Wie sieht dein Leben auf Tour aus?

Wer hat sich nicht schon immer ein­mal einen Blick hin­ter die Kulis­sen und rein in den Back­stage­be­reich sei­nes Lieb­lings­rap­pers gewünscht? Für die meis­ten Außen­ste­hen­den bleibt die­ser Teil des Künstler-​Daseins wohl für immer ein Geheim­nis. Um dem ein klein wenig auf die Spur zu kom­men, haben wir nach Ant­wor­ten auf die klas­si­schen Fra­gen gesucht, die sich jeder von uns schon ein­mal gestellt hat: Stimmt das mit den Sauf­ge­la­gen, Grou­pies und Ver­wüs­tun­gen von Loca­ti­ons wirk­lich? Sind Rap­per auf Tour eigent­lich doch ganz lang­wei­lig und brav, trin­ken Cola und spie­len Scrabb­le? Sol­che Fra­gen las­sen sich natür­lich nicht pau­schal beant­wor­ten, zu sehr unter­schei­den sich die Gepflo­gen­hei­ten der Künst­ler. Aus den mitt­ler­wei­le ziem­lich weit­ver­brei­te­ten Tour-​Blogs weiß man ja zumin­dest, dass die einen im Luxus-​Hotel resi­die­ren und im kom­for­ta­blen Night­li­ner von Stadt zu Stadt crui­sen, wäh­rend die ande­ren im klei­nen Trans­por­ter von Hos­tel zu Hos­tel zie­hen. Doch: Was in die­sen Vide­os gezeigt wird, sind vor­ab sorg­fäl­tig aus­ge­wähl­te Bil­der. Wir woll­ten tie­fer gra­ben und einen unge­fil­ter­ten, ehr­li­chen Ein­druck gewin­nen. Des­halb haben wir 10 Rap­per ganz per­sön­lich gefragt: "Wie sieht ein typi­scher Blick hin­ter die Kulis­sen dei­ner letz­ten Tour in nur einem ein­zi­gen Bild aus?"

 

257ers-10rapper

Mike (257ers): Das Bild ist bei unse­rem Auf­tritt in Ams­ter­dam ent­stan­den – vor dem gro­ßen Erfolg. Dort haben wir Eek-​a-​Mouse live gese­hen. Das ist ein Reggae-​Star und unser Idol. Pedaz, im Bild links oben zu sehen, war als unser Sup­port mit auf Tour. Er hat mir schon auf der Real­schu­le Hip­Hop nahe­ge­bracht. Einen lang­jäh­ri­gen Freund als Vor­grup­pe dabei zu haben – das war schon groß. Und: Es sind immer unse­re Freun­de mit auf Tour, stell­ver­tre­tend für alle hier Horst-​Kevin, der im Bild rechts außen zu sehen ist. Außer­dem war das ein­fach in Ams­ter­dam … Wer macht sonst so?! Beson­ders dar­an war auch, dass wir erst­mals ohne Keu­le los­fuh­ren und hoff­ten, dass mit unse­ren Fans alles beim Alten bleibt. Das war eine völ­li­ge Unge­wiss­heit. Und ich hab' 'ne beson­de­re KAAS-​Kappe auf, geklaut von KAAS, als er mit Fav auf Tour war.

 

Chima-Ede

Chi­ma Ede: Die­ser Moment stammt aus der "Regenmacher"-Tour von Mega­loh, bei der ich den Sup­port spie­len durf­te. Was die­sen Moment beson­ders macht, ist die Ener­gie, die sich ansam­melt, bevor der Beat rein­droppt. Der Song heißt "Ein­hun­dert" und stammt von Musa, Mega­loh und mir. Mein Teil beginnt mit einem Sing­part und in Köln hat so gut wie die gan­ze Hal­le den "Einhundert"-Finger hoch­ge­ho­ben. Alles war ruhig … Die­se paar Sekun­den haben sich wie eine Ewig­keit ange­fühlt. Auf ein­mal kommt der Drop. Alle ras­ten aus und sprin­gen. Es ist Wahn­sinn, zu sehen, was für eine Ener­gie wir Men­schen auf­brin­gen und frei­las­sen kön­nen – wenn wir wol­len.

 

genetikk-10rapper

Karuzo (Gene­tikk): Das Bild ist beim letz­ten Tour­ter­min bei uns in Saar­brü­cken ent­stan­den. Es hat Tra­di­ti­on, dass wir die letz­te Show jeder Tour zu Hau­se spie­len. Tia­vo, der auf dem Bild neben Sikk sitzt, ist ein blut­jun­ger und hung­ri­ger Rap­per aus unse­rer Hei­mat, der alles mit­bringt, um es zu schaf­fen. An sei­ner Sei­te steht sein Pro­du­zent David. Also sind die bei­den genau wie Sikk und ich auf­ge­stellt und auch sonst ist es so, dass wir in den bei­den ein biss­chen uns selbst vor ein paar Jah­ren sehen. Wir woll­ten die Jungs sup­por­ten und haben sie ein­ge­la­den, bei unse­rer Show zwei Songs zu per­for­men – und sie haben mega abge­lie­fert. Bei uns zu Hau­se sind alle sehr patrio­tisch und sie haben uns schon von dort zum Erfolg ver­hol­fen. Ich weiß, dass sie das auch für Tia­vo tun wer­den. Die Jungs brin­gen alles mit, was es braucht – und sind ein­fach ver­dammt gut. Also: Dan­ke Saar­brü­cken für die jedes Jahr aufs Neue aus­ver­kauf­te Show und die unfass­ba­re Stim­mung!

 

3Plusss-Lukas

3Plusss: Kei­ne Ahnung, was der Anlass war. Es ist im "Leipzig"-Foto-Ordner. Das ist der Den­nis aus Euro­pa in mei­nem Armen. Ich bin ein Umar­mer. Er auch. Trifft sich.

 

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GRee­eN: Das Bild zeigt mich "ver­klei­det" auf der Toi­let­te. Im Backstage-​Raum gab es kei­ne Toi­let­te und daher muss­te ich die öffent­li­che benut­zen. Das Pro­blem war nur, dass ich mich durch 500 Fans kämp­fen muss­te, die alle sehen wür­den, dass ich auf Toi­let­te gehen woll­te. Um etwas mas­kiert zu sein, nahm ich die über­gro­ße Bril­le und Müt­ze von mei­nem Video­pro­du­zent Arthur Rewak – in der Hoff­nung, dass mich nie­mand erkennt. Das hat auch vor­erst funk­tio­niert … Als ich dann aber in der Kabi­ne saß und wie­der raus­woll­te, kam eine besof­fe­ne Hor­de GReee­Nies in die Toi­let­te, die laut­stark anfing, Sauf­lie­der zu grö­len. "Huren­sohn, lala, lila." So saß ich zehn Minu­ten auf der Toi­let­te fest und hat­te nur noch drei Minu­ten bis Show­time … Am Ende ging alles gut: Ich schlug mei­ne Fans von hin­ten ein­fach bewusst­los und konn­te somit unbe­merkt ent­kom­men.

 

Retrogott-Tourleben

Retro­gott: Das Foto zeigt Moti­on Man und mich auf unse­rer "RetroMastas"-Tour mit Kut­Masta Kurt im Herbst 2014. Es war die ers­te Begeg­nung zwi­schen Moti­on und mir. Für mich war die Mög­lich­keit sehr inspi­rie­rend, mit einem MC, des­sen Plat­ten ich frü­her gehört habe, gemein­sam Shows zu spie­len. Ich habe die­ses Foto von der Tour aus­ge­wählt, weil es einen Punkt in mei­nem musi­ka­li­schen Dasein mar­kiert, an dem sich Krei­se geschlos­sen haben. Ich den­ke bis heu­te, dass ich kei­nen Deutschrap, son­dern deutsch­spra­chi­gen Hip­Hop mache. Die­se Musik hat in mir ein­mal eine Lei­den­schaft geweckt, die mich letzt­lich zu eben­die­sen Leu­ten gebracht hat, deren Plat­ten ich ein­mal kauf­te. Ich sehe mich wei­ter­hin noch lan­ge nicht auf einer Ebe­ne mit all den groß­ar­ti­gen Leu­ten, mit denen ich zusam­men musi­zie­ren konn­te, habe durch die­se Zusam­men­ar­beit mit eins­ti­gen Ido­len aber zu einem Leit­satz gefun­den, der lau­tet: par­ti­ci­pa­te and appre­cia­te.

 

Witten Untouchable-Tour

Wit­ten Untouch­a­ble: Das Foto ent­stand im Back­stage­be­reich vom Ska­ters Palace in Müns­ter und wur­de von Ziry foto­gra­fiert. Wir berei­ten hier gera­de kurz vorm Auf­tritt unse­re Set-​Liste vor, das machen wir oft so. Es ist dann selbst für uns bis zum letz­ten Moment eine Über­ra­schung, was wir an dem Abend spie­len wer­den, wel­cher Song dazu­kommt und wel­cher wie­der raus­fliegt, meist an Erfah­rungs­wer­ten vom letz­ten Auf­tritt gemes­sen. Mit auf dem Bild sind DJ Schänz am Mac und Schulz Nice killt den Jib­bit – Pen­ta­gon com­ple­te.

 

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Kool Savas: Das Bild hab' ich wäh­rend der "Essahdamus"-Tour in Bochum geschos­sen. Nader, Fer­gie und Karen tum­meln sich kom­mu­nen­ar­tig auf der Couch. Der Back­stage­be­reich wird zum Wohn- und Schlaf­zim­mer. Des­we­gen bekommt unser Tour­ma­na­ger Adn­an auch die Kri­se, wenn sich Unbe­fug­te Zutritt zu unse­ren Räum­lich­kei­ten ver­schaf­fen oder das Cate­ring weg­fres­sen. Die schau­en dann dumm, wenn es 'ne schö­ne Ansa­ge von ihm gibt …

 

lux-tourleben

LUX, Cap Ken­d­ricks & Tom Doo­lie: Schlech­ter Kaf­fee, über­teu­er­te Bock­wurst, Spiel­cen­ter und Sanifair-​Toiletten. Nir­gend­wo ver­bringt man auf Tour mehr Zeit als auf deut­schen Auto­bah­nen und somit auf deren Rast­stät­ten. Zeit­lo­se, tris­te Tran­sit­sta­tio­nen, die von rumä­ni­schen Last­wa­gen­fah­rern, Ero­tik­markt­in­ha­bern und Spiel­süch­ti­gen beherrscht wer­den. Wenn das Tour­mo­bil dann noch ein von einem anony­men Spon­sor zur Ver­fü­gung gestell­ter Tes­la Model S ist, spielt sich das Tour­le­ben genau auf die­sen grau­en Park­plät­zen neben den Lade­sta­tio­nen für Elektro-​Autos ab. Bes­te Leben! Auf dem Foto begießt LUX übri­gens den Auf­takt der "24 | 7 Powernap"-Tour 2017 auf einer Rast­stät­te in der Nähe von Basel.

 

AntilopenGangTour-10rapper

Anti­lo­pen Gang: Neben zucker­frei­en Soft­drinks, einer reich­hal­ti­gen Käse­plat­te und Schnaps haben wir in den letz­ten Jah­ren auch immer wie­der ver­sucht, einen Clown auf unse­ren Tour-​Rider zu schrei­ben, der uns wäh­rend des trau­ri­gen Tour­le­bens belus­tigt. Lei­der wur­de die­ser Punkt auf­grund angeb­li­cher Unver­hält­nis­mä­ßig­keit immer wie­der von der Boo­king­agen­tur gestri­chen. Irgend­wann über­re­de­ten wir unse­ren Boo­ker Bom­ber­to, im Fal­le eines Aus­ver­kaufs unse­res letz­ten Berlin-​Konzerts im Astra einen Clown zu enga­gie­ren. Die­se Abma­chung hat­ten wir schon wie­der ver­ges­sen, als der äußerst emp­feh­lens­wer­te Ber­li­ner Clown "Sil­ver" zwei Stun­den vor unse­rer Show plötz­lich im Back­stage auf­tauch­te und uns den Abend ver­schö­ner­te. Auf dem Foto sieht man nicht nur uns und unse­re Live-​Crew, son­dern im Hin­ter­grund auch unse­re schö­ne alte Schrott­burg – R.I.P. in Peace – sowie die Rap­su­per­stars Juse Ju, Fato­ni und DJ V.Raeter. Wir hof­fen, dass bei unse­rem Kon­zert am 14. Dezem­ber 2017 in der Ber­li­ner Colum­bia­hal­le ein Zau­be­rer kommt, der unse­ren Boo­ker zer­sägt.

(Anne Donohoe & Flo­rence Bader)
(Fotos von Hen­rik Wlards (Chi­ma Ede), HELL (Gene­tikk), Lukas Rich­ter (3Plusss), Fabi­an Frei­tag (Retro­gott), ziry­shots (Wit­ten Untouch­a­ble), Tom Doo­lie (LUX), wei­te­re Fotos von pri­vat, Gra­fik von Puf­fy Pun­ch­li­nes)