Rynerrr

Kaum eine Sze­ne hier­zu­lande scheint so fa­cet­ten­reich zu sein wie die Deutschrap­sze­ne. Wäh­rend es be­reits jetzt schon fast un­mög­lich er­scheint, je­den ein­zel­nen, eta­blier­ten Ver­tre­ter zu ken­nen, steigt die Zahl neu­er, noch un­be­kann­ter Künst­ler ex­po­nen­ti­ell wei­ter an. Den Über­blick zu be­hal­ten, gleicht ei­ner Her­ku­les­auf­ga­be: Hat man sich ein Gesicht der HipHop-​Hydra ge­merkt, tau­chen schon wie­der min­des­tens zwei neue auf. Gleich­zei­tig ist es für un­be­kannte, jun­ge Talen­te über­aus schwer, aus der über­wäl­ti­gen­den Mas­se an Musi­kern her­aus­zu­tre­ten und sich ei­nen Namen zu ma­chen.

Bei­den Sei­ten soll un­ser Mic Check eine Hil­fe­stel­lung bie­ten. Rap­pern, die bis­her noch in den Tie­fen des Unter­grunds un­ter­ge­gan­gen sind, eine Platt­form ge­ben, auf der sie sich kurz, aber prä­gnant prä­sen­tie­ren kön­nen. Und Hörern und Fans er­mög­li­chen, sich ei­nen schnel­len Über­blick über nen­nens­werte Künst­ler zu ver­schaf­fen, die sie bis­her viel­leicht noch gar nicht auf dem Schirm hat­ten.

 

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MZEE​.com: Du hast dein neu­es Album "Gutmensch/​Wutbürger" durch Crowd­fun­ding finan­ziert, was unter ande­rem wohl auch damit zu tun haben dürf­te, dass die Pro­duk­ti­on eines kom­plet­ten Albums für Unter­grund­künst­ler meist eher ein Ver­lust­ge­schäft ist. Wenn also nicht das Ver­die­nen von Geld, wel­che Zie­le ver­folgst du mit der Musik?

Rynerrr: Ich glau­be, ein Ver­lust­ge­schäft ist es nicht unbe­dingt. Ich hät­te auch ein­fach 'nen rei­nen Vor­ver­kauf machen kön­nen, dann hät­te ich die Koh­le für die Pres­sung und so wei­ter auch rein­be­kom­men, aber Geld ver­die­nen ist natür­lich was ande­res. Geld ver­die­nen muss man regel­mä­ßig, damit man Nah­rung und ein Dach überm Kopf hat für sei­ne Fami­lie. Wenn ich das mit Musik machen müss­te, wür­de es mir alles zer­stö­ren, was ich am Musik­ma­chen so lieb': Ich kann es machen, wann, wie und wie oft ich gera­de Lust hab. Ich ver­fol­ge mit der Musik eigent­lich gar kei­ne Zie­le. Das Musik­ma­chen ist rei­ner Selbst­zweck, aber ich nut­ze die Musik – zumin­dest die­se Rap­mu­sik, die ich auch ver­öf­fent­li­che – haupt­säch­lich, um mich aller nega­ti­ven Din­ge in mei­nem Leben zu ent­le­di­gen bezie­hungs­wei­se die­sen Aus­druck zu ver­lei­hen.

MZEE​.com: Das Vor­gän­ger­al­bum "Sym­pto­me" erschien bereits 2008 – du rappst also schon eine gan­ze Wei­le. Wenn du aus dei­ner gesam­ten akti­ven Zeit einen ein­zi­gen Track wäh­len müss­test, um jeman­dem dei­ne Musik zu prä­sen­tie­ren, wel­cher Track wäre das? Und war­um gera­de die­ser?

Rynerrr: Nach lan­gem Über­le­gen ent­schei­de ich mich für "Zukunfts­mu­sik" – das ist ein recht alter Free Track, der, glau­be ich, am ehes­ten zeit­über­dau­ernd zum Aus­druck brin­gen kann, wel­che Art Sound bezie­hungs­wei­se Inhalt ich mache. Davor gibt's vie­le Lie­der, die zu alk- und dro­gen­las­tig sind, um mei­nem jet­zi­gen Leben noch zu ent­spre­chen. Und bei den neue­ren Lie­dern fehlt die­se Sei­te weit­ge­hend. Sie ist aber bis ziem­lich genau zur Zeit, in der das zwei­te PCP-​Album "Lache und die Welt weint mit Dir" erschien, eine sehr bedeu­ten­de Sei­te im Leben und Wir­ken des Rynerrr und soll­te des­halb nicht unter den sprich­wört­li­chen Tep­pich gekehrt wer­den. Aber "Zukunfts­mu­sik" hat eben von allem etwas drin und was die meis­ten mei­ner Lie­der wohl gemein­sam haben, ist die­ses "Von-​unten-​der-​großen-​bösen-​Welt-​ins-​Gesicht-​Gespucke" und die­se assi­ge Anti­hal­tung, die ist da auch sehr deut­lich drin. Außer­dem ist der Beat – übri­gens von Kash – ein all time Favou­rite von mir.

MZEE​.com: Du triffst in dei­nen Tex­ten ger­ne sehr pro­vo­kan­te Aus­sa­gen, die Leu­te im ers­ten Moment auch durch­aus in den fal­schen Hals bekom­men könn­ten. Wie wich­tig ist dir, dass die Leu­te die Aus­sa­gen dei­ner Tracks letzt­lich so ver­ste­hen, wie sie von dir gemeint sind?

Rynerrr: Also, ich ver­su­che schon, zu ver­mei­den, jetzt kom­plett falsch ver­stan­den zu wer­den und irgend­wie 'ne Fan­ge­mein­de um mich zu scha­ren, die eigent­lich für alles steht, was ich ableh­ne, oder umge­kehrt. Aber ich hab' mitt­ler­wei­le den gut begrün­de­ten Ver­dacht, dass man gene­rell nie wirk­lich so ver­stan­den wird, wie man das ger­ne hät­te. Ich bin mir auch völ­lig im Kla­ren dar­über, dass ich vie­le Sachen sage, die ich selbst nicht hun­dert­pro­zen­tig zu Ende gedacht habe oder wo ich ein­fach irgend­wo bewusst beschlie­ße, die Sachen auf den Lie­dern nicht wei­ter aus­zu­füh­ren. Das wür­de ich wohl in 'nem Buch machen oder so, aber mei­ne Musik ist ein­fach ein Ven­til für – in der Regel – nega­ti­ve Gefüh­le und Gefüh­le sind nicht immer hun­dert­pro­zen­tig kor­rekt oder gerecht oder fair oder logisch oder objek­tiv oder klug oder sonst was. Im Gegen­teil … Aber mir geht es auch nicht unbe­dingt dar­um, mit der Musik jetzt eine ganz genau abtrenn­ba­re Hal­tung oder Mei­nung zu ver­tre­ten, son­dern eben dar­um, eine gewis­se Stim­mung und Atmo­sphä­re zu erzeu­gen, die sich auf die sich von mir hof­fent­lich nicht völ­lig unter­schei­den­den Hörer über­trägt. Ich hat­te neu­lich das Erleb­nis, dass mir einer auf You­Tube schrieb: "Ich mag dich, Rynerrr – auch wenn ich dem ande­ren poli­ti­schen Lager zuzu­ord­nen bin!" Er mein­te damit wohl ein poli­tisch rech­tes Lager. Mei­ne Ant­wort war: "Das freut mich, auch wenn ich es tun­lichst ver­mei­de, irgend­wel­chen Lagern anzu­ge­hö­ren. Der Mensch wird im Kol­lek­tiv gene­rell ger­ne zum Arsch­loch. Oder anders: Ich mag alle und has­se jeden …" Und das ist irgend­wie der Punkt: Ich möch­te ein­fach sehr ungern Mit­glied in einem Lager sein. Egal, in wel­chem. Aber die meis­ten mei­ner Aus­sa­gen kata­pul­tie­ren mich da natür­lich gern mal the­ma­tisch in das eine oder ande­re Lager hin­ein. Ich hab' auch schon ein paar durch: Nazi, Punk, Hip­pie, Stu­den­ten­pen­ner, Behin­der­ter, Nerd, Men­schen­feind, Anti­fa, Jun­kie, Suff­kopp, Spie­ßer, Opfer … Seht mich ein­fach als 'ne bun­te Mischung!

MZEE​.com: Gibt es aus dei­ner Ver­gan­gen­heit denn auch einen Track bezie­hungs­wei­se eine Zei­le von dir, die dir mitt­ler­wei­le unan­ge­nehm ist? Wenn ja, wel­che?

Rynerrr: Puh, so man­ches ist halt irgend­wann ein biss­chen pein­lich oder so, aber rich­tig unan­ge­nehm ist mir eigent­lich kei­ne Zei­le und kein Lied. Oder mir fällt grad ein­fach keins ein. Mir ist ehr­lich gesagt unser Label­na­me "Weis­se Scheis­se" schon län­ger etwas unan­ge­nehm, weil das Wort "Weis­se" dar­in eigent­lich kom­plett unnö­tig ist und tat­säch­lich eigent­lich nur Miss­ver­ständ­nis­se erzeu­gen kann. Wir waren da halt irgend­wie als jun­ge Assi-​Trottel so aufm "White Trash"-Film, aber in Deutsch­land muss man, wenn man "Trash" ist, halt eigent­lich das "White" nicht beto­nen, da es für das, was wir sagen woll­ten, eigent­lich über­haupt kei­ne Bedeu­tung hat­te. Bes­ser gepasst hät­te wohl sowas wie "Mittelstands-​Scheisse", das klingt halt aller­dings nicht so mit­rei­ßend. (lacht)

MZEE​.com: Been­de fol­gen­den Satz: "Mein neu­es Album trägt den Titel 'Gutmensch/​Wutbürger', weil …"

Rynerrr: … ich mich im Grun­de als gut­mü­ti­gen, offe­nen, tole­ran­ten Men­schen sehe, der ver­sucht, im klei­nen Kreis mit sei­nen Liebs­ten ein mög­lichst schö­nes und glück­li­ches Leben zu füh­ren und der kei­ner­lei Absich­ten hegt, irgend­wem bos­haft etwas zu Lei­de zu tun. Aller­dings erle­be ich mich selbst jeden Tag dabei, wie ich beim Anblick die­ser Welt und all den Scheuß­lich­kei­ten in ihr inner­lich aus­ras­te und wirk­lich ver­dammt wütend wer­de. Nicht zuletzt über diver­se Gut­men­schen und Wut­bür­ger. Hier noch ein Zitat aus "Ein­zel­gän­gerstyle" vom gei­len Rot­ten Mon­key, das ziem­lich gut zu mei­nem Zwie­spalt passt: "Ich hab' Recht­fer­ti­gun­gen für alles und 'ne Ankla­ge für jeden."

 

Ein Exclu­sive von Rynerrr könnt Ihr Euch ab so­fort auf dem YouTube-​Channel von MZEE​.com an­se­hen:

 

Rynerrr auf Face­book

(Dani­el Fersch & Lukas Päck­ert)
(Gra­fi­ken von Puf­fy Pun­ch­li­nes, Logo von KL52)

 

Du bist der Mei­nung, Du oder jemand, den Du kennst, soll­te sich unse­rem Mic Check unter­zie­hen? Wir freu­en uns über Bewer­bun­gen oder Emp­feh­lun­gen mit dem Betreff "Mic Check – *Künst­ler­na­me*" an daniel@mzee.com.