HighFive_FINAL

High Five: 04 /​​​​ 17 – mit u.a. Gerard, Pilz, Bounce Brothas

Der Deutschrapzirkus ist ein um­trie­bi­ger Schauplatz. Zwischen all den Promophasen und Albumveröffentlichungen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Deshalb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stelle die klei­nen, fei­nen Highlights vor, die ab­seits des Album-Korsetts Beachtung ver­die­nen. In den Kategorien Statement, Video, Song, Instrumental und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redakteure hand­ver­le­sene Schmuckstücke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Message oder ein run­des mu­si­ka­li­sches Gesamtpaket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Einblick in ein­zelne Facetten der Rapwelt ge­bo­ten. Fünf Höhepunkte – klatscht in die Hände für un­sere "High Five"!

 

Statement: Pilz

Was das Statement des Monats angeht, könnte man sich wohl auf viele Redner einigen, obwohl das behandelte Thema doch das gleiche wäre: das DLTLLY-Battle zwischen Pilz und Nedal Nib. In ihrer zweiten Runde zog sich Pilz ein Kopftuch an und verhöhnte ihren Gegner auf eine Art und Weise, die im deutschen Battlerap bisher unberührt blieb. Kreativ und treffend, könnte man meinen – was aber von einigen Seiten an Resonanz folgte, war purer Hass. Die Rapperin sah sich sogar mit Gewalt- und Morddrohungen konfrontiert. Genau zu dieser erschreckenden Doppelmoral gab es eine Flut an Äußerungen von Rappern, Medien und Fans, die sich für die Künstlerin aussprachen und ihren Rücken stärkten. Das Statement des Monats kommt jedoch von Pilz selbst. Hier ein kurzer Auszug aus ihrem "Appell an die Vernunft":

"Aber es kann niemals im Sinne eines Gottes sein, solche Dinge mit Gewalt zu lösen. Ich kann damit leben, dass mich Menschen für meine Performance hassen. Und meinetwegen schreibt mir das auch, wenn es euch hilft. Aber wenn ihr mich deshalb ernsthaft tot sehen wollt, dann zieht ihr eure eigene Religion selbst in den Dreck. Keine Pointe."

 

Video: Bonez MC & RAF Camora feat. Gzuz & Maxwell – Kontrollieren

Schon im vergangenen Jahr gab es für die Palmen aus Plastik einen goldenen Überzug, seit dem Frühjahr 2017 regieren RAF Camora und die 187 Strassenbande nun als "Team Platin". Damit zählt man auch verkaufstechnisch endgültig zu den ganz Großen des Geschäfts. An diesem Erfolg von Anfang an beteiligt: Videoproduzent Shaho Casado. Er sorgt visuell dafür, dass die Jungs "kontrollieren". Ob nun über den Dächern der Großstadt oder in dunklen Gassen Bulgariens, Shaho weiß die Rapper stets in Szene zu setzen. In seinem neuesten Streich finden sich Bonez, RAF und Co. in Tokio wieder – inklusive 187-typischer Streetrap-Elemente. Heiße Damen, noch heißere Schlitten, alles unterlegt mit hektischen Schnitten und eindrucksvollen Bildern der asiatischen Metropole. Besonders die Kolorierung und Nachbearbeitung geben dem Video von "Kontrollieren" noch mal einen besonderen Touch, den Shaho Casado vielleicht wie kein Zweiter in Deutschland inszenieren kann. So fängt der Regisseur nicht nur den Vibe der Bande perfekt ein, sondern sichert sich auch völlig zurecht den Platz bei "High Five".

 

Song: Gerard – Konichiwa

Mit seinem Album "Blausicht" erschien der österreichische Rapper Gerard 2013 erstmals auf der großen Bildfläche. Dass er bis zu diesem Zeitpunkt aber schon zwei Solo-Alben releast hatte, blieb bei vielen unter dem Radar. Die beiden Werke "Rising Sun" und "Blur" unterschieden sich klanglich von dem, wofür der Wahl-Wiener später bekannt werden sollte. Und deshalb ist sein neuer Song "Konichiwa" so besonders. Denn dieser knüpft an den Sound alter Gerard-Tracks an, der mit einer düsteren Atmosphäre, heruntergebrochenem Instrumental und futuristischen Elementen überzeugte. Das Londoner Producer-Duo Palastic sorgt dafür, dass man genau diesen Sound auf "Konichiwa" wieder zu hören bekommt. Der Rapper selbst weiß seine dunkle Stimme gekonnt einzusetzen und trägt dabei pathetische Zeilen vor, mit denen er sein "innerliches Kind" weiter auslebt. Es kommt öfters vor, dass Rapper musikalisch zurück zu ihren Wurzeln gehen – was jedoch eher selten wirklich gelingt. Hier ist das definitiv anders. Der wundervoll dunkle Sound sowie Gerards Stimme machen "Konichiwa" eindeutig zum Song des Monats.

 

bounce-brothas

Instrumental: Bausa – Intro (prod. Bounce Brothas)

Intros sind oftmals belanglose, kurze Tracks, die kaum einen Mehrwert für ein Album darstellen. Nicht so jedoch auf Bausas "Dreifarbenhaus". Hier ist das "Intro" ein überaus starkes Stück Musik, das sich hinter der restlichen Tracklist nicht zu verstecken braucht. Das liegt sowohl am Text und Bauis eindringlichem Stimmeinsatz als auch an dem großartigen Instrumental der Bounce Brothas. Dieses beginnt recht unscheinbar mit sphärischen Streicher- und Harfenklängen. Anschließend baut es sich jedoch durch den Einsatz von weiteren Instrumenten, Drums und Stimmfetzen so lange auf, bis sich die Spannung schließlich in einem Pathos-geschwängerten, hämmernden Pianobeat entlädt. Sobald dieser einsetzt, verschmelzen Text und Musik in energiegeladener Symbiose. Poppige Produktionen, die so überschwänglich emotional sind, gibt es in der deutschen Musiklandschaft zuhauf. Allerdings sind diese meist so abgedroschen und berechnend produziert, dass sie bereits nach dreimaligem Hören Langeweile verursachen. In diese Falle treten die Bounce Brothas keineswegs. Stattdessen steht das "Intro" von Bausas Debütalbum exemplarisch für den nachfolgenden frischen Sound des gesamten Werks.

 

Line: Kraftklub – Fenster

Ob nun Bomben fallen auf Afghanistan und den Irak:
Wie es dir geht, hat mal wieder überhaupt keiner gefragt!

Man kann natürlich von Kraftklub halten, was man will. Und sich darüber streiten, ob die Karl-Marx-Städter denn überhaupt noch was mit HipHop zu tun haben oder nicht. Das ändert aber nichts daran, dass sie durchaus manch starken Text hervorbringen. So war es letztendlich Felix Brummer, der auf "Fenster" die Line des Monats brachte. Denn in den zwei Zeilen steckt in gewohnt amüsanter Manier so viel Wahrheit. So viele Menschen gehen auf die Straße, demonstrieren, zünden Häuser an und spielen sich als Wutbürger auf. Und warum? Am Ende immer aus reinem Egoismus und – wie auch die darauffolgenden Zeilen zeigen – weil die Schuld für das eigene Leid stets bei den anderen gesucht wird. Schade, wenn dabei die richtig großen Probleme völlig verdrängt werden. Schön allerdings, dass Jungs wie Kraftklub ihre Reichweite auch öfters mal nutzen, um viele Menschen wieder auf derartige Themen aufmerksam zu machen.

(Lukas Maier, Sven Aumiller, Fabrizio Perri, Steffen Bauer, Lukas Päckert)