Enoq

"Frag mich nicht, Dicker, ich sitz' selbst bis zum Hals in der Scheiße." – Enoq hat auf seinem Debütalbum "Zu schön um klar zu sein" kein einziges Blatt vor den Mund genommen und den Hörer so tief in eine Welt zwischen Alkohol- und Drogenexzessen, Schlägereien in Berliner Problemvierteln und vergangenem Liebeskummer gezogen. Featuregäste wie Mädness & Döll ließen in Interviews kaum eine Gelegenheit aus, Enoqs Platte lobend zu erwähnen. Der Berliner zeichnet mit wenigen Worten starke und bewegende Bilder aus mittlerweile 34 Jahren Lebenserfahrung. Dass dieses Leben mittlerweile geregelter abläuft, als es noch auf dem Debütalbum beschrieben wird, tut dem Schaffensprozess des Jakarta-Signings indes keinen Abbruch. Wir haben mit Enoq über sein jetziges Verhältnis zum Rausch, Melancholie und den Nachfolger von "Zu schön um klar zu sein" gesprochen.

MZEE.com: Dein Debütalbum trägt den Titel "Zu schön um klar zu sein". Was ist für dich in klarem Zustand schöner als im unklaren?

Enoq: Wahrscheinlich ist alles im klaren Zustand schöner – beziehungsweise sollte es so schöner sein. Ich glaube, das Leben wär' ziemlich traurig, wenn alles nur schön wäre, wenn man irgendwie berauscht ist.

MZEE.com: Was glaubst du, woran es liegt, dass sich große Teile der Gesellschaft trotzdem so oft berauschen?

Enoq: Das ist wahrscheinlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich, aber trotzdem auch wieder bei jedem gleich. Wahrscheinlich haben die Leute in der Steinzeit schon irgendwelche Beeren gefuttert und dann gemerkt, dass sie dadurch nicht mehr ganz so im Alltag stecken. Ich glaube, es ist einfach eine Flucht aus dem Alltagsleben. Du gehst die ganze Woche buckeln und machst und tust ... Dann hast du halt am Wochenende Bock, Fünfe gerade sein zu lassen und dir einen reinzuknallen. Und nicht mehr so viel zu denken.

MZEE.com: Glaubst du, dass der Rausch an sich eine viel kleinere Rolle spielen würde, wenn es den meisten Menschen wirklich gut gehen würde?

Enoq: Da ist wahrscheinlich die Frage, was man konsumiert und wie viel davon. Bei einer Sucht hat es ja nichts mehr mit rationalem Denken zu tun, da sagt dir der Körper, was du brauchst. Ich weiß nicht, ob das so an der Gesellschaft liegt. Selbst Hollywoodstars, die Millionen auf dem Konto haben und denen es ja eigentlich von außen gesehen gut geht, schießen sich völlig weg. Ich glaube, es hat mit deiner Einstellung und deiner Psyche an sich zu tun. Du kannst bitterarm und der fröhlichste Mensch sein oder superreich und der traurigste Mensch. Ich glaube, es würde nicht unbedingt etwas ändern. Aber natürlich berauschen sich Leute auf der Straße oft mehr. Da ist aber auch die Frage, warum die auf der Straße leben. Wahrscheinlich, weil sie sich ständig berauscht und deswegen alles verloren haben. Das ist halt ein Teufelskreis.

MZEE.com: Was hast du mittlerweile für ein Verhältnis zum Rausch und zu Drogen?

Enoq: Es hat sich ziemlich runtergeschraubt. Das hat vielleicht auch etwas mit dem Alter zu tun. Ich bin immer noch gerne berauscht in manchen Situationen. Ich rauch' immer noch sehr gerne Gras. Aber härtere Sachen hab' ich ziemlich runtergefahren, eigentlich fast auf ein komplettes Null-Level. Ich hab' da ganz ehrlich gesagt eh nie wirklich viel von gehalten. Ich finde, dass man immer genau wissen sollte, was man konsumiert. Das ist natürlich schwierig, wenn du erst 16 bist. Als wir jung waren, haben wir gekifft und gesoffen. Das war's und das war wahrscheinlich auch schon schwierig, wenn sich dein Hirn noch entwickelt. Heute ziehen die Jugendlichen halt Kokain. Das find' ich schon problematisch. Ich hab' gestandene Männer gesehen, die durch sowas komplett den Boden unter den Füßen verloren haben. Da will ich gar nicht wissen, was mit 'nem 16-jährigen passiert, der keine Ahnung hat, was er sich da reinknallt.

MZEE.com: Nietzsche hat mal gesagt: "Damit es Kunst gibt, damit es irgendein ästhetisches Tun und Schauen gibt, dazu ist eine physiologische Vorbedingung unumgänglich: der Rausch." Das sehen viele Künstler ähnlich. Du auch?

Enoq: Bei mir ist das auf jeden Fall so, ich hab' mehr Lust drauf und hab' das Gefühl, dass künstlerisch mehr passiert, wenn ich mich irgendwie in einem Rausch befinde. Es sollte aber auf jeden Fall kein Limit übersteigen, sonst kommt nur noch Grütze heraus. Natürlich ist das von Person zu Person unterschiedlich, aber wenn du dir die größten Musiker anschaust, wie einen Jimi Hendrix oder Ray Charles: Die haben ihre größten Hits halt auf schweren Drogen gemacht. Ich glaube schon, dass es so ist, aber natürlich gibt es auch Menschen, die ihr Leben lang nichts derartiges anrühren und sehr gute Songs machen.

MZEE.com: Kommen wir zu deiner Musik. Dein Debütalbum baut meiner Meinung nach eine unglaublich dichte Atmosphäre auf, die den Hörer in deine Welt zieht. Der Fokus lag schon eher darauf, einen Film aufzubauen, als die krassesten Reimketten zu kicken, oder?

Enoq: Ja, definitiv. Die Platte war ja auch gar nicht groß geplant, sondern ist einfach aus dem entstanden, was ich so mache. Ich bin überhaupt kein Technik-Freak. Es ist zwar auch geil, wenn das Leute können, aber ich find's geiler, wenn du jemandem in drei Worten sozusagen auf die Fresse gibst, als wenn du dafür 15 Sätze brauchst, von denen drei Silben hängenbleiben. Es ist auch Mucke, auf die man sich, gerade live, einlassen muss. Die Dinger sind teilweise träge und können auch ein bisschen runterziehen. Das muss man mögen. Es ist die Musik, die du auf dem Weg nach Hause von der Party hörst, wenn du vielleicht ein bisschen über dein Leben nachdenkst.

MZEE.com: In der Platte steckt auf jeden Fall auch viel Melancholie. Verrückterweise gibt melancholische Musik einem ja oft ein besseres Gefühl. Hat dich deine eigene Musik schonmal runtergezogen?

Enoq: Nee, null. Ich sag' das immer ungern, aber es ist schon eine Art Selbsttherapie. Dadurch spar' ich mir wahrscheinlich die Couch. Ich bin zwar in keinster Weise ein depressiver Mensch ... Wobei, das ist wahrscheinlich jeder irgendwie, wenn er über bestimmte Sachen nachdenkt. Aber ich denke eigentlich weniger über meine Vergangenheit und die Fehler, die ich gemacht habe, nach. Das hab' ich auf dem Album jetzt mal gemacht. Das sollte aber gar nicht wehleidig oder so sein, sondern war das, was ich eben gefühlt hab' und einfach mal rausknallen musste. Ich steh' selbst auch eher auf melancholische Mucke. Ich feier' zwar auch die Partydinger und die Abrissgeschichten, aber ich mag's mehr, wenn mir jemand ehrlich erzählt, dass sein Leben vielleicht bisher nicht so wie gewünscht gelaufen ist, er aber doch irgendwie klarkommt. Das ist für mich einfach menschlicher und zeigt mir, wer derjenige ist.

MZEE.com: Berlin und dein Viertel spielen in deinen Texten eine große Rolle. Kannst du dir überhaupt vorstellen, mal woanders zu leben?

Enoq: Auf keinen Fall in einer anderen deutschen Stadt. Da ist Berlin für mich das Nonplusultra. Ich kann aber auch jeden Hamburger oder Frankfurter verstehen, der das über seine Stadt sagt. Das ist halt so verankert. Wenn ich irgendwo hinziehen würde, dann in ein anderes Land, irgendwo in den Süden ... Südfrankreich oder nach Barcelona zum Beispiel. Supergeile Innenstädte und ein Meer vor der Tür würden mich schon reizen. Aber in eine andere Metropole in Deutschland oder England zu ziehen, wo das Wetter genauso beschissen ist, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

MZEE.com: Im Vergleich zu vielen anderen Rappern, hast du dein Debütalbum mit 34 relativ spät veröffentlicht. Warum hat das so lange gedauert?

Enoq: Na ja, banal gesagt: Gut Ding will Weile haben. Ich hab' schon immer Mucke gemacht und vielleicht mehr schlecht als recht Beats gebastelt. Da hab' ich auch immer drauf gerappt, es aber nie aufgenommen. Irgendwann hat es mich einfach gereizt, Songs aufzunehmen, gar nicht mal mit der Absicht, irgendwas herauszubringen. Das haben halt immer mehr Leute gehört und dadurch, dass ich mich eh schon lange in der Szene bewegt hab', sind viele Leute auf mich zugekommen, die es übel gefeiert haben. Die meinten dann halt, ich solle mal ein Album machen und irgendwann dachte ich mir auch: Warum eigentlich nicht? Im Endeffekt ist dann auch fast jeder Song, den ich mal gemacht hab', verwertet worden. Es gab nicht viel Ausschussware.

MZEE.com: Die Songs auf deinem Debüt handeln viel von deiner Hartz IV-Zeit mit einem Minijob und Drogenkonsum. Mittlerweile hast du einen festen Job, stehst morgens früh auf. Worum wird es thematisch auf deiner nächsten Platte gehen?

Enoq: Es wird auf jeden Fall poppiger. Also, was heißt poppiger ... ich mach' ja eh gerne catchy, gesungene Hooks. Das werd' ich weiter durchziehen. Es sind ein paar Liebesdinger dabei, die so auf dem Grat zwischen Kitsch und geil wandern. Das ist schwer zu beschreiben, muss man hören, denke ich. Torky Tork hat schon ein paar Dinger gehört und fand sie auf jeden Fall bombig. Rauschgeschichten werden auch weiter ihren Platz haben, das gehört bei mir schon einfach dazu. Es wird keine 180-Grad-Kehrtwende von wegen "Mir geht's jetzt gut und alles ist richtig geil" geben. Es wird aber auch keine Fortsetzung des Albums. Wo die Reise genau hingeht, kann ich dir aber auch noch nicht sagen ...

MZEE.com: Wer wird dann für den Sound verantwortlich sein?

Enoq: Torky ist wieder mit dabei, ich halte es eh immer bei meinen Jungs. Swoosh ist am Start, der ist mein Hauptproduzent und für mich der Gott am Beat. Ich bin gerne beim Entstehungsprozess dabei und auch sehr eigen, da ich ja selbst jahrelang Beats gemacht habe. Ich bin da schon auch schwierig und sage mal, wenn ich etwas nicht so geil finde.

MZEE.com: Du lässt oft anklingen, dass du die Musik anderer Rapper nicht feierst. Geht dir die Entwicklung der Szene nur auf die Nerven oder gibt es auch Acts außerhalb deines Kosmos, denen du etwas abgewinnen kannst?

Enoq: Es ist schwierig. Das hört sich immer so anti an, aber so bin ich eigentlich gar nicht. Ich geb' mir grundsätzlich alles, ich sitz' mit Swoosh und so gerne 'ne Stunde da und hör' mir alles an neuem Deutschrap an. Allerdings schaffen es die meisten Sachen nicht bis zur Hook bei mir. Ich find's immer schlimm, wenn du sofort siehst, dass Leute kopieren. Dass sie die Sachen aus Frankreich oder den Staaten nicht aufgreifen, sondern stumpf einen Song, den sie feiern, einfach nachbauen. Es ist normal, dass du dir von überall Einflüsse holst, aber du solltest immer deine eigene Note mit reinbringen. Aber mir einfach nur ein Fußballtrikot überziehen, möglichst unverständlich drei Worte dreißigmal wiederholen und das Drumkit ein bisschen knallen lassen ... das find' ich ein bisschen schade. Aber ich werd' auch von Sachen überrascht, die ich echt krass finde. Chima Ede find' ich zum Beispiel richtig gut – der hat Hunger und bringt sein eigenes Ding. Megaloh und Said feier' ich auch. Ich kann auch mit 'nem Yung Hurn mal was anfangen und finde das lustig, aber ich brauch' da auch kein ganzes Album.

MZEE.com: Du bist ein Freund von amerikanischen Rap-Gesang-Mischungen wie Nate Dogg oder Devin the Dude. Was ist diesbezüglich dein absoluter Favorit, den du uns empfehlen kannst?

Enoq: Also Devin feier' ich wirklich rauf und runter. Der Typ ist auch supersympathisch. Z-Ro macht diese Art von Musik auch sehr geil. Das ist der Cousin von Trae tha Truth. Die kommen aus Houston, also auch aus der Nähe von Devin. Z-Ro ist technisch ein richtig guter Rapper mit monströsem Flow und hat dazu noch eine ziemlich gute Singstimme. Da sollte man sich auf jeden Fall die älteren Sachen geben, gerade von der Crew A.B.H von Z-Ro und Trae zusammen. Styles P feier' ich auch. Und meine All Time Favorites sind immer noch Outkast. ATLiens ist für mich das Beste, was jemals passiert ist.

(Alexander Hollenhorst)
(Foto von Jakob Hoff)