High Five: 08 /​​​​​​​​ 17 – mit u.a. Casper, Dissythekid, Trettmann

Der Deutschrapzirkus ist ein um­trie­bi­ger Schauplatz. Zwischen all den Promophasen und Albumveröffentlichungen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Deshalb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stelle die klei­nen, fei­nen Highlights vor, die ab­seits des Album-Korsetts Beachtung ver­die­nen. In den Kategorien Statement, Video, Song, Instrumental und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redakteure hand­ver­le­sene Schmuckstücke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­tige Message oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamtpaket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Einblick in ein­zelne Facetten der Rapwelt ge­bo­ten. Fünf Höhepunkte – klatscht in die Hände für un­sere "High Five"!

 

Jonas Platin & Bruder Jakob - Wir bleiben hier (feat. Kanye East & ادريس gnuoY)

Statement: Jonas Platin

Rap und gesellschaftspolitische Themen vertragen sich nicht immer gut. Trotzdem ist es stets wünschenswert, dass Künstler von ihrer Stimme Gebrauch machen, um auf Missstände oder bedenkliche Entwicklungen hinzuweisen. In einer für deutschen Rap ungewöhnlich direkten, aber gleichfalls satirischen Weise ist das bei Jonas Platin geschehen. Das Musikvideo zu seinem Song "Wir bleiben hier" wurde zwar bereits im März dieses Jahres veröffentlicht, doch erst jetzt erscheint der Song im Rahmen seines Releases "Drogen". Besagter Track behandelt die Flüchtlingsthematik in besonderer Weise. Denn die Vorurteile und Ressentiments irgendwelcher Hohlbirnen werden von Jonas Platin, Bruder Jakob und dem besonderen Featuregast Kanye East – einem Geflüchteten – selbstironisch aufgegriffen und zu einem knalligen Representer verarbeitet. Heraus kommt dabei ein klassisch-größenwahnsinniger Rap-Track, der Statussymbole wie Smartphones in überzogener Weise zelebriert und damit Klischees über Flüchtlinge ins Lächerliche zieht. Eine eingängige Autotune-Hook in gebrochenem Deutsch rundet das Projekt ab. So ist "Wir bleiben hier" von Jonas Platin und Co. ein gelungener Mittelfinger an "Nazi-Hurensöhne" jedweder Art.

 

Dissythekid - FYNN (prod. Fynn) // JUICE Premiere

Video: Dissythekid – Fynn

Dissythekids neue EP "Fynn" und der dazugehörige Film sind zwar schon seit zwei Monaten draußen, jedoch veröffentlicht der Rapper nun mehrere kürzere Videos, um weiterhin auf sich aufmerksam zu machen. So auch das Video zu "Fynn". Während die Dramaturgie des Videos stetig steigt, um von düsteren Waldlichtungen in trippige Visualisierungen zu wechseln, bleibt der Charakter "Fynn" konstant zu sehen. Dargestellt als ein schwarzes Wesen mit flackerndem Gesicht, erscheint er als der Schatten von Dissythekid, der ihn zu allerlei schlimmen Sachen verführt. Zusätzlich sieht man ihn auch als Produzent, wodurch die Herkunft von Dissythekids Beats kreativ veranschaulicht wird. In diesem Video passiert neben der Storyline auf visueller Ebene derart viel, dass es sich lohnt, den Repeat-Button immer und immer wieder zu betätigen. Besonders beeindruckend ist, dass der Rapper verantwortlich für Drehbuch, Regie und Schnitt ist. Behält man nun noch den Kontext des ganzen Films im Hinterkopf, ist "Fynn" das stimmigste Video des Monats August.

 

TRETTMANN - GRAUER BETON (prod. KITSCHKRIEG)

Song: Trettmann – Grauer Beton

"Nur damit du weißt, wo ich herkomm'." – Mit dieser Line bewirbt Trettmann selbst eine der ersten Previews aufs kommende Album. Der Song "Grauer Beton" wirkt wie eine Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Der rasante Aufschwung in seiner musikalischen Karriere und der damit verbundene Wechsel der Lebensumstände scheinen den Leipziger nachdenklich zu machen. Auf einem sehr tragenden und ruhigen Klangteppich, produziert von KITSCHKRIEG, erzählt Trettmann von seiner Jugend. Dabei zeichnet er ein so klares Bild, dass sich vorm inneren Auge ein Film über das Erzählte abspielt. Und das, obwohl außer dem grauen Beton kaum etwas bildlich beschrieben wird. Im Verlauf des Songs widmet er seine Zeilen nicht nur der Vergangenheit, sondern reflektiert außerdem die Gegenwart. Dankbarkeit und Zufriedenheit wie auch etwas Melancholie spiegeln sich in der zweiten Strophe. All das gelingt Trettmann, ohne dass der Song überladen oder zu kitschig daherkommt. Er schafft mit wenigen Worten eine wahnsinnige Tiefe. "Grauer Beton" ist also ein weiterer Grund, warum man das Release von "#DIY" im Auge behalten sollte.

 

AHZUMJOT - BIBEL (AUDIO) (2017)

Instrumental: Ahzumjot – Bibel

Ahzumjots Instrumental zu "Bibel" zieht den Hörer binnen weniger Sekunden in seinen Bann. Was mit einem einfachen, surrenden Loop beginnt, baut sich durch das Hinzufügen melancholischer Pianoklänge, treibender Drums und multipler Schichten sphärischer Synthies schnell zu einem emotionalen Brecher auf, der die markante Handschrift des Rappers und Produzenten trägt. Obwohl all das absolut zeitgeistig klingt, wirkt es keineswegs so, als würde sich der Sound des Tracks an risikoarmem Einheitsbrei oder ein spezielles künstlerisches Vorbild anbiedern. Die Vocals von Ahzumjot, der den Track produziert, geschrieben und gemischt hat, verschwimmen oftmals so sehr mit dem Instrumental, dass man die Grenze zwischen verzerrter Stimme und melodiösen Synthieklängen kaum noch wahrnehmen kann. Durch die so entstehende Symbiose werden rohe Emotionen transportiert, die auch ohne textlichen Kitsch oder Pseudotiefsinn beim Hörer ankommen. Somit bietet die musikalische Untermalung von "Bibel" den perfekten Boden für die reduzierten, Interpretationsraum lassenden Lyrics des Hamburger Multitalents.

 

Line: Casper – Alles ist erleuchtet

Doch wo Licht am hellsten leuchtet, werden Schatten immer länger.
Den meisten Platz findet Hass im Gedränge.

Am 23. September 2016 hätte "Lang lebe der Tod" erscheinen sollen, doch Casper entschied sich anders. Gut Ding will Weile haben, und so werkelte er weiter und weiter an seinem neuesten Solo-Projekt, welches nun ein knappes Jahr später veröffentlicht wurde. Darauf geht es gleichermaßen um aktuelle Geschehnisse der Weltgeschichte sowie das Innenleben des Künstlers – auch bei "Alles ist erleuchtet", auf dem er tief blicken lässt, wie das Leben im Rampenlicht eigentlich aussieht. Mit dieser Zeile, die vielleicht eher metaphorisch als physikalisch der Wahrheit entspricht, will der Bielefelder die Licht- und Schattenseiten des Erfolgs, des Ruhms und vielleicht sogar des Lebens aufzeigen. In für ihn typischer Art und Weise formuliert er dabei recht bedacht, damit jeder für sich seine eigenen Lehren daraus ziehen kann. Und am Ende ist es auch genau das, was diese Line zur besten des Monats August macht.

(Florian Peking, Lennart Wenner, Steffen Uphoff, Steffen Bauer, Sven Aumiller)
(Foto von Christian Alsan)