Milli Dance & Pöbel MC

"Kein Ete­pe­te­te auf WTG-​Feten!" – Was Waving The Guns schon auf ihrem letz­ten Album ankün­dig­ten, kann man aktu­ell ein­drucks­voll live erle­ben. Denn gemein­sam mit Pöbel MC sind sie gera­de auf deutsch­land­wei­ter Tour, um den Fans das Kollabo-​Album "Soli-​Inkasso" von Pöbel und WTG-​Mitglied Mil­li Dance zu prä­sen­tie­ren. Dabei lie­fern der Ros­to­cker und der Ber­li­ner genau das ab, was man von ihnen erwar­tet: poli­ti­schen wie kom­pro­miss­lo­sen Batt­lerap und vor allem die laut­star­ke Ver­tre­tung der eige­nen Mei­nung. In einem der weni­gen stil­len Momen­te wäh­rend der Tour konn­ten wir Mil­li Dance und Pöbel MC aber nicht nur zur Ent­ste­hung ihrer Plat­te, son­dern auch zum Umgang mit Kri­tik und der Kri­tik an ande­ren sowie der vor­an­schrei­ten­den, staat­li­chen Über­wa­chung befra­gen.

MZEE​.com: Vor sechs Jah­ren habt ihr noch Free EPs ange­bo­ten und als Sup­port Acts gespielt, heu­te reden wir von Plat­ten­re­lea­ses, eige­nen Tou­ren und Label­de­als – man könn­te euch fast unter­stel­len, pro­fes­sio­nel­le Musi­ker zu sein. War das von Beginn an euer Ziel?

Mil­li Dance: Nö. Also, ich glau­be, die Inten­ti­on hat­ten wir nicht direkt. Wir woll­ten ein­fach hin und wie­der mal Kon­zer­te spie­len. Das war auch kei­ne direk­te Vor­aus­set­zung, aber wir haben uns gesagt, es wäre wün­schens­wert, wenn Leu­te wegen uns regel­mä­ßig zu Kon­zer­ten kom­men. Das war irgend­wann ein Ziel und ein gro­ßer Wunsch. Und das ist dann auch pas­siert.

MZEE​.com: Pöbel MC, du hast vor Kur­zem bekannt gege­ben, dass dein Boo­king nun über Audio­lith lau­fen wird. Heißt das, du wirst jetzt noch öfter als die ohne­hin gefühl­ten 50 Mal im letz­ten Jahr auf der Büh­ne ste­hen?

Pöbel MC: Ja, Audio­lith Boo­king betei­ligt sich jetzt glück­li­cher­wei­se an der Orga­ni­sa­ti­on mei­ner Auf­trit­te und nimmt mir so eini­ges an zeit­rau­ben­der nicht-​musikalischer Arbeit ab, die aber trotz­dem fürs ambi­tio­nier­te­re Musik­ma­chen recht wich­tig ist. Ziel die­ser Zusam­men­ar­beit ist also vor allem, mehr Zeit fürs Wesent­li­che zu schaf­fen und ansons­ten Auf­trit­te bes­ser zu struk­tu­rie­ren oder mal 'ne zusam­men­hän­gen­de Tour zu orga­ni­sie­ren. So nimmt nicht unbe­dingt die Quan­ti­tät, aber die Qua­li­tät der Auf­trit­te zu – vor­aus­ge­setzt, ich und DJ Flex­schei­be feu­ern anstän­dig, aber das scheint bis­her immer so gewe­sen zu sein, behaup­ten zumin­dest ande­re.

MZEE​.com: WTG und Pöbel waren ja qua­si von Anfang an gegen­sei­ti­ge Weg­be­glei­ter, den­noch ist ein gemein­sa­mes Album noch mal ein deut­lich grö­ße­rer Schritt. Wie kam es dazu, dass ihr ihn jetzt gewagt habt?

Pöbel MC: WTG haben, glau­be ich, 2012 mit dem Bas­teln ange­fan­gen. Recht unab­hän­gig davon war ich wohl so Anfang 2015 der Mei­nung, ich müss­te mei­ner Rap-​Affinität mal mehr Aus­druck ver­lei­hen. (lacht) Mei­ne Homes von WTG haben's gefei­ert, sodass es zu eini­gen gemein­sa­men Auf­trit­ten kam, die uns vor allem noch mehr Bock dar­auf gemacht haben, unse­re musi­ka­li­sche Ent­wick­lung vor­an­zu­trei­ben und auch die Zusam­men­ar­beit aus­zu­bau­en. Mil­li hat­te dann die Idee, eine gemein­sa­me, klei­ne­re Kollabo-​EP zu machen. Im letz­ten Jahr hat sich das kon­kre­ti­siert. Ich war gera­de mit mei­nem ers­ten klei­nen Release "Per­so­na­li­ty Trai­ner" durch, WTG hat­ten "Eine Hand bricht die ande­re" raus­ge­bracht. Dadurch stan­den uns dann auch wie­der etwas mehr Zeit und Mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung, um dem Pro­jekt nach­zu­ge­hen.

MZEE​.com: Die Plat­te beinhal­tet von Boom bap-​Sound bis zu Cloud- und Trap­zi­ta­ten auf "Soso­so" oder "Robo­mop" so eini­ges. War es eine bewuss­te Ent­schei­dung, auf eine beat­tech­ni­sche Strin­genz zu ver­zich­ten?

Mil­li Dance: Also, in mei­ner Erin­ne­rung ist "Robo­mop" so ent­stan­den, dass wir gemein­sam auf einer Par­ty waren, wo ekli­ge Mucke lief. Wir hat­ten schon ziem­lich einen sit­zen, wor­auf wir dann bei der Auf­nah­me­ses­si­on in Ber­lin sag­ten, sowas machen wir jetzt ein­fach auch. (lacht) Und bei "Soso­so" hat­ten wir das, glau­be ich, gar nicht geplant. Aber wir haben den Beat von Platz­pa­tron ein­fach so gefei­ert, dass wir Bock hat­ten, das mal zu machen. Das war jetzt also kei­ne bewuss­te Struk­tu­rie­rung oder die Fra­ge, wie wir mit Erwar­tun­gen bre­chen. Wir hat­ten ein­fach Bock drauf.

Pöbel MC: Ja, ich glau­be auch. Die Parts von "Soso­so" waren erst auf einem ganz ande­ren Beat geplant, aber dann hat uns das nicht so gepasst und wir haben ein­fach irgend­wie rum­ex­pe­ri­men­tiert. Die titel­ge­ben­de Hook kam erst auf dem trap­pi­gen Beat von Platz­pa­tron hin­zu. Und bei "Robo­mob" war die initia­le Idee, einen der­ar­tig gela­ger­ten Track zu machen, schon in die­sem Par­ty­kon­text gebo­ren, aber die tat­säch­li­che Umset­zung war dann ein­fach eine Ver­ket­tung von Zufäl­len. Ich habe halt immer mal wie­der ein biss­chen an Beats gebaut und ab und an kam dabei auch was raus, was mir gefal­len hat. Dann habe ich gedacht, viel­leicht kriegt man das irgend­wie da drauf, weil es eigent­lich einen ganz coo­len Vibe hat­te. Aber letzt­lich war es nicht die Inten­ti­on, irgend­wie aus die­sem Boom bap-​Raster aus­zu­bre­chen.

MZEE​.com: War­um habt ihr euch denn dage­gen ent­schie­den, mit einem ein­zel­nen Pro­du­cer zusam­men­zu­ar­bei­ten, damit das Gan­ze viel­leicht mehr "wie aus einem Guss" klingt?

Pöbel MC: Im Fal­le von "Soli-​Inkasso" haben die Leu­te, die da Beats bei­ge­steu­ert haben, nicht ziel­ge­rich­tet für die­ses Release pro­du­ziert. Das sind ein­fach Atzen von uns, die ab und an biss­chen was hin und her schi­cken. Dann habe ich Sachen von den Pro­du­zen­ten bei mir rum­lie­gen gehabt und die haben wir ver­wen­det, um dar­auf ein biss­chen was aus­zu­pro­bie­ren. Anschlie­ßend kom­mu­ni­ziert man ein biss­chen: "Ey, wir hät­ten da jetzt Ver­wen­dung für den Beat, den du mir vor Län­ge­rem mal geschickt hat­test. Kön­nen wir den dafür picken?" Bei ein, zwei Beats von Tito Ten­ta­cu­lo – einem ande­ren Atzen von mir – hat­ten wir zum Bei­spiel ein biss­chen Pech, sodass die schon ander­wei­tig ver­ge­ben waren. Bei vie­len ande­ren sehr guten Beats ging's aller­dings klar, was uns natür­lich eini­ge Mög­lich­kei­ten eröff­net hat, ver­schie­de­ne Din­ge aus­zu­pro­bie­ren.

Mil­li Dance: Wir haben ein­fach aus einem Beat­pool gepickt, weil wir Bock hat­ten, Rap­t­racks zusam­men zu machen. Des­we­gen fin­de ich die­se Unschlüs­sig­keit, ob es jetzt ein Album ist oder ein Mix­tape, sogar ziem­lich pas­send. Wir legen uns da auch gar nicht wirk­lich fest. Jeder von uns hat dies­be­züg­lich so ein biss­chen sei­ne sub­jek­ti­ven Vor­stel­lun­gen. Mir ist es mitt­ler­wei­le ein­fach egal. (lacht) Ist ein­fach eine gute Plat­te gewor­den, bei der wir Spaß hat­ten. Und ich glau­be auch, dass die­se sie­ben Leu­te – inklu­si­ve Pöbel –, die Beats bei­ge­steu­ert haben, so ein wenig die­sen Pro­zess wie­der­ge­ben, ein­fach was zu machen, ganz unver­krampft. Und dar­aus hat sich dann doch etwas sehr Moti­vier­tes erge­ben, wie ich fin­de. Ist ja nicht alles nur hin­ge­rotzt. (lacht)

MZEE​.com: Nein, ganz im Gegen­teil: Die Plat­te hört sich abso­lut pro­fes­sio­nell an. Seid ihr denn auch an die Auf­nah­men eher spon­tan oder doch struk­tu­rier­ter her­an­ge­gan­gen?

Pöbel MC: Da muss­te alles halb­wegs struk­tu­riert lau­fen. Wir haben alles bei mir zu Hau­se in mei­ner klei­nen selbst­ge­bas­tel­ten Booth auf­ge­nom­men und da Mil­li nicht in Ber­lin wohnt, ist er für die­se Ses­si­ons halt immer zu mir gekom­men. So wuss­ten wir: Wir haben jetzt nur drei Tage Zeit, um so und so viel zu schaf­fen. Es war also gut, wenn schon ein­zel­ne Parts stan­den und wir dann neun oder zehn Stun­den kon­zen­triert an den Sachen arbei­ten konn­ten. Mit dem so gene­rier­ten Song­ma­te­ri­al haben wir dann direkt noch wei­ter­ge­bas­telt bezie­hungs­wei­se ich habe in Mil­lis Abwe­sen­heit Din­ge aus­pro­biert.

Mil­li Dance: Die­se Arbeits­wei­se, die ja auch ein biss­chen unse­rer Wohn­si­tua­ti­on geschul­det ist, hat aber eben auch her­vor­ge­bracht, dass man mal ein paar Tage zusam­men­saß und das Gan­ze gemein­sam ent­wi­ckelt hat. Die ande­re Vari­an­te wäre gewe­sen, die Sachen hin und her zu schi­cken, aber so war es ein­fach gemein­sa­me Stu­dio­zeit. Pöbel hat die meis­ten Sachen dann auch arran­giert und an der Auf­tei­lung her­um­ge­bas­telt – und das tut der Plat­te sehr gut, wie ich fin­de.

MZEE​.com: Inhalt­lich bewegt ihr euch in bekann­ten Gewäs­sern und war­tet mit reich­lich Gesellschafts- und Sze­ne­kri­tik auf. Wür­det ihr sagen, dass das die wich­tigs­ten Grund­the­ma­ti­ken der Plat­te sind?

Mil­li Dance: Ich find's immer schwer, auf sowas zu ant­wor­ten und den Pro­zess im Nach­hin­ein zu ana­ly­sie­ren. Ich glau­be, nie­mand von uns hat­te The­men, die er unbe­dingt drauf­pa­cken muss­te. Das sind auch so Grund­satz­sa­chen von WTG wie auch von Pöbel, also zum Bei­spiel Batt­lerap und dabei die Fra­ge, was man über­haupt batt­let. Aber ansons­ten ist das ein­fach so ein wech­sel­sei­ti­ges Hin- und Her­spie­len von Ide­en gewe­sen ohne ein direk­tes Ziel oder einen roten Faden.

MZEE​.com: Hin und wie­der klärt ihr die Fra­ge, was gebatt­let wird, ja ganz kon­kret. In Bezug auf Absz­trakkt habt ihr auf "Eine Hand bricht die ande­re" etwa davon gere­det, die Sym­pa­thie für einen ehe­mals guten Rap­per mit einer Trä­ne zu Gra­be getra­gen zu haben. Wie geht man eurer Mei­nung nach am bes­ten damit um, wenn jemand, den man zuvor geschätzt hat, sich der­ar­tig äußert?

Mil­li Dance: In dem Fall ging es ja kon­kret um Äuße­run­gen von Absz­trakkt und die gan­ze The­ma­tik drum her­um. Und das ist dann natür­lich eine Aus­ein­an­der­set­zung, in der man viel­leicht selbst erst mal noch ver­sucht, Erklä­run­gen dafür zu fin­den. Aber wie genau das abläuft, die­ses "Sym­pa­thie zu Gra­be tra­gen", kann ich gar nicht sagen … Das ist ein­fach ein Pro­zess, in dem man sagt: Die Äuße­rung fin­de ich so schwie­rig und in eine Ker­be schla­gend, in die man nicht schla­gen soll­te, weil das brand­ge­fähr­lich und Teil einer gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung ist, die mir gro­ße Sor­gen bis Angst berei­tet. Da muss ich mich dann eben mit aus­ein­an­der­set­zen und dann steht das, was ich für prin­zi­pi­ell wich­tig hal­te, eben über mei­ner Wert­schät­zung dafür, wie geil ein Mensch rappt. Das heißt ja nicht, dass ich mir nicht irgend­wel­che alten Absztrakkt-​Tracks anhö­ren könn­te. Natür­lich ver­sucht man da eine Distanz zu schaf­fen, aber ich möch­te auch einen ehr­li­chen Umgang damit und sagen: Ey, so geht das halt nicht. Mir war das auch wich­tig, weil ich das Gefühl habe, dass es da viel­leicht ein biss­chen Dis­kurs gab, aber sol­che Sachen letzt­lich viel zu schnell wie­der unter den Tisch fal­len. Dar­um woll­te ich dazu etwas sagen und auch die eige­nen Schwie­rig­kei­ten, damit umzu­ge­hen, reflek­tie­ren. Aber wie man das genau macht? Also ent­we­der sind Sym­pa­thie und Ver­ständ­nis weg oder nicht.

MZEE​.com: Wür­dest du sagen, dass man sich den­noch alte Absztrakkt-​Sachen anhö­ren kann?

Mil­li Dance: Das muss ja jeder sel­ber wis­sen. Ich habe davor auch Tracks gefei­ert und mich da nicht groß an Sachen gesto­ßen, wobei ich natür­lich nicht die gan­ze Dis­ko­gra­fie ken­ne. Aber ich fand die Sachen ein­fach abge­fah­ren. Des­we­gen wür­de ich jetzt nicht sagen, dass ich die­se Tracks nicht mehr hören kann. Es ist aber eben eine Grund­fra­ge, wie man mit sol­chen Sachen umgeht. Ich kann trotz­dem wert­schät­zen, dass der frü­her kras­se Sachen geschrie­ben und krass geflowt hat und Letz­te­res viel­leicht sogar immer noch tut.

MZEE​.com: Mir ist vor Kur­zem auch wie­der das Come­dy Bit von Lou­is C. K. ein­ge­fal­len, das auf "Eine Hand bricht die ande­re" Ver­wen­dung gefun­den hat. Bist du also der Mei­nung, dass man auch das – trotz der Ent­hül­lun­gen rund um Lou­is C.K. in der letz­ten Zeit – anse­hen oder sogar ver­wen­den kann?

Mil­li Dance: Na ja, auf der Plat­te sind ja sogar Absztrakkt-​Cuts drauf, ne? (lacht) Da ist die Fra­ge natür­lich, in wel­chem Kon­text man das ver­wen­det. Ich wür­de auch das Lou­is C. K.-Sample noch ver­wen­den. Und ich glau­be, dass im Rest von dem, was wir trans­por­tie­ren, klar wird, dass wir bei­spiels­wei­se der Ver­hal­tens­wei­se von Lou­is C.K. sel­ber eher ableh­nend gegen­über­ste­hen, sich in irgend­wel­chen Hotel­zim­mern zu ent­blö­ßen und sich einen run­ter­zu­ho­len. Also, dem ste­he ich kri­tisch gegen­über. (lacht)

MZEE​.com: Vie­le Leu­te schei­nen ein gro­ßes Pro­blem damit zu haben, Künst­ler, die sie musi­ka­lisch gut fin­den, mensch­lich zu kri­ti­sie­ren.

Mil­li Dance: Genau, das glau­be ich auch. Das ist ja das, was du gefragt hast: "Wie geht man damit um?" Mir wäre in ers­ter Linie schon wich­tig, wenn man aner­kennt, dass das etwas ist, womit man sich aus­ein­an­der­set­zen muss. Und wenn man dann so Sachen liest wie: "Lass den in Ruhe, der ist ham­mer­geil", dann kann man sagen: "Klar, der ist ham­mer­geil, aber da hat er halt was Dum­mes gesagt." Das ist jetzt auch gar nicht auf irgend­wen bezo­gen, son­dern ganz gene­rell gespro­chen. Ich den­ke, wenn jemand aus mei­ner Crew was Dum­mes sagt, muss ich mich auch damit aus­ein­an­der­set­zen. Und da gibt es eben kein Patent­re­zept für. Ich den­ke ein­fach, dass die akti­ve Aus­ein­an­der­set­zung damit rich­tig ist und man am Ende auch jeden Göt­zen vom Altar stür­zen kön­nen muss. (lacht)

MZEE​.com: Du sagst zur man­geln­den Kri­tik von Fans an Rap­pern auf "Armuts­zeug­nis", dass die­se Hörer höchs­tens die Turn­schu­he der Rap­per bemän­geln. Kri­ti­sie­ren euch eure Fans genü­gend? Und wenn, was vor allem?

Mil­li Dance: Wahr­schein­lich nicht. Zumin­dest nicht immer.

Dr. Dama­ge: (aus dem Hin­ter­grund) Wenn unse­re Fans uns kri­ti­sie­ren, dann nur, weil sie uns falsch ver­stan­den haben.

Mil­li Dance: (lacht) Fin­de ich eine sehr schwie­ri­ge Aus­sa­ge. Da gibt es auch garan­tiert vie­le Leu­te, von denen ich sagen wür­de, dass sie das ein­fach zu ernst neh­men oder etwas zu wenig hin­ter­fra­gen. Das ist zumin­dest das, was ich beob­ach­te. Aber es ist ganz bestimmt so, dass nicht alle Leu­te, die zu unse­ren Kon­zer­ten kom­men auch immer den vol­len Durch­blick haben, wie was gemeint ist.

Pöbel MC: Im gewis­sen Sin­ne kann man das ja auch gar nicht wirk­lich ein­schät­zen, weil es da kei­ne reprä­sen­ta­ti­ve Platt­form für gibt. Wenn man das jetzt auf irgend­wel­che YouTube-​Kommentare bezieht – und das ist, glau­be ich, das, was Dr. Dama­ge meint: Die grei­fen dann zumeist irgend­wel­che Din­ge auf, die zwar in einer Pun­ch­li­ne gesagt wer­den, aber dann in einem ande­ren Track oder der Pun­ch­li­ne danach wie­der in einen ande­ren Zusam­men­hang gestellt wer­den. Da greift die Kri­tik schon allein sach­lich nicht. Man bekommt das auch von irgend­wel­chem Plenar-​Gerede um die­se oder jene pro­ble­ma­ti­sche Auf­la­dung mit, die ande­re Leu­te wahr­neh­men. Da gibt es viel­leicht einen berech­tig­ten Ansatz für die gesam­te Aus­ein­an­der­set­zung, aber lei­der fin­det die­se meist ohne die Per­son, auf die sich die Kri­tik bezieht, statt. Vie­le die­ser Debat­ten erschei­nen mir etwas undif­fe­ren­ziert oder ander­wei­tig pro­ble­ma­tisch ideo­lo­gisch auf­ge­la­den. Im Bezug auf mei­ne Per­son habe ich das Gefühl, dass ich schon eher wohl­wol­len­de Hörer habe, was aber natür­lich auch der Art von Musik oder dem Bandbreiten-​Charakter von Rap ent­spricht.

MZEE​.com: Viel­leicht rüh­ren die­se Miss­ver­ständ­nis­se teil­wei­se auch ein­fach daher, dass ihr Kri­tik ger­ne mit iro­ni­schem Unter­ton anbringt. Wür­det ihr denn sagen, dass Iro­nie als Stil­mit­tel die für eure Inhal­te bes­te Art ist, um sich in der Rap­sze­ne mit poli­ti­schen The­men aus­ein­an­der­zu­set­zen?

Mil­li Dance: Gene­rell ist der Ein­satz bestimm­ter Stil­mit­tel natür­lich immer stark kon­text­ab­hän­gig. Bei iro­ni­schen Tracks ist dann eben die Fra­ge, ob das jetzt das bes­te Mit­tel ist, um das zu trans­por­tie­ren, was ich sagen will. Denn wenn man sich anguckt, wie Leu­te das auf­neh­men, kann man davon aus­ge­hen, dass ein guter Teil es nicht ver­steht. Und ande­rer­seits ist es manch­mal wahr­schein­lich bes­ser. Also, wenn ich da jetzt zum Bei­spiel mal an K.I.Z den­ke und an "Hur­ra, die Welt geht unter" … Bei ande­ren Leu­ten, die dage­gen immer sehr ernst und expli­zit aus­drü­cken, was sie sagen wol­len, ist es künst­le­risch halt schnell lang­wei­lig. Das ist eben ein star­kes Abwä­gen zwi­schen Kunst­form und der Fra­ge, wen man wie errei­chen möch­te. Aber am Ende ist es sowie­so so: Wenn ich etwas ver­öf­fent­li­che, habe ich kei­ne Kon­trol­le mehr dar­über, was die Leu­te dar­aus machen. Und das muss man auch akzep­tie­ren.

Pöbel MC: Aber gleich­zei­tig fin­de ich schon, dass es auch Leu­te gibt, die immer nur iro­ni­sie­ren und über­stei­gern, sich aber in der Kri­tik dadurch zu immu­ni­sie­ren ver­su­chen, dass es eben die­se Stil­mit­tel sei­en. Das wird ab einem bestimm­ten Punkt halt auch inso­fern pro­ble­ma­tisch, weil man ja trotz­dem, wenn man jetzt immer wie­der irgend­wel­che frau­en­dis­kri­mi­nie­ren­den Pun­ch­li­nes bringt, die­se Bil­der bedient und immer wie­der abruft. Egal, ob nun ver­meint­lich iro­nisch oder nicht. Natür­lich kann das als ein­zel­ne Pun­ch­li­ne ein Gag sein. Aber als Kon­zept in der vol­len Band­brei­te und ewi­gen Wie­der­ho­lung ist es trotz der Tat­sa­che, dass ich es in der Über­stei­ge­rung ad absur­dum geführt habe, irgend­wie etwas, was die­se Ste­reo­ty­pen, die da eine gro­ße Rol­le spie­len, kon­ser­viert. So, dass ich das ab einer gewis­sen Dosis auch nicht mehr als hin­rei­chen­de Erklä­rung für die­se Grenz­über­schrei­tung anse­hen kann. Pro­vo­ka­tio­nen und Zuspit­zun­gen sind selbst­ver­ständ­li­cher Teil des Batt­leraps, aber es gibt zu vie­le Quatsch-​Rapper, die ob ihrer eigent­li­chen Inhalts- und Hal­tungs­lo­sig­keit immer nur durch ver­meint­li­che Über­trei­bun­gen scho­ckie­ren wol­len und letzt­end­lich gera­de dadurch nur anö­den.

MZEE​.com: Also reicht es für dich auch nicht aus, sich pri­vat oder in Inter­views dage­gen aus­zu­spre­chen, solan­ge in der Musik, die die­se Inhal­te iro­nisch auf­greift, nie ein Wider­spruch statt­fin­det?

Pöbel MC: Genau. Wie Mil­li eben schon sag­te, musst du dich eben auch ein biss­chen an dem mes­sen las­sen, was ver­stan­den wird. Und wenn man immer wie­der Schwu­len­wit­ze abfeu­ert, aber eigent­lich sagt, man sei in kei­ner Wei­se homo­phob – das kann ja alles sein. Aber das Res­sen­ti­ment, dass da irgend­ei­ne Schwä­che in die­ser Art von Sexu­al­ver­hal­ten ste­cken wür­de und die gan­zen Kli­schees, die dann ganz kon­kret in die­ser Art von Äuße­rung auf­ge­grif­fen wer­den, wird trotz­dem auf­recht­erhal­ten. Dage­gen tut man dann ja gar nichts. Man rei­tet nur auf die­ser gesell­schaft­li­chen Gege­ben­heit rum. Und man­chen Leu­ten ist es dann viel­leicht mög­lich, das über­ge­ord­net amü­sant zu fin­den, weil sie in ihrer pri­vi­le­gier­ten Posi­ti­on von die­sen auf­ge­grif­fe­nen Dis­kri­mi­nie­run­gen nicht betrof­fen sind. Aber das trifft lan­ge nicht für alle zu und ganz beson­ders nicht auf jene, die auf gesell­schaft­li­che Bes­se­rung zum Schutz ihrer Rech­te ange­wie­sen sind. Die­ses Iro­ni­sie­rungs­ding ist für mich des­we­gen eben auch kein Frei­fahrt­schein, um immer alles brin­gen zu kön­nen.

MZEE​.com: Rap war frü­her eigent­lich durch­ge­hend poli­tisch moti­viert, heu­te ist die­se Ein­stel­lung oft der Unter­hal­tung und Ver­markt­bar­keit gewi­chen. Ist euch Rap noch poli­tisch genug? Oder wür­det ihr euch mehr MCs wün­schen, die klar Stel­lung bezie­hen?

Mil­li Dance: Ich fin­de schon, dass es sehr viel Rap gibt, der sich mit wich­ti­gen The­men aus­ein­an­der­setzt. Ich kann sehr prag­ma­tisch – auch mit Blick auf gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen – schon sagen, dass ich mich freue, wenn Leu­te da etwas auf­grei­fen und das auf eine pro­duk­ti­ve, kon­struk­ti­ve und pro­gres­si­ve Art und Wei­se. Aber ich will auch nie­man­dem vor­schrei­ben, das zu tun. Mei­net­we­gen muss nie­mand unbe­dingt einen poli­ti­schen Rap­t­rack machen.

Pöbel MC: Ich glau­be, dass Rap­per oder Künst­ler ganz all­ge­mein gese­hen ihren gesell­schaft­li­chen Ein­fluss in die­se Rich­tung noch mehr gel­tend machen könn­ten, da ist auf jeden Fall Poten­zi­al. Zum Bei­spiel wei­sen vie­le Leu­te – natür­lich auch berech­tig­ter­wei­se – zwar auf sozia­le Miss­stän­de hin, die sie selbst erlebt haben. Gleich­zei­tig stre­ben sie jedoch zur Auf­lö­sung die­ser Situa­ti­on nur Din­ge an, die genau die­se sozia­len Miss­stän­de mit her­vor­ge­ru­fen haben. Sowas wie Mate­ria­lis­mus oder irgend­ein Auf­stiegs­den­ken, das nur "den Rap­per" als den Mäch­ti­gen und Star­ken posi­tio­niert, der vor­her ver­meint­lich nichts hat­te, anstatt das in einem viel grö­ße­ren Kon­text zu sehen und sich da um eine gene­rel­le Eman­zi­pa­ti­on zu bemü­hen. Even­tu­ell ist das auch ein Ansin­nen, das vie­len Leu­ten viel­leicht sozia­li­sa­ti­ons­be­dingt oder aus irgend­wel­chen ande­ren Grün­den nicht so greif­bar erscheint. Mir scheint es bei aller unter­halt­sa­mer Selbst­feie­rei nicht unwich­tig und als ein Punkt, an dem Rap anset­zen kann. Wenn ich aus mei­nen Miss­stän­den oder mei­ner Dis­kri­mi­nie­rung raus­ge­kom­men bin und dann mit mei­nem sozia­len Erfolg nichts ande­res anzu­fan­gen weiß, als über die sozi­al Schwa­chen, die das eben nicht geschafft haben, in mei­nem Ben­zer und mit mei­nen Ket­ten zu lachen, dann ist das ein­fach zu wenig. Das ist jetzt natür­lich rela­tiv abs­trakt gespro­chen, aber ich den­ke, du kannst dir das ja schon exem­pli­fi­ziert vor­stel­len. Vie­le Men­schen beschwö­ren so komi­sche Leis­tungs­for­meln wie "Erfolg ist kein Zufall". Mir erscheint das zu kurz gegrif­fen. Erfolg hat mei­nes Erach­tens nach sehr viel mit struk­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten, fremd­be­stimm­ten Vor­aus­set­zun­gen und eben auch Zufäl­len zu tun.

MZEE​.com: Dann lasst uns doch vom Abs­trak­ten direkt zum Kon­kre­ten über­ge­hen: Ange­nom­men, ihr müss­tet in die­sem Moment einen Text über das poli­ti­sche The­ma ver­fas­sen, das euch aktu­ell am meis­ten beschäf­tigt oder auf­regt – wel­ches wäre das?

Mil­li Dance: Also, für mich käme da wohl weni­ger etwas Bestimm­tes infra­ge als viel eher irgend­wel­che Grund­mus­ter, die den Argu­men­ta­tio­nen, die von ver­schie­de­nen Sei­ten immer kom­men, zugrun­de lie­gen. Ich den­ke, dass sol­che Sachen in unse­ren Tracks immer wie­der auf­tau­chen. "Ihr und Wir" zum Bei­spiel: Da geht es zwar eher dar­um, was wir als cool und als wack defi­nie­ren, wobei das natür­lich eigent­lich zu ein­fach ist, das wis­sen wir auch. Aber das ist in dem Fall ja ein Rap­t­rack. Ich wür­de aber zu kei­nem kon­kre­ten The­ma unbe­dingt etwas schrei­ben, sei es jetzt die Islam-​Debatte oder was auch immer. Denn allem, was die Medi­en bestimmt, lie­gen ja sol­che Feind­bild­kon­struk­te zugrun­de. Statt­des­sen geht es dann eher um bei­spiels­wei­se die sozia­le Fra­ge, wie Pöbel gera­de schon mein­te: gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren, die Men­schen in arm, weni­ger arm und reich unter­tei­len. Die lie­gen grenz­über­grei­fend vor und die Natio­nen sind dafür gar kei­ne Lösung, weil die Struk­tu­ren dar­in nicht auf­ge­löst wer­den. Statt­des­sen geht es nur dar­um, mög­lichst auch gegen die ande­ren Schwa­chen zu tre­ten. So nach dem Mot­to: "Ich habe als Deut­scher das Recht, mich von Deut­schen aus­beu­ten zu las­sen." Daher den­ke ich, dass ich all­ge­mein eher die­se abs­trak­te Form behan­deln wür­de, was ich ja auch tue.

Pöbel MC: Ein The­ma, das ich gra­de rela­tiv stark fin­de – ohne, dass ich da jetzt unmit­tel­ba­re Ambi­tio­nen ver­spü­re, das irgend­wie in einen Track zu packen –, wäre wohl das über­ge­ord­ne­te The­ma von staat­li­cher Kon­trol­le über Bür­ger und das Ver­hält­nis von Sicher­heit und Frei­heit. Es gibt da Ten­den­zen, die mir ins­be­son­de­re vor dem Hin­ter­grund tech­no­lo­gi­scher Ver­än­de­rung pro­ble­ma­tisch erschei­nen.

Mil­li Dance: Das ist ja auch etwas, das gera­de sehr unter­geht. Es ist mehr davon die Rede, wel­cher Gefähr­der wie abge­scho­ben wer­den kann, als davon, was für ein Poli­zei­ge­setz Bay­ern hat und das einer der dafür Ver­ant­wort­li­chen jetzt Innen­mi­nis­ter ist. Also, das kommt dann so bei "Moni­tor" und wird da mal auf­ge­grif­fen, aber es ist nicht wirk­lich The­ma der täg­li­chen Debat­te. Denn das sind genau die Geset­ze, die wäh­rend der Fußball-​WM durch­ge­wun­ken wer­den, da hat Pöbel auf jeden Fall recht. Und da wür­de ich mir zum Bei­spiel wün­schen, dass Rap­per sich ein biss­chen posi­tio­nie­ren. Denn man kann auch nicht sagen, dass es einen nicht betrifft, denn das betrifft jeden von uns kon­kret.

Pöbel MC: Ich sag's mal ganz über­zeich­net so: Das dys­to­pi­sche Sys­tem, wel­ches um 2040, 2050 instal­liert wird, kann halt nicht mehr in irgend­ei­nem bür­ger­li­chen Auf­be­geh­ren zer­schla­gen wer­den. Die ein­zi­ge Chan­ce, die man hat, sich dage­gen zu weh­ren, ist, aus dem Jetzt her­aus kri­tisch, skep­tisch und zuguns­ten frei­heit­li­cher Wer­te dage­gen vor­zu­ge­hen. Was jedoch struk­tu­rell pas­siert, geht in eine ganz ande­re Rich­tung.

Mil­li Dance: Sachen, die vor zehn oder zwan­zig Jah­ren noch ein rie­sen Ding waren wie etwa die Volks­zäh­lung … Da gab's damals rich­ti­ge Kam­pa­gnen gegen, weil das ein­fach schon viel Über­wa­chung war. Auch als das Ver­mum­mungs­ver­bot beschlos­sen wur­de, haben FDP-​Abgeordnete aus Pro­test den Bun­des­tag ver­las­sen. Das ist heu­te undenk­bar. Jetzt ist es so, dass neu­ge­bau­te Autos eine Appa­ra­tur instal­liert haben müs­sen, die bei Unfäl­len sofort Alarm schlägt. Das heißt, du hast die gan­ze Zeit so ein klei­nes Über­wa­chungs­ge­rät bei dir und nie­mand kann wirk­lich sagen, wel­che Daten da jetzt über­mit­telt wer­den. Egal, was offi­zi­el­le Stel­len dar­über berich­ten, da soll­te man immer sehr skep­tisch sein. Also, ohne jetzt ver­schwö­rungs­theo­re­tisch klin­gen zu wol­len, aber dass man das nicht alles durch­schau­en kann, ist ja kon­kret so. Sämt­li­che Ent­wick­lun­gen gehen meis­tens nicht in Rich­tung freie­re Gesell­schaft. Und so ein Appa­rat, der immer wei­ter aus­ge­baut wird, kann auch immer schwie­ri­ger aus­ge­he­belt wer­den. Vor allem baut man, wäh­rend eine sehr faschis­ti­sche Par­tei mit sehr faschis­ti­schen Ten­den­zen im Bun­des­tag sitzt, einen Appa­rat aus, bei dem man damit rech­nen kann, dass er ihnen viel­leicht irgend­wann in die Hän­de fällt. Alle Infor­ma­tio­nen, die die Poli­zei über dich sam­meln darf – da bin ich mir hun­dert­pro­zen­tig sicher –, wer­den zwi­schen AfD-​sympathisierenden Poli­zis­ten und AfD-​Politikern gege­be­nen­falls auch aus­ge­tauscht. Und die wie­der­um geben sie dann an Iden­ti­tä­re – also ein­fach Nazis, kon­kre­te Nazis. Björn Höcke ist auch ein kon­kre­ter Nazi – wei­ter. Und das ist blind. Aber das sorgt für kei­nen Auf­schrei mehr. Sehr besorg­nis­er­re­gend.

MZEE​.com: Da gehen dann teil­wei­se ein­fach ganz unauf­fäl­li­ge, suk­zes­si­ve Ände­run­gen vor, deren Trag­wei­te einem erst wirk­lich klar wird, wenn sie in vol­lem Aus­maß da sind.

Pöbel MC: Als Bei­spiel etwa die Gefährder-​Regelung in Bay­ern. Bis vor eini­gen Mona­ten muss­te die Poli­zei zur Ein­lei­tung von Über­wa­chungs­maß­nah­men oder einer Inge­wahrs­am­nah­me eine kon­kre­te Gefahr vor­wei­sen, jetzt geht das schon durch den Nach­weis einer dro­hen­den Gefahr. Auch durch sol­che sprach­li­chen Auf­wei­chun­gen wer­den Mög­lich­kei­ten geschaf­fen, ver­schie­dens­te Ver­hal­tens­wei­sen zu ahn­den. Man kann sich viel­leicht ob der gegen­wär­ti­gen, gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se noch halb­wegs sicher sein, dass das nicht in ganz extre­mer, dys­to­pi­scher Form zur Mei­nungs­ein­schrän­kung genutzt wird, aber man schafft auf jeden Fall ein ganz gro­ßes Miss­brauchs­po­ten­zi­al.

Mil­li Dance: Dabei wird ja auch immer wei­ter aus­ge­dünnt, wel­che Rech­te der Mensch als Ein­zel­per­son über­haupt noch hat, um sei­ne Per­sön­lich­keit und sei­ne Pri­vat­sphä­re zu schüt­zen. Eben weil das alles so miss­brauchs­an­fäl­lig wird. Mitt­ler­wei­le musst du dich recht­fer­ti­gen, wenn du irgend­wo dei­nen Namen nicht ange­ben willst oder mit Bar­geld zah­len möch­test. Die Abschaf­fung ist zwar schon in Pla­nung und ich bin mir ganz sicher, dass das kom­men wird, aber da fra­gen Leu­te dich dann, was du zu ver­ber­gen hast, weil du dage­gen bist. Ich habe halt noch ein Recht dar­auf, dass nicht jeder alles über mich weiß. Aber gleich­zei­tig hast du da eine gan­ze Gene­ra­ti­on an jun­gen Leu­ten, die damit auf­ge­wach­sen ist, dass der Schutz der eige­nen Per­sön­lich­keit gar nicht so wich­tig ist, weil es nor­mal ist, sich im Inter­net zu insze­nie­ren.

Pöbel MC: Vor allem fin­de ich es dabei auch naiv, zu glau­ben, dass die­se Art von staat­li­chem Selbst­ver­ständ­nis und poli­ti­scher Aus­rich­tung so unglaub­lich sta­bil ist. 2011 hat man in der Tür­kei auch geglaubt, wir bre­chen jetzt in ein neu­es, bür­ger­li­ches, frei­es Selbst­ver­ständ­nis auf – und zehn Jah­re spä­ter ist die gan­ze Struk­tur eher in der Nähe einer Dik­ta­tur. Und dann lass uns mal so weit den­ken: Wenn sich jetzt ten­den­zi­ell die poli­ti­sche Lage hier in Deutsch­land so ver­än­dern wür­de, dass wir viel­leicht Zustän­de wie in der Tür­kei errei­chen, dann wäre es auch denk­bar, dass Musik mit Inhal­ten wie unse­ren als Akt gegen den Staat oder die Inter­pre­ten als Ter­ro­ris­ten ange­se­hen wer­den.

Mil­li Dance: In Spa­ni­en hast du ja bei­spiels­wei­se schon den Fall, dass du für drei Jah­re oder so in den Knast kommst, wenn du sagst, dass eine Atom­bom­be oder ähn­li­ches das Königs­haus tref­fen soll.

MZEE​.com: Lasst uns zum Ende noch mal auf etwas ande­res zu spre­chen kom­men, um das Inter­view mit einer posi­ti­ven Note zu been­den.

Mil­li Dance: Oh, ich glau­be, das wird schwer. (lacht)

MZEE​.com: Wir ver­su­chen es ein­fach mal: Ich wür­de mir wün­schen, dass du, Pöbel, unse­ren Lesern in ein paar weni­gen Wor­ten erklärst, war­um man Waving The Guns hören soll­te.

Pöbel MC: War­um man WTG hören soll­te … Man soll­te sich WTG auf jeden Fall anhö­ren, da sie sehr guten Rap mit Wort­witz und ein­dring­li­chen Melo­di­en fabri­zie­ren und gleich­zei­tig ver­schie­dens­te per­sön­li­che wie poli­ti­sche The­men in einer für deutsch­spra­chi­gen Rap beson­de­ren Wei­se ver­han­deln.

MZEE​.com: Und, Mil­li, war­um soll­te man Pöbel MC hören?

Mil­li Dance: Ich wür­de sagen, weil sei­ne Musik ein­fach sehr kraft­voll und ger­ne auch mal stumpf ist, aber sich dahin­ter eben eine sehr cle­ve­re Bot­schaft ver­birgt. Und außer­dem ken­ne ich kei­nen ande­ren, der "Pool" auf "cool" rei­men kann, ohne dass sich das schei­ße anhört. Also, wenn ich das rap­pen wür­de, wür­de es total bescheu­ert klin­gen. Aber Pöbel hat dafür halt ein­fach den nöti­gen Swag. (lacht)

Pöbel MC: Und außer­dem soll­te man WTG natür­lich hören, um deren herr­li­che Live­shows in vol­lem Umfang genie­ßen zu kön­nen und dann auch auf unse­rer gemein­sa­men Tour noch mehr Spaß zu haben.

Mil­li Dance: Ja, die soll­te man nicht ver­pas­sen!

(Dani­el Fersch)
(Fotos von Loui­se Ame­lie)