Slowy

Schwit­zen­de Kör­per, hun­der­te Arme, die sich im Takt des wum­mern­den Bas­ses von links nach rechts bewe­gen und eine Crowd, die voll und ganz von dem Spek­ta­kel auf der Büh­ne mit­ge­ris­sen wird. Wo die Stim­mung auf einem Fes­ti­val sonst oft und ger­ne schwankt, da nicht jeder Zuschau­er die Shows aller auf­tre­ten­den Künst­ler sehen will, schie­nen sich beim Auf­tritt von 12Vince und Slo­wy wäh­rend der dies­jäh­ri­gen Tape­fa­brik alle ziem­lich einig zu sein. Kein Wun­der, schließ­lich han­del­te es sich dabei zeit­gleich um die Release­par­ty von "Under­co­ver Blues". Die auf­ge­heiz­te Stim­mung lag also sicher nicht nur an dem gran­dio­sen Zusam­men­spiel der bei­den, son­dern auch dar­an, dass die Fans gan­ze drei Jah­re auf ein neu­es Album gewar­tet hat­ten. Eini­ge Zeit, nach­dem man sich von besag­tem Auf­tritt erholt und die Ver­öf­fent­li­chung der Plat­te all­mäh­lich ver­daut hat­te, baten wir Slo­wy zum Inter­view und spra­chen mit ihm unter ande­rem über "Under­co­ver Blues", das Arbei­ten mit 12Vince und die Not­wen­dig­keit von Wack MCs in der deut­schen Rap­sze­ne.

MZEE​.com: Dei­ne und die Fans von 12Vince muss­ten ein paar Jah­re auf euer kürz­lich erschie­ne­nes Album "Under­co­ver Blues" war­ten. Habt ihr bei der Album­pro­duk­ti­on dadurch Druck gespürt?

Slo­wy: Nee, den Druck haben wir uns sel­ber ein­fach gar nicht gemacht oder zuge­las­sen. Wir haben uns ein­fach die Zeit genom­men, die wir für die Plat­te brauch­ten. Wenn wir jetzt nicht berufs­tä­tig gewe­sen wären und uns zwei, drei Mona­te in einem Stu­dio ein­ge­schlos­sen hät­ten, hät­te die Plat­te auch schon ein Jahr oder andert­halb Jah­re vor­her genau­so da sein kön­nen. Aber die­se gan­zen Fina­li­sie­rungs­pro­zes­se wie Mischen und das Ein­ar­bei­ten von Scrat­ches, die wir noch in gemein­sa­men Ses­si­ons gemacht und raus­ge­sucht haben, das braucht eben alles Zeit. Und die haben wir uns dann genom­men, wenn wir sie hat­ten.

MZEE​.com: Aber ihr habt kon­ti­nu­ier­lich an der Plat­te gear­bei­tet?

Slo­wy: Genau. Also, nach der "Ulti­ma Radio" war's dann auch so, dass wir sehr vie­le Auf­tritts­an­fra­gen hat­ten und dadurch, dass wir bei­de unter der Woche arbei­ten und noch ande­re Sachen wie Hob­bies, Freun­de und Fami­lie haben, hat man dann am Wochen­en­de mehr Zeit gehabt, die Musik fer­tig zu machen. Mit dem Nach­las­sen der Auf­tritts­an­fra­gen – denn zwei Jah­re nach der "Ulti­ma Radio" hat­ten wir dann auch eigent­lich über­all gespielt und die Boo­king­an­fra­gen lie­ßen nach – hat­ten wir auch wie­der mehr Zeit, die Plat­te zu fina­li­sie­ren. Das ist dann so ein gewis­ser Kreis­lauf.

MZEE​.com: Ist das nicht ein Stück weit frus­trie­rend, wenn man eine Plat­te fer­tig­stel­len will, aber ein­fach nicht dazu kommt?

Slo­wy: Teil­wei­se denkt man sich, es ist gut, dass eine Plat­te ihre Zeit braucht und auch bekommt. Aber letzt­end­lich waren es zwi­schen­durch auch mal Wochen oder Mona­te, in denen wir ein­fach nicht wei­ter dar­an gear­bei­tet haben. Gera­de bei Sachen wie der Mische ist es dann auch eine Fleiß­ar­beit und da haben wir in unse­rem Umfeld nie­man­den, der das für uns macht. Und bei so einer Plat­te kann man eben auch nicht in allen Berei­chen, also Video, Mischen et cete­ra, pro­fes­sio­nel­le Leu­te bezah­len. Das wirft sie ein­fach nicht ab bei der Stück­zahl, die wir ver­kau­fen, sodass man vie­les halt noch selbst machen muss. Und da denkt man manch­mal schon, wenn man von der Musik leben könn­te und nichts ande­res machen wür­de, dann wür­de alles viel schnel­ler gehen und das wäre dann auch wie­der eine Art "posi­ti­ver Teu­fels­kreis", sage ich jetzt mal. Aber so ist es halt. So ist es auch okay, denn dafür sind wir auf der ande­ren Sei­te auch nicht dar­auf ange­wie­sen, Musik zu machen, die sich ver­kauft – weil wir auch ohne die Musik über­le­ben kön­nen.

MZEE​.com: Dann gab es trotz der lang­wie­ri­gen Album­pro­duk­ti­on nie die Über­le­gung, die Plat­te ein­zu­stamp­fen und sich einem neu­en Pro­jekt zu wid­men?

Slo­wy: Nee, das eigent­lich nicht. Vin­ce und ich wis­sen bei­de: Wenn wir was machen wol­len, wol­len wir das machen. Und wir hat­ten auch zu jedem Zeit­punkt schon Ergeb­nis­se, die uns dar­an haben fest­hal­ten las­sen.

MZEE​.com: Man merkt der neu­en Plat­te auf beein­dru­cken­de Wei­se an, dass ihr eurem Sound treu geblie­ben seid. "Under­co­ver Blues" klingt qua­si "genau­so" wie die vor­he­ri­gen Ver­öf­fent­li­chun­gen – im posi­ti­ven Sin­ne. Nimmst du das auch so wahr?

Slo­wy: Ich kann das schwer ein­schät­zen. Von außen sehen das ande­re Leu­te sicher noch mal anders, aber ich wür­de sagen, dass der Sound zum Groß­teil mit den Beats zusam­men­hängt. Und da ist es ein­fach so, dass Vin­ce schon bei den ers­ten Sachen, die wir zusam­men gemacht haben, ein sehr hohes Sound­le­vel hat­te. Und seit­dem sind die Sound­ge­rät­schaf­ten – also die MPCs – und auch die Tech­nik, mit der wir auf­neh­men, gleich geblie­ben. Und da hät­te man natür­lich noch mehr Ein­flüs­se zulas­sen kön­nen … aber das soll auch nicht so klin­gen, als wür­den wir das alles ganz bewusst so machen und hät­ten ein hän­gen­ge­blie­be­nes Sound­bild, das sich nicht wei­ter ver­än­dern soll. Wir haben zwi­schen­durch auch Sachen gemacht, die ein­fach anders klin­gen. Die Beats kom­men jetzt alle wie­der aus der MPC 2500 von Vin­ce und zwi­schen­durch hat­te er auch Beats auf 'ner SP, mit der er sonst eher Sachen für Live-​Auftritte loopt. Und die hat­ten dann schon einen ande­ren Klang, das waren mehr so Soulloops. Teil­wei­se habe ich auch Sachen dar­auf auf­ge­nom­men und das klang schon ein biss­chen anders. Aber da war er dann am Ende nicht mit der Sound­qua­li­tät zufrie­den. Er hat­te halt einen gewis­sen Anspruch, wie die Kick sein soll­te und die Sna­re. Und die­se Sachen, die nur so geloopt waren, haben ihm dann nicht so gut gefal­len. Also, für mich wäre es auch okay gewe­sen, den einen Track zum Bei­spiel auf einem ganz ande­ren Beat zu las­sen, aber im End­ef­fekt soll­ten ja bei­de mit dem Pro­dukt voll­kom­men zufrie­den sein. Ich konn­te mit bei­den Ver­sio­nen leben und ihm gefiel ein­fach die neue Ver­si­on bes­ser.

IV_Slowy_BILD03

MZEE​.com: War die­ser expe­ri­men­tel­le Schritt weg von eurem gewohn­ten Sound eine ganz bewuss­te Ent­schei­dung, um mal etwas ande­res zu machen, oder hat sich das ein­fach im Pro­zess der Album­pro­duk­ti­on erge­ben?

Slo­wy: Da hat Vin­ce ein­fach neben­bei mit Beats expe­ri­men­tiert, sie mir gezeigt und ich habe ihm gesagt, was mir davon gefällt. Wir sind da eigent­lich gar nicht so fest­ge­fah­ren, wie unse­re Musik viel­leicht ver­mu­ten lässt. Ich mag auch moder­ne­re Sachen, aber das muss halt irgend­wie pas­sen. Ich feie­re auch Beats von vie­len ande­ren Pro­du­zen­ten und hab' mit ver­schie­de­nen zwi­schen­durch Pro­jek­te ange­fan­gen, die dann aber wegen der feh­len­den Zeit nicht so vor­an­ge­kom­men sind. Mit Vin­ce macht es halt am meis­ten Sinn, zusam­men ein Pro­jekt fer­tig zu machen, weil wir auch live als ein Duo auf­tre­ten und in dem Sin­ne von­ein­an­der abhän­gig sind. Ich habe ja kei­nen Backup-​MC oder so, da ist er für mich dann schon der DJ, auf den ich mich am meis­ten ver­las­sen kann. Weil er on point ist, weil er mei­ne Tex­te kennt, die Stel­len kennt, wo er scratcht, und mir durch die Scrat­ches, die er setzt, auch Atem­pau­sen lässt. Das ist schon alles sehr auf­ein­an­der abge­stimmt und ein­ge­spielt.

MZEE​.com: Als Vor­ge­schmack auf das Album habt ihr den Track "Tin­der­rail" ver­öf­fent­licht. Vie­le sehen dar­in eine Fort­set­zung zu "Rot­licht­lam­pe", denn wo damals die Lie­be zum Vinyl zwi­schen den Zei­len ver­steckt war, rappst du die­ses Mal über dei­ne Affä­re mit dem Sprü­hen. Siehst du es als Teil dei­ner Kunst an oder gibt es ande­re Beweg­grün­de dafür, man­che dei­ner Aus­sa­gen auf die­se Wei­se zu ver­schlei­ern?

Slo­wy: Also, in ers­ter Linie fing das bei "Rot­licht­lam­pe" ein­fach damit an, dass es mir sehr viel Spaß gemacht hat, sowas zu schrei­ben. Der Schreib­pro­zess ist ja auch etwas, das man bei Solo­plat­ten meist allei­ne macht. Und dann ist das ein­fach ein wenig Gedan­ken­sport, mit dem man sich selbst enter­taint und sich freut, wenn man eine neue Par­al­le­le gefun­den hat. Das waren ja auch noch sehr kon­zep­tio­nel­le Sachen auf der "Floweffekt"-LP. Und danach habe ich zwei Alben eigent­lich fast nur unkon­zep­tio­nel­len Batt­lerap gemacht, wo als Nächs­tes ein­fach auch 'ne ande­re Pun­ch­li­ne kom­men kann und es funk­tio­niert. Und ich hab' jetzt auf die­ser Plat­te ein­fach auch wie­der Lust gehabt, ein, zwei Ide­en ein­zu­brin­gen. Dadurch, dass sich in der Zwi­schen­zeit auch pri­vat mein Inter­es­se wie­der vom Schall­plat­ten­hö­ren weg eher zum Sprü­hen hin ver­scho­ben hat, sind mir da wie­der mehr Par­al­le­len auf­ge­fal­len. Da dach­te ich mir dann: "Das könn­te man doch auch noch mal auf was ande­res bezo­gen machen." Und da hat­te ich dann ein­fach Spaß dran, das zu schrei­ben.

MZEE​.com: Wenn du sagst, dass dir sowas beson­ders viel Spaß macht – hast du viel­leicht schon ande­re "ver­bo­te­ne Lei­den­schaf­ten" oder sons­ti­ge Dop­pel­be­deu­tun­gen in dei­nen Tex­ten ver­steckt, die even­tu­ell noch nie­mand durch­schaut hat?

Slo­wy: Ich glau­be, in vie­len Tex­ten ste­cken Sachen zwi­schen den Zei­len, die auch Freun­den, die mich ken­nen, erst nach län­ge­rer Zeit auf­fal­len oder ihnen bewusst wer­den. Manch­mal spricht mich jemand auf eine kon­kre­te Zei­le an, ich kann dazu 'ne Geschich­te erzäh­len und die Leu­te sagen dann: "Ah, okay. Ich habe das immer ganz anders inter­pre­tiert." Aber das fin­de ich auch völ­lig okay so, da viel Frei­raum zu las­sen, denn man­che Leu­te inter­pre­tie­ren Sachen für sich ganz anders und zie­hen da ande­re Sachen für sich raus. Das fin­de ich auch völ­lig in Ord­nung. Vie­le Sachen las­se ich da auch ganz bewusst offe­ner.

MZEE​.com: "Offe­ner" ist ein gutes Stich­wort, denn wenn man sich den Titel­track der Plat­te "Under­co­ver Blues" anhört, fällt auf, dass er durch sei­ne sehr offe­ne, ehr­li­che Art besticht. Ist der Gemüts­zu­stand, den du dort beschreibst, für dich wirk­lich chro­nisch oder han­delt es sich dabei eher um Pha­sen?

Slo­wy: Nee, der Track war tat­säch­lich in 'ner Pha­se geschrie­ben, die auch durch­aus wie­der­kom­men kann. Aber es ist schon eher was Pha­sen­wei­ses. Nichts Chro­ni­sches. Das sind dann auch teil­wei­se so Wel­len­be­we­gun­gen im Pri­va­ten. Da tre­ten Freud und Leid durch glei­che Umstän­de auf und ent­spre­chend extrem kön­nen sie auch sein. Ist auf jeden Fall kein chro­ni­scher oder aktu­el­ler Zustand. Aber ich fand's hin­ter­her trotz­dem gut, den Track über die­se Pha­se zu ver­öf­fent­li­chen, die dann auch manch­mal wie­der­kommt. Man kennt das ja im Leben, mit Lei­den­schaf­ten – also Lei­den­schaf­ten jeg­li­cher Natur – geht es ja auch oft mal berg­auf und berg­ab. Da gibt's mal sol­che und mal sol­che Pha­sen. Ich glau­be, in dem Track fin­den sich auch vie­le Leu­te wie­der, die mit Graf­fi­ti über­haupt nichts am Hut haben und die da dann was ande­res rein­pro­ji­zie­ren kön­nen.

MZEE​.com: Durch die­se sehr per­sön­li­chen Inhal­te schließt "Under­co­ver Blues" gefühlt eher an "Flow­ef­fekt" an als etwa an "Ulti­ma Radio". Wie kam es dazu, dass du jetzt wie­der mehr Per­sön­li­ches erzählst? Regt die Sze­ne nicht mehr genug auf?

Slo­wy: Ich glau­be, da hat ein­fach wie­der mehr Refle­xi­on statt­ge­fun­den. Die Sze­ne bie­tet bestimmt noch genug Anlass zur Kri­tik, aber die­se Sachen wie­der­ho­len sich dann ja auch immer. Die haben sich ja auch auf der "Ulti­ma Radio" schon wie­der­holt. Ich den­ke, dass hängt auch alles ein biss­chen mit dem Umfeld zusam­men. Die "Flow­ef­fekt" ist noch 'ne Plat­te gewe­sen, die über sechs, sie­ben Jah­re ent­stan­den ist. In der Zeit habe ich noch viel allei­ne geschrie­ben, wuss­te nicht, ob ich damit auf­tre­ten will, und war live noch gar nicht aktiv, als ich die ers­ten Tracks geschrie­ben hab. Dadurch war sie noch sehr per­sön­lich. Dann irgend­wann hab' ich in Ham­burg Anschluss in der Sze­ne gefun­den, war sehr viel auf Free­style Batt­les, hab' mich viel mit Leu­ten ver­gli­chen, kam über Batt­les auf Ide­en für Pun­ch­li­nes, die ich danach notiert und in den Tex­ten ver­wen­det hab', und hab' mich sehr viel über Sachen auf­ge­regt, die mir heu­te eigent­lich total egal sind. Sachen, bei denen ich heu­te irgend­wie ein­fach gelas­se­ner gewor­den bin und sage: "Okay, das gefällt dir jetzt viel­leicht nicht, aber lass' den doch das machen und du machst das." Ist doch in Ord­nung, wenn die Sachen par­al­lel exis­tie­ren. Man muss ja nicht alles kri­ti­sie­ren, nur weil es nicht dem eige­nen Geschmack ent­spricht. Und ich glau­be, ich habe auch 'ne höhe­re Tole­ranz ent­wi­ckelt für Sachen, die mir nicht gefal­len. Das habe ich auch auf dem einen Track ange­spro­chen. Frü­her war ich dann auf Fes­ti­vals und dach­te: "Von zehn Acts gefal­len mir nur zwei", und habe mich viel­leicht über den Rest auf­ge­regt. Aber irgend­wann habe ich es dann zu schät­zen gewusst, dass mir wenigs­tens zwei gefal­len und ich das bewusst genie­ßen kann. Denn wenn man auf Fes­ti­vals oder Jams ist, wo alle Leu­te gleich klin­gen und alle das Glei­che machen, dann wird das auch sehr schnell lang­wei­lig und viel pene­tran­ter.

IV_Slowy_BILD01

MZEE​.com: Ein ganz ähn­li­ches Sze­na­rio sprichst du auf "Dan­ke­schön" an. Da beschreibst du auf inter­es­san­te Wei­se und mit viel Selbst­iro­nie die "Not­wen­dig­keit" von schlech­ten MCs. Was waren denn die Beweg­grün­de dafür, auch die eige­ne Anti-​Wack MC-​Agenda mal etwas kri­tisch zu betrach­ten?

Slo­wy: Ja, der Track hat durch­aus auch ein­sich­ti­ge und selbst­kri­ti­sche Züge. Das war ein Abend, den ich zwar als Traum beschrie­ben habe, der aber tat­säch­lich mal so statt­ge­fun­den hat. Wir waren auf einer Jam, deren Ver­an­stal­ter – der inzwi­schen auch ein guter Bekann­ter ist – sehr vie­le Acts gebucht hat, die alle so einem Gus­to ent­spra­chen, aber im Prin­zip lief da sie­ben, acht Stun­den der glei­che Sound. Und irgend­wann hat­te man das Gefühl, man hat sich nur noch wie­der­holt auf der Büh­ne – wie ich es im Text auch beschrei­be. Und dann habe ich erst gemerkt, dass es doch auch völ­lig in Ord­nung ist, wenn man auf ein Fes­ti­val geht und der eine Rap­per macht viel­leicht Boom bap-​Battlerap, der ande­re macht Trap, der nächs­te macht wie­der was ande­res. Und in der Zeit, in der was läuft, was einem gar nicht gefällt, geht man halt raus und ent­spannt sich mal 'ne Stun­de auf der Wie­se oder am Fluss.

MZEE​.com: Irgend­wie gibst du mit dem Track auch Respekt an Rap-​Subgenres, die du sonst disst …

Slo­wy: Ja, klar. Batt­lerap hat in ers­ter Linie ja auch den Grund, ein­fach zu enter­tai­nen. Sonst wür­de nie­mand zu 'nem Batt­le kom­men oder sich Batt­lerap anhö­ren. Eine lus­ti­ge Pun­ch­li­ne in 'nem Text ist ja wie ein Witz. Wenn da jemand lacht, irgend­wie reagiert oder da ein Rau­nen durch die Men­ge geht, dann hat man ja eine Reak­ti­on erreicht, die viel stär­ker ist, als wenn man irgend­wie 'ne ewig lan­ge Geschich­te erzählt und am Ende gibt es einen klei­nen Aha-​Effekt. Und die­ser Entertainment-​Gedanke ist ja auch bei ande­ren Gen­res kom­plett da und kom­plett nach­voll­zieh­bar für mich. Wenn das Leu­te enter­taint und sie sich an der Musik erfreu­en, dann ist das völ­lig in Ord­nung. Ich feie­re vie­le ande­re Sachen und fin­de das völ­lig okay, auch wenn man das unse­rer Musik viel­leicht nicht anhört. Bei mir ist das so: Nur weil ich ein paar Trap-​Künstler mag, muss ich jetzt ja nicht unbe­dingt gleich auf den Zug auf­sprin­gen und mei­ne kom­plet­te Musik denen anpas­sen. Ich fin­de das dann per­sön­lich eher zwei­fel­haft, wenn man sowas merkt. Da will ich auch gar nicht ein­zel­ne Künst­ler kri­ti­sie­ren. Man merkt aber doch schon, dass das Mode­er­schei­nun­gen sind, wie 'ne Turn­schuh­far­be oder so. Und auf ein­mal sprin­gen vie­le Leu­te auf 'nen Zug auf, ohne sich vor­her selbst damit beschäf­tigt zu haben. Oder sie neh­men nicht mal die Ein­flüs­se aus den Staa­ten wahr, wie viel­leicht die, die die­sen Style hier­zu­lan­de eta­bliert haben. Son­dern den­ken sich nur: "Oh, das macht jetzt jeder. Das muss ich jetzt auch machen, damit es sich ver­kauft." Da mache ich dann lie­ber das, was ich kann, was mir Spaß macht, aber kann das ande­re trotz­dem fei­ern, wenn es gut gemacht ist.

MZEE​.com: Also siehst du die aktu­el­le Ent­wick­lung des Unter­grunds mit Künst­lern wie RIN, die so gar nicht eurem Stil ent­spre­chen, aber durch­aus ähn­li­che anti-​kommerzielle Wer­te ver­tre­ten, posi­tiv?

Slo­wy: Ja, ich kann das kom­plett ver­ste­hen, wobei ich sagen muss, dass sich das bei mir lus­ti­ger­wei­se – so hän­gen­ge­blie­ben das auch wie­der klin­gen mag – durchs Sprü­hen ver­scho­ben hat. Dadurch, dass der Alters­durch­schnitt von akti­ven Leu­ten da rela­tiv jung ist, hab' ich dort viel mehr mit Leu­ten zu tun, die knapp über 20 sind und ein­fach mit ganz ande­rer Musik groß wur­den. In einer Zeit, wo mei­ne Gene­ra­ti­on mit 20 auf HipHop-​Jams gegan­gen ist, sind die mehr auf Raves gegan­gen. Und wenn sie jetzt Rap hören, hören sie viel­leicht eher Trap. Da habe ich schon viel mit­be­kom­men. Und ich sehe auch, dass das eher so 'ne Jugend­be­we­gung ist, aber das das alles anti-​kommerziell ist, wür­de ich nicht kom­plett unter­schrei­ben. Mir fehlt ein biss­chen das Ver­ständ­nis für die­sen gan­zen Markenkleidungs-​Film. Über Guc­ci und Pra­da rap­pen ist sowas, was ich nicht nach­voll­zie­hen kann – selbst wenn ich den Sound feie­re. Das ist aber ein­fach was, womit ich mich per­sön­lich nicht iden­ti­fi­zie­ren kann. Ist auch okay, wenn die das machen, aber das ist dann ein­fach nicht meins. Ich sehe dar­in kei­ne anti-​kommerzielle Hal­tung, über Desi­gner­mar­ken zu rap­pen.

MZEE​.com: Haben die­se Gen­res oder das Befas­sen damit dei­nen eige­nen Stil denn auch beein­flusst?

Slo­wy: Musi­ka­lisch könn­te das durch­aus pas­sie­ren. Da sind ja auch ande­re Flow­ent­wick­lun­gen und sowas, die man selbst für inter­es­sant hält. Ich glau­be, unter­be­wusst ent­wi­ckelt man sich sowie­so immer wei­ter, auch durch sol­che Ein­flüs­se. Und sei­en es nur Anti-​Einflüsse. Dass man Sachen bewusst nicht macht, die ande­re jetzt machen. Aber ich den­ke schon, dass durch­aus Ein­flüs­se da sind, die man viel­leicht auch erst in ein paar Jah­ren wirk­lich raus­hö­ren wird.

MZEE​.com: Dau­ert es denn bis zum nächs­ten Pro­jekt wie­der drei Jah­re? Oder ist in naher Zukunft bereits etwas geplant?

Slo­wy: Der Plan ist schon da, in nähe­rer Zukunft anzu­knüp­fen. Also, der­zeit ist es so, dass wir wie­der viel live spie­len, sehr vie­le Anfra­gen haben und man schon merkt, dass die Zeit wie­der sehr auf der Stre­cke bleibt. Wir hat­ten uns eigent­lich sogar vor­ge­nom­men, dass wir jetzt direkt mit 'nem neu­en Pro­jekt wei­ter­ma­chen. Da jetzt aber die Wochen­en­den wie­der alle belegt waren, ist es noch nicht so weit gekom­men. Aber es wird wohl nicht wie­der drei Jah­re dau­ern, sag' ich jetzt mal. Aber mit Ankün­di­gun­gen ist das ja immer so 'ne Sache. Wir hat­ten uns erst vor­ge­nom­men, sogar die­ses Jahr noch was zu machen, auch in Hin­blick aufs nächs­te Jahr, aber mal gucken. Da muss man auch sehen, was für 'ne Län­ge das haben wird. Ich fin­de es auch per­sön­lich ange­neh­mer, eher Pro­jek­te zu machen, die nicht – so wie die "Ulti­ma Radio" – 28 Tracks haben und völ­lig über­la­den sind. Da hät­te man ja schon mit der Hälf­te 'ne 14 Tracks-​LP machen kön­nen und dann wären man­che Gedan­ken, die man äußert, viel­leicht auch zeit­ge­mä­ßer gewe­sen. Ein­fach, damit man Sachen auch aktu­el­ler ver­öf­fent­licht, die einem gera­de am Her­zen lie­gen.

MZEE​.com: Ist dann der Wunsch grö­ßer, sich selbst kei­nen Druck zu machen, oder der, Sachen zei­ti­ger zu ver­öf­fent­li­chen?

Slo­wy: Wir limi­tie­ren uns zeit­mä­ßig ja eh schon dadurch, dass wir auf Vinyl ver­öf­fent­li­chen. Selbst nach Fer­tig­stel­lung wer­den da aktu­ell immer so vier Mona­te drauf­kom­men, bis die Plat­te dann aus dem Press­werk ist. Man könn­te jetzt natür­lich sagen, dass man etwas nur zum Down­load anbie­tet und damit auch schnel­ler ist, aber ich den­ke, dann ist die Musik eben auch sehr schnell wie­der weg. Ich hab' mit Pierre Sona­li­ty mal 'ne Plat­te gemacht, die seit Jah­ren rum­liegt, die "Soul­bo­dy­guards LP" – die haben wir noch nicht ganz final fer­tig bekom­men. Die liegt jetzt rum und wenn sie dann irgend­wann mal raus­kommt, wird das wahr­schein­lich sehr amü­sant wer­den, weil da schon vie­le Sachen ein­fach auf Ses­si­ons und auf aktu­el­les Gesche­hen bezo­gen sind. Wir haben sie vor eini­ger Zeit mal wie­der durch­ge­hört. Da ist es schon lus­tig, wenn wir uns auf Sachen bezie­hen, die teil­wei­se sechs Jah­re her sind. Aber dann ist es viel­leicht auch so, dass der eine oder ande­re schon wie­der schmun­zelt, weil er sich ger­ne dar­an erin­nert. Ich per­sön­lich ver­zich­te inzwi­schen aber lie­ber auf einen sehr aktu­el­len Bezug, weil ich den­ke: "Oh Gott, wenn das in zwei Jah­ren raus­kommt, wer weiß … Dann spricht da auch viel­leicht schon kei­ner mehr drü­ber und es ist unin­ter­es­sant." Wenn man vie­le Bezü­ge auf Zeit­ge­mä­ßes hat, dann ver­schwin­det die Musik auch schnel­ler, glau­be ich. Dann ist sie oft genau­so schnell wie­der weg, wie sie aktu­ell ist. Ich hab' für mich per­sön­lich ein­fach gemerkt, dass Musik, wenn sie zeit­los ist, auch viel stär­ker dableibt.

(Dani­el Fersch)
(Fotos von Kai Bern­stein)