Stieber Twins – Fenster zum Hof

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Es ist 1997: Deut­scher Rap bewegt sich immer mehr in Rich­tung Main­stream. Die Stie­ber Twins, zwei Brü­der aus Hei­del­berg, die sich voll und ganz dem Erhalt der Kul­tur ver­schrie­ben haben, neh­men die­sen Wan­del nicht ein­fach so hin. Sie ver­öf­fent­li­chen das Album "Fens­ter zum Hof" und stel­len sich damit in den Weg von Wack MCs und Kom­merz­rap.

Das Werk ist ein mei­ner Mei­nung nach weg­be­rei­ten­des Album und ein Mei­len­stein der Geschich­te des deut­schen Raps. Fast hat­te ich ver­ges­sen, wie es einen mit­nimmt – bis es mir ein guter Freund wäh­rend einer Dis­kus­si­on über den Wan­del der Rap­sze­ne wie­der ins Gedächt­nis rief. Chris­ti­an und Mar­tin Stie­ber haben ein Album auf den Markt gebracht, das sei­nes­glei­chen sucht. Mit ihren ein­fa­chen, aber nicht stumpf­sin­ni­gen Parts, läs­si­gen Boom bap-​Beats und der Kern­aus­sa­ge der Hei­del­ber­ger, die sich wie ein roter Faden durch die Plat­te zieht: "Sei echt oder lass es sein!" Mit die­ser Aus­sa­ge beschrei­ben sie tref­fend den "Keep it real"-Gedanken, den sich lei­der zu weni­ge zu Her­zen neh­men. Dazu pas­send fea­turen die Stie­bers auf ihrer Plat­te noch das Who's who der dama­li­gen deut­schen Rap­sze­ne: Von Cur­se über STF bis hin zu Das Bo und Cora E sind alle ver­tre­ten. Die Kri­tik am Ver­lust der Kul­tur wird dabei genau­so deut­lich wie der Unmut dar­über, dass sich immer mehr Rap­per nicht mehr als Künst­ler ver­ste­hen, son­dern als Kunst­fi­gu­ren ver­mark­ten. Dies wird auch wie­der­holt the­ma­ti­siert in spä­te­ren Pro­jek­ten wie "Schlan­gen sind gif­tig" oder "Mala­ria" mit Samy Delu­xe und Max Her­re. Auch hier liegt das Haupt­au­gen­merk wie­der auf der Echt­heit von MCs: "Es ist Zeit, dass wir Styles anfor­dern. Wollt ihr Cyph­ers oder Sei­fen­opern?" Zwei Zei­len, die in heu­ti­gen Zei­ten, in denen Beef nicht mehr auf der Büh­ne, son­dern via You­Tube und Face­book aus­ge­tra­gen wird, mehr Gewicht haben denn je.

Mit "Fens­ter zum Hof" haben die Stie­ber Twins ein Album geschrie­ben, das zu den wich­tigs­ten deut­schen Rapal­ben zählt und sich hin­ter heu­ti­gen Wer­ken nicht ver­ste­cken muss. Kla­re Hör­emp­feh­lung eines Werks, das man vom ers­ten Bass bis zur letz­ten Sna­re durch­lau­fen las­sen und genie­ßen kann.

(Mal­te Völz)