High Five: 01 /​ 18 – mit u.a. RIN, Megaloh & Fatoni

Der Deutschrap­zir­kus ist ein umtrie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir jeden Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die abseits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren unse­re Redak­teu­re hand­ver­le­se­ne Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein beson­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­ti­ge Mes­sa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zel­ne Facet­ten der Rap­welt gebo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für unse­re "High Five"!

 

State­ment: Mega­loh

Die kon­tro­ver­se Wer­bung des Mode­her­stel­lers H&M und das dar­auf­fol­gen­de State­ment von BSMG-​Mitglied Mega­loh sorg­te für reich­lich Gesprächs­stoff. Wäh­rend vie­le ein­schlä­gi­ge Medi­en, Feuil­le­ton inklu­si­ve, sowie zahl­rei­che Rap­per das State­ment auf­nah­men und wohl­wol­lend kom­men­tier­ten, ging die Mei­nung inner­halb der Com­mu­ni­ty deut­lich aus­ein­an­der. Man sol­le sich doch nicht so anstel­len, schließ­lich hät­ten die Eltern des Jun­gen – oder der Jun­ge sel­ber – dem Foto­shoot wohl zuge­stimmt, dem­nach kön­ne es nicht so schlimm sein. Und wer ist denn der Ras­sist, wenn man in so einem harm­lo­sen Bild Ras­sis­mus sieht? Die­se ver­fehl­te Logik in der Argu­men­ta­ti­on griff Mega­loh in sei­nem State­ment auf und merk­te an, dass das nicht der rich­ti­ge Ansatz sei. Es scheint ein noch lan­ger Weg zu sein, bis unse­re Gesell­schaft für so etwas All­täg­li­ches wie Ras­sis­mus sen­si­bi­li­siert ist und einer Min­der­heit das Recht auf Empö­rung zuge­steht. Noch trau­ri­ger ist es, dass die­ser Gedan­ke im Hip­Hop schein­bar nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist und sich in die­sem Fall die Musik weit ent­fernt von ihren Wur­zeln und Idea­len bewegt. Umso wich­ti­ger ist es, dass mei­nungs­star­ke Leu­te wie Mega­loh nicht auf­hö­ren, für ihre Wer­te ein­zu­ste­hen.

 

RIN - Data Love (prod. Leh­vi)

Video: RIN – Data Love

Die Digi­ta­li­sie­rung schlägt sich in allen Berei­chen des Lebens nie­der – da bleibt auch die Lie­be nicht aus. Was Cro auf "Com­pu­ti­ful" auf­fiel, beschäf­tigt in ähn­li­cher Wei­se auch RIN in sei­ner neu­en Sin­gle "Data Love". "Lie­be über WhatApp" steht heut­zu­ta­ge an der Tages­ord­nung und gibt Bezie­hun­gen eine ganz neue Dyna­mik. Das Musik­vi­deo passt gleich in mehr­fa­cher Hin­sicht per­fekt zum neu­en Song des Bie­tig­hei­mers. Denn es kommt nicht nur ähn­lich stil­si­cher daher wie RINs smoot­her Rap. Es fängt außer­dem The­ma­tik und Stim­mung des Tracks opti­mal ein. Der Clip von Deveroe ist in einem schlich­ten Zeichentrick-​Stil gehal­ten, bei dem die Lini­en nie still­ste­hen. Durch die nur sche­men­haf­te Dar­stel­lung wird deut­lich, dass das digi­ta­le Lie­bes­le­ben weit ent­fernt von rea­ler Erfah­rung ist. Endet mit dem Emp­fang auch das Krib­beln im Bauch? Fast wirkt es nur wie schwarz-​weißes Gekrit­zel, wären da nicht die ent­sät­tig­ten Rot-​Töne, die dem Gan­zen eine roman­ti­sche, zugleich aber auch schwer­mü­ti­ge Fär­bung geben – die rosa­ro­te Bril­le 2.0. Auch wenn die Musik­land­schaft sicher­lich schon Vide­os in einem ähn­li­chen Stil vor­wei­sen kann, so ist es doch bemer­kens­wert, wie bei RINs "Data Love" Clip und Musik inein­an­der­grei­fen.

 

VdSidC - Nr. 103 - FELLY x DRUNKEN MASTERS - IBRAHIMOVIC

Song: Fel­ly x Drun­ken Mas­ters – Ibra­hi­mo­vic

Auto­tu­ne, har­ter Bass, Tri­kot im Video und Fußball-​Vergleiche in den Vocals – ein Kon­zept, was in der kurz­le­bi­gen Deutschrap-​Szene schein­bar ziem­lich schnell aus­ge­lutscht war und schon zur Genü­ge par­odiert wur­de. Mit Fel­ly hat sich durch das Newcomer-​Format "VdSidC" von 385idéal nun aber ein Rap­per her­vor­ge­tan, der die­ser Grund­idee eine ganz neue Facet­te gibt. Mit druck­voll gerapp­ten Zei­len lässt er sich selbst kei­ne Zeit zum Ver­schnau­fen und zieht den Hörer dank einer abso­lu­ten Ohrwurm-​Hook sofort in den Bann. Der Ver­gleich mit Schweden-​Ikone Zla­tan Ibra­hi­mo­vic passt dabei per­fekt zur Atti­tu­de: die Nase stets nach oben, die arro­gan­te Art glo­ri­fi­zie­rend. Das har­mo­niert wie­der­um per­fekt mit dem häm­mern­den, bass­las­ti­gen Beat der Drun­ken Mas­ters. Ein ech­ter Bre­cher und recht par­ty­taug­lich – was am Ende viel­leicht sogar das Geheim­re­zept des Tracks aus­macht. Der MC weiß die Steil­vor­la­ge eben­so gut zu ver­wer­ten wie der Manchester-​Star auf dem Feld. Am Ende bleibt also ein New­co­mer über, den man defi­ni­tiv im Auge behal­ten soll­te, denn: "Gib mir mein' Respekt, Fel­ly Ibra-​Chef. […] Ich bin 'ne Legen­de – Ibra­hi­mo­vic!"

 

Instru­men­tal: Pierre Sona­li­ty – Poli­ce Hit The House

Dass die meis­ten Rapf­ans Freun­de von guten Sam­ples sind, ist wohl eine Aus­sa­ge, mit der man sich nicht all­zu weit aus dem Fens­ter lehnt. Denn dafür spricht unter ande­rem, dass seit der Ent­ste­hung des Gen­res immer wie­der Sound­schnip­sel ande­rer Songs und Musik­rich­tun­gen gechoppt und geloopt wur­den. Natür­lich wird die Sam­ple­vor­la­ge auch hier und da in der eige­nen Sze­ne gefun­den, was Pierre Sona­li­ty und Den­nis aus Euro­pa mit ihrem Instru­men­tal zu "Poli­ce Hit The House" mit Bra­vour bewie­sen haben. Der aus Atlan­ta stam­men­de Rap­per Witch­doc­tor und sein Track "The Ritu­al" die­nen hier als Grund­la­ge für den Beat. In einen Sound ver­packt, der an New Yor­ker Boom bap erin­nert, ist sogar der US-​Rapper selbst immer wie­der mit der Line "Poli­ce just hit the house down the street." zu hören. Trotz vie­ler star­ker Instru­men­tals auf dem Album "Mia­mi 420" kann sich "Poli­ce Hit The House" doch abhe­ben, was wohl nicht zuletzt an der Inspi­ra­ti­on liegt, die Pierre Sona­li­ty und Den­nis aus Euro­pa im Witch­doc­tor gefun­den haben.

 

Juse Ju feat. Fato­ni & Edgar Was­ser - 7Eleven (prod. Pro­vo)

Line: Fato­ni – 7Eleven

Life is a bitch! Ich weiß ja nich …
Ich mein', ich muss ja arbei­ten, um es zu finan­zie­ren.
Viel­leicht bin die Bitch dann auch ein­fach ich?

Wenn man mal so dar­über nach­denkt, ist wohl kein Zitat der spä­ten Gol­den Era in letz­ter Zeit so abge­nutzt wor­den wie Nas' "Life's a bitch". Was eigent­lich scha­de ist, da die Line – wie auch der Track selbst – ein­fach unfass­bar schön ist. Umso bes­ser, wenn dann plötz­lich Fato­ni auf dem neu­en Juse Ju-Song "7Eleven" daher­kommt und der Zei­le eine völ­lig neue Per­spek­ti­ve ver­passt. Denn statt sie ein­fach ein wei­te­res Mal zu zitie­ren, hin­ter­fragt er die Grund­aus­sa­ge dahin­ter. Und lässt man mal den dadurch auf­kom­men­den kur­zen Lacher bei­sei­te, ist Fato­nis Inter­pre­ta­ti­on äußerst gesell­schafts­kri­tisch. So zielt er damit auf die heu­ti­ge Leis­tungs­ge­sell­schaft ab, in der es nur noch dar­um geht, zu arbei­ten, um zu leben – und umge­kehrt. Viel zu vie­le leben heut­zu­ta­ge nach eben­die­sem Cre­do. Daher ist es umso wich­ti­ger, dass einen Zei­len wie die­se dar­an erin­nern, dass dies kei­nes­falls der Stan­dard sein soll­te.

(Lenn­art Wen­ner, Flo­ri­an Peking, Sven Aumil­ler, Stef­fen Uphoff, Lukas Päck­ert)
(Fotos von Robert Win­ter (Mega­loh), Muther Manu­fak­tur (Pierre Sona­li­ty))