Was ist das wichtigste Thema in diesem Wahlkampf?

Die poli­ti­sche Lage in Deutsch­land ist ange­spannt – knapp vor der Wahl zum 19. Deut­schen Bun­des­tag. Zwi­schen dem TV-​Duell und Wahlkampf-​Arenen, hit­zi­gen Dis­kus­sio­nen und Paro­len, die vor eini­gen Jah­ren noch undenk­bar gewe­sen wären, stel­len sich vie­le Fra­gen. Zieht die AfD in den Bun­des­tag ein und wird gege­be­nen­falls Oppo­si­ti­ons­füh­rer? Nut­zen die Deut­schen ihre Stim­me? Und falls ja, wäh­len sie dann aus Pro­test? Bleibt Ange­la Mer­kel Kanz­le­rin? Und wel­che The­men sind den Men­schen beson­ders wich­tig? Ist es inne­re Sicher­heit, Migra­ti­on, sozia­le Gerech­tig­keit oder wirt­schaft­li­che Sta­bi­li­tät? Und was bleibt nach dem 24. Sep­tem­ber 2017 vom Wahl­kampf eigent­lich übrig? Wir kön­nen all die­se Fra­gen nicht beant­wor­ten, aber uns ihnen zumin­dest ein Stück weit annä­hern. Aus die­sem Grund woll­ten wir nun von ins­ge­samt 11 Rap­pern wis­sen: "Was ist für Dich das wich­tigs­te The­ma in die­sem Wahl­kampf und war­um?"

 

Juse Ju: Das größ­te The­ma die­ser Wahl ist tat­säch­lich der Ein­zug die­ser rechts­ra­di­ka­len und zu gro­ßen Tei­len patho­lo­gisch geis­tes­ge­stör­ten Par­tei in den Bun­des­tag. Aber nicht weil die Eisen­köp­pe so span­nend wären, son­dern weil alle ande­ren gera­de super­la­me sind. Und dabei fällt kei­nem auf, dass der alte Omi-​Posterboy Chris­ti­an "CL 500" Lind­ner sich anschickt, die neo­li­be­ra­len Hun­de von der FDP auch wie­der ein­zu­schleu­sen. So ein Scheiß. Wenn ich den 18-​jährigen Lellek-​Lindner in die­ser Doku in Kra­wat­te ins Gymi stol­zie­ren sehe, hab' ich gleich wie­der Bock, sol­chen Schwei­nen Popel in die Haa­re zu schmie­ren. Alles in allem rückt der Bun­des­tag wohl in die Arsch-​Richtung. Des­halb gilt: Marx lesen und Twin­gos anzün­den! Aler­ta, Aler­ta!

Olli Ban­jo: Es gibt 'nen Hau­fen The­men, die mei­ner Mei­nung nach zu kurz kom­men. Wich­ti­ge The­men wären da bezahl­ba­rer Wohn­raum in Städ­ten, Bekämp­fung von Lob­by­is­mus, mehr Unter­stüt­zung für Allein­er­zie­hen­de und noch vie­les, vie­les mehr. Aber was mir krass am Her­zen läge, wäre sozia­le Gerech­tig­keit. Als Begriff eine Uto­pie, die – wenn man ver­sucht, sie als Ziel zu defi­nie­ren – durch vie­le Ansät­ze mit Leben gefüllt wer­den könn­te. Anfan­gen wür­de ich mit einer Gehalts­ober­gren­ze für Mana­ger – und ich rede nicht von zu wenig Geld für Ver­ant­wor­tung, son­dern vom Limi­tie­ren von Obszö­ni­tä­ten. Den Kar­ren in den Dreck fah­ren und trotz­dem Boni kas­sie­ren, das muss auf­hö­ren. Für mich sind Neo­li­be­ra­le Raub­tie­re. Die Pri­vi­le­gie­rung weni­ger Rei­cher auf Kos­ten aller ande­ren muss gestoppt wer­den. "Schul­den­er­lass für Afri­ka" wäre da so ein nai­ver Schlag­satz mei­ner­seits. Ja, das ist uto­pisch, ich weiß. Aber alles so wei­ter lau­fen las­sen und das Maul hal­ten ist's halt wirk­lich nicht. Ja, sozia­le Gerech­tig­keit wäre das wich­tigs­te The­ma die­ses Wahl­kampfs für mich! Bedient nur halt kei­ner so rich­tig.

3Plusss: Die Par­tei­en­aus­wahl ist mir zu breit. Ich kann mich nicht ent­schei­den zwi­schen so vie­len ver­trau­ens­wür­di­gen Gesich­tern, die alle nur um mein Wohl – und ihre Wahl – bedacht sind. Das macht mir Druck. Also soll alles ein­fach so blei­ben, wie es ist. Erst mal. Und dann sehen wir wei­ter. Ich lebe in West­deutsch­land, bin blond mit blau­en Augen. Kom­men die Bul­len, bleib' ich ste­hen. Die Arbeit ist schön, der Kühl­schrank ist voll – wenn ich ein­kau­fe – und ich flieg' zwei­mal im Jahr irgend­wo­hin. Lasst mich in Ruhe. Macht das mal unter euch aus. PS: Steu­ern run­ter! PPS: Viel­leicht soll­te Deniz Yücel bald aus der Haft befreit wer­den. Nicht mit aller Macht, nicht heu­te, nicht mor­gen … Aber schon befreit. Und auch schon bald. Über 200 Tage tür­ki­sche Haft sind selbst für die Lügen­pres­se ein biss­chen hart. Glaub' ich. Wür­de ihn auch gegen Jan Böh­mer­mann ein­tau­schen, falls das mög­lich ist.

Chi­ma Ede: Das wich­tigs­te The­ma für mich im Wahl­kampf ist Zukunfts­ori­en­tie­rung und Nach­hal­tig­keit, also die Zukunft aktiv zu gestal­ten. Weil die Zukunft das Ein­zi­ge ist, was wir beein­flus­sen kön­nen. Und weil die Ewig­keit in der Zukunft liegt und mein gan­zes Inter­es­se dar­auf aus­ge­rich­tet ist. Scheiß auf die Angst­ma­che, scheiß auf die Schuld­zu­wei­sung. Wenn wir alle gemein­sam Ver­ant­wor­tung für die Zukunft über­neh­men, wird sie fan­tas­tisch sein … In die­sem Sin­ne: "Wer kommt mit mir nach vorn? Ohne Blick zurück, nur nach vorn. Sag mir, wer tritt mit mir nach vorn? Nur nach vorn, nur nach vorn."

Pilz: Mir liegt das The­ma Bil­dung sehr am Her­zen. Vie­le Pro­ble­me unse­rer Gesell­schaft könn­ten schon im Keim erstickt wer­den, wenn das Schul­sys­tem über­holt wer­den wür­de. So wer­den den Kin­dern zum Bei­spiel noch immer, schon in den Grund­schu­len, teils sehr kon­ser­va­ti­ve Bil­der zu The­men wie Fami­lie, Ernäh­rung und Geschlech­ter­rol­len ver­mit­telt. Durch das bestehen­de Schul­sys­tem wird sowohl Krea­ti­vi­tät als auch Indi­vi­dua­li­tät nicht sel­ten kom­plett unter­drückt. Außer­dem soll­ten Leh­rer viel mehr auch zu Päd­ago­gen aus­ge­bil­det wer­den. Vie­len fehlt es hier ein­fach an Fach­kennt­nis. Es müs­sen sehr viel mehr Gel­der in die Bil­dung im All­ge­mei­nen inves­tiert wer­den. Die Schü­ler kom­men zu kurz, weil die Klas­sen auf­grund feh­len­der Fach­kräf­te über­füllt sind. Das alles führt schon im Kin­des­al­ter zu gro­ßer Frus­tra­ti­on, die sich unter ande­rem in Unter­richts­ver­wei­ge­rung zeigt. Und Unter­richts­ver­wei­ge­rung ist eine Ein­stiegs­dro­ge.

Degen­hardt: Ein ein­zel­nes The­ma gibt es nicht. Wahl­kampf ist ja nur wie 'ne noch ekli­ge­re Vari­an­te einer Pro­mo­pha­se mit ähn­lich wenig Sub­stanz, noch weni­ger Glaub­wür­dig­keit und beschis­se­ne­rer Musik. Sol­len sie machen, gehört halt wohl dazu. Ich muss es jetzt nicht tot­has­sen, aber ernst neh­men auch nicht. Ein ehr­li­cher Sozi­al­staat wäre schön statt der aktu­el­len Wirt­schafts­dik­ta­tur hier. Biss­chen Hal­tung und Cha­rak­ter wäre schön. Aber das ist ja über­all in der Öffent­lich­keit so. Sehr wenig ist kon­struk­tiv und aktiv – lie­ber nar­ziss­ti­sches Reden, Jam­mern und Strei­ten. Einer­seits gibt es dra­ma­ti­sche Arti­kel über Sexis­mus und Ähn­li­ches, ande­rer­seits wird RINs Teen-​Rape-​Scheiße mit 'nem sanf­ten Klaps durch­ge­wun­ken. Alles unschön, ich hal­te mich fern.

 

Her­zog: Das für mich wich­tigs­te The­ma in die­sem wie auch in allen ande­ren Wahl­kämp­fen ist die Lega­li­sie­rung von Can­na­bis. Dazu gehört eine auf­klä­ren­de Dro­gen­po­li­tik mit Präventions- und Sucht­be­kämp­fungs­maß­nah­men sowie eine bes­ser gere­gel­te medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung mit Can­na­bis­pro­duk­ten. Ohne Repres­sio­nen und flä­chen­de­cken­de Über­nah­me sämt­li­cher damit ver­bun­de­ner Kos­ten durch die Kran­ken­kas­sen.

KAAS: Mir sind sozia­le Gerech­tig­keit, Men­schen, Umwelt- und Tier­schutz wich­tig. In einem ver­ein­ten Euro­pa. Die Grün­de dafür lie­gen auf der Hand, oder? Ich schen­ke mei­ne Stim­me die­ses Mal den Grü­nen und unter­stüt­ze sie auf der Jagd um Platz drei. Get 'em, Cem! Power up, Kat­rin!

Vega: Wir als Rap­per, die über die ver­schie­de­nen sozia­len Medi­en Zugang zu so vie­len Jugend­li­chen haben, müs­sen unse­re Reich­wei­te nut­zen, um die Leu­te zu ani­mie­ren, am 24. Sep­tem­ber wäh­len zu gehen. In Zei­ten, in denen die Umfra­gen zei­gen, dass die AfD die dritt­stärks­te Kraft wer­den könn­te, ist das umso wich­ti­ger!

Enoq: Das wich­tigs­te The­ma in die­sem Wahl­kampf ist die soge­nann­te "Flücht­lings­po­li­tik", wobei ich abso­lut kein Freund die­ses Begriffs bin. Das Pro­blem an Poli­tik ist, dass sie ver­zwei­felt ver­sucht, zu gefal­len. Sie ist wie der neue, auf­stre­ben­de Radio­sen­der, der am Anfang bom­ben Mucke spielt, die die Leu­te hören wol­len. Dann kom­men ner­vi­ge Jin­gles und dann die bescheu­er­te Wer­bung. Am Ende hören alle nur noch das, was sie hören sol­len. Die Sau­ber­keit des immer glän­zen­den Fir­men­wa­gens ist plötz­lich wich­ti­ger als die Agen­da oder eine der etli­chen Paro­len, die sie sich wäh­rend der anstren­gen­den Wahl­pe­ri­ode auf Ihre Flag­ge geschrie­ben haben. Die eigent­li­chen Pro­ble­me rücken in den Hin­ter­grund oder gera­ten in Ver­ges­sen­heit – zumin­dest bis zum nächs­ten, span­nen­den Wahl­kampf. Wenn Geld ins Spiel kommt, ver­kau­fen die meis­ten Men­schen ihre Idea­le oder tau­schen sie gegen das neu­es­te Smart­pho­ne. Nen­nen wir das Kind beim Namen: Unse­re Welt­mäch­te "bedie­nen" sich der Boden­schät­ze unse­rer "ärms­ten" Län­der. Wir plün­dern ihre Res­sour­cen und neh­men ihnen jeg­li­che Mög­lich­keit, um für sich selbst zu sor­gen. Groß­kon­zer­ne wie Nest­lé oder Mon­s­an­to gie­ren nach dem Grund­was­ser oder zwin­gen besag­ten Län­dern ihr gen­ma­ni­pu­lier­tes Saat­gut auf. Frei nach dem Mot­to: Wer Wind sät … Und jetzt, wo die Men­schen flie­hen, nach­dem wir ihnen jeg­li­che Exis­tenz­grund­la­ge genom­men haben, beschwe­ren wir uns?! Die Medi­en berich­ten über die Ticker im Gör­li oder die grab­schen­den "Nafris". Pro­ble­me wer­den ober­fläch­lich behan­delt, in mund­ge­rech­te Stü­cke geschnit­ten und danach gut ver­dau­lich und mit einer Pri­se Het­ze­rei an die brei­te Mas­se ver­füt­tert. Die Holz­köp­fe der AfD näh­ren sich an der Dumm­heit unse­rer Bau­ern­ge­sell­schaft, deren Intel­lekt sich irgend­wo zwi­schen Marx, dem Bache­lor und einem der ver­siff­ten Pfandau­to­ma­ten unse­rer unzäh­li­gen Billig-​Discounter befin­det. Es ist nicht an der Zeit, dass sich etwas ändert. Es ist an der Zeit, dass wir uns ändern. Jeder von uns hat eine Stim­me und er soll­te sie auch nut­zen. Es ist so, wie Audio88 sagt: "Wer schweigt, gibt recht!"

Con­ny (Der Plot): In allen poli­ti­schen Dis­kus­sio­nen, die mal mehr oder weni­ger ernst geführt wer­den, fin­de ich mich am Ende immer an der glei­chen Stel­le wie­der. Glo­ba­li­sie­rung und Urba­ni­sie­rung machen vie­le Din­ge für uns sehr bequem, stel­len uns aber auch vor Her­aus­for­de­run­gen wie über­for­der­te Alten­pfle­ge­sys­te­me, öffent­li­che Trans­port­mit­tel, Kli­ma­schutz und nicht zuletzt den Umgang mit Zuwan­de­rungs­strö­men. Die Dis­kus­sio­nen um die­se The­men sind, so fühlt es sich für mich an, häu­fig so erhitzt und aggres­siv, dass ich mir kaum vor­stel­len kann, wie wir – sowohl als Bun­des­re­pu­blik als auch als euro­päi­sche Staa­ten­ge­mein­schaft – zu einem kon­struk­ti­ven Fazit kom­men sol­len. Und wäh­rend sich mei­ne Gene­ra­ti­on und die mei­ner Eltern die Köp­fe ein­schlägt – auf der einen Sei­te vom Popu­lis­mus der rech­ten Par­tei­en ver­blen­de­te Wut­bür­ger, auf der ande­ren Sei­te ein resi­gnier­tes Sam­mel­su­ri­um aus Lin­ken, Kon­ser­va­ti­ven und Sozi­al­de­mo­kra­ten –, drif­tet die jun­ge Gene­ra­ti­on poli­tik­ver­dros­sen in einen Nihi­lis­mus 2.0 ab. Teil­nahms­los ste­hen sie einem dro­hen­den Atom­krieg, täg­lich statt­fin­den­den Ter­ror­an­schlä­gen und Berich­ten über Kims und Kanyes Leih­mut­ter gegen­über. Bestimmt ist es gar nicht so düs­ter, wie es sich manch­mal anfühlt. Aber immer dann, wenn es sich so düs­ter anfühlt, emp­fin­de ich die The­men Bil­dung und Bil­dungs­po­li­tik, Per­spek­ti­ven für die Jugend sowie Jugend- und Kul­tur­ar­beit als so kriegs­ent­schei­dend, dass ich die ein­gangs genann­ten The­men nur nach­ran­gig dis­ku­tie­ren möch­te. Mei­ne per­sön­li­che Über­zeu­gung ist es, dass Bil­dung den Grund­stein für Empa­thie und Ver­ständ­nis legt. Und wenn wir die Her­aus­for­de­run­gen, die eine immer "bun­ter" wer­den­de Welt mit sich bringt, für alle und vor allem nach­hal­tig lösen wol­len, müs­sen auch alle Teil der Dis­kus­si­on sein. Mein Anspruch an die Poli­tik ist es daher, dass sie allen Tei­len der Gesell­schaft ermög­licht, die­se Dis­kus­si­on zu füh­ren.

(die Redak­ti­on von MZEE​.com)
(Fotos von Flo­ri­an Wen­zel (Juse Ju), Kat­ja Kuhl (Olli Ban­jo), DungD2N (Chi­ma Ede), Loui­se Ame­lie (Her­zog), Jan Wit­te­kindt (KAAS), Kev­lic Wine­hou­se (Vega), Gra­fik von Puf­fy Pun­ch­li­nes)