High Five: 09 /​​​​​​​​​ 17 – mit u.a. Mine & Fatoni, morten, Trettmann

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­tige Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

Kur­do x Majoe ✖️ MASERATI✖️ [ offi­zi­el­les Video ]

State­ment: Kur­do & Majoe

"Rap ohne Aus­sa­ge – dunk­le Haut­far­be. Fick Rap­per, denn nur ech­te Män­ner kön­nen Frau­en schla­gen." Auf Kur­dos und Majoes neu­em Album rappt Letz­te­rer die erwähn­ten Zei­len, die kaum absto­ßen­der sein könn­ten. Wo sonst oft noch mit Iro­nie und Über­spit­zung argu­men­tiert wird, lässt sich schon aus dem Kon­text des Albums schlie­ßen, wie wider­lich ernst der Satz hier gemeint ist. Zusätz­lich folgt dar­auf ein Skit, der Gewalt an Frau­en zudem noch als wit­zig dar­stellt. Kri­tik wur­de also nicht grund­los geäu­ßert. laut​.de the­ma­ti­sier­te die Zei­le, auch rap​.de äußer­te sich dazu und selbst Hip​hop​.de fass­te – wenn auch kei­ne eige­ne – zumin­dest die Kri­tik ande­rer in einem Arti­kel zusam­men. Eine Aus­sa­ge die­ser Art darf nicht unkom­men­tiert blei­ben und Majoe muss in jedem Fall dar­auf hin­ge­wie­sen wer­den, hier eine Gren­ze weit über­schrit­ten zu haben. Nicht nur, weil "Blan­co" auch die Außen­wahr­neh­mung von Rap beein­flusst, son­dern eben­so, weil die­se Aus­sa­ge gene­rell in der Sze­ne auf Ableh­nung sto­ßen muss. Weder soll Rap­pern der Mund ver­bo­ten noch ihre Tex­te beein­flusst wer­den. Und den­noch ist es gera­de des­we­gen umso wich­ti­ger, der­ar­tig fal­sche Aus­sa­gen zu kri­ti­sie­ren und den ent­spre­chen­den Künst­lern ihre Fehl­trit­te auf­zu­zei­gen. Viel­leicht führt das dann ja auch mal zu Rap mit Aus­sa­ge.

 

Mine & Fato­ni - Rom­com (Offi­zi­el­les Video)

Video: Mine & Fato­ni – Rom­com

Das Video zu "Rom­com" von Mine & Fato­ni beginnt mit Auf­nah­men, in denen die Künst­ler getrennt von­ein­an­der, in ent­ge­gen­ge­setz­te Rich­tun­gen schau­end vor einem roten Vor­hang ste­hen. Die Dun­kel­heit, die um sie her­um herrscht, wird von einem blas­sen, blau­en Licht durch­bro­chen, das auf aus­drucks­lo­se Gesich­ter fällt. Wäh­rend die durch Rot sym­bo­li­sier­te Lie­be zwi­schen den Rol­len, wel­che von dem Duo ein­ge­nom­men wer­den, in den Hin­ter­grund tritt, herrscht in den Lyrics eine unter­kühl­te Stim­mung zwi­schen den bei­den – sym­bo­li­siert durch blau­es Licht. Das Spiel mit ver­schie­de­nen Far­ben, das den Kon­flikt zwi­schen den unglei­chen Part­nern her­vor­hebt, zieht sich infol­ge durch das gesam­te Video. Die zwi­schen­mensch­li­chen Dif­fe­ren­zen, die in dem Song the­ma­ti­siert wer­den, spie­geln sich zudem durch die phy­si­sche Distanz der Musi­ker im beweg­ten Bild wider. Auch wenn sie gleich­zei­tig zu sehen sind, wer­den Berüh­run­gen zwi­schen Mine & Fato­ni zumeist nur ange­deu­tet oder fin­den ohne Augen­kon­takt statt. Regis­seur Sebas­ti­an Tomcz­ak arbei­tet dabei mit einer Men­ge ver­schie­dens­ter, still­le­ben­ar­tig insze­nier­ter Gegen­stän­de. Ist man gewillt, etwas Inter­pre­ta­ti­ons­ar­beit beim Betrach­ten des außer­ge­wöhn­li­chen Vide­os zu "Rom­com" in Kauf zu neh­men, so ist es um ein Viel­fa­ches ertrag­rei­cher und unter­halt­sa­mer als der Kon­sum der titel­ge­ben­den Hol­ly­wood­fil­me.

 

Song: Trett­mann – Bil­lie Holi­day

Auf ein­mal ist er über­all. Trett­mann hau­te EP nach EP raus und acker­te sich mit zahl­lo­sen Fea­tures in den Mit­tel­punkt der Sze­ne. Geschätzt wird er für die Eigen­heit sei­nes Sounds: die unver­wech­sel­ba­re Stim­me sowie die Dancehall- und Reggae-​Einflüsse, die stets eine gewis­se Leich­tig­keit ver­mit­teln. "Bil­lie Holi­day" auf Trett­manns neu­em Album "#DIY" kann einen da schon mal auf dem fal­schen Fuß erwi­schen. "Gib mir einen Song, den ich füh­len kann!" schmet­tert die emo­tio­nal gela­de­ne Autotune-​Voice auf das Kitsch­Krieg-Instru­men­tal – und genau solch einen Song lie­fert Tret­ti selbst damit ab. Melan­cho­li­sche Epi­so­den, die sich in sei­nen Songs gewöhn­lich nur andeu­ten, fin­den hier ihren wuch­ti­gen Höhe­punkt. Der ansons­ten so posi­ti­ve Vibe sei­ner Musik trifft mit aller Här­te auf schmerz­li­che Erin­ne­run­gen. Denn der Leip­zi­ger hat mehr zu erzäh­len als die meis­ten sei­ner hedo­nis­ti­schen Cloudrap-​Kollegen. Er hat eine Ver­gan­gen­heit voll erlit­te­ner Ver­let­zun­gen und ver­lo­re­ner Kämp­fe. Den Schnitt­punkt die­ser Erfah­run­gen mit sei­nem jet­zi­gen Erfolg ver­tont er auf "Bil­lie Holi­day" der­art mit­rei­ßend und schön, dass es bei­na­he weh­tut. Zugleich beweist Trett­mann mit die­sem star­ken Werk, wie viel wir in Zukunft noch von sei­nen poe­ti­schen und sound­tech­ni­schen Fähig­kei­ten erwar­ten kön­nen.

 

MARVIN GAME - OBSTSALAT (prod. by mor­ten) (OFFICIAL VIDEO)

Instru­men­tal: Mar­vin Game – "Obst­sa­lat" (prod. by mor­ten)

Der Moa­bi­ter Pro­du­zent mor­ten ist bekannt für sei­ne auf­wen­di­gen, bei­na­he ver­kopf­ten Beats. Dies stell­te er jüngst durch die Zusam­men­ar­beit mit sei­nem klei­nen Bru­der Mar­vin Game, für des­sen Track "Obst­sa­lat" er die instru­men­ta­le Beglei­tung bei­steu­er­te, aber­mals unter Beweis. Damit ist mor­ten ein per­fek­tes Bei­spiel für einen Pro­du­zen­ten, der es schafft, den Hörer genau­so zu fes­seln wie der eigent­li­che Inter­pret. Mit der glei­chen Fre­quenz, in der Rap­per ihre Flows, Melo­di­en und Reim­sche­ma­ta wech­seln, steu­ert er dem Beat neue Ele­men­te und Details bei. Man bekommt das Gefühl, der jun­ge Ber­li­ner habe den lie­ben lan­gen Tag nichts ande­res zu tun, als an sei­ner Musik zu schrau­ben. Aber wie auch immer er es anstellt, er schafft es, wahn­sin­nig span­nen­de Beats zu bau­en. Der Rap­per selbst kommt dabei nicht zu kurz. Durch das Wech­seln der Ele­men­te in den pas­sen­den Momen­ten unter­streicht mor­ten die Arbeit des Wort­akro­ba­ten eher, als dass er sie über­deckt. Auch dafür ist "Obst­sa­lat" eine wun­der­ba­re Ver­an­schau­li­chung.

 

STEASY - GESTEN (OFFICAL VIDEO)

Line: Steasy – Ges­ten

Ich arbei­te nur für mich, nich' für dei­ne scheiß Labels, Sex sells.

Es kam etwas über­ra­schend, als Steasy tat­säch­lich nicht nur eine neue Sin­gle, son­dern auch end­lich ein Release­da­te für sein ers­tes Album ver­öf­fent­lich­te. Denn auf sein Debüt war­tet man unge­fähr schon fünf Jah­re – und den­noch nimmt man ihm die­se War­te­zeit nicht übel. Den Grund dafür bringt er in unse­rer Line des Monats per­fekt auf den Punkt. Denn der Kie­ler hat schon immer gemacht, was er woll­te. Und selbst wenn nur eine neue Sin­gle pro Jahr kam, so konn­te man sich sicher sein, dass sie gut war. Wenn Steasy also rappt: "Ich arbei­te nur für mich", dann macht ihn das – trotz sei­ner arro­gan­ten Atti­tü­de – nicht nur sym­pa­thisch, son­dern zeigt auch, dass er Musik aus Lie­be zur sel­bi­gen macht. Und eben "nich' für dei­ne scheiß Labels", was man heut­zu­ta­ge viel zu sel­ten fin­det. Solan­ge man das Gan­ze dann auch dem Album selbst anmerkt, kann die­ses Release gar nicht schnell genug kom­men.

(Dani­el Fersch, Stef­fen Bau­er, Flo­ri­an Peking, Stef­fen Uphoff, Lukas Päck­ert)
(Foto von awho­dat)