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Marteria

1947, Anfang Juli. Noch ahnt niemand in Roswell, dass die Stadt künftig ein Pilgerort für allerlei Verschwörungstheoretiker und angebliche Augenzeugen zahlloser UFO-Sichtungen werden soll. Hier soll es abgestürzt sein, das Alien-Raumschiff, welches seither gut geschützt in der Area 51 lagert. Im Jahr 2017 wird aus "Area 51" jedoch "Marteria 51" und aus "Roswell wird Rostock". Denn Marteria veröffentlicht seine neueste Platte unter genau diesem Titel, benannt nach der amerikanischen Kleinstadt. Im Interview mit ihm haben wir herausgefunden, warum er sich für diesen Namen entschieden hat und was das alles mit der Außenseiter-Rolle von HipHop zu tun hat. Außerdem haben wir nachgefragt, wie wichtig es ihm ist, als Musiker Stellung zu Politik zu beziehen und warum seine Zeit in New York so prägend für den musikalischen Tausendsassa war. 

MZEE.com: Zu Beginn wüsste ich gerne etwas zum Titel deiner neuen Platte: "Zurück in die Zukunft" war bekanntlich eine Trilogie, deine "Zum Glück in die Zukunft"-Reihe wurde nun lediglich ein Zweiteiler. Gibt es einen Grund, diese Serie nicht fortzusetzen?

Marteria: Ja klar, der letzte Teil war halt nicht mehr geil. Da war ich furchtbar enttäuscht. Die ersten beiden Filme waren total gut, der dritte war ja dann aber so ein Western-Ding. Das habe ich überhaupt nicht mehr gemocht. Vom Karma her kann ich meine Serie ja dann auch nicht fortsetzen. Außer ich hätte eine wacke Platte gemacht, dann wäre das konsequent gewesen. (lacht) Vielleicht kommt ja jetzt "Roswell", Teil 1 bis 4.

MZEE.com: Deine neue Platte ist benannt nach ebenjenem Ort, an dem 1947 angeblich ein UFO abgestürzt sein soll. Auf einem anderen Song ist vom Yeti und Nessi die Rede. Hast du generelles Interesse an solch urbanen Mythen und Verschwörungstheorien?

Marteria: (überlegt) Eher nicht, weil es mir dabei auch nicht primär um diese Alien-Thematik ging. Der Außerirdische steht auf "Roswell" viel mehr für das Gefühl des Fremdseins. Für mich hat das alles eher einen krassen HipHop-Bezug. Die Szene in Rostock umfasste damals vielleicht 300 Leute, da nimmt man schon eine krasse Außenseiter-Rolle ein mit seiner Leidenschaft. Aber das hat halt auch den Zusammenhalt gestärkt. Leute, denen es nicht gut ging oder die aus einem anderen Land gekommen sind, die haben ihren Platz immer bei den HipHoppern gefunden. Leute, die Anschluss brauchten – daher auch dieses Gefühl eines Aliens. Deswegen sind die ersten Zeilen des Albums: "Aus Area 51 wird Marteria 51 – aus Roswell wird Rostock". Bei diesen Geschichten kann man sich einfach geil an der Sprache bedienen. Das ganze Album geht also weniger um irgendwelche Mythen als vielmehr um das Außenseitertum. Das zieht sich durch mein ganzes Leben durch.

MZEE.com: Hast du dich denn oft als Außenseiter gefühlt?

Marteria: In der Heimat eher nicht. Ich war ja auch Fußballer, die sind jetzt nicht unbedingt außen vor irgendwo. (lacht) In der HipHop-Szene aber schon, das war damals einfach nicht so präsent. Da gab es nur wenige, die sich mit der gleichen Leidenschaft mit der Kultur auseinandersetzen wollten. Das war mit dem Alien-Ding gemeint. Oder auch meine Zeit in New York, als 17-Jähriger aus Rostock in der krassesten Stadt der Welt ohne Freunde oder Kontakte. Da fühlt man sich schon einmal als Außerirdischer, daher auch mein Song "Skyline mit zwei Türmen", in dem es genau darum geht. Ich mag das, wenn ein Album eine gewisse Farbe vorgibt und ein durchgängiges Gefühl vermittelt, nur aus verschiedenen Perspektiven präsentiert.

MZEE.com: Und der rote Faden ist für dich dieses Fremdsein?

Marteria: Genau! Das erste Bild, was ich für die Platte im Kopf hatte, war ein Ortseingangsschild von Rostock, während es regnet. Dann blättert langsam die Farbe ab, da stand dann nur noch "ROS". Und dann hat sich die Idee von Area 51 drumherum gebaut. Das war mein Aufhänger, nicht diese Verschwörungstheorien. Ich mein': Ich war nur einmal im Nessi-Museum, hab' drei Alien-Dokus gesehen und sonst wenig damit am Hut. Ich bin nicht so ein Kiffer im Keller, der den ganzen Tag irgendwelchen Mythen hinterherjagt. (lacht)

MZEE.com: Genau dieses Gefühl des Fremdseins kommt auch deutlich in deinem Song "Aliens" hervor, wobei man denken könnte, du greifst konkret die Flüchtlingsthematik auf. War es dir wichtig, in Hinsicht auf die Flüchtlingskrise klar Stellung zu beziehen? Und wenn ja, warum?

Marteria: Auf jeden Fall. Ich finde Musik ohne Message einfach wack. Es ist immer wichtig, seine Meinung zu vertreten. Ich habe stets versucht, einen Gedanken mitzugeben. Vor allem wenn man viel rumkommt, ist das noch dringlicher. Ich kann ja nicht von jedem verlangen, den großen Durchblick zu haben, wenn man nur Deutschland und Malle kennt. Ich reise viel, habe viel gesehen von der Welt und will weiterhin viel erkunden – und das erweitert auch irgendwie den Horizont. Das lasse ich dann in die Songs einfließen, ganz nebenbei. Als Musiker hast du auch viel mehr Einfluss auf die Bildung von Jugendlichen, da ist das umso wichtiger. Wenn da jemand einen klaren Standpunkt vertritt, merken sich das die Kids viel mehr als Reden von irgendwelchen Berufspolitikern. Das muss aber natürlich nicht jedem gefallen. Ich sehe es halt so, dass mir scheißegal ist, wo jemand herkommt. Ich unterteile Menschen nur in Idioten und coole Leute, sonst nichts. Ich finde wichtig, dass man diese Gedanken auch weitergibt. Davor sollte man sich als Musiker auch nicht drücken, nur weil man den einen oder anderen Anhänger verschreckt, der dann ganz traurig ist und kein Fan mehr sein will.

MZEE.com: Das merkt man bei dir auch in den sozialen Netzwerken, wo du als Bild lange ein "Refugees Welcome"-Banner hattest, woraufhin es viel negatives Feedback gab.

Marteria: Ja, Mann, das ist echt Horror. Die ganze Musik steht für so eine krasse Offenheit gegenüber anderen Kulturen, da ist dieser ganze Rassismus einfach unfassbar wack und unverständlich. Das nervt mich total.

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MZEE.com: Spätestens mit deinem Song "Links" wurde deine politische Haltung ziemlich klar. Wie gehst du mit Leuten um, die damit ein Problem haben?

Marteria: In dem Song geht es eher um eine weltoffene Sicht, die du als Rapper auf jeden Fall haben solltest. Ich finde es schade, wenn man sich dem verwehrt. Krasses Beispiel: Ich bin auf eine neue Schule gekommen, da saßen zwei Kids mit Springerstiefeln und Glatze. Ich habe mit denen ehrlich immer nur ganz kurz gesprochen, aber Wochen später hat einer von ihnen Baumwollhosen getragen und ist Skateboard gefahren. Wobei ... schlechtes Beispiel. Ich glaube, der ist im Endeffekt dann Dealer geworden. (lacht) Ich kann jetzt aber auch noch nicht die Außenwirkung der Platte einschätzen, die ist ja noch nicht erschienen. Ob jetzt wirklich so viele Leute ein Problem damit haben werden und mir das dann auch ins Gesicht sagen können, weiß ich nicht.

MZEE.com: Im Internet werden sie das vermutlich eher können.

Marteria: Klar, da sind solche AfD-Anhänger auch immer ganz schnell. Im Netz können die den Hass sehr groß machen und schnell verbreiten. Überall liest man da dann die Kommentare, um die Gegenseite zu präsentieren. Aber das liegt halt primär daran, dass die Leute Angst haben, das darf man nie vergessen. Die stellen dann ganz schnell Furcht über Neugier. Dabei ist es andersherum viel geiler. 90 Prozent im Jahr bin ich ja der Fremde, wenn ich auf Reisen bin. Da bin ich der Ausländer, ich kenne das Gefühl. Das sehen viele eben nicht. Stattdessen baut sich die Furcht durch Anschläge und Attentate weiter auf. Das kannst du den Leuten auch gar nicht vorwerfen irgendwie.

MZEE.com: Glaubst du denn, diese Angst ist tiefer verwurzelt und immer schon da und nur durch das Internet haben sie ein Sprachrohr gefunden, um dieser Furcht Ausdruck zu verleihen?

Marteria: Puh, das führt halt auf die Ursprungsfrage von Rassismus zurück. Rassismus ist wie so eine Dampflok: Die fährt einfach immer weiter. Die hätte längst den Betrieb einstellen müssen, aber irgendwer steigt immer wieder darauf ein. Die Angst ist ja nach Anschlägen einfach am größten, das schürt sie tatsächlich ungemein. Kein Wunder, bedenkt man, dass man nur vier Stunden fliegen muss und plötzlich im Kriegsgebiet ist. Es knallt einfach an jeder Ecke, es fühlt sich nah und unmittelbar an. Wenn sich die Angst trotzdem nicht aufstauen soll, muss man sich damit beschäftigen – und zwar nicht nur in Netz-Kommentaren. Ich finde ja auch, dass junge Leute nach der Schule erst einmal ein Soziales Jahr machen sollten – aber nicht Hobby-Urlaub, sondern in Ländern, in denen du wirklich mal Krisen siehst. Das erweitert dann plötzlich deinen Horizont ganz anders, wenn du merkst, dass es für viele ein Problem ist, dass sie einfach nichts zu essen haben. Diese Ungerechtigkeit musst du einfach mal gesehen haben, um sie zu verstehen.

MZEE.com: Wie wichtig ist es dir, solche Krisengebiete weiterhin aus nächster Nähe zu betrachten, auch auf eigene Gefahr hin?

Marteria: Unfassbar wichtig. Man muss sich immer selbst ein Bild machen, um es besser zu bewerten. Daher bin ich vor einigen Jahren auch nach Palästina und Israel gereist zum Beispiel. Und ganz ehrlich? Die Orte, von denen dir am meisten abgeraten wird, weil sie zu gefährlich wirken, bergen die krassesten Erfahrungen. Du triffst ganz andere, ganz tolle Leute. Fahr da einfach nicht mit der teuersten Kette und den neuesten Nikes hin, sondern sei ein Teil von ihnen, dann kommst du in Situationen, die dir als Mensch wahnsinnig viel geben.

MZEE.com: Denkst du da an ein konkretes Erlebnis?

Marteria: Meine Reise nach Brasilien, wo ich mit Paul Ripke in Rocinha geschlafen habe. Der Stadtteil von Rio de Janeiro gilt ja als harte Favela, und ja – natürlich passiert da auch viel Wahnsinn. Aber wenn du dich da ganz normal verhältst, triffst du auf offene und tolle Menschen, die dir einfach einen Schlafplatz anbieten, weil sie dich mögen. Die teilen dann brüderlich ihr letztes Stück Fleisch mit dir. Das entsteht ganz natürlich, weil Leute neugierig sind, was du zu sagen hast. Diese Gespräche, bei denen du merkst: "Die reden über den gleichen Scheiß wie wir. Über den Lieblingsverein Manchester United, über das, was du im Leben willst, über deine Leidenschaften." Die Leute haben Träume, haben Wünsche. Wer sich diese Geschichten anhört und sich für die Kultur interessiert, findet auch Freundschaften. Solche Situationen entstehen nur, wenn dir klar wird, dass wir alle im Grunde genommen gleich sind. Das sind Erfahrungen, die sind einfach Gold wert für dich als Mensch. Und auch für meine Musik essenziell übrigens! Meine neueste Platte beschäftigt sich ja auch nur mit Erlebnissen der letzten zwei, drei Jahre. Plus dem ein oder anderen autobiografischen Song natürlich. Solche Tracks entstehen eben in Extremsituationen.

MZEE.com: Trotz dieser tiefen Eindrücke und politischen Ansichten wirst du von vielen Medien auch als Pop-Rapper wahrgenommen. Wie beurteilst du diese Einordnung denn selbst?

Marteria: Das kann ich gar nicht richtig. In erster Linie bin ich eben Rapper, nicht Songwriter oder Sänger. Ich komme aus Freestyle-Cyphern. Ich musste mich behaupten, Orgi war der Einzige, der mir ein Studio zur Verfügung stellen wollte. Ich kenne mich mit der Kultur aus, ich bin HipHopper. Und dann machst du ein Album, bei dem plötzlich ein Song auch über die Rap-Grenzen hinaus krass erfolgreich wird. Dann bist du automatisch mehr Mainstream, weil du halt eine Halle mit 10 000 Leuten vollmachst, das sind natürlich nicht alles HipHop-Heads. Da sind viele, für die "Lila Wolken" oder "Kids" ein wichtiger Song im Leben war, mit dem du sie durch ihre Jugend begleitest. Die Platten, die ich mache, sind aber immer noch richtige HipHop-Platten. Ich gehe jedes Album sehr Rap-mäßig an und mache mir keine Gedanken, da einen krassen Radio-Song schreiben zu müssen. Wie da Hits draus werden, da rätseln die Krauts und ich auch oft selbst drüber. Zum Beispiel wissen wir bis heute nicht, wie solch ein "undergroundiger" Song wie "Kids" so einen Erfolg haben konnte. Der Beat hat absolut nichts mit Radio zu tun, nur die Hook hat die Leute gecatcht. Aber in erster Linie bestehe ich halt immer noch in jeder Freestyle-Cypher, ich will gar nicht in diese krasse Pop-Welt. HipHop ist die Musik, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Mein ganzes Leben, jeder Cent, den ich verdiene – das habe ich Rap zu verdanken. Deshalb bin ich ja auch immer ein bisschen angefressen, wenn du das als Außenstehender verarschst. Du veräppelst dann ein Stück weit das, was ich bin. Du kannst witzig sein, aber verarsch' die Kultur nicht.

MZEE.com: Ich musste kurz schmunzeln, weil ich sofort, nachdem du Freestyle-Cyphers angesprochen hast, an deinen "Feuer über Deutschland"-Auftritt gedacht habe ...

Marteria: (lacht) Okay, das war aber auch krass wack. Da musste ich auch einen Text vorbereiten, das kann ich überhaupt nicht. Dieses Acapella-Ding, das konnte ich einfach noch nie. Da waren andere viel spontaner. Wir hatten damals eigentlich gute Punchlines parat, aber die kamen überhaupt nicht an, weil wir die nicht rüberbringen konnten. Da war ich viel zu aufgeregt. Das sieht man vor allem dann, wenn man das mit so einem Laas Unltd. vergleicht, der bei Rap am Mittwoch einen anderen komplett niedergemacht hat zuletzt. Wir waren aber trotzdem total geknickt, als wir bei FüD verloren haben. Ich musste eben erst noch herausfinden, was meine Stärke ist. Wir haben ja früher sehr viel mit Doubletime und krassen Reimen gearbeitet, aber in diesen Disziplinen gab es immer bessere Leute, die das geiler konnten. Da musste ich erst noch herausfinden, was ich kann. Eine Message rüberzubringen, mit verrückten Wortspielereien einen anderen Blick auf die Welt zu geben oder eben den Marsimoto-Film. Das kann ich, Acapellas eher nicht.

MZEE.com: Diese Battlerap-Szene erlebt gerade eine regelrechte Renaissance. Verfolgst du solche Events wie Rap am Mittwoch oder Don't Let The Label Label You denn noch?

Marteria: Klar. Wenn da gute Battles sind, wie es bei DLTLLY oft der Fall ist, dann schau' ich das total gerne. Ich war ja auch ziemlich oft bei Rap am Mittwoch in Berlin am Start. Ich finde, das ist einfach wahnsinnig kreativ und vielseitig, wenn auch nicht immer gut. Neulich war ja auch dieses Battle mit der Rapperin bei DLTLLY (Anm. d. Red.: Nedal Nib vs. Pilz auf der Tapefabrik). Das war richtig unangenehm. Wie die sich da angeschrien haben, der unfassbare Hass. Aber: Das ist immer noch besser als sich auf die Fresse zu hauen. So ist das ja auch entstanden, dass du dich mit Skills misst und dich nicht abballerst – wobei, in New York haben sie ja gerne beides gemacht. (lacht)

MZEE.com: Wieso fandest du dieses Battle denn unangenehm? Das wurde auf Facebook zuletzt ja heftig diskutiert, weil Pilz dabei ein Kopftuch aufgezogen hat und sich viele Moslems angegriffen gefühlt haben.

Marteria: Ja, da siehst du die Unterschiede, die wir vorhin schon angesprochen hatten. In der Halle standen Leute, die verstanden haben, was sie da macht, und bewertet haben, was fresher ist – und da hat sie halt gewonnen, unabhängig vom Geschlecht und ob irgendwas im Battle zu hart war. Weil die HipHop-Heads halt reflektieren konnten und wissen, dass beim Battle generell alles erlaubt ist. Und da siehst du den Unterschied zum Internet: Die Leute, die nicht dabei waren und im Nachhinein haten und irgendwelche Morddrohungen auspacken wegen Dingen, die sie nicht verstehen. Das ist die große Wackness. Wieso endet die Sportlichkeit denn in der Religion? Ist es denn okay, wenn du im Battlerap über Schwule herziehst? Das war mir furchtbar unangenehm, die nicht vorhandene Reflexion, mit der die Leute das sehen.

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MZEE.com: Du hast vorhin schon gesagt, dass du diese Fähigkeiten zur Reflexion unter anderem auch aus deinen Reisen ziehst. Um Musik zu produzieren, besuchst du ebenfalls häufig andere Länder. Was genau macht für dich den Unterschied aus, im Ausland oder hier in Deutschland zu produzieren? Bist du dort kreativer?

Marteria: Eigentlich nicht, nein. Ich habe mir mal gesagt, dass, wenn ich eine Reise mache, ich ein Thema von dort mitbringen will, eine Song-Idee quasi. Aber ein guter Song kann bei mir auch an der Raststätte zwischen Hamburg und Rostock entstehen. Alle Ideen und Eindrücke, die ich hierzulande und rund um die Welt gesammelt habe, werden dann in Berlin sortiert und aufgearbeitet, zusammen mit den Krauts. Die haben da direkten Einfluss. Drei Jungs, die eine Meinung und einen krassen Anspruch an Musik haben. Wenn einer von uns in dieser Phase den Song oder die Idee nicht geil findet, kommt sie auch nicht auf die Platte. Das ist für mich das Wichtigste: das, was am Ende rauskommt, das Album.

MZEE.com: Nimmt für dich das Album noch einen höheren Stellenwert ein als beispielsweise ein Mixtape?

Marteria: Total. Das Album an sich als Produkt zählt für mich immer noch immens. Ich weiß, dass viele Leute aus dieser Trap-Richtung das verteufeln und ihre Musik weitestgehend ungefiltert auf Mixtapes und EPs veröffentlichen, aber für mich zeigt sich die Vielseitigkeit eines Künstlers erst auf einem Album. Ob man eine Verbindung zum Künstler hat, das offenbart dir kein Mixtape. Du kannst da natürlich richtig geile Songs drauf haben und tolle Musik machen, das ist ja nicht der Punkt. Mir ist es halt wichtiger, eine Identität zu schaffen und auf Albumlänge zu überzeugen. Auf 13 oder 14 Songs alle Facetten zeigen. Auch Schwächen! Sagen, was man nicht kann, worüber man im Nachhinein anders denkt. Darum war auch "Russisch Roulette" von Haftbefehl so ein krasses Straßenalbum, weil er sich dessen bewusst wurde. Und ein Album muss all diese Fähigkeiten an einen roten Faden binden. Bei meiner neuesten Platte ist das eben dieses Fremdsein, obwohl diese persönlichen Geschichten auf "Große Brüder" und "Skyline mit zwei Türmen" noch mal einen ganz anderen Blickwinkel auf das Thema werfen.

MZEE.com: Letzteren Track hast du jetzt schon häufiger erwähnt. Da rappst du: "Hab' dich nie mehr besucht, wer weiß, was dann passiert? Dann bleib' ich wohl bei dir", und sprichst dabei über deine Zeit in New York. Glaubst du wirklich, dass das Fernweh dich und deine Familie mal dort hinziehen könnte?

Marteria: Erst mal: Ich war tatsächlich nie wieder da, nachdem ich mit 17 ein Jahr lang dort gelebt habe. Ich bin aber furchtbar gespannt, was mich dort erwartet, wenn ich wieder hinfahre. Für mich ist New York eine der krassesten Städte der Welt. Deshalb bin ich auch so zwiegespalten und aufgeregt. Was hat sich verändert, wie ist der Vibe der Stadt, auch nach dem 11. September? Als ich dort war, gab es die zwei Türme noch, mit Rudy Giuliani außerdem eine harte Hand im Bürgermeister-Amt. Da wurden die Gangs gerade langsam aus vielen Stadtteilen verdrängt. Wie ist es jetzt? Mehr Hipster-mäßig? Damals war alles so furchtbar intensiv. Ein heftiges Beispiel: Ich wollte zuallererst die HipHop-Läden dort abklappern. Da fahre ich mit der U-Bahn Richtung Brooklyn, steige aus und plötzlich höre ich Schüsse, direkt vor meiner Nase. Zwei Streifenwagen fahren mit vollem Tempo an mir vorbei. Das waren meine ersten Eindrücke dieses Viertels, kein Scherz! Heute, das sagen mir viele Freunde, ist genau diese Ecke gentrifiziert und alle sitzen friedlich in Cafés.

MZEE.com: Wie betrachtest du diese Zeit im Nachhinein?

Marteria: Spannend, aber auch furchtbar einsam. Ich war wirklich sehr allein. 18 Jahre alt, keine Freunde, alles neu – ich habe dann zum Glück aber ein paar Menschen kennengelernt, die bei mir in der Model-Agentur gearbeitet und auch gerappt haben. Einer davon aus Atlanta, mit dem ich dann eines Abends nach Harlem gegangen bin. Da haben wir dann zu fünft gefreestylt – zwei Leute aus Atlanta, zwei New Yorker Rapper und ich, der weiße Freestyler aus Deutschland. Auf Deutsch gefreestylt, mitten in den USA. Das klingt so irre! Die haben mich aber total abgefeiert. Das sind einfach wahnsinnige Erinnerungen an diese Zeit, die mich auch prägen. Mittlerweile habe ich genau deswegen aber auch viel Ehrfurcht vor dieser Stadt. Deswegen ist die Zeile "Da bleib ich wohl bei dir" auch ... (überlegt) Ich weiß gar nicht, ich hab' das einfach gefühlt, ehrlich. Das kann wirklich passieren, weil New York einfach so geil ist.

MZEE.com: Dich hat der Vibe der Stadt damals offensichtlich total fasziniert. Kannst du irgendwie in Worte fassen, wieso? Die Sehenswürdigkeiten werden dich ja kaum dort gehalten haben.  

Marteria: Nee, das ist es gar nicht, klar. Der Song soll eigentlich genau diese Gefühle in Worte fassen. Deswegen habe ich auch viele Zeilen darin verarbeitet, die ich aus einem Reimbuch habe, welches ich damals dort geschrieben habe. "Ich bin jetzt schon fast 18, beiße in den großen Apfel", das ist die erste Zeile von dem Song. Die hab' ich damals geschrieben. Ich habe bestimmt sieben oder acht solcher Notizbücher vollgemalt. Dann haben wir mit den Krauts einen typischen "New York"-Beat gepickt und gemerkt, wie wenig das zur Stimmung passt. Deswegen ist er jetzt viel düsterer, weil ich mich einfach allein gefühlt habe auch. Nicht so klassisch, wie man es erwartet, nein. Exakt so, wie ich mich damals gefühlt habe: Verloren, 17 Jahre alt, irgendwie durchhustlen. Die Zeit, als dir deine Mutter 100 Mark aus der Heimat schickt, weil du wieder nichts zu essen hast. Das stammt ja noch alles aus der Model-Zeit, das war ja kompletter Bullshit. Das war zwar mein Job, aber Geld hast du damit kaum verdient. Das ist die wirkliche Realität. Nicht, dass du mal den Model-Traum gelebt hast, sondern dass deine Mutter dir 'nen Hunni überweisen musste, damit du über die Runden kommst. Auf der anderen Seite war da dieses Gefühl, jeden Tag aufzustehen und zu wissen: "Geil, ich bin in New York." Trotz des anstrengenden Lebens dort und dem Heimweh nach all deinen Freunden, vor allem in dem Alter. Genau wegen diesem Zwiespalt ist der Song und der Beat so doll und so düster, weil ich meine Erfahrungen da verarbeitet habe. Ich habe den ersten New York-HipHop-Song aus Deutschland gemacht, wenn du so willst. (lacht)

MZEE.com: Es ist sehr faszinierend, dass du für diesen Song noch mal ein so altes Reimebuch ausgegraben hast. Kam das auch in anderen Songs zum Einsatz?

Marteria: Ich habe die alle mal wiedergefunden in einer großen Kiste. Als ich die durchblätterte, musste ich mich totlachen über den Wahnsinn, den ich da geschrieben habe. Bei der letzten Platte hatte ich die aber auch schon verwendet. Bei "Gleich kommt Louis", der Song für meinen Sohn, um die Gefühle von damals einzufangen. Mit Alkoholfahne ins Krankenhaus stürmen und realisieren: "Scheiße, ich kriege ein Kind." Für solche Momente sind die alten Notizen perfekt. Das sind dann diese Songs, die ein Thema aus der Vergangenheit widerspiegeln, die du auch wirklich nur einmal schreiben willst. Und dafür muss ich eben immer die bestmöglichen Bilder finden, um den Track zu perfektionieren. Und da findet man dann Lines wie die "in den großen Apfel beißen"-Zeile und freut sich tierisch über die geile Metapher, obwohl man die damals vermutlich nur für den Doppelreim geschrieben hat. Durch sowas bist du als Hörer direkt in meinem Kopf, in den Gedanken eines 17-jährigen Typen, der allein in New York ist. Das macht für mich Musik auch aus, diese magischen Momente. Ich freue mich total drauf, den live zu spielen, weil man da auch immer selbst ein kleines bisschen Gänsehaut bekommt.

MZEE.com: Man merkt, da muss jemand aber definitiv noch mal nach New York, nach der ganzen Schwärmerei.

Marteria: (lacht) Nee, nee. Ich häng' viel lieber in L.A. rum. Mit Paul Ripke und den ganzen Damen, die er sonst so fotografieren darf. Der Idiot. (lacht)

MZEE.com: Zum Abschluss darf auch eine grüne Frage nicht fehlen, nachdem Marsimoto vorhin auch schon zur Sprache kam: Auf den letzten Alben war dein Alter vertreten, jetzt nicht mehr. Hat das inhaltliche Hintergründe? Wie wichtig ist dir eine inhaltliche Trennung zwischen einem Album als Marteria und einem als dein grüner Freund?  

Marteria: Eine Sache stimmt, es ist jetzt kein Feature mehr von Marsi drauf. Aber: Ich finde, diese Platte verkörpert Marsimoto viel mehr als die letzten Alben. Der Sound, der Vibe vom Rap-Flow bei Liedern wie "Roswell" oder "Blue Marlin": Da steckt ganz viel drin. Meiner Meinung nach ist das die krasseste Marsi-Marteria-Symbiose-Platte, die ich je gemacht habe, obwohl er selbst gar nicht vertreten ist. Mein Endziel ist es ja, dass Marteria und Marsimoto irgendwann eins werden. Das kann dann auch gut und gerne das letzte Album sein – und danach werde ich professioneller Angel-Guide oder so. (lacht)

(Sven Aumiller)
(Fotos von Paul Ripke)