High Five: 06 /​​​​​​ 17 – mit u.a. Cro, Yung Hurn, Casper

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

State­ment: Fler & Farid Bang

Der Wett­be­werbs­cha­rak­ter, der Hip­Hop inne­wohnt, ist eine sei­ner wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten. Schließ­lich begrün­den sich dar­aus unter ande­rem Rap- und Breaker-​Battles, also essen­zi­el­le Tei­le der Kul­tur. Lei­der wird die­ser Wett­kampf nicht immer in Batt­les mit ent­spre­chen­den Regeln oder durch Diss­tracks rein ver­bal aus­ge­foch­ten. Eska­lie­ren­der Beef ist in der deut­schen Rap­sze­ne längst trau­ri­ge Rea­li­tät. Wo Sti­che­lei­en in Inter­views und Video­an­sa­gen noch harm­los sind, stel­len Haus­be­su­che und ande­re Auf­ein­an­der­tref­fen das ande­re – für die Sze­ne selbst äußerst pein­li­che – Extrem dar. Dabei geht es längst nicht mehr um Kar­rie­re oder Ehre, hier ist die kör­per­li­che Unver­sehrt­heit der Betei­lig­ten – aber eben auch Unbe­tei­lig­ter – in Gefahr. Zwei, die fast alle Stu­fen eines sol­chen Beefs durch­ge­macht haben, sind Fler und Farid Bang: Diss­tracks, pau­sen­lo­se Erwäh­nun­gen des ande­ren in Inter­views und letzt­end­lich das Auf­lau­ern vor der Haus­tür des ande­ren. Zwar wur­de von bei­den Sei­ten ab und an zurück­ge­ru­dert, man mach­te Zuge­ständ­nis­se hin­sicht­lich des künst­le­ri­schen Erfolgs – die Feh­de zwi­schen Farid und Fler schien den­noch end­los und auch eine Eska­la­ti­on der Situa­ti­on war vor­stell­bar. Dass die bei­den nun aus dem Nichts Ver­söh­nung fei­ern und ihre Fans Anfang Juni mit einem gemein­sa­men Foto über­rasch­ten, kann man wohl als eine glück­li­che Wen­dung bezeich­nen. Zudem ist es ein Zei­chen dafür, dass selbst die größ­ten Feind­schaf­ten inner­halb der Sze­ne fried­lich und sport­lich bei­ge­legt wer­den kön­nen.

 

Video: Yung Hurn – Blu­mé

Wir sehen eine jun­ge Frau mit bur­schi­ko­sem Haar­schnitt, die bar­fuß auf einem täto­wier­ten jun­gen Mann steht. Sie scheint ihn mit ihren Füßen zu mas­sie­ren, wor­auf­hin er aller­dings kaum reagiert. Als nächs­tes zeigt die Kame­ra, wie die offen­bar berausch­te Schön­heit hin­fällt und dabei Tei­le eines hohen Buch­sta­pels zu Boden wirft. Anschlie­ßend krab­belt sie, mit ihren Hän­den in hoch­ha­cki­gen Schu­hen ste­ckend, auf allen Vie­ren durch das Zim­mer. Das Bild, das von der ver­wa­ckel­ten Kame­ra ein­ge­fan­gen wird, ist recht dun­kel und mit einem sat­ten Grün­stich ver­se­hen. Auf künst­li­ches Licht wur­de bei den Dreh­ar­bei­ten offen­bar gänz­lich ver­zich­tet. Was wie ein avant­gar­dis­ti­scher Film der 70er Jah­re anmu­tet, sind die ers­ten Sze­nen des Vide­os zu Yung Hurns "Blu­mé". Die­ses ent­stand unter der Regie von Tara Afsah und Hen­rik A.L.M. und passt mit sei­ner ver­spiel­ten Anders­ar­tig­keit per­fekt zu dem mini­ma­lis­ti­schen Track. Dabei geht es um die Not­wen­dig­keit, beim Sex lei­se sein zu müs­sen, da die Gespie­lin des Rap­pers noch bei ihren Eltern wohnt und die­se nichts von dem nächt­li­chen Trei­ben mit­be­kom­men sol­len. Fern­ab von jeg­li­chen Kli­schees oder gar Kon­ven­tio­nen gibt es hier so vie­le ver­rück­te und ästhe­tisch anspre­chen­de Sze­nen zu sehen, dass es sich bei "Blu­mé" um das mit Abstand span­nends­te Video des Monats Juni han­delt.

 

Song: Cas­per – Sire­nen

Cas­per droppt mal eben die zwei­te Sin­gle sei­nes kom­men­den Albums "Lang lebe der Tod" – und die hat es in sich: Bedroh­lich wir­ken­de Syn­thies umhül­len eine Frau­en­stim­me, die den Hörer im Intro eine Minu­te lang mit psy­cho­lo­gi­schen Fra­gen löchert. "Hört ihr die Sire­nen kom­men?" fragt sie zuletzt, bis Cas­per die­se Fra­ge wie­der­holt, wäh­rend der Beat ein­setzt. Und die­ser Beat beinhal­tet ver­schie­dens­te Ele­men­te aus den Berei­chen Dub­step, Grime und Indus­tri­al. Es zeich­nen sich immer wie­der Refe­ren­zen auf die musi­ka­li­schen Ein­flüs­se des Rap­pers ab. Auch text­lich bewegt sich Cas­per nah an sei­nen Vor­bil­dern. Es hagelt Zita­te von den Gol­de­nen Zitro­nen, Ton Stei­ne Scher­ben oder Dizzee Ras­cal. Von Letzt­ge­nann­tem wird sogar die gan­ze Hook inklu­si­ve Track­ti­tel über­nom­men. Dabei ist es dem Bie­le­fel­der anzu­rech­nen, welch musi­ka­li­sche Visio­nen er hat und auf sei­nen Songs immer wie­der zum Aus­druck bringt. "Sire­nen" eckt an und zeigt, dass Cas­per sich wei­ter­ent­wi­ckelt, sich etwas traut – immer mit der Inten­ti­on, etwas ganz Neu­es zu erschaf­fen.

 

Instru­men­tal: DCVDNS – Inter­na­tio­na­ler Pimp (prod. by Wolf­gang H.)

Manch­mal ermög­licht Musik etwas Wun­der­ba­res. Man setzt die Kopf­hö­rer auf und mit dem rich­ti­gen Song ver­wan­deln sich die Stra­ßen einer mit­tel­gro­ßen deut­schen Stadt in den Comp­ton Bou­le­vard. Nicht, dass es in Comp­ton wun­der­bar wäre, aber Musik schafft es, uns die­sen eige­nen Film fah­ren zu las­sen. Eben­die­ses Gefühl, als säße man 1991 in Kali­for­ni­en am Steu­er eines 64er Che­v­ro­let Impa­las, löst nun DCVDNS' Pro­du­zent Wolf­gang H. mit dem Instru­men­tal zu "Inter­na­tio­na­ler Pimp" aus. Durch die ver­wen­de­ten Sounds und Sam­ples, die dem Los Angeles-​Vibe der 90er Jah­re ent­spre­chen, schafft Wol­gang H. eine Atmo­sphä­re, die ohne Pro­ble­me auf die Film­mu­sik von "Boyz n the Hood" oder "Menace 2 Socie­ty" pas­sen wür­de. Trotz­dem klingt der Beat neu und steht ande­ren aktu­el­len Pro­duk­tio­nen in nichts nach. Für Nost­al­gi­ker mit Hang zum West-​Coast-​Rap ist die­ses Instru­men­tal ein Geschenk.

 

Line: Cro – Baum

Und nein, ich hab' nicht so getan, als wär' mir alles scheiß­egal.
Ver­dammt, ich hab' es gelebt!

Mit einem Pau­ken­schlag mel­de­te sich Deutsch­lands berühm­tes­ter Pan­da Anfang des Monats zurück. Cros "Baum" kommt nicht nur mit einem tol­len Video und einer über­ra­schen­den Song-​Dramaturgie daher, son­dern über­zeugt auch text­lich wie kaum ein ande­rer Track des Mas­ken­trä­gers. Er reflek­tiert hier umfas­send sei­nen mit Erfol­gen und Feh­lern gespick­ten Wer­de­gang. Die zitier­te Zei­le im letz­ten Part steht dabei wie ein Fazit unter dem Song. In unge­wohnt emo­tio­na­ler und kraft­vol­ler Stimm­la­ge ver­deut­licht der "Raoper", dass er sei­ne Erfolgs­ge­schich­te bewusst und dank­bar mit­er­leb­te. Und soll­te der Tod schon hin­ter der nächs­ten Ecke war­ten: Er hat gelebt. Nicht zuletzt die­se Selbst­er­kennt­nis ist das The­ma des Songs. Zugleich zeigt die mit­rei­ßen­de Deli­very die­ser und wei­te­rer Zei­len das Poten­ti­al, das abseits der for­mel­haf­ten Mas­sen­taug­lich­keit in Cro schlum­mert. Die­ses frei­zu­le­gen gelingt ihm mit "Baum" gekonnt, wor­an er mit sei­nem neu­en Album "fake you." im Sep­tem­ber hof­fent­lich anknüp­fen kann.

(Dani­el Fersch, Fabri­zio Per­ri, Stef­fen Bau­er, Stef­fen Uphoff, Flo­ri­an Peking)
(Foto 1 von Instagram/​Farid Bang)