgt.

 

P I K L E V E L ♠ TRAUM VOM AUFSTIEG /​ BUSCH (Offi­ci­al Video)

Song: Pik­le­vel – TRAUM VOM AUFSTIEG /​ BUSCH

Maul­held ist eigent­lich schon gefühlt Jahr­zehn­te im Rap-​Business und ein nicht unbe­kann­tes Mit­glied der Funk­ver­tei­di­ger. Den­noch ist das Album "Pik­le­vel" mit Defek­to sein Debüt. Dass das schon viel eher hät­te kom­men müs­sen, zeigt zum Bei­spiel die Split­sin­gle "Traum vom Auf­stieg /​ Busch". Defek­to beweist hier ein Gespür für düs­te­re, Boom bap-​lastige Beats, die direkt an frü­he­re Funkverteidiger-​Vibes erin­nern. Und Maul­held bret­tert so unfass­bar läs­sig mit sei­nem Morlockk-​ähnlichen Flow dar­über, dass es völ­lig egal ist, ob er da gera­de ernst­haft über einen "Busch" rappt oder über Gras­kon­sum. Oder eben über sei­nen hof­fent­lich bald ver­wirk­lich­ten "Traum vom Auf­stieg", der sich defi­ni­tiv rea­li­sie­ren lässt, wenn er denn jetzt an der Musik dran bleibt.

 

PLUSMACHER - JIBBITS feat. Bota­nik­ker ► Prod. The BREED (Offi­ci­al Audio)

Instru­men­tal: Plus­ma­cher – Jib­bits feat. Bota­nik­ker (prod. by The Breed)

Dass Plus­ma­cher meist auf Beats daher­kommt, die unwei­ger­lich zum Kopf­ni­cken ani­mie­ren, ist wahr­schein­lich bekannt. The Breeds Instru­men­tal zum Track "Jib­bits", der kürz­lich ver­öf­fent­licht wur­de, bestä­tigt die­se Theo­rie. Das "Uh-Da-Da-Da"-Sample neigt defi­ni­tiv dazu, ein fie­ser Ohr­wurm zu wer­den, und die tie­fen 808-​Kickdrums sor­gen für die Nacken­schmer­zen. Sei­nen Kopfnicker-​Sound hat The Breed unter ande­rem schon auf frü­he­ren Plusmacher-Tracks bewei­sen kön­nen – doch dar­auf ruht sich der Beat­bast­ler Gott sei Dank nicht aus. Mit "Jib­bits" geht der Pro­du­zent sogar leicht in eine neue Rich­tung, denn wäh­rend er sich sonst eher am G-​Funk der ame­ri­ka­ni­schen West­küs­te ori­en­tiert, greift er hier auch zu Trap-​Elementen wie schnel­len Hi-​Hats und Sub­bäs­sen. Die­ser Sound scheint The Breed eben­falls zu lie­gen und man darf gespannt sein, was man von ihm in Zukunft zu hören bekommt.

 

Dan­ger Dan - Sand in die Augen (Anti­lo­pen Gang)

Line: Dan­ger Dan – Sand in die Augen

Was für eine Erfah­rung: Als Vater einer Toch­ter …
Hab' ich auf die meis­ten Rap­per ein­fach gar kei­nen Bock mehr.
Eure gut­ge­mein­ten Lie­bes­lie­der sind das Hin­ter­letz­te.
Ich hab' kei­ne Zeit für so 'ne Schei­ße, ich muss Win­deln wech­seln.

Nicht erst seit den letz­ten paar Wochen steht es alles ande­re als gut um den Ruf von deut­schem Rap. Und wenn man ehr­lich ist: zurecht. In kei­ner ande­ren Musik­sze­ne sind vor allem Sexis­mus und Frau­en­feind­lich­keit so aus­ge­prägt und ver­wur­zelt wie in die­ser. Nur all­zu ger­ne wer­den sie schlicht zum Stil­mit­tel ver­klärt, das gefäl­ligst nicht so ernst genom­men wer­den sol­le – schließ­lich wäre man gegen­über "der Rich­ti­gen" ja stets respekt­voll. Und wo man dies frü­her viel­leicht noch mit jugend­li­cher Nai­vi­tät oder auf­grund der eige­nen, puber­tä­ren Selbst­fin­dung hin­nahm, sieht man sich irgend­wann mit all die­sen frau­en­ver­ach­ten­den Text­zei­len und Softporno-​ähnlichen Musik­vi­de­os kon­fron­tiert, die ein­fach nicht mehr zu ent­schul­di­gen sind. Dan­ger Dans Lines aus dem Track "Sand in die Augen" beschrei­ben genau die­sen Moment des Bewusst­wer­dens und dar­über hin­aus auch die Ent­schei­dung, Der­ar­ti­ges nicht mehr zu akzep­tie­ren. Natür­lich kann man davon aus­ge­hen, dass das Anti­lo­pen Gang-​Mitglied sexis­ti­sche Inhal­te jeg­li­cher Art schon zuvor nie gut­hieß. Den­noch ver­mit­telt der Text hier auf sehr per­sön­li­che Wei­se den Impuls, sich nun auch expli­zit dage­gen zu posi­tio­nie­ren. Der Vater einer klei­nen Toch­ter hat ein­fach weder Zeit noch Nerv dafür, sich mit einer der­ar­tig puber­tä­ren Ansicht der Geschlech­ter­rol­len zu befas­sen. Wün­schens­wert ist dabei mei­ner Mei­nung nach, dass es nicht bei ihm allein bleibt. Irgend­wann soll­ten sich auch infan­tils­te Deutschrap­hö­rer und -künst­ler vom vor­sint­flut­li­chen Bild der Frau als Objekt lösen – und wem dazu das nöti­ge Eigen­ver­ständ­nis fehlt, dem hel­fen ja viel­leicht Dan­ger Dans Erfah­run­gen, um end­lich erwach­sen zu wer­den.

(Flo­ri­an Peking, Dani­el Fersch, Lukas Päck­ert, Stef­fen Uphoff)
(Foto von Mar­kus Felix (Retro­gott))