High Five: 07 /​​​​​​​ 17 – mit u.a. Beataura, Visa Vie, Zugezogen Maskulin

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, eine wich­tige Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

State­ment: Visa Vie

Rap ist seit jeher eine Mög­lich­keit gewe­sen, Mei­nun­gen zu poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen The­men zu ver­mit­teln. Poli­ti­sche Zusam­men­hän­ge und dif­fe­ren­zier­te Stel­lung­nah­men in einem drei-​minütigen Song unter­zu­krie­gen, ist aller­dings alles ande­re als eine leich­te Auf­ga­be. Das ist auch der Grund, wes­halb die­se The­ma­ti­ken heut­zu­ta­ge oft nicht ihren ver­dien­ten Platz in der Musik bekom­men. Das­sel­be dach­te sich ver­mut­lich auch Rap-​Deutschlands bekann­tes­te Mode­ra­to­rin Visa Vie, wes­we­gen sie nun bis zur Bun­des­tags­wahl am 24.09. mit einem neu­en Pod­cast und Video­for­mat namens "Cla­ri­fy" an den Start geht. Denn: Die­se Wahl "geht alle etwas an" und Wäh­len gehen sei für sie "eine Pflicht". Da unse­rer Gene­ra­ti­on ger­ne nach­ge­sagt wird, poli­tisch des­in­ter­es­siert und inak­tiv zu sein, ist es umso wich­ti­ger, Räu­me zu schaf­fen, in denen Denk­an­stö­ße gege­ben wer­den kön­nen. Zusätz­lich ist es ein gutes Ziel, die Defi­ni­ti­on des­sen, was poli­tisch ist und was nicht, immer wie­der auf­zu­grei­fen. Dass Musi­ker so auch eine Platt­form außer­halb ihrer Kunst bekom­men, um über kon­tem­po­rä­re und rele­van­te The­men zu spre­chen, kann nur begrüßt wer­den.

 

Video: Zuge­zo­gen Mas­ku­lin – Was für eine Zeit

Zuge­zo­gen Mas­ku­lin sind zurück und las­sen sich wie­der laut­stark über den gesell­schaft­li­chen Sta­tus quo aus. Pas­send dazu stat­ten sie ihren neu­en Song "Was für eine Zeit" mit einem beson­ders ver­stö­ren­den Video aus. Der Clip von Mar­tin Swa­rov­ski unter­streicht in über­zeich­ne­ter Form jene The­men, die ZM in ihren bis­wei­len iro­ni­schen und zyni­schen Tex­ten anspre­chen. Gewalt und Schre­cken ist dabei all­ge­gen­wär­tig: Wäh­rend eine Grup­pe Gefan­ge­ner von Sol­da­ten bru­tal miss­han­delt wird, rappt Tes­to auf einem Berg aus Lei­chen. Grim104 visua­li­siert sei­nen Part schon allein auf­grund sei­ner Moves und sei­nes Bli­ckes ähn­lich furcht­ein­flö­ßend. Hin­zu kom­men ein vier­bei­ni­ges Mons­ter in Yeezy-​Sneakern und ein uner­sätt­lich fres­sen­der Mann mit VR-​Brille. Der Zeit­geist wird in die­sem bild­ge­wal­ti­gen Spek­ta­kel auf den Kopf gestellt. Was eigent­lich als Tech­no­lo­gie, Trend oder Jugend­kul­tur gilt, offen­ba­ren die Rap­per als gei­ßeln­de Beschäf­ti­gungs­the­ra­pie, die ledig­lich von den drän­gen­den Pro­ble­men der Zeit ablenkt. Zuge­zo­gen Mas­ku­lins Clip zu "Was für eine Zeit" bleibt durch die­se kom­pro­miss­lo­se und bild­haf­te Dar­stel­lung lan­ge im Kopf und schürt hohe Erwar­tun­gen für ihr neu­es Album, wel­ches Ende Okto­ber erschei­nen soll.

 

Song: 187 Stras­sen­ban­de – Mil­lio­när

2017: Deutschrap flo­riert wie nie zuvor. Der Hype wächst und wächst und bringt neben den gan­zen posi­ti­ven Eigen­schaf­ten natür­lich auch Nega­ti­ves mit sich. Sel­ten wur­de Künst­lern so viel Ein­falls­lo­sig­keit und feh­len­de Krea­ti­vi­tät vor­ge­wor­fen, denn immer­hin wäre ja alles, was gera­de im Hype ist, schlicht und ergrei­fend geklaut. Wie schön ist es da, dass es Leu­te wie die 187 Stras­sen­ban­de gibt, die in Bezug auf sol­che Kri­tik wohl so ziem­lich jedem Zwei­fel erha­ben sind. Das bes­te Bei­spiel dafür ist "Mil­lio­när" von "Sam­pler 4". Ein düs­te­rer Beat, klas­si­sche Gzuz- und Bonez-Parts mit gewohnt humor­voll poin­tier­ten Zei­len wie "Geh und kauf ihr tau­send Rosen, doch sie schmeckt nach mei­nem Schwanz" oder "Die Bul­len schie­ben Hass, aber die Stra­ße hat mich lieb". Alles wie gewohnt: Doch das Merk­mal, das den Song so groß­ar­tig macht, ist die Hook. Mit eben­je­ner lie­fert Bonez eine genia­le Eigen­in­ter­pre­ta­ti­on von The Cran­ber­ries' "Zom­bie" ab und zau­bert damit wohl jedem Hörer, der die Inspi­ra­ti­ons­quel­le kennt, ein brei­tes Lächeln ins Gesicht. Ein­falls­lo­sig­keit oder man­geln­der Ide­en­reich­tum? Fehl­an­zei­ge. Die 187er zei­gen mit "Mil­lio­när" gekonnt, wie viel Spaß deut­scher Rap machen kann.

 

Instru­men­tal: RAF Camo­ra – Alles pro­biert feat. Bonez MC (prod. by Beatau­ra & RAF Camo­ra)

Pro­du­zent und Rap­per soll­ten im Ide­al­fall per­fekt har­mo­nie­ren – nur so kann das best­mög­li­che Ergeb­nis ent­ste­hen. Aus die­sem Grund arbei­ten Musi­ker wie Mar­te­ria seit Jah­ren mit den glei­chen Pro­du­cern zusam­men. Es för­dert ein Gefühl dafür, auf wel­chen Sound man sich eini­gen kann und wie man das bes­te End­pro­dukt erhält. Noch bes­ser als eine lang­jäh­ri­ge Koope­ra­ti­on ist aber, sei­ne Beats in Eigen­re­gie zu bas­teln, weil man sei­ne Ansprü­che selbst am bes­ten ein­zu­schät­zen weiß. Eine Her­an­ge­hens­wei­se, die RAF Camo­ra in den letz­ten Jah­ren opti­mier­te und sogar auf sei­nem neu­en Song "Alles pro­biert" zum The­ma macht. Die­ses Mal schnappt er sich die Unter­stüt­zung von Beatau­ra, um dem übli­chen Sound­bild von "Pal­men aus Plas­tik" eine neue Facet­te zu ver­pas­sen. Die Afrotrap-​Einflüsse ver­mi­schen sich mit einem düs­te­ren Touch, was den neu­en Song zwar weni­ger som­mer­taug­lich, aber dafür umso atmo­sphä­ri­scher wir­ken lässt. Die ruhi­gen Pas­sa­gen gegen Ende, das für den Wie­ner typi­sche "Krähen"-Sample – all das run­det das Gesamt­bild per­fekt ab und macht den stim­mi­gen Beat von RAF und sei­nem Kol­le­gen Beatau­ra zum Instru­men­tal des Monats.

 

Line: Wee­kend – Ich will dass irgend­was kaputt geht

Leu­te wie du, die fah­ren auch nach Mal­le.
Ich leih' mir dei­ne Fres­se und geh' Kar­ne­val als alle.

Wee­kend scheint mit dem Ist-​Zustand der hie­si­gen Rap­sze­ne und der Gesell­schaft im All­ge­mei­nen alles ande­re als zufrie­den zu sein. Die­ser Umstand wird augen­schein­lich, betrach­tet man sei­ne neue Sin­gle "Ich will dass irgend­was kaputt geht". Neben ego­zen­tri­scher Ober­fläch­lich­keit, über­stei­ger­ter Här­te und frag­wür­di­gen Vor­stel­lun­gen von Ehre, kri­ti­siert er in unse­rer Line des Monats Juli auch den Man­gel an Indi­vi­dua­li­tät in Deutsch­land. Indem er von Mal­lor­ca als Urlaubs­ziel sei­nes Adres­sa­ten spricht, evo­ziert er beim Hörer das Kli­schee­bild des Schlager-​grölenden-​Ballermanntouristen, dem es an Intel­li­genz und gutem Geschmack man­gelt. Auch der erwähn­te Kar­ne­val passt zum Bild des unre­flek­tier­ten Par­ty­gän­gers. Das Rudel­ver­hal­ten, das oft­mals von sol­chen Men­schen an den Tag gelegt wird, steht im Kon­trast zum Wunsch des Rap­pers nach kri­ti­schem Den­ken und indi­vi­du­el­ler Hal­tung. Auch wenn der gan­ze Track einen zum Nach­den­ken anre­gen soll, ist er durch­wegs mit dem für Wee­kend typi­schen sar­kas­ti­schen Humor durch­zo­gen. Dadurch wirkt sein Auf­ruf nach mehr Indi­vi­dua­li­tät weni­ger ober­leh­rer­haft und unter­hält einen statt­des­sen bes­tens.

(Lenn­art Wen­ner, Flo­ri­an Peking, Lukas Mai­er, Sven Aumil­ler, Stef­fen Bau­er)
(Foto 3 von 187 Stras­sen­ban­de)