Ralf Theil

Deutschrap-​Journalismus. Schon über das Wort lässt sich strei­ten. Die einen mei­nen, "rich­ti­ger" Jour­na­lis­mus im deut­schen Rap exis­tie­re doch gar nicht. Außer­dem kön­ne ja jeder selbst bes­se­re Arti­kel schrei­ben als "die­se Prak­ti­kan­ten". Die ande­ren fin­den, jeder, der im deut­schen Rap jour­na­lis­ti­sche Tätig­kei­ten aus­führt, sei auch ein Jour­na­list. Die nächs­ten füh­ren auf: Ja, im deut­schen Rap sind Redak­teu­re unter­wegs – aber kei­nes­falls Jour­na­lis­ten. Zusam­men­fas­sen lässt sich: Fast jeder hat zumin­dest eine Mei­nung dazu. Aber wie steht es um die Mei­nung der Jour­na­lis­ten selbst? Denn die hat kaum jemand mal gefragt. Und so star­tet unse­re neue Serie – eine klei­ne Inter­viewrei­he mit aktu­ell rele­van­ten und akti­ven Jour­na­lis­ten der deut­schen Rap­sze­ne. Dabei möch­ten wir dar­über reden, war­um die Deutschrap-​Medien von so vie­len Sei­ten – auch von der der Künst­ler – immer wie­der unter Beschuss ste­hen und wie die Jour­na­lis­ten die­se Sei­ten­hie­be per­sön­lich emp­fin­den. Wir bespre­chen, wie ein­zel­ne Jour­na­lis­ten ihren Platz in der Rap­sze­ne wahr­neh­men und ob deut­scher Rap­jour­na­lis­mus in Gossip-​Zeiten noch kri­tisch ist. Wir möch­ten erfah­ren, ob sie die Sze­ne noch unter dem Kultur-​Begriff ver­ste­hen oder das Gan­ze für sie aus­schließ­lich ein Beruf (gewor­den) ist. Es kom­men Fra­gen auf, ob es ver­ein­bar ist, in die­sem Auf­ga­ben­be­reich Geld zu ver­die­nen und wie der aktu­el­le Deutschrap-​Journalismus und sei­ne Ent­wick­lung gese­hen wird. Und: Wie steht es über­haupt um die Ent­wick­lung der Rap­sze­ne an sich? Das und vie­les mehr wer­den wir in über zehn Inter­views bespre­chen, in wel­chen es ver­ständ­li­cher­wei­se immer nur um einen Teil­be­reich die­ser gro­ßen The­men­welt gehen kann. Für das vier­te Inter­view unse­rer Rei­he spra­chen wir mit Ralf Theil, der eini­ge Jah­re als Teil der "Mixe­ry Raw Deluxe"-Redaktion arbei­te­te und als frei­er Autor unter ande­rem für das Splash! Mag und ALL GOOD tätig ist. Sei­ne jah­re­lan­ge Arbeit in der deut­schen Rap­sze­ne und die zusätz­li­che Betä­ti­gung als Künstler-​Manager mach­ten es für uns umso span­nen­der, sei­nen Blick auf den deut­schen Rap­jour­na­lis­mus zu erfah­ren.

MZEE​.com: Fan­gen wir doch mal ganz von vor­ne an: Wann bist du das ers­te Mal mit Jour­na­lis­mus als Job in Berüh­rung gekom­men?

Ralf Theil: Ich glau­be, es muss 1999 oder 2000 gewe­sen sein, als ich das ers­te Mal über Hip­Hop geschrie­ben habe. Ich habe in Kon­stanz stu­diert und dort rela­tiv zufäl­lig für ein klei­nes Maga­zin namens "Scope" zu schrei­ben ange­fan­gen, dar­über bin ich dann in ein paar Sachen rein­ge­rutscht. Das war aber auch in einer Zeit, in der sich rela­tiv schnell her­aus­kris­tal­li­siert hat, dass ich mich job­tech­nisch in Rich­tung Musik bewe­gen möch­te. 2001 bin ich dann nach Ham­burg gegan­gen und habe ange­fan­gen, in einer Promo-​Agentur zu arbei­ten. Dort habe ich für die Break­beat geschrie­ben – ich weiß nicht, ob das noch jemand kennt. Das war ein Nach­fol­ger vom Ham­bur­ger Wicked Maga­zin.

MZEE​.com: Hat­test du damals schon geplant, im Deutschrap-​Journalismus bezie­hungs­wei­se im deut­schen Rap all­ge­mein Fuß zu fas­sen?

Ralf Theil: "Geplant" ist viel­leicht über­trie­ben. Wenn du mich mit 15 oder 16 gefragt hät­test, dann hät­te ich mich auch ohne Hip­Hop sehr für Jour­na­lis­mus inter­es­siert. Ich hat­te das auch immer als Job­vor­stel­lung, weil ich es gene­rell inter­es­sant fand, zu schrei­ben und jour­na­lis­tisch zu arbei­ten. Ich glau­be, letzt­end­lich sind Hip­Hop und Musik gene­rell dar­an schuld, dass sich die­se gan­zen Optio­nen für mich auf­ge­tan haben. Und ich wei­te­re Betä­ti­gungs­fel­der gefun­den habe, die mit Musik zusam­men­hän­gen, aber nicht alle mit dem Schrei­ben zu tun haben …

MZEE​.com: Wür­dest du deut­schen Rap denn als dei­ne Lei­den­schaft bezeich­nen?

Ralf Theil: Das wäre jetzt nicht die For­mu­lie­rung, die ich wäh­len wür­de – weil ich viel­leicht nicht lei­den­schaft­lich genug bin. Aber klar, es ist eine extrem fes­te Grö­ße, die mich seit der Puber­tät beglei­tet und viel von dem bestimmt hat, was in mei­nem Leben pas­siert ist. Das klingt jetzt ein biss­chen pathe­tisch. Aber sowohl was mein Berufs­le­ben seit Anfang 2000 als auch mei­nen Freun­des­kreis angeht … Ohne Hip­Hop wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin.

MZEE​.com: Im Zuge des­sen fän­de ich es inter­es­sant zu wis­sen, ob es immer eine gute Idee ist, sei­ne größ­te Lei­den­schaft zum Beruf zu machen?

Ralf Theil: Dazu müss­te ich in ein Parallel-​Universum gucken kön­nen, indem ich etwas Seriö­ses gemacht hät­te. Viel­leicht wür­de ich da jetzt bei der Süd­deut­schen Zei­tung arbei­ten oder so was. (über­legt) Ich arbei­te jetzt auch schon echt lang als Frei­be­ruf­ler in die­sem Bereich und man befasst sich natür­lich immer damit. Ich glau­be, dass es eine Fra­ge der Per­spek­ti­ve ist. Gera­de, weil es für mich ein emo­tio­na­les The­ma ist und mich Musik per­sön­lich inter­es­siert. Ich las­se nicht um 16 Uhr den Stift als Sach­be­ar­bei­ter in einer Ver­si­che­rung fal­len. Da ich mich sowohl beruf­lich als auch pri­vat mit dem glei­chen The­ma beschäf­ti­ge, hat es viel mehr Poten­zi­al, einen in den Wahn­sinn zu trei­ben. Es ist viel schwie­ri­ger, eine Gren­ze zu zie­hen zwi­schen "hier nervt mich mein Job" und "hier habe ich pri­vat mein Ver­gnü­gen dar­an". Dar­über hin­aus den­ke ich mir, dass jeder, der berufs­tä­tig ist und sei­nen Kram macht, irgend­wann mal Ärger damit hat. Ich hab' für mich total mei­nen Frie­den mit dem Umstand gemacht, dass die Sachen, die mir mal Stress berei­ten, auch die sind, die mir per­sön­lich wahn­sin­nig wich­tig sind. Ich lass' mich im Zwei­fels­fall lie­ber von einer Sache stres­sen, auf die ich Bock habe und mit der ich ger­ne mei­ne Zeit ver­brin­ge.

MZEE​.com: Viel­leicht ist das auch genau der Mit­tel­weg, den es braucht. Wenn einem der Job kei­nen Spaß machen und man sich nicht mit ihm iden­ti­fi­zie­ren wür­de, wür­de man sicher auch ein­ge­hen.

Ralf Theil: Es gibt auch vie­le Fak­to­ren, die da mit rein­spie­len. Ich glau­be, dass es einem manch­mal den Spaß oder die Freu­de ver­dirbt, wenn man es pro­fes­sio­na­li­siert. Bei mir habe ich nicht das Gefühl, dass es so ist. Aber wenn du dich 10, 15 Jah­re mit so was beschäf­tigst, hast du ein ande­res Ver­hält­nis dazu als zu einem Hob­by, das über­haupt nicht dei­nen All­tag bestimmt. Du bist dann auch schwe­rer aus der Reser­ve zu locken oder zu begeis­tern von ver­meint­lich neu­en Sachen – das ist ein­fach ein ganz nor­ma­ler Neben­ef­fekt. Ich bin aber auf jeden Fall froh, dass es so ist, wie es ist.

MZEE​.com: Wie kam es denn dazu, dass du dich nicht nur auf dei­ne jour­na­lis­ti­sche Arbeit beschrän­ken woll­test?

Ralf Theil: Der Weg hat ja nicht nur beim Schrei­ben ange­fan­gen. Das Ers­te, das ich haupt­be­ruf­lich gemacht habe, war, für eine Promo-​Agentur zu arbei­ten. Und neben­bei habe ich geschrie­ben. Das war sozu­sa­gen mein ers­ter Job in die­sem Musik­zir­kus. Als ich mich dann nach der Agen­tur selbst­stän­dig gemacht habe, war es auch das, mit dem ich mich haupt­säch­lich wei­ter­be­schäf­tig­te – dann hat es sich immer wei­ter­be­wegt. Die ein­zi­ge Pha­se, in der ich die meis­te Zeit damit ver­bracht habe, redak­tio­nell zu arbei­ten, kam viel spä­ter. Und zwar 2009, als ich von Falk Schacht ins Team geholt wur­de und mit ihm zusam­men fünf Jah­re lang die Redak­ti­on von "Mixe­ry Raw Delu­xe" gemacht habe. Direkt im Anschluss kamen dann zwei Jah­re, in denen ich sehr viel geschrie­ben und auch viel für die JUICE gear­bei­tet habe. Das heißt, es sind bei mir unge­fähr sie­ben Jah­re, in denen redak­tio­nel­les und jour­na­lis­ti­sches Arbei­ten den gro­ßen Teil aus­ge­macht haben. Das hat sich danach wie­der in eine ande­re Rich­tung bewegt und es haben sich neue Mög­lich­kei­ten auf­ge­tan.

MZEE​.com: Konn­test du dich in der Zeit, in der du redak­tio­nell tätig warst, mit dem deut­schen HipHop-​Journalismus iden­ti­fi­zie­ren? Kannst du es viel­leicht auch heu­te noch?

Ralf Theil: Fin­de ich ehr­lich gesagt immer noch schwer zu beant­wor­ten, weil "der deut­sche HipHop-​Journalismus" nicht so ein homo­ge­nes Ding ist. Dar­um ist es für mich gene­rell schwer, das zu beant­wor­ten. Zur dama­li­gen Zeit gab es sicher­lich nicht so viel wie heu­te, wo es tau­send ver­schie­de­ne For­ma­te im Inter­net gibt. Ich glau­be, die­se gan­ze Ent­wick­lung, die in den letz­ten Jah­ren ver­mehrt kri­ti­siert wur­de, hat damals noch nicht so viel Raum ein­ge­nom­men. In die­ser Zeit tauch­te zum Bespiel auch Rap­up­date auf. Man hat sich das damals nicht so ein­ge­stan­den und es rela­tiv lan­ge als klei­nes, unan­ge­neh­mes Rand-​Phänomen abge­tan. Es war schon eine kras­se Ver­schie­bung, die da statt­ge­fun­den hat. Das ist uns aber auch erst nach und nach klar gewor­den. Es zeigt, dass es damals die­se extre­men Aus­rei­ßer in Rich­tung Gos­sip nicht gege­ben hat.

MZEE​.com: Was hältst du denn per­sön­lich von die­sen Aus­rei­ßern?

Ralf Theil: Ich emp­fin­de es als eine logi­sche Kon­se­quenz. Ganz nüch­tern betrach­tet: So, wie das gan­ze Markt­seg­ment Hip­Hop gewach­sen ist, gibt es auch eine berech­tig­te Nach­fra­ge nach sol­chen Sachen. Ohne Nach­fra­ge bedient die auch nie­mand – das sind ja ganz ein­fa­che Mecha­nis­men, die man hat. Ich fin­de das als Kon­su­ment in ganz vie­len Fäl­len unin­ter­es­sant, aber ich beweg' mich ja auch immer mehr weg davon, Teil der kon­su­mie­ren­den Ziel­grup­pe zu sein. Ich bin viel­leicht ein­fach ein paar Jah­re älter und nehm' sol­che Sachen anders wahr. Ganz viel davon fin­de ich per­sön­lich scha­de, weil der Fokus an eine Stel­le rückt, an die er für mich nicht hin­ge­hört. Aber solan­ge es Leu­te inter­es­siert und gewis­se Gren­zen nicht über­schrit­ten wer­den, ist das völ­lig nor­mal. War­um soll­te Hip­Hop frei von sol­chen Ent­wick­lun­gen und Mecha­nis­men sein, wenn es der Rest der Gesell­schaft nicht ist? Wenn Gala oder Bun­te seit Jah­ren wahn­sin­ni­ge Auf­la­gen haben, ist ja ein­fach ein Bedarf da. Und wenn Hip­Hop groß genug wird und auch den Stoff bie­tet, sich mit so was zu beschäf­ti­gen, inter­es­siert es irgend­wen.

MZEE​.com: Wenn du den Ist-​Zustand der Deutschrap-​Medien mit dei­nem Wunsch­bild ver­gleichst: Wo lie­gen die Unter­schie­de?

Ralf Theil: Ich glau­be, ich habe gar nicht so vie­le offe­ne Wün­sche. Ich habe mich damit ange­freun­det, dass wir nicht mehr die eine Sze­ne haben. Es gibt kei­ne homo­ge­ne Mas­se mehr von Hip­Hop als Kul­tur, um die­sen Begriff noch mal aus der Mot­ten­kis­te zu holen. (grinst) Es gibt so vie­le Sachen, die par­al­lel exis­tie­ren und irgend­wie unter die­sem Ober­be­griff lau­fen, aber eigent­lich kom­plett unab­hän­gig von­ein­an­der sind. Genau­so ist es auch auf der Sei­te der Medi­en und Bericht­erstat­ter. So wenig, wie ich mich mit allem iden­ti­fi­zie­re, was an neu­er Musik auf den Markt kommt, iden­ti­fi­zie­re ich mich mit allem, was in der Bericht­erstat­tung pas­siert. Das eröff­net ja ein­fach nur die Mög­lich­keit, dass man für sich her­aus­fin­det, was man respek­tiert, was einem irgend­wie sinn­vol­le Infor­ma­tio­nen oder einen Mehr­wert bie­tet und was in die eige­ne Rich­tung geht. Ich den­ke, es ist eine Dauer-​Weisheit von mir, dass das Ver­hält­nis von cool zu schei­ße über ganz lan­ge Zeit eine Kon­stan­te ist. Aber wenn du plötz­lich hun­dert­mal so viel Out­put hast, dann hast du auch mehr Sachen, die schei­ße sind. Man fällt auf eine selek­ti­ve Wahr­neh­mung rein und erin­nert sich dann an die fünf Sachen von frü­her, an die man sich ger­ne erin­nert und die man hoch­hält. Aber es gab vor 15 oder 20 Jah­ren auch Leu­te, die auf lächer­li­che Art und Wei­se über Hip­Hop berich­tet haben. Man hat es ein­fach nur ver­ges­sen. Des­halb glau­be ich nicht, dass das Kräf­te­ver­hält­nis oder die Prio­ri­tä­ten sich krass ver­scho­ben haben. Aber dadurch, dass die­ses Seg­ment in sei­nen gan­zen Aus­prä­gun­gen über die letz­ten zehn Jah­re hin­weg so krass gewach­sen ist, pas­siert halt auch auf der Medi­en­sei­te mehr.

MZEE​.com: Gibt es für dich einen Unter­schied zwi­schen HipHop-​Journalismus, Jour­na­lis­mus ande­rer Musik-​Genres oder Jour­na­lis­mus im All­ge­mei­nen? Ich habe oft das Gefühl, dass es in ande­ren Gen­res kaum um The­men wie Gos­sip geht.

Ralf Theil: Ich befas­se mich mit wahn­sin­nig viel Musik, möch­te mir aber nicht anma­ßen zu sagen, wie es in ande­ren Sze­nen ist. Mein sub­jek­ti­ver Ein­druck ist schon auch das, was du gesagt hast – und zwar, dass es im HipHop-​Bereich beson­ders aus­ge­prägt ist. Ich glau­be, man muss aber auch aner­ken­nen, dass da eine Ver­schie­bung statt­ge­fun­den hat, die dazu führt, dass nicht alles, was auf Sei­ten der Medi­en pas­siert, Jour­na­lis­mus ist. Es ist halt ein rie­si­ges Feld von Enter­tain­ment und vie­le Leu­te, die Bericht­erstat­tung machen oder im Umfeld davon statt­fin­den, ohne aktiv Musik zu machen, sind Teil von die­sem Enter­tain­ment­sys­tem. Da ver­schwim­men gera­de extrem vie­le Gren­zen. Ich den­ke dabei an Cha­rak­te­re, die zwar auch jour­na­lis­tisch arbei­ten kön­nen, aber – um eine gewis­se Rele­vanz zu errei­chen und zu behal­ten – sich nach ganz ande­ren Maß­stä­ben mes­sen. Die­se Maß­stä­be haben dann nichts mehr mit Jour­na­lis­mus zu tun, son­dern funk­tio­nie­ren wie bei Instagram-​Influencern oder You­Tubern. Dann hat man halt den klas­si­schen Journalismus-​Bereich längst ver­las­sen. Es gibt ganz viel, das sehr gut dar­über funk­tio­niert, dass jemand einem Musi­ker Fra­gen stellt und Ant­wor­ten bekommt. Was aber am Ende eine Art "Hof­be­richt­erstat­tung" gewor­den ist. Oli Mar­quart hat das in sei­nem Inter­view mit euch recht schön erklärt. Musi­ker sind ja nicht doof. Sie haben ent­we­der selbst Ahnung von Ver­mark­tung oder Leu­te um sich her­um, die davon Ahnung haben, weil es ein­fach krass wich­tig ist. Irgend­wann haben sie ver­stan­den: Wenn sie von jedem Album so und so viel ver­kau­fen, müs­sen sie nicht vier Inter­view­ta­ge mit der Zeit, der Süd­deut­schen und dem Musik­ex­press machen, son­dern es reicht aus, wenn sie ein ein­zi­ges Inter­view geben. Über die übli­chen Kanä­le erreicht es sowie­so die Leu­te, die es errei­chen muss, und man selbst hat eine viel stär­ke­re Reich­wei­te als jedes die­ser Medi­en. Man ist also über­haupt nicht dar­auf ange­wie­sen, sich in eine klas­si­sche kri­ti­sche Art von Jour­na­lis­mus hin­ein­zu­be­ge­ben, son­dern man kann Ver­laut­ba­run­gen von sich geben. Irgend­wo gibt es dann die­se Hof­be­richt­erstat­ter, die das stolz und exklu­siv ans Volk wei­ter­ge­ben. Das soll kein kul­tur­pes­si­mis­ti­sches Geplap­per sein, aber das ist ein­fach ein ande­res Hand­werk, das Musik­jour­na­lis­mus von außen gese­hen recht ähn­lich sieht. Letz­te­ren muss man jetzt nicht auf so ein über­trie­be­nes Podest packen. Wir spre­chen ja nicht über den Nahost-​Konflikt – auch wenn wir das viel­leicht manch­mal soll­ten. Aber die­ses ver­scho­be­ne Mäch­te­ver­hält­nis hat schon sehr viel mit der Sze­ne und der Bericht­erstat­tung gemacht.

MZEE​.com: Wür­dest du denn sagen, dass Inter­views aktu­ell eher Pro­mo sind als ein inter­es­san­tes Gespräch oder kri­ti­sches Nach­fra­gen?

Ralf Theil: Ich glau­be, dass der Mecha­nis­mus, den ich vor­hin ange­spro­chen habe, dazu bei­trägt, dass vie­le Inter­views wie­der inter­es­san­ter wer­den. Da, wo es nur Pro­mo ist, herrscht irgend­wann auch das Bewusst­sein dafür, dass man das gar nicht so aus­ufernd machen muss. Ganz vie­le Künst­ler müs­sen nicht drei­ßig­mal das glei­che Inter­view geben, um ein biss­chen Öffent­lich­keit zu errei­chen, son­dern haben die­se Öffent­lich­keit sowie­so schon. Die Leu­te, die Inter­views lesen, um Input und ein Bild von einem Men­schen oder Künst­ler zu bekom­men, inter­es­sie­ren sich auch für Inhal­te, Deep­ness und mehr als die 2 500 Zei­chen, die man sich noch traut, online zu ver­öf­fent­li­chen. Da, wo es nur um Pro­mo und Reich­wei­te geht, gibt es halt so vie­le ande­re Mit­tel und Wege, dass das Inter­view gar kein so wich­ti­ger Punkt mehr ist.

MZEE​.com: Kom­men wir mal zu dei­nen aktu­el­len Pro­jek­ten: Du arbei­test im Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­reich von Red Bull Music und bist im Management-​Team von Fato­ni. Bist du der Mei­nung, dass du gewis­se HipHop-​Grundeinstellungen bei dei­ner aktu­el­len Tätig­keit an den Tag legst?

Ralf Theil: Bei Grund­ein­stel­lun­gen müss­te ich kurz über­le­gen. Es sind ja alles Pro­jek­te, die in einem HipHop-​Kontext statt­fin­den. Das hat ein­fach damit zu tun, dass das immer noch der Bereich ist, in dem ich mich am ehes­ten traue, eine fun­dier­te Mei­nung zu haben, mich hin­zu­stel­len und Din­ge bes­ser zu wis­sen als ande­re – zumin­dest mei­ner Wahr­neh­mung nach … (grinst) Das sind alles Sachen, die mal mehr, mal weni­ger mit Hip­Hop zu tun haben. Aber ob das jetzt mit HipHop-​Grundwerten zu tun hat … Es ist für mich nicht so ein "Each one teach one"-Ding. Ich fin­de es für mich sel­ber inter­es­sant, ganz vie­le ver­schie­de­ne Sachen mit­zu­be­kom­men und zu ler­nen, dass es auch nach der gan­zen Zeit noch Betä­ti­gungs­fel­der und klei­ne Nischen gibt, in denen ich etwas dazu­ler­nen kann. Ich mache lau­ter Sachen, die für mich inter­es­sant sind und die gan­ze Zeit mit Hip­Hop zu tun haben. Und ich kann außer­dem immer noch mein Leben davon bezah­len, was eigent­lich eine ganz gute Posi­ti­on ist.

MZEE​.com: Inwie­fern ist es denn ver­ein­bar, im deut­schen Rap­jour­na­lis­mus tätig zu sein und gleich­zei­tig als Künstler-​Manager zu arbei­ten?

Ralf Theil: Es ist natür­lich ein vor­be­las­te­tes The­ma. Auf jeden Fall ist das ein Grund dafür, dass ich in den letz­ten zwei Jah­ren sehr wenig jour­na­lis­tisch über deut­schen Rap geschrie­ben habe. Wenn ich näm­lich von dei­nem Label irgend­wann mal Sum­me X dafür bekom­men habe, einen Pres­se­text über dein Album zu schrei­ben, muss ich nicht mehr das JUICE-​Interview mit dir füh­ren. Dar­auf habe ich kei­nen Bock und es ist auch eine Vor­sichts­maß­nah­me, weil ich weiß, wie es von außen wirkt, wenn ande­re Leu­te das machen. Ich habe früh auf­ge­hört, Reviews über Plat­ten von Künst­lern zu schrei­ben, die ich mehr als nur flüch­tig ken­ne. Das heißt nicht, dass ich mir nicht zutraue, eine fun­dier­te Mei­nung zu haben, Kri­tik oder Lob zu äußern und schlüs­sig zu begrün­den, war­um das so ist. Aber ganz ehr­lich: Es ist den Stress ein­fach nicht wert, sich von irgend­wem anzu­hö­ren, dass man die Plat­te nur cool fin­det, weil man den Künst­ler kennt und mag. Ja, ich mag den auch, weil der nicht wack ist. Aber das spart man sich dann, weil es nichts bringt. Ich traue mir auch zu, mit Künst­lern, in deren Umfeld ich mich pri­vat oder beruf­lich bewe­ge, ein inter­es­san­tes Gespräch zu füh­ren und damit ein paar Sei­ten in einem Maga­zin zu fül­len. Bestimmt kann das sogar dazu bei­tra­gen, dass man gute und inter­es­san­te Gesprä­che füh­ren kann, weil man eine gemein­sa­me Basis hat, auf die man zurück­grei­fen kann. Ich kom­me sel­ten in die Ver­le­gen­heit und wür­de es von mir aus nicht anbie­ten. In der Sum­me führt es halt dazu, dass ich in den letz­ten Jah­ren viel weni­ger über deut­schen Rap schrei­be.

MZEE​.com: Gab es für dich mal einen Moment, indem du das Arbei­ten inner­halb der Deutschrap-​Szene als anstren­gend emp­fun­den hast?

Ralf Theil: (lacht) Unglaub­lich vie­le, auf jeden Fall!

MZEE​.com: Und du hast immer noch Spaß dar­an?

Ralf Theil: Wenn von fünf Bau­stel­len eine gera­de nervt, dann sind es ja noch vier, die Spaß machen – das gleicht sich immer ein biss­chen aus. Es gibt mega­vie­le Sachen, die immer genervt haben, aber ich ver­su­che, nicht die Per­spek­ti­ve zu ver­lie­ren. Ich weiß, dass ich da in einer echt luxu­riö­sen Posi­ti­on bin, das machen zu kön­nen, das ich ger­ne und eini­ger­ma­ßen gut mache. Des­we­gen darf man sich da ein­fach nicht abfu­cken las­sen. Es gibt zum Glück vie­le Künst­ler und ande­re Leu­te hin­ter den Kulis­sen, die erfolg­reich und ein­fluss­reich sind, viel erreicht haben und es sich ver­meint­lich eigent­lich leis­ten könn­ten, sich schei­ße zu ver­hal­ten, einen war­ten zu las­sen und ein anstren­gen­der Mensch zu sein. Erfreu­li­cher­wei­se ist es in den meis­ten Fäl­len so, dass die­se Leu­te, die es sich leis­ten könn­ten, die cools­ten, ver­bind­lichs­ten und zuver­läs­sigs­ten Men­schen sind. Das trägt ja auch dazu bei, dass man einen gewis­sen Sta­tus erreicht. Es gibt immer Gegen­bei­spie­le, aber zum Glück ist es in den meis­ten Fäl­len so, dass man mit den rich­ti­gen Leu­ten zusam­men­ar­bei­ten kann und das auch ger­ne macht.

MZEE​.com: Ich möch­te ger­ne noch mal auf die jour­na­lis­ti­sche Sze­ne im All­ge­mei­nen zurück­kom­men. Denkst du, dass es als Maga­zin ver­ein­bar ist, ein kom­mer­zi­el­les Ziel zu ver­fol­gen und gleich­zei­tig nicht an Inte­gri­tät zu ver­lie­ren?

Ralf Theil: Ich weiß nicht, ob es ver­ein­bar ist. Ich bin wirk­lich sehr froh dar­über, nie in mei­nem Leben in der Posi­ti­on des Chef­re­dak­teurs von der JUICE oder sonst irgend­was gewe­sen zu sein. Dann bist du näm­lich in genau die­ser Posi­ti­on, in der du wahn­sin­nig viel falsch machen kannst, dir viel vor­ge­hal­ten wird und jeder, der da drau­ßen rum­läuft, bes­ser weiß, wie das aktu­el­le Cover zustan­de gekom­men ist oder war­um wel­cher Rap­per im aktu­el­len Heft zwei Sei­ten mehr hat. Fin­de ich wirk­lich nicht benei­dens­wert und ich glau­be, das ist ein rela­tiv undank­ba­rer Job, der ganz viel Respekt von mir bekommt. Ich glau­be schon, dass es ver­ein­bar ist, aber es ist nicht ganz ohne Kom­pro­mis­se mög­lich. Man kann die Kom­pro­mis­se aber auch so gestal­ten, dass sie nicht unan­ge­nehm sind. Wenn ich zum Bei­spiel in einem Heft oder auf einer Web­site ein gekenn­zeich­ne­tes Adver­to­ri­al für einen Fön oder so sehe, dann ist das irgend­wie schei­ße und auch ein biss­chen pein­lich. Man lacht ein biss­chen drü­ber, weil man sich denkt: "Boah, ihr seid so arm, ihr müsst jetzt das und das Geld neh­men." Aber am Ende ist es doch die sau­bers­te Ent­schei­dung, weil alle halt wirt­schaft­li­che Zwän­ge haben. Ohne die lässt sich nicht so rich­tig Öffent­lich­keit schaf­fen – zumin­dest nicht auf einem gewis­sen Niveau. Da ist halt eine rie­si­ge Band­brei­te, man­che haben ein gro­ßes Ver­lags­haus oder eine Ver­mark­tungs­agen­tur hin­ter sich ste­hen und ande­re schaf­fen es gera­de so, zwei Leu­ten ein biss­chen Taschen­geld zu erwirt­schaf­ten. Aber auf irgend­ei­ner Ebe­ne hat man halt immer ein Geschäfts­mo­dell, das dahin­ter­steht. Ich glau­be, dass man das auf jeden Fall sau­ber machen kann.

MZEE​.com: Wenn wir uns jetzt mal vor­stel­len, dass du alle Deutschrap-​Journalisten an einen Tisch set­zen und ihnen sagen könn­test, was dir fehlt: Was wäre das?

Ralf Theil: Ein biss­chen Wür­de. Ein biss­chen Refle­xi­on dar­über, was man eigent­lich so macht. Da den­ke ich gera­de sehr in die­se Rich­tung, bei der man nicht mehr rich­tig unter­schei­den kann, ob man jetzt schmü­cken­des Bei­werk des Künst­ler ist oder sich eigent­lich total instru­men­ta­li­sie­ren lässt. Das fin­det an vie­len Stel­len statt und ist legi­tim, aber man muss sich halt dar­über im Kla­ren sein und ehr­lich damit umge­hen. Und dann nicht so tun, als wäre man unab­hän­gig von den Leu­ten, mit denen man arbei­tet. Das mei­ne ich mit Wür­de und ich mei­ne nicht den Hash­tag "#wür­de", das ist eine völ­lig ande­re Dis­kus­si­on. (grinst)

MZEE​.com: Zu guter Letzt wür­de ich ger­ne von dir wis­sen, wie die Zukunft des Deutschrap-Jour­na­lis­mus in dei­nen Augen aus­se­hen wird?

Ralf Theil: In der gan­zen Ent­wick­lung die­ser Sze­ne und in all den Jah­ren bin ich Freund davon, wenn sich etwas diver­si­fi­ziert, grö­ßer wird und für neue Sachen öff­net. Das fin­de ich gut und wich­tig – es ist der ein­zi­ge Weg, es rele­vant und inter­es­sant zu hal­ten. Sowohl für Leu­te, die das seit ges­tern ken­nen, als auch für Leu­te, die sich seit 30 Jah­ren damit beschäf­ti­gen. Nur so kann es wei­ter­ge­hen und dadurch ent­wi­ckelt sich auch eine selbst­kor­ri­gie­ren­de Sze­ne. Klar gibt es immer mal wie­der ein Über­ge­wicht in die eine oder ande­re Rich­tung, aber irgend­wann ruckelt sich das immer zurecht. Die­se Diver­si­fi­zie­rung führt aber eben auch dazu, dass es immer ein­fa­cher wird und immer mehr Spaß macht, Sachen raus­zu­fil­tern, für die man sich sel­ber inter­es­siert. An ALL GOOD war ich sel­ber eine Zeit lang rela­tiv eng betei­ligt. Ich fin­de aber, dass das ein schö­nes Bei­spiel für ein eben nicht kom­mer­zi­el­les Pro­jekt ist, das die Mög­lich­keit schafft, ein biss­chen in die Tie­fe zu gehen. Wo man sich auch mal ein zwei­tei­li­ges, unglaub­lich lan­ges Inter­view durch­liest, weil es ein­fach inter­es­sant ist und Sachen behan­delt, die eben nicht Tages­ge­schäft sind und in drei Wochen ihre Bedeu­tung schon wie­der ver­lo­ren haben. Davon wün­sche ich mir mehr und ich glau­be, je wei­ter sich das ent­wi­ckelt, je grö­ßer Hip­Hop wird und je mehr er sich gesell­schaft­lich fest­setzt, des­to mehr wird so was ermög­licht. Das wird natür­lich auch dafür sor­gen, dass es mehr Quatsch gibt, für den ich mich dann nicht inter­es­sie­re und den ich teil­wei­se unan­ge­nehm fin­de. Aber da sind wir wie­der dabei: Das Ver­hält­nis von cool zu schei­ße ist kon­stant. Je mehr pas­siert, des­to mehr coo­le Sachen pas­sie­ren auch. Wenn mal mehr Leu­te ein paar Jah­re mit Hip­Hop ver­bracht haben und mit ihm älter gewor­den sind, haben wir ja auch immer mehr mün­di­ge Kon­su­men­ten, die sich für ande­re Sachen inter­es­sie­ren als dafür, wer wem gera­de was auf Twit­ter vor die Nase gehal­ten hat. Der Markt ent­wi­ckelt sich ja auch über die Nach­fra­ge und ich hof­fe, dass es immer mehr Inter­es­se dafür geben wird, hin­ter die­sen ober­fläch­li­chen Quatsch zu gucken.

(Kris­tina Scheu­ner)
(Fotos von V.Raeter)