High Five: 05 /​​​​​ 17 – mit u.a. Marteria, Minhtendo, DCVDNS

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Messa­ge oder ein run­des musi­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

marteria-1-foto-by-paul-ripke

State­ment: Mar­te­ria

Wenn man Mar­te­ria so dabei zusieht, wie er die Welt bereist, könn­te man schnell nei­disch wer­den. Doch ist sei­ne Rei­se­lust kein rei­nes Lifestyle-​Abfeiern eines erfolg­rei­chen Rap­pers, wie man viel­leicht ver­mu­ten könn­te. In unse­rem Inter­view erklärt der Ros­to­cker, wie der Besuch ver­schie­dens­ter Regio­nen der Welt sei­ne eige­ne Welt­of­fen­heit berei­chert hat. Für die Angst der Men­schen, die im Inter­net auch mal zu Anfein­dun­gen füh­ren kann, hat Mar­te­ria zwar Ver­ständ­nis – doch plä­diert er für das genaue Gegen­teil. Man müs­se das Frem­de ken­nen­ler­nen, selbst ein­mal fremd sein, um die Furcht davor zu besie­gen: "Wenn sich die Angst trotz­dem nicht auf­stau­en soll, muss man sich damit beschäf­ti­gen – und zwar nicht nur in Netz-​Kommentaren. […] Das erwei­tert dann plötz­lich dei­nen Hori­zont ganz anders, wenn du merkst, dass es für vie­le ein Pro­blem ist, dass sie ein­fach nichts zu essen haben." Nur so kön­ne dem schein­bar nie enden wol­len­den Ras­sis­mus vor­ge­beugt wer­den. Als Musi­ker mit gro­ßer Reich­wei­te sieht er es des­halb als sei­ne Pflicht an, die­se Gedan­ken an die Hörer wei­ter­zu­ge­ben. Viel­leicht wer­den gera­de dadurch eini­ge Men­schen dazu bewegt, über den eige­nen kul­tu­rel­len Tel­ler­rand zu schau­en: "Die­se Unge­rech­tig­keit musst du ein­fach mal gese­hen haben, um sie zu ver­ste­hen."

 

Video: Lite­ral Video – Mar­te­ria – Kids (2 Fin­ger an den Kopf)

Nicht nur die musi­ka­li­schen Pro­zes­se rund um Auf­nah­me, Abmi­schen und Mas­tern wer­den bei vie­len Rap­pern immer auf­wen­di­ger und hoch­wer­ti­ger, auch in die Pro­duk­ti­on von Musik­vi­de­os wird mehr und mehr Arbeit gesteckt. Mar­te­ria etwa hat zu sei­nem neu­en Album direkt einen pas­sen­den Kurz­film gedreht. Doch auch schon die letz­te Plat­te "Zum Glück in die Zukunft II" wur­de teil­wei­se bebil­dert. So erhielt unter ande­rem "Kids (2 Fin­ger an den Kopf)" ein eige­nes Video. In Sachen Qua­li­tät, Stim­mung und Atmo­sphä­re war an die­sem Clip nie wirk­lich etwas aus­zu­set­zen. Den­noch hat der Blog Wun­der­Tü­ten­Fa­brik das einst von Chop­chop pro­du­zier­te Werk noch ein­mal genau­er unter die Lupe genom­men und fest­ge­stellt, zu dem Bild­ma­te­ri­al einen ganz eige­nen Text schrei­ben zu kön­nen. Es ist nicht das ers­te "Lite­ral Video" auf dem WTF-YouTube-​Channel Luksan Wun­der, aber den­noch eines der wohl amü­san­tes­ten bis­her. Dabei keh­ren die Macher ein­fach den Arbeits­pro­zess um: Statt eines zum Text pas­sen­den Vide­os erstel­len sie einen zum Video pas­sen­den Text. Dies sorgt für einen glei­cher­ma­ßen kri­ti­schen wie unter­halt­sa­men Blick auf das Gezeig­te. Und da sich das Luksan Wun­der-Team dabei noch die größ­te Mühe gibt, sich an Sound und Flow des Ori­gi­nals zu ori­en­tie­ren, ent­steht letzt­lich sogar ein anhör­ba­res neu­es Stück Musik.

 

Song: DCVDNS – Neu­er alter Savas

"Sieh, der Mac ist back, ich bin der Freshs­te zur­zeit!" – Wenn DCVDNS das vor fünf Jah­ren, damals noch mit Bril­le und Pul­lun­der, gerappt hät­te, wäre mir wohl maxi­mal ein leich­tes Lächeln über die Lip­pen gekom­men. Damals war er ja auch nicht mehr als ein amü­san­ter Außen­sei­ter im Rap­ge­schäft. Inzwi­schen hat er sich jedoch als "Wolf im Schafs­pelz" zu erken­nen gege­ben und rasiert tat­säch­lich ordent­lich die Sze­ne. Auf einem ein­präg­sa­men Kopfnicker-​Beat von Pyer und Wolf­gang H, der ver­ein­zelt an "Jam­ba­la­ya" von Cas­per erin­nert, flowt der Saar­län­der alles in Grund und Boden. Domi­nik Chris­toph von der Nord­see zieht wirk­lich alle Regis­ter: zahl­rei­che Savas-​Referenzen, amü­san­te Pun­ches gegen unter ande­rem Rap am Mitt­woch und eine mehr als ein­gän­gig gesun­ge­ne Chor-​Hook. Das Gesamt­pa­ket stimmt hier voll und ganz. Dadurch darf DCVDNS sich nicht nur pro­blem­los "Neu­er alter Savas" nen­nen, son­dern hat sich auch einen Platz in unse­rem aktu­el­len High Five mehr als ver­dient.

 

Instru­men­tal: RIN – Bros (prod. Minh­ten­do)

Funk­ein­flüs­se in Rap­t­racks sind spä­tes­tens seit den legen­dä­ren Westcoast-​Releases von Dr. Dre, Snoop Dogg und Co. aus den 90ern nichts Neu­es mehr. Aller­dings hat man als Fan des G-​Funks lan­ge ver­geb­lich nach eben­die­sem in neue­ren Tracks suchen müs­sen. Minh­ten­do bringt mit dem Instru­men­tal zu RINs "Bros" jedoch den Funk in die deut­sche Cloud- und Trap­sze­ne zurück. Zum Ein­stieg gibt es hier einen Bass, der vom Klang­bild her stark an die ges­lapp­ten Bass­li­nes der 70er und 80er Jah­re erin­nert, gefolgt von unbe­schwer­ten Synthie-​Orgeln. Die­se an das lang­sa­me Tem­po aktu­el­ler Trap­beats ange­pass­ten Ein­flüs­se der fun­ky Disco-​Ära sor­gen für einen Klang­tep­pich, wel­cher eben­so laid­back daher­kommt wie RINs ent­spann­ter Autotune-​Singsang. Ein extrem läs­si­ges Instru­men­tal, das neben den Vocals nicht unter­geht, ohne sich dabei selbst zu sehr in den Vor­der­grund zu stel­len. Wie bei den meis­ten sei­ner kürz­lich ver­öf­fent­lich­ten Instru­men­tals schafft Minh­ten­do es auch hier wie­der, das Gefühl der guten Lau­ne und die posi­tivs­ten Vibes akus­tisch ein­zu­fan­gen. Per­fekt für die anste­hen­den Som­mer­ta­ge und Aus­flü­ge an den See mit allen "Bros".

 

Line: Credi­bil – Per aspe­ra ad astra (Remix)

Hal­te nichts von Gren­zen oder Flag­gen, von Län­dern oder Fah­nen.
Von hier oben seid ihr alle gleich.

Seit sei­nem Album "Renæs­sance" ist es um Credi­bil rela­tiv ruhig gewor­den. Nun aber mel­det er sich mit einem Remix zu Disar­stars "Per aspe­ra ad astra" auf sei­ner Facebook-​Seite zurück. Der Frank­fur­ter ist bekannt dafür, hin und wie­der deut­lich sei­ne Mei­nung zu sagen und poli­ti­sche Äuße­run­gen von sich zu geben – so auch hier. Im Grun­de genom­men soll­te die­se zitier­te Zei­le selbst­ver­ständ­lich sein, doch die Rea­li­tät sieht bekannt­lich anders aus. In einer Welt, die stän­dig von Ter­ror über­schat­tet wird und in der die Flücht­lings­de­bat­te wei­ter­hin exis­tiert, kann man die Wor­te Credi­bils nicht oft genug tei­len.

(Flo­ri­an Peking, Dani­el Fersch, Lukas Päck­ert, Stef­fen Uphoff, Fabri­zio Per­ri)
(Foto von Paul Rip­ke (Mar­te­ria))