Vega – Lieber bleib ich broke

"Was?! Du kennst das nicht? Sekun­de, ich such' dir das mal raus." Und schon öff­net sich die Plat­ten­kis­te. Wer kennt die­sen Moment nicht? Man redet über Musik und auf ein­mal fällt ein Name – egal ob von einem Song, einem Künst­ler oder einem Album – mit dem man nicht so recht etwas anzu­fan­gen weiß. Und plötz­lich hagelt es Lob­prei­sun­gen, Hass­ti­ra­den oder Anek­do­ten. Gera­de dann, wenn der Gesprächs­part­ner ins Schwär­men ver­fällt und offen zeigt, dass ihm das The­ma wich­tig ist, bit­tet man nicht all­zu sel­ten um eine Kost­pro­be. Die Musik setzt ein und es beginnt, was der Per­son so sehr am Her­zen zu lie­gen scheint. In die­sem Fall – was uns so sehr am Her­zen liegt: Ein Aus­zug aus der Musik, mit der wir etwas ver­bin­den, die wir fei­ern, die uns berührt. Ein Griff in unse­re Plat­ten­kis­te eben.

 

Vie­le von uns wer­den sich schon mal in die­ser Situa­ti­on gese­hen haben: Man inves­tiert Blut, Schweiß und Trä­nen in eine Sache. Und bleibt am Ende des Tages ent­täuscht zurück, weil es nicht wert­ge­schätzt wird. Irgend­wann steht man an einem Schei­de­weg und hin­ter­fragt sowohl sein Han­deln als auch sich selbst: "Und ganz ehr­lich, man, ich weiß: alles Kri­se. Doch ist aufhör'n wegen Geld nicht das Fal­sche, gerad' in Zei­ten wie die­sen?" An die­sem Punkt gilt es, eine Ent­schei­dung zu tref­fen: Ver­kauft man sich selbst oder bleibt man sich treu?

"Lie­ber bleib' ich bro­ke, wir sind nicht wie ihr", schallt es im Herbst 2009 aus Frank­furt durch die Gas­sen der Nati­on. Es ist Vegas Ant­wort auf eine Sze­ne und ein Busi­ness, die ihm fremd­ge­wor­den sind, obwohl er bis­lang haupt­säch­lich Zuschau­er war. Für fast eine Stun­de bringt ein jun­ger, hung­ri­ger Künst­ler sein Herz­blut auf die Stra­ße und gibt damit einer Stadt und ihrer Jugend die "Kreis­sä­gen­stim­me" zurück. Frei nach dem Cre­do: "Jeder von uns hat 'ne Geschich­te. Ich bin der, der sie erzählt." V offen­bart sei­ne Sicht auf die Welt in einer rau­en und herz­li­chen, aber vor allem ehr­li­chen Manier. Eine Sicht auf die Welt, die für den Hörer greif­bar und ver­ständ­lich sein kann, wenn man sich mit ihr iden­ti­fi­zert. Genau­so gut kann sie den Hörer ver­ständ­nis­los zurück­las­sen, sofern die dar­ge­bo­te­nen, in Pathos getränk­ten Bil­der weder ver­stan­den wer­den noch Anklang fin­den.

Im Eng­li­schen gibt es das Sprich­wort "Histo­ry has a stran­ge way of repea­ting its­elf", wel­ches im Fal­le von "Lie­ber bleib ich bro­ke" wie maß­ge­schnei­dert wirkt. Es sind Vegas Wor­te selbst – damals gewid­met an Azad –, die nach all den Jah­ren per­fekt mei­ne Sicht auf sein Debüt zusam­men­fas­sen: "Wir schrei'n noch heu­te: 'Wel­che Stadt hat so ein' Rap­per?' Das ist Frank­furt – wir sind kron­loy­al." Auch wenn "kron­loy­al" als sol­ches etwas hoch­ge­grif­fen sein mag, trifft die­ses Wort in gewis­ser Wei­se den Nagel auf den Kopf. Immer­hin hat das Werk in mir einst Gefüh­le geweckt und mir eine Stim­me gege­ben. Gefüh­le von Stär­ke und Trotz. Gefüh­le von einem aus­ge­streck­ten Mit­tel­fin­ger an die Welt, in Momen­ten, in denen man selbst kei­ne Hand frei hat. Und eine Stim­me, die klar den Kurs angibt, wenn zu ent­schei­den ist, ob man sich selbst ver­kauft oder treu bleibt. In sol­chen Momen­ten heißt es heu­te wie damals: "Lie­ber bleib ich bro­ke".

(Lukas Mai­er)