Sookee

"Zwanzig-​siebzehn wählt Deutsch­land sei­nen Kopf. Ich krat­ze mich am Kopf – ich hab' jetzt schon kei­nen Bock." – Soo­kee hat bereits zu Beginn des Jah­res auf ihrem Album "Mor­tem & Make­up" ihre Mei­nung offen kund­ge­tan und der Nische von Rap mit poli­ti­scher oder kri­ti­scher Messa­ge eine wei­te­re Stim­me gege­ben. Eine Stim­me, die nicht etwa an der Ober­flä­che ein­zel­ner The­men krat­zen, son­dern ein Zei­chen gegen Ras­sis­mus, Homo­pho­bie und Men­schen­hass im All­ge­mei­nen set­zen will. Die­se gesell­schaft­li­che Anteil­nah­me beschränkt sich jedoch nicht nur auf die musi­ka­li­schen Inhal­te – auch sonst merkt man der Rap­pe­rin das Inter­es­se und die Lei­den­schaft an The­men die­ser Art an. So spra­chen wir mit Soo­kee im Inter­view nicht nur über ihre eige­ne Defi­ni­ti­on von Poli­tik, son­dern auch über The­men wie bewuss­tes Kon­sum­ver­hal­ten, Poli­ti­cal Cor­rect­ness oder die Flücht­lings­de­bat­te.

MZEE​.com: Ist es nicht rich­tig ätzend, dass du gleich als poli­tisch giltst, nur weil du eine eige­ne Mei­nung hast und mit­denkst? Mir per­sön­lich wird oft gesagt, ich sei sehr links. Ich werd' dann sau­er und den­ke mir: "Wenn ich schon sehr links bin, sind wir ver­dammt tief gefal­len." Die­se Ver­schie­bung macht mich sau­er.

Soo­kee: Ja, das stimmt. Die Fra­ge ist, was der Maß­stab ist und wo sich die Mit­te als Mit­te iden­ti­fi­ziert. Die­se Aus­sa­gen sagen auch schon eini­ges über die­je­ni­gen aus, die jeman­den dann sofort als total links beti­teln. Ich ver­ste­he mich schon als links, wie auch immer sich die Mit­te dazu ver­hält. Ich bin eh ein Fan davon, einen wei­ten Poli­tik­be­griff zu haben. Lan­ge Zeit habe ich mich nicht getraut, mich als links zu bezeich­nen, weil Poli­tik in Deutsch­land oft­mals als Par­tei­po­li­tik ver­stan­den wird. Dass man poli­tisch aktiv ist, sobald man in einer Par­tei ist oder so. Das hal­te ich für Mum­pitz. Poli­tik beginnt spä­tes­tens ab zwei Leu­ten, auf zwi­schen­mensch­li­cher und sozia­ler Ebe­ne. Men­schen tref­fen auf­ein­an­der, um das Gemein­wohl ent­lang der eige­nen Bedürf­nis­se zu ori­en­tie­ren und zu orga­ni­sie­ren. Das kön­nen auch die Haus­halts­fra­gen sein. Mei­ner Mei­nung nach ist es eine sehr gro­ße Errun­gen­schaft, schon an der Stel­le zu star­ten. Ich fin­de es schön, wenn es die­sen wei­ten Poli­tik­be­griff gibt. Des­we­gen las­se ich mir den ger­ne auf­er­le­gen und ver­mit­tel' den ja auch. Es wäre zwar erstre­bens­wert, ein­fach bei gesun­dem Men­schen­ver­stand anset­zen zu kön­nen, aber das ist mir wohl auch eine Spur zu all­ge­mein. Mir hilft es schon, mich zu posi­tio­nie­ren. Zu sagen: Das und das sind mei­ne Punk­te und Vor­stel­lun­gen. So hät­te ich es ger­ne, in die Rich­tung kann man es als Uto­pie oder Kon­zept wagen. Und das ist Real­po­li­tik, Sozi­al­po­li­tik und so wei­ter. Für mich ist das ein gutes Instru­men­ta­ri­um.

MZEE​.com: Betrifft das dann auch logi­scher­wei­se das Kon­sum­ver­hal­ten? Ist das für dich ein poli­ti­sches Instru­ment?

Soo­kee: Klar. Natür­lich macht es einen Unter­schied, was ich wie kon­su­mie­re. Mit wel­chem Bewusst­sein, wel­chen finan­zi­el­len Res­sour­cen und so wei­ter. Ich glau­be, dass da die Ansprü­che aber auch über das Ziel hin­aus­schie­ßen kön­nen. Nur, weil ich bio-​vegan-​fair-​trade ein­kau­fe – was ich per­sön­lich nicht mache, weil ich es mir nicht leis­ten kann –, bin ich nicht der bes­se­re Mensch. Schon eher, wenn ich auf dem Schirm habe, dass eine Avo­ca­do bei dem einen Ver­käu­fer 1,70 Euro kos­tet. Sich in Bezug auf den eige­nen Kon­sum poli­tisch zu ver­hal­ten oder auch das Auf­bre­chen von Struk­tu­ren, Boy­kott­auf­ru­fe und so wei­ter – die­se Sachen haben immer eine zwei­te Ebe­ne. Ich fin­de auch die Mach­bar­keit wich­tig. Kann ich es mir leis­ten, auf Gage zu ver­zich­ten und mal für lau zu spie­len? Kann ich es mir leis­ten, Bio-​Diesel zu tan­ken? Habe ich die Res­sour­cen, wirk­lich über­all mit dem Rad hin­zu­fah­ren? Oder habe ich ein Fahrradfahr-​Trauma? Was ist der Maß­stab, was muss erfüllt wer­den, damit es poli­tisch rich­tig und kor­rekt ist und was liegt noch dar­un­ter? Das gilt ja auch in Bezug auf Sprach­po­li­tik. Natür­lich wün­sche ich mir, dass mög­lichst weni­ge Leu­te Wor­te wie "Huren­sohn" oder "Spast" benut­zen, weil ich ein Pro­blem damit habe, mich auf bestimm­te Grup­pen zu bezie­hen, wenn ich mein Unwohl­sein kund­tun möch­te. Dann muss ich aber natür­lich auch beach­ten, wo wel­che Sprach­so­zia­li­sa­ti­on statt­ge­fun­den hat. Des­we­gen fin­de ich die Debat­ten dar­über wich­tig. Ich bin aber nicht die­je­ni­ge, die sagt: "Das hast du rich­tig und das hast du falsch gemacht." Gera­de im femi­nis­ti­schen Kon­text. Da wird oft abka­te­go­ri­siert und du wirst zu einem schlech­te­ren Men­schen sti­li­siert, wenn du etwas falsch gemacht hast. Die Pro­zes­se fin­de ich inter­es­san­ter als die Ergeb­nis­se.

MZEE​.com: Steigst du im Poli­ti­cal Correctness-​Kontext auch mal kom­plett aus? Ich fin­de zum Bei­spiel, dass man den Aus­druck "behin­dert" zurück­er­obern soll­te. Da soll­te man das Feld nicht denen über­las­sen, die den Begriff als Schimpf­wort benut­zen.

Soo­kee: Die Fra­ge ist: Wer will die Deu­tungs­ho­heit für sich bean­spru­chen? Ich kenn' ja die psy­cho­so­zia­le und kör­per­li­che Ver­fas­sung der jewei­li­gen Per­son nicht. Wenn du dein Leben lang auf Bar­rie­ren stößt, dir Sexua­li­tät abge­spro­chen wird, Attrak­ti­vi­tät abge­spro­chen wird, Lebens­freu­de abge­spro­chen wird, dann ist das schon ein heik­les Ding. Ich möch­te da gar nichts für mich bean­spru­chen. Ich habe ein­fach kei­nen Bedarf nach dem Wort. Wie bei "Spast". Es gibt dann ja Leu­te, die das dif­fe­ren­zie­ren wol­len: Das eine ja, das ande­re nein. Ich brau­che das nicht. Ich habe nicht den Wunsch, das zu ver­wen­den. Des­we­gen müss­te ich mir auch nichts "abtrai­nie­ren". Das hat aber auch viel mit mei­ner Mut­ter zu tun. Seit­dem ich den­ken kann, arbei­tet sie in dem Bereich. Das Wort "Spast" hat da auch ein­fach eine ande­re Bedeu­tung als "Spas­ti­ker", trotz­dem pei­le ich die Ver­knüp­fung. Ich ken­ne die gan­zen Kämp­fe um die soge­nann­te Inklu­si­on, Selbst­be­stim­mung, gesell­schaft­li­che Betei­li­gung. Des­we­gen ist das ein Feld, an das ich nicht ran will. Ich hab' da nichts zu erobern. Als gesun­der Mensch ist das nicht mei­ne Auf­ga­be.

MZEE​.com: Ety­mo­lo­gisch betrach­tet sind das sehr span­nen­de Fra­gen, die damit auch in den Raum wer­fen: Wer­de ich auf irgend­ei­ne Art behin­dert? Bin ich aktiv, um Hin­der­nis­se aus­räu­men zu kön­nen? Ab wann bin ich Opfer?

Soo­kee: Das gibt es auch im Bereich der Pro­sti­tu­ti­on. Wenn es zum Bei­spiel um Zwangs­pro­sti­tu­ti­on geht, wird von Tätern und Betrof­fe­nen gespro­chen. Ich bin dem nicht völ­lig erge­ben, das ist nicht mei­ne Iden­ti­tät, nur weil mir da bestimm­te Schei­ße wider­fah­ren ist. Die­se Din­ge müs­sen gesell­schaft­lich bear­bei­tet und auch juris­tisch sank­tio­niert wer­den. Aber der Opfer­sta­tus … Da gab es auch mal eine Debat­te aus­ge­hend von einem Buch über Ver­ge­wal­ti­gung. Bei einer Lesung erhob jemand den Ein­wand, dass der Opfer­be­griff falsch aus­ge­legt wird. Es gebe ja noch die Mög­lich­keit, von Über­le­ben­den zu spre­chen. Nach der Ver­an­stal­tung wur­de die Auto­rin Mit­hu Sany­al dar­auf ange­spro­chen, dass sie von Erle­ben­den sexu­el­ler Gewalt spre­chen wür­de, was eine Rie­sen­de­bat­te her­vor­ge­ru­fen hat. Da dies aus­sa­gen wür­de, Ver­ge­wal­ti­gung sei ein Erleb­nis. Aber dar­um ging es ja nicht. Die Auto­rin woll­te nur anhand der Rück­mel­dun­gen von Leu­ten, die wis­sen, wie das ist, die Begrif­fe neu auf­ma­chen. Ich mag's, wenn's leben­dig wird. Ich mag's nicht, wenn es dog­ma­tisch wird. Ich fin­de es wich­tig, da am The­ma zu blei­ben. In die­sem Zusam­men­hang mit Ety­mo­lo­gie zu arbei­ten, ist inso­fern manch­mal schwie­rig. Da könn­te man das N-​Wort ver­wen­den, das kommt von "negro" und "schwarz". Das lässt sich instru­men­ta­li­sie­ren und das kann ich nicht legi­ti­mie­ren.

MZEE​.com: Aber doch auch nur von den Leu­ten, die es eh böse ver­wen­den wol­len? Man merkt doch oft die Inten­ti­on dahin­ter. Ob jemand sich gar nichts dabei gedacht hat, sich etwas gedacht hat und trotz­dem dane­ben lag oder ob es bös­ar­tig gemeint war …

Soo­kee: Das ist oft auch mein Pro­blem bei Rap. Das sind ja meis­tens Leu­te, die eigent­lich in der Lage sind, grö­ßer zu den­ken und zu han­deln, weil Spra­che ihr Werk­zeug ist. Mei­ne Per­spek­ti­ve ist natür­lich auch sub­jek­tiv. Aber das ist wirk­lich ein Punkt, der mich seit vie­len Jah­ren nervt. Es geht nicht dar­um, alles zu berei­ni­gen und durch den Fil­ter zu jagen. Es wird halt run­ter­zen­siert. Es geht dar­um, die Kon­zep­te dahin­ter zu bear­bei­ten. Und ich glau­be, dass so stra­te­gi­sche For­ma­lia das Den­ken hin­ter den Umstän­den unter Ver­wen­dung des Gebrauchs der Pra­xis bear­bei­ten kön­nen. Die Aus­ein­an­der­set­zung damit ist mir ein Anlie­gen. Des­we­gen fin­de ich auch poli­ti­sche Kor­rekt­heit kei­nen pas­sen­den Begriff, da eine Abge­schlos­sen­heit dar­in­steckt. Ein tota­ler Anspruch an "abso­lut kor­rekt", dem ich gar nicht gerecht wer­den kann und auch nicht will. Ich weiß ja nicht, wie die Debat­ten in drei Jah­ren aus­se­hen. Das sieht man auch aktu­ell an der Kri­tik am Wort "Flücht­lin­ge". Das wur­de halt so durch­ge­peitscht und hat sich mitt­ler­wei­le ver­selbst­stän­digt.

MZEE​.com: Ich habe die Dis­kus­si­on um das Wort nicht ver­stan­den. Das war für mich viel Wir­bel an der fal­schen Stel­le zur fal­schen Zeit. "Du Flücht­ling" ist redu­zie­rend, aber "du Geflüch­te­ter" auch. Die Leu­te haben Namen.

Soo­kee: Aber wie spricht man über sie im Kol­lek­tiv? Bei "Lehr­ling" oder "Zög­ling" sym­bo­li­siert das "-ing" immer eine Unter­ord­nung. Geflüch­te­ter ist dann eine par­ti­zi­pia­le Ablei­tung, die eine Erfah­rung und kei­ne Iden­ti­täts­be­schrei­bung auf­ruft. Die Fra­ge ist: Ist das Ziel, den rich­ti­gen Begriff zu fin­den oder die Men­schen als Men­schen wahr­zu­neh­men, statt als Objekt unse­res Has­ses oder unse­rer mild­tä­ti­gen Gön­ner­schaft? Im bes­ten Fall ver­zah­nen sich die bei­den Pro­zes­se.

MZEE​.com: Glaubst du, dass die­ses Ding – "die da aus Syri­en" gegen "wir" – wie­der abebbt?

Soo­kee: Ja, ich den­ke schon. Auf wel­cher Ebe­ne schaut man es sich an? Wel­ches Mehr­heits­prin­zip will man sich erhof­fen? Das hat viel zu tun mit dem Inter­net, Fra­gen nach dem öffent­li­chen Raum, Reprä­sen­ta­ti­on in den Medi­en und so wei­ter. Jetzt sind sie halt hier und wer­den in irgend­wel­chen Häu­sern ver­un­sicht­bart. Ich glau­be schon, dass die Inte­gra­ti­on Gestalt annimmt und Dif­fe­ren­zen abeb­ben. Ich weiß nicht, ob es fair und rich­tig ist, das mit einem Ost-​West-​Clash nach der Wen­de zu ver­glei­chen. Die Akzen­te und Dia­lek­te waren damals auch da. Ich will dar­an glau­ben, dass Wach­sen funk­tio­nie­ren kann.

(von unse­rer frei­en Mit­ar­bei­te­rin Jas­min N. Weid­ner)
(Fotos von Eylul Aslan)