T9 (Doz9)

Seit 2015 bil­den Doz9 und Tor­ky Tork als T9 eine der inter­es­san­tes­ten Kom­bos der deut­schen Rap­sze­ne. Hier hat sich gefun­den, was zusam­men­ge­hört: Die ver­kopf­ten, mal rum­peln­den, dann wie­der trei­ben­den oder fun­ki­gen Beats von Sample-​Nerd Tor­ky Tork tref­fen auf die abs­trak­ten und unkon­ven­tio­nel­len Flows von Doz9. In die­ser Hin­sicht bleibt sich der schöns­te Mann im Raum auch auf dem aktu­el­len Release "Plas­tik aus Gold" treu. Wer Inhalt­li­ches aus den Zei­len des Ber­li­ners zie­hen will, muss die Tracks schon ein paar Mal öfter abspie­len. Und selbst dann inter­pre­tiert wohl jeder sei­ne eige­ne Bedeu­tung dort hin­ein – was ganz im Sin­ne des Erfin­ders ist. Nur eins ver­tre­ten T9 in Zei­ten von Rap an der Chart­spit­ze und Autotune-​Hits zum Mit­grö­len in der Dis­co ein­deu­tig: Unter­grund aus Prin­zip, egal, was irgend­wer davon hält. Wir haben mit Doz9 im Inter­view über die Ent­ste­hung der neu­en Plat­te, Mosh­pits auf Rap­kon­zer­ten, miss­ver­stan­de­ne Tex­te, klas­si­sche Musik und die Pla­nun­gen für den Nach­fol­ger von "Plas­tik aus Gold" gespro­chen.

MZEE​.com: Eure neue Plat­te ist mit 30 Minu­ten Spiel­zeit wie auch schon die vor­he­ri­gen wie­der rela­tiv kurz gera­ten. Wer­den Alben mit län­ge­rer Lauf­zeit dei­ner Mei­nung nach zu schnell lang­wei­lig bezie­hungs­wei­se red­un­dant?

Doz9: Ich fin­de, es ist all­ge­mein zeit­lich etwas über­holt, Alben mit 18 oder 19 Tracks zu machen. Dafür schenkt dir heu­te kei­ner mehr die Auf­merk­sam­keit. Da kannst du bes­ser inner­halb eines Jah­res zum Bei­spiel EPs oder ein­zel­ne Tracks raus­hau­en, anstatt ewig an einem Album zu arbei­ten. Dafür tickt die Uhr heut­zu­ta­ge viel zu schnell und viel zu vie­le ande­re Leu­te releasen eben­falls. Wenn du ein­ein­halb Jah­re nichts raus­bringst, fängst du qua­si wie­der von vor­ne an. Wir haben uns ja die­ses Mal schon etwas mehr Zeit für die Plat­te genom­men, die Tracks an sich sind mei­ner Mei­nung nach aus­ge­reif­ter als die auf den vor­he­ri­gen Alben. Eine hal­be Stun­de ist ein­fach ein sport­li­ches For­mat für ein Album.

MZEE​.com: Die rela­ti­ve Kür­ze liegt wahr­schein­lich auch in der Art begrün­det, wie ihr eure Tracks auf­baut. Ihr ver­zich­tet ja ger­ne auf sehr oft wie­der­hol­te Hooks oder klas­si­sche Song­struk­tu­ren.

Doz9: Genau. Wir machen die Songs eben sehr impul­siv und schnell und so kommt das Album, den­ke ich, auch rüber.

MZEE​.com: Du hast gera­de schon ange­spro­chen, dass du "Plas­tik aus Gold" für aus­ge­reif­ter hältst als die Vor­gän­ger. Seid ihr bewusst mit einem sol­chen Ansatz an die Plat­te gegan­gen?

Doz9: Ich glau­be, das ist der Tat­sa­che geschul­det, dass wir uns die­ses Mal für jeden Track extra tref­fen muss­ten. Vor­her haben wir ja jeweils gut eine Woche inten­siv Zeit mit­ein­an­der ver­bracht. Aber wir haben schon ver­sucht, die Arbeits­wei­se und das gan­ze Mind­set bei­zu­be­hal­ten. Also, du hast natür­lich den Anspruch, 'ne Schip­pe drauf­zu­le­gen und Din­ge zu pro­bie­ren. Aber wir haben uns nicht gesagt, dass wir jetzt ein "rich­ti­ges" Album machen müs­sen, das irgend­wie for­mat­gän­gi­ger ist oder so.

MZEE​.com: Auch wenn ihr euer Mind­set bei­be­hal­ten woll­tet: Meinst du, dass Tor­ky und du vor euren Tref­fen schon bestimm­te Track­ide­en, viel­leicht unter­be­wusst, im Kopf hat­tet und sich das Album dadurch mehr in die­se Rich­tung ent­wi­ckelt hat?

Doz9: Ja, klar. Wir haben uns meis­tens don­ners­tags getrof­fen und dann ver­geht zwi­schen den Tref­fen eben eine Woche. Dann kommst du natür­lich schon mit irgend­ei­ner vor­ge­fer­tig­ten Idee im Stu­dio an und hast irgend­was im Kopf. Oder du kommst mit einer bestimm­ten Lau­ne und wählst danach das Sam­ple aus. Ganz sub­til ist das Album also natür­lich durch die ört­li­che Bege­ben­heit und die zeit­li­che Ebe­ne beein­flusst.

MZEE​.com: Auf "R.I.F.F.A." habt ihr Sam­ples ver­wen­det, die sound­tech­nisch an Tene­rif­fa erin­nern und ein Bild von der Insel schaf­fen soll­ten. Hat die neue Plat­te dadurch, dass sie in Ber­lin ent­stan­den ist, einen noch eige­ne­ren T9-​Sound?

Doz9: Also, Tor­ky ist ja ein wirk­lich viel­sei­ti­ger Pro­du­zent. Das hörst du zum Bei­spiel, wenn du dir sei­ne Sachen für Audio88 & Yas­sin oder sein Album mit Fid Mel­la anhörst. Der Sound der neu­en Plat­te ist eine typi­sche Wei­ter­füh­rung des spe­zi­fi­schen T9-​Sounds. Es ist ja nicht so, dass Tor­ky nur den Beat baut und ich nur den Text schrei­be. Wir machen die Songs zusam­men und inter­agie­ren. Das fängt schon damit an, dass wir gemein­sam Sam­ples suchen oder ich ihm mal eins mit­brin­ge. Das pas­siert aller­dings nicht so oft, der ist eigent­lich immer gut ver­sorgt. Dann spre­chen wir uns ab, wie wir den Song arran­gie­ren. Ich rapp' ihm was vor und er sagt mir, ob das cool, nicht cool oder beson­ders cool ist. Es ist ein­fach alles eine stän­di­ge, syn­er­ge­ti­sche Abspra­che.

MZEE​.com: Im nächs­ten Jahr geht ihr mit dem neu­en Album auf Tour. Habt ihr bei eini­gen Tracks auch etwas auf die Live­taug­lich­keit geach­tet? Ich schät­ze mal, "Bim­mies im Club" wird auf jeden Fall gut funk­tio­nie­ren …

Doz9: Die­sen 80er-​Jahre-​Stil wie bei "Bim­mies" hab' ich ja schon mal auf Alb­um­län­ge gemacht. Ich fei­er' das ein­fach im All­ge­mei­nen. Natür­lich haben wir uns jetzt im Nach­hin­ein gedacht, dass der live gut funk­tio­nie­ren könn­te. Aber das ist nie der Anspruch oder die Her­an­ge­hens­wei­se gewe­sen. Komi­scher­wei­se funk­tio­nie­ren bei uns auch Tracks live, die eigent­lich gar nicht funk­tio­nie­ren kön­nen. (lacht) Sowas wie "Junks" oder so. Es funk­tio­niert halt auf eine eige­ne Art und Wei­se. Bei uns gibt's kei­ne Mosh­pits oder Fan­ge­sän­ge und so einen Quatsch. Wobei, ich muss sagen: Es ist das Ziel, dass die Leu­te auf der Tour die Hook vom Intro sin­gen. Solan­ge die den Scheiß nicht sin­gen, geht's nicht los. Die Hook war also schon ein biss­chen so kon­zi­piert.

MZEE​.com: Du hast gera­de Mosh­pits ange­spro­chen, die bei vie­len Kon­zer­ten heu­ti­ger Rap­künst­ler gang und gäbe sind. Ich find' es an sich super, dass mal etwas mehr Bewe­gung in Rap­kon­zer­te kommt. Aller­dings hab' ich das Gefühl, dass mitt­ler­wei­le eini­ge Leu­te über­haupt nicht mehr wegen der Musik auf ein Kon­zert gehen, son­dern eben nur, um irgend­wie rum­zu­mos­hen …

Doz9: Es gibt ja auch die­se Songs, die nur dar­auf hin­aus­lau­fen. Da sind die Rapstro­phen oder das sons­ti­ge Arran­ge­ment gar nicht zum Aus­ras­ten gedacht, aber spe­zi­ell nach der Hook oder sonst irgend­wann kommt dann die Abfahrt, auf die sich alle freu­en dür­fen. Ich find' das auch nicht schlimm. Aber man hat fast das Gefühl, als käme man in eine Art Zug­zwang, das unbe­dingt machen zu müs­sen. Da gehö­ren auch die­se gan­zen Spiel­chen dazu. "Jetzt hocken wir uns alle hin" – und dann holen wir uns irgend­ei­nen Dul­li auf die Büh­ne, mit dem wir inter­agie­ren und dann machen wir dies und das und jenes … Das kannst du dir halt über­all holen, auf jedem Kon­zert. Das ist eben irgend­wie belie­big.

MZEE​.com: Das seh' ich ähn­lich. Ich fin­de, die Indi­vi­dua­li­tät der Songs geht etwas ver­lo­ren. Das hab' ich mir auch schon auf Electro-​Konzerten gedacht, wo sich eini­ge Songs dafür geeig­net haben, aber eben nicht alle …

Doz9: Na klar, weil alle nur auf den Turn war­ten. Der Song spielt gar kei­ne Rol­le mehr. Die Sache ist aber auch: Wenn ich auf ein Kon­zert gehe, bin ich so der typi­sche Arme­ver­schrän­ker. (grinst) Ich stell' mich irgend­wo hin­ten hin, guck mir das an und fei­er' das halt musi­ka­lisch ab. Ich bin schon froh, dass die Leu­te bei uns mal die Arme heben, weil die bestimmt alle ähn­lich drauf sind. (lacht) Von daher war's auch nie unser Ziel, da so mit­zu­spie­len. Natür­lich haben wir Ansprü­che an unse­re Live­show. Aber ich seh' das ein­fach etwas anders. Der Ver­gleich ist jetzt natür­lich ziem­lich groß: Hast du mal ein Kendrick Lamar-​Konzert gese­hen?

MZEE​.com: So vor fünf Jah­ren, ja.

Doz9: Ich hab' mir nur mal eins bei You­Tube ange­se­hen. Der Typ hat viel­leicht im Hin­ter­grund eine Ani­ma­ti­on lau­fen, dann steht da noch ein DJ, wenn der nicht sogar noch im Off steht. Der ist da ganz allei­ne und per­formt die Schei­ße genau­so, wie er sie auf Plat­te bringt. Dem soll­te man als Rap­per nach­ei­fern statt die­sem gan­zen Rum­ge­hop­se, fin­de ich zumin­dest. Dafür kannst du auch auf Techno-​Partys gehen. Das ist nicht wirk­lich die Auf­ga­be von Rap.

MZEE​.com: Kom­men wir zurück zu eurer Musik. Du hast eben schon ange­spro­chen, was für ein viel­sei­ti­ger Pro­du­zent Tor­ky dei­ner Mei­nung nach ist. Was macht sei­ne Beats für dich beson­ders?

Doz9: Ich fin­de, Tor­ky macht Beats, die erst belebt wer­den müs­sen. Leu­te wie Suff Dad­dy oder Dex­ter zum Bei­spiel machen ja oft Beats, die auch ohne Rap oder Gesang funk­tio­nie­ren. Das macht Tor­ky eher sel­ten das ist für mich gar kei­ne Schwä­che oder so. Das macht die Beats ein­fach inter­es­sant. Er hat außer­dem eine ganz eige­ne Art und Wei­se, mit Sam­ples und Drums umzu­ge­hen. Der kann die so ver­rum­peln, dass sich ein 90 BPM-​Beat nach 70 BPM anhört. Die Instru­men­tals las­sen für mich ein­fach immer viel Platz, damit ich mei­ne 50 Cent drauf­ge­ben und etwas dar­auf for­men kann. Dazu hat er auf jeden Fall eine ganz beson­de­re Sam­ple­äs­the­tik, da geht's auch dar­um, wo er diggt und so wei­ter. Er ist da echt nerdig drauf.

MZEE​.com: Dein Rap-​Stil ist sehr eigen und unkon­ven­tio­nell. Rich­test du dich schon beim Schrei­ben nach dem Beat oder gibt der Beat dir qua­si in der Booth vor, wie du den bereits geschrie­be­nen Text rappst?

Doz9: Ich schreib' eigent­lich immer direkt zum Beat. Also, ich kom­me echt sel­ten mit 'nem fer­ti­gen Text an und suche mir dann einen Beat aus. Ich schreib' natür­lich mal neben­bei ein paar Zei­len, aber an sich sagt mir das Instru­men­tal, wie ich zu schrei­ben hab'. Bei "Baur" sind die Sil­ben zum Bei­spiel echt prä­zi­se ange­gli­chen, damit ich den Text so rap­pen kann. Da muss­te ich schon einen bestimm­ten Aus­sprach­erhyth­mus und so wei­ter bei­be­hal­ten, um auf die Geschwin­dig­keit klar­zu­kom­men. Was ansons­ten das Anpas­sen an einen Beat angeht: Ich hab' zum Bei­spiel kei­ne Lust, die­se typi­schen Trap-​Flows zu nut­zen. Die Geschwin­dig­kei­ten fin­de ich inter­es­sant, "A.U.F.M.E.R.K.S.A.M.K.E.I.T.Slut", "Baur" und viel­leicht auch "Fami­li­en­fo­tos" gehen ja, was das angeht, schon ein biss­chen in die­se Rich­tung. Aber es ist auch ein­fach cool, dar­auf zu spit­ten und ande­re Flowva­ri­an­ten zu zei­gen. Ich nut­ze ja außer­dem vie­le Pau­sen und Wie­der­ho­lun­gen, aber ich ver­su­che immer, dem Gan­zen mei­ne eige­ne Note hin­zu­zu­fü­gen. Ich will mich die­sen Sachen nicht ver­weh­ren und fin­de die inter­es­sant, aber ich muss es ja nicht genau­so machen.

MZEE​.com: "Doz­tor­kevs­ky" zum Bei­spiel ist ein sehr reim­fi­xier­ter Track – dabei geht es aber nicht mal um wahn­sin­nig viel­sil­bi­ge Rei­me, son­dern um mög­lichst vie­le zwei­sil­bi­ge Rei­me. Woher kommt dein Fai­ble dafür?

Doz9: Tat­säch­lich woll­te ich beim neu­en Album mal etwas weni­ger auf die Rei­me ach­ten. "Doz­tor­kevs­ky" ist da natür­lich nicht das per­fek­te Bei­spiel, aber auf den ande­ren Songs hörst du ja auch nicht die über­kras­ses­ten viel­sil­bi­gen Rei­me. Ich woll­te mich da ein­fach mal etwas von frei­ma­chen. Bei Schau­fel und Spa­ten und den Kraszes­ten hab' ich ja oft genug gezeigt, dass ich einen acht­sil­bi­gen Reim auf 16 Zei­len durch­zie­hen kann. Jetzt woll­te ich den Fokus mehr auf den Flow rich­ten. Wenn du nicht so einen kom­ple­xen Reim hast, hast du da ein­fach viel mehr Frei­heit. Die Zei­len kön­nen mehr von hin­ten­rum und etwas um die Ecke kom­men, wenn sie nicht so auf den Reim aus­ge­legt sind.

MZEE​.com: Der Trend geht ja auch im All­ge­mei­nen durch­aus in die Rich­tung. Ich mer­ke selbst, dass ich mitt­ler­wei­le viel mehr auf Sound und Flow ach­te als auf Rei­me.

Doz9: Man soll­te ein­fach alles mal drin haben. Des­halb haben wir ja so einen Kon­zept­song wie "Doz­tor­kevs­ky" gemacht, um zu zei­gen, dass das natür­lich auch geht. Das ist ein­fach ein Merk­mal von Viel­sei­tig­keit, wenn du alles bedie­nen kannst.

MZEE​.com: Du hast T9 in einem ande­ren Inter­view zuletzt als dein "Main-​Projekt" und dei­ne Band bezeich­net. Was unter­schei­det die Zusam­men­ar­beit als T9 von der mit Jay Spa­ten frü­her bei Schau­fel und Spa­ten?

Doz9: Erst mal ersetzt das eine nicht das ande­re. Jay Spa­ten ist ja Pro­du­zent und Rap­per, aber im Lau­fe der Jah­re ist er immer mehr zum Pro­du­zen­ten gewor­den. Den fixt es gar nicht mehr so an, zu rap­pen … Von daher kann ich mich da ruhig aus­to­ben. Das hab' ich ja auch schon immer gemacht, zum Bei­spiel mit den Kraszes­ten. Es ist natür­lich cool, dass Tor­ky und Jay Spa­ten als Pro­du­zen­ten unter­schied­li­cher nicht sein könn­ten. Die sind zwar in der glei­chen Spar­te, aber haben jeweils eine ganz ande­re Bea­t­äs­the­tik. Kom­plett anders ist natür­lich außer­dem, dass ich die Songs, was die Raps angeht, kom­plett allei­ne machen und auch allei­ne dafür gera­de­ste­hen muss. Ich muss text­lich und the­ma­tisch kei­ne Kom­pro­mis­se ein­ge­hen und mich mit nie­man­dem eini­gen. Wobei wir uns bei Schau­fel und Spa­ten nie hin­ge­setzt und über­legt haben, wel­ches The­ma wir jetzt behan­deln. (grinst) Das war ja rei­ner Batt­lerap. T9 zwar irgend­wie auch, aber irgend­wie auch gar nicht.

MZEE​.com: Du sprichst es selbst an: Du behan­delst text­lich eher sel­ten kon­kre­te The­men. Wie wür­dest du das neue Album denn rela­tiv kurz und prä­gnant inhalt­lich beschrei­ben?

Doz9: Boah, dar­über müss­te ich wirk­lich nach­den­ken.

MZEE​.com: Mir per­sön­lich wür­de es auch schwer­fal­len. Ich wür­de sagen: "Ist halt 'ne T9-​Platte."

Doz9: Ja, im End­ef­fekt ist es 'ne T9-​Platte. Ich kann damit eigent­lich alles und nichts sagen. Die spricht für Stolz, aber auch für Ent­täu­schung. Neh­men wir zum Bei­spiel den Track "A.U.F.M.E.R.K.S.A.M.K.E.I.T.Slut". Der han­delt viel von Wer­te­spek­tren. Der sagt ein­fach aus: "Hey, dir geht's bei Rap dar­um, dass du dies und jenes hast. Aber mei­ne Wer­te sind da anders." "Mein Freund" ist ja 'ne Art Unter­grund­hym­ne. Vie­le sind nicht mehr da, ich bin da und ich bleib' auch da. Du fin­dest viel­leicht wack, was ich mache, aber ich scheiß' drauf.

MZEE​.com: Der Inhalt wird nicht unbe­dingt kon­kret ange­spro­chen, son­dern muss aus der Gesamt­heit der Songs erschlos­sen wer­den.

Doz9: Das fand' ich auch sel­ber an Musik immer span­nend. Tex­te zu ent­schlüs­seln und dar­über nach­zu­den­ken. Viel­leicht bedeu­tet der Track für dich irgend­et­was, was über­haupt nicht die Inten­ti­on des Schrei­bers war, weil die For­mu­lie­rung oder das geschaf­fe­ne Bild ein­fach so viel Platz für Eigen­in­ter­pre­ta­tio­nen lässt. So geh' ich auch an mei­ne Tex­te ran. Ich mach' mir kei­ne Gedan­ken dar­über, ob die Leu­te das genau­so ver­ste­hen, wie ich es mei­ne. Das bes­te Bei­spiel ist "Ersties". Da gehen die Mei­nun­gen so krass aus­ein­an­der. Die einen fin­den den Track total lus­tig und ver­ste­hen die "Issue", die ande­ren fin­den, dass es voll die Chauvi-​Nummer ist und wir sagen wür­den, Frau­en sei­en sel­ber schuld dar­an, wenn sie ver­ge­wal­tigt wür­den. Wenn du etwas in mei­nen Tex­ten sehen willst, kannst du es sehen. Genau­so, wenn du etwas nicht sehen willst.

MZEE​.com: Wie gehst du mit die­sen Vor­wür­fen um?

Doz9: Wie gesagt: Wenn du etwas dar­in fin­den willst, fin­dest du es. Aber wenn man mei­ne sons­ti­ge Musik und den Kon­text kennt und auch etwas reflek­tiert hört, dann müss­te man schon dar­auf kom­men, dass der Track nicht davon han­delt, irgend­wel­che 18-​Jährigen weg­zu­häm­mern. Es kränkt mich jetzt nicht, aber du fühlst dich natür­lich für einen kur­zen Moment nicht rich­tig ver­stan­den. Aber das ist halt so, du musst mit Kri­tik auch umge­hen kön­nen. Bei Schau­fel und Spa­ten war's ja damals viel expli­zi­ter und schlim­mer. Da muss­ten man­che Ver­an­stal­ter ein Ple­num füh­ren, ob wir da über­haupt auf­tre­ten dür­fen. Bei "Ersties" gab's im Vor­feld schon Dis­kus­sio­nen dar­über, ob das über­haupt cool ist. Ich hab' gesagt, dass ich einen Fick drauf gebe. Leu­te, die mei­ne Musik ken­nen, wis­sen wie ich das mei­ne. Leu­te, die es schei­ße fin­den wol­len, fin­den es halt schei­ße. Wir haben den Track ja nicht als Sin­gle genom­men oder irgend­wie die gro­ße Kara­te Andi-​Trommel gespielt. Es ging mir dar­um, mit ihm die­sen Track zu machen und ihn auf dem Album zu haben. Von daher kann der Track voll so sein. Hät­te ich den als Sin­gle neh­men wol­len, wäre das was ganz ande­res gewe­sen. Da hät­te man schon über­le­gen müs­sen, ob das cool und reprä­sen­ta­tiv für das ist, was ich eigent­lich mache. Aber so ist es nur eine wei­te­re Facet­te.

MZEE​.com: Hät­test du bei eurem ers­ten T9-​Projekt 2015 eigent­lich gedacht, dass das Gan­ze auf so eine "lan­ge", pro­duk­ti­ve und enge Zusam­men­ar­beit hin­aus­läuft?

Doz9: Nein, aber ich hab' auch nie dar­über nach­ge­dacht, ob das eine ein­ma­li­ge Sache oder ein kras­ses Pro­jekt wird. Wir machen das eben so lan­ge, wie es uns Spaß macht. Tor­ky und ich sind ein­fach ein gutes Team. Wir funk­tio­nie­ren mensch­lich ein­wand­frei und haben musi­ka­lisch wenig Rei­bun­gen, sodass wir gut mit­ein­an­der arbei­ten kön­nen.

MZEE​.com: Schau­fel und Spa­ten liegt ja aktu­ell mehr oder weni­ger auf Eis. Kön­nen wir da noch mal mit einem Release rech­nen?

Doz9: Na ja, was heißt "auf Eis". Es gibt nach wie vor Schau­fel und Spaten-​Tracks, aber beim Herrn Spa­ten liegt der Fokus eben nicht mehr so auf Rap. Er hat zu mir mal gesagt, dass er sich ein Album, wenn noch mal eins kommt, so ähn­lich wie "Upstairs at Eric's" vor­stel­len könn­te. Er wür­de also haupt­säch­lich pro­du­zie­ren und viel­leicht mit ein, zwei Parts in Erschei­nung tre­ten. Dafür müss­te ich mich natür­lich noch mal ganz anders moti­vie­ren. Da muss ich als Rap­per ja wie­der die gan­ze Arbeit allei­ne machen. (lacht) Ich wür­de nicht sagen, dass es auf Eis liegt oder sich auf­ge­löst hat. Uns schrei­ben ja auch immer wie­der Leu­te und fra­gen, was da gra­de los ist. Aber es ist aktu­ell ein­fach so, wie es ist. Viel­leicht kommt noch mal ein Album, aber das wäre dann eben kein typi­sches Schau­fel und Spaten-​Album.

MZEE​.com: Du hast im vor­hin bereits ange­spro­che­nen Inter­view auch gesagt, dass du aktu­ell viel Klas­sik hörst. Ich find' das immer sehr inter­es­sant, weil ich da ein­fach kom­plett raus bin. Was gibt dir die­se Musik?

Doz9: Erst mal beru­higt mich Klas­sik voll. Ich bin an sich ein gechill­ter Mensch, aber beim Auto­fah­ren kann ich mich echt auf­re­gen. Daher hör' ich da Klas­sik. (grinst)

MZEE​.com: Bist du echt so die­ser Typ, der auf der Stra­ße rum­schreit, wenn ande­re Leu­te schlecht auto­fah­ren?

Doz9: Ähm … ja. (lacht) Tat­sa­che. Aber wenn Klas­sik läuft nicht, dann ist alles cool. Mir ist an der Musik außer­dem auf­ge­fal­len, dass du da ganz vie­le Melo­di­en und Pat­tern aus der Pop­kul­tur wie­der­fin­dest. Das taucht vor allem in den älte­ren Sachen immer wie­der auf. Die Pop­mu­sik sam­plet das zwar nicht eins zu eins, aber gewis­se Akkord­ab­fol­gen und so wei­ter gab es da schon. Das find' ich inter­es­sant.

MZEE​.com: Zurück zu eurer aktu­el­len Musik: Im Video zu "Bim­mies im Club" tre­ten Tor­ky und du in einer sehr "länd­li­chen" Loca­ti­on mit einem recht schwie­ri­gen Publi­kum auf. Ihr hat­tet ja wahr­schein­lich – gera­de zu Beginn eurer Musi­ker­kar­rie­ren – tat­säch­lich schon Crowds, die nicht so recht warm wer­den woll­ten. Was tut man dage­gen?

Doz9: Sol­che Crowds haben wir teil­wei­se immer noch. Wir haben uns da aber nie abfu­cken las­sen. Auch ganz frü­her nicht. In der Hin­sicht sind wir ja echt alte Schu­le und kom­men von die­sen gan­zen Jams und Jugend­haus­auf­trit­ten. Da bist du halt manch­mal nur vor 20 Mann auf­ge­tre­ten. Wir haben ein­fach immer durch­ge­zo­gen.

MZEE​.com: Das Video stellt das Gan­ze also schon rea­lis­tisch dar. (grinst)

Doz9: Na ja, wenn wir jetzt spie­len, ist es schon okay. So schlimm ist es nicht. Aber ja, wir las­sen uns auf jeden Fall nicht die Lau­ne ver­der­ben. Es gibt ja auch Gigs, bei denen du neben ande­ren Künst­lern gebucht bist. Manch­mal passt du dann mit dei­ner Musik gar nicht rich­tig rein und die Fans, die da sind, sind nicht wirk­lich dei­ne Ziel­grup­pe. Da musst du halt durch und wenn du Glück hast, kannst du viel­leicht so 30 Pro­zent der Crowd davon über­zeu­gen, zu kon­ver­tie­ren. (grinst)

MZEE​.com: Ihr arbei­tet schon am Nach­fol­ger von "Plas­tik aus Gold", einen Song vom vier­ten Album habt ihr bereits als Pro­mo für das drit­te Album ver­öf­fent­licht. Kannst du schon irgend­et­was zu der neu­en Plat­te sagen?

Doz9: Wir haben da durch­aus ein paar Plä­ne, die viel­leicht über­ra­schen könn­ten, aber dazu kann ich noch nichts sagen. Was ich sagen kann, ist, dass ein gro­ßer Teil der Arbeits­wei­se kom­plett anders sein wird. Viel­leicht wird das die­ses Mal tat­säch­lich so ein voll­wer­ti­ges Album, auch wenn es nicht unbe­dingt län­ger als eine hal­be Stun­de wer­den wird.

MZEE​.com: Macht ihr das Album die­ses Mal wie­der zuhau­se in Ber­lin oder wer­det ihr noch mal unter­wegs sein?

Doz9: Viel­leicht fah­ren wir noch irgend­wo­hin. Aber ich will echt noch nicht zu viel ver­ra­ten und es span­nend hal­ten. Es wird auf jeden Fall ein biss­chen anders wer­den. Wir lösen uns auch von die­ser Ästhe­tik mit den Han­dy­co­vern und so wei­ter. Du begibst dich sonst in so ein Ras­ter, in dem die gan­zen Alben so krass mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Davon kannst du dich halt auch ein­fach mal lösen und etwas ande­res machen.

MZEE​.com: Ihr hat­tet ja auch bei der aktu­el­len Plat­te eigent­lich vor, nach Hai­fa zu rei­sen, was dann schluss­end­lich nicht geklappt hat. Habt ihr noch ande­re ört­li­che Zie­le für T9-​Projekte?

Doz9: Gha­na steht gera­de zur Debat­te. Das wäre auf jeden Fall inter­es­sant. Ansons­ten haben wir auch mal über Hol­land nach­ge­dacht. In aller­ers­ter Linie geht's immer um das Netz­werk vor Ort. Kön­nen wir da bil­lig woh­nen? Kön­nen wir da ver­nünf­tig auf­neh­men, haben wir Strom und Inter­net? Kann ich mir da irgend­wie Mari­hua­na besor­gen? (lacht) Sol­che Sachen halt.

MZEE​.com: Das Inter­view neigt sich dem Ende zu und wir kom­men auf die wich­ti­gen Sachen zu spre­chen. Im Video zu "Mein Freund" prä­sen­tierst du dei­ne kuli­na­ri­schen Skills samt Toast mit Spie­gelei, wei­ßen Boh­nen und über­ba­cke­nem Fleisch. Sieht so tat­säch­lich ein typi­sches All­tags­ge­richt für dich aus?

Doz9: Wenn ich Zeit habe, ist das tat­säch­lich ein typi­sches Früh­stück. Aller­dings mach' ich das meis­tens für Gäs­te oder mei­ne Frau, das würd' ich nie für mich allei­ne machen. Das wär' mir zu viel Arbeit. Die Steaks waren Flank­steaks mit Ched­dar über­ba­cken. Klas­si­sche Früh­stücks­steaks. (lacht) Ich koch' tat­säch­lich sehr ger­ne, find' ich echt ent­span­nend. Ich mach' oft Sup­pen oder auch Bra­ten und Pul­led Pork und sowas.

MZEE​.com: Damit sind wir tat­säch­lich am Ende des Gesprächs ange­langt. Die letz­ten Wor­te gehö­ren dir.

Doz9: War ein coo­les Gespräch. Viel Spaß beim Abtip­pen. (lacht)

(Alex­an­der Hol­len­horst)
(Fotos von Robert Win­ter & Mela­nie Kora­vitsch )