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Veedel Kaztro

Köl­ner Rapf­ans ist Vee­del Kaz­tro schon eini­ge Zeit ein Begriff. Über die letz­ten Mona­te und Jah­re mach­te sich der jun­ge Künst­ler auch über die Gren­zen der Dom­stadt einen Namen. Den nächs­ten Schritt möch­te er mit dem "Büd­chen Tape III" machen, das seit dem 31. März 2017 in den Läden steht. Poli­ti­sche State­ments, Iro­nie, Selbst­kri­tik und eine Por­ti­on Cle­ver­ness zeich­nen die Plat­te aus. Und genau das "ist stets abso­lu­ter Hör­ge­nuss und inhalt­lich extrem unter­halt­sam", wie unser Redak­teur Dani­el Fersch in sei­ner Review befin­det. Die The­men für das Inter­view, wel­ches wir mit Vee­del Kaz­tro in den hei­li­gen Hal­len des Labels Mel­ting Pot Music führ­ten, waren daher schnell gefun­den. So spra­chen wir mit ihm über Poli­tik in der Rap­mu­sik und sei­ner Hei­mat­stadt sowie den schma­len Grat zwi­schen Lokal­pa­trio­tis­mus und Ras­sis­mus bezie­hungs­wei­se Natio­na­lis­mus. Dar­über hin­aus mach­ten wir sei­ne Sicht auf die deut­sche Rap­sze­ne und natür­lich sein neu­es­tes Werk zum The­ma.

MZEE​.com: Am 31. März 2017 erschien das "Büd­chen Tape III", ange­kün­digt mit den Wor­ten "strai­ght up nächs­tes Level". Was hat sich im Ver­gleich zu den letz­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen ver­än­dert?

Vee­del Kaz­tro: Ich wür­de sagen, dass es inhalt­lich so ist, wie es immer schon war. Des­we­gen ist es auch eine Fort­set­zung der Tapes und Geist, Humor, The­men­aus­wahl und Hal­tung bestehen fort. Nun ist es eben so, dass sich seit dem letz­ten Teil 2014 sound­mä­ßig eini­ges ver­än­dert hat. Das ist dort ein­ge­flos­sen. Es ist auch so, dass es nicht mehr aus­schließ­lich Sam­ple­beats sind. Es sind jetzt vie­le Synthie-​Sachen, die­se rol­len­de Hi-​Hat … Und ich wür­de sagen, es wird schnel­ler gerappt. Ich habe dar­auf Wert gelegt, dass die Sachen live abge­hen und knal­len. Ich bin damit zufrie­den, dass das eine mit dem ande­ren so har­mo­niert. Außer­dem haben wir an der Rei­hen­fol­ge gefeilt, sodass die Kon­tras­te nicht so hart neben­ein­an­der­ste­hen und damit Brü­cken gebaut wer­den.

MZEE​.com: Was sind dabei dei­ner Mei­nung nach die größ­ten Ände­run­gen?

Vee­del Kaz­tro: Stich­wort Clou­d­rap und Trap. Das gab es in Ame­ri­ka, klar, aber hier­zu­lan­de noch nicht so viel. Mitt­ler­wei­le sind ja sehr vie­le an den Start gekom­men und der Main­stream klingt auch sehr danach. Wir woll­ten uns da nicht irgend­wie anbie­dern oder so. Aber ich mache das eigent­lich schon immer. Wenn man an den Song "Lie­gen Flie­gen" oder "Vee­del Kaz­tro sei­ne Video­sin­gle" und "Gäs­te­lis­te" denkt, dann haben wir schon die­se Art von Beats beackert. Ich glau­be, wir waren rela­tiv früh damit, bevor die ganz gro­ße Explo­si­on kam und, wie gesagt, inzwi­schen recht viel so klingt. Ich glau­be aber, dass wir wei­ter­hin bei­des machen und den Spa­gat gut hin­be­kom­men.

MZEE​.com: Mir sind in dei­nem Pres­se­text ein paar State­ments auf­ge­fal­len wie: "Vee­del K bleibt läs­sig, trägt das Herz am rech­ten (sprich lin­ken) Fleck und zeigt Hal­tung, wo ande­re MCs Eltern­tei­le belei­di­gen oder ein­fach nur die Haa­re schön haben." – Das klingt nach Kri­tik an der aktu­el­len Rap­sze­ne. War­um ver­spürst du die­se Art von Abnei­gung?

Vee­del Kaz­tro: Der Name Vee­del K deckt ande­re The­men ab, als sie im Main­stream üblich sind. Was ich am schlimms­ten fin­de, ist, dass man etwas hört, was man schon tau­send Mal gehört hat, und sich Leu­te gegen­sei­tig kopie­ren. Und es ist halt im Rap viel Ober­fläch­lich­keit, Geprol­le und mate­ria­lis­ti­sches Gepo­se – wobei ich aber natür­lich auch das teil­wei­se feie­re, was in die­se Rich­tung geht. Mein Anspruch ist aber, etwas ande­res zu erzäh­len. Bei mir gibt es das zwar auch, zum Bei­spiel die drit­te Sin­gle "Gib ihm", wo es eben nur um Sprü­che geht, aber mir wür­de das halt nicht rei­chen, sowas aus­schließ­lich zu machen. Des­we­gen habe ich breit gefä­cher­te The­men­be­rei­che.

MZEE​.com: Neben der Rap­sze­ne hast du auch poli­ti­sche The­men auf­ge­grif­fen. So wird unter ande­rem ein "LMS 2017" an alle AfD-​Wähler, Ras­sis­ten und Sexis­ten aus­ge­ru­fen …

Vee­del Kaz­tro: Es ist ein Kom­men­tar zum aktu­el­len Gesche­hen. 2016 war natür­lich das Ent­ste­hungs­jahr und das Jahr, in dem ich die Tex­te geschrie­ben habe. Ich hat­te das Gefühl, dass es geprägt war von Gut­bür­ger­tum, Panik­ma­che in den Medi­en, Angst und einer all­ge­mei­nen Hys­te­rie in der Bevöl­ke­rung – die­ses Gefühl habe ich heu­te noch. Mein Ding ist halt, die The­men anzu­spre­chen, die mich beschäf­ti­gen. Es sind sehr kom­ple­xe The­men­fel­der und es ist schwer, in zwei Mal 16 Zei­len die Welt zu erklä­ren. Das will ich auch gar nicht, aber es ist mir sehr wich­tig, die­se zur Spra­che zu brin­gen. Rap ist dafür da, dass er Sprach­rohr ist und Sachen anpran­gert.

MZEE​.com: Wenn man an dei­ne poli­ti­schen State­ments denkt: Wie fin­dest du es, wenn man dich nur auf die­se The­men redu­ziert?

Vee­del Kaz­tro: Ich wür­de es auf jeden Fall nicht gut fin­den, wenn man mich als Polit­rap­per bezeich­nen wür­de. Es ist eben nur eine Facet­te, aber bis­her ist es tat­säch­lich nicht vor­ge­kom­men, dass jemand nur das sieht. Es ist bei die­sem Album und bei denen davor so, dass es vie­le ver­schie­de­ne The­men gibt. Das bekom­men die Leu­te auch mit und das ist gut so.

MZEE​.com: Bei dir neigt man dazu, nach poli­ti­schen The­men zu fra­gen – sicher auch, weil sie einen selbst beschäf­ti­gen. Dass die Leu­te dar­über nach­den­ken, ist ver­mut­lich das, was du errei­chen willst, oder?

Vee­del Kaz­tro: Na klar. Es ist in letz­ter Zeit auch stär­ker aus­ge­prägt, dass Songs die­ses The­ma behan­deln.

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MZEE​.com: In dei­ner Musik sprichst du dich gegen Ras­sis­mus und Natio­na­lis­mus aus. Als Köl­ner bist du wie­der­um gro­ßer Lokal­pa­tri­ot. Ist das für dich in Ein­klang zu brin­gen oder wur­de dir schon vor­ge­wor­fen, dass da ein Wider­spruch besteht?

Vee­del Kaz­tro: Das ist eine gute Fra­ge, weil es ein schma­ler Grat ist. Ich fin­de, da kommt es drauf an, mit wel­cher Wort­wahl, was für einem Stil und mit wel­cher Sen­si­bi­li­tät man da ran geht. Stump­fe Lob­hu­de­lei wäre mir da zu bil­lig. Ander­seits gibt es genug Kar­ne­vals­bands, die nur von dem schö­nen Köln erzäh­len. Etwas unre­flek­tiert, nur auf Emo­tio­nen aus und die gan­ze Zeit das Herz berüh­ren und gemein­schaft­lich sin­gen – das ist nicht meins. Aber im Rap ist das auch Stan­dard und nicht ver­werf­lich, sei­ne Stadt zu rep­re­sen­ten und aus dem Battle-​Gedanken zu zei­gen, dass hier was abgeht. Dabei schließt man auch sein Umfeld und die Freun­de mit ein, die ich rep­re­sen­ten will. Ich fin­de, man muss nur dar­auf ach­ten, wie man es rüber­bringt.

MZEE​.com: Du sagst, dass das The­ma unre­flek­tiert rüber­ge­bracht wird und es in Kar­ne­vals­songs kei­ne Kri­tik gibt. Gibt es Sachen, die du an Köln kri­ti­sie­ren wür­dest?

Vee­del Kaz­tro: Es gibt da sicher viel, das man kri­ti­sie­ren könn­te. Das will ich jetzt nicht machen. Aber wenn, ist es die Selbst­ge­fäl­lig­keit – und da wären wir wie­der bei der Lob­hu­de­lei. Wenn man sich zu geil fin­det in sei­nem Köl­ner Dasein und der Tra­di­ti­ons­pfle­ge. Das habe ich selbst noch nicht so krass erlebt, aber wenn ich etwas nen­nen müss­te, dann das auf jeden Fall. Das ist ja das Ding, wenn man sich so geil fühlt, dass ande­re unter einen gestellt wer­den, dann hört der Spaß auf. Das ist aber unab­hän­gig von Köln so.

MZEE​.com: Köln ist in letz­ter Zeit gefühlt zur Demo-​Hauptstadt gewor­den. Dazu gehört auch die AfD-​Veranstaltung am 22. April, zu der sich vie­le Musi­ker kri­tisch geäu­ßert haben und Pro­tes­te ange­kün­digt wur­den. Zudem schwe­ben die Ereig­nis­se von Sil­ves­ter 2015 noch immer über der Stadt. Wie siehst du die poli­ti­sche Ent­wick­lung? Ist von der Kam­pa­gne gegen rech­te Gewalt "Arsch huh, Zäng ussen­an­der!" noch etwas geblie­ben?

Vee­del Kaz­tro: Ja, auf jeden Fall. Die Leu­te haben gera­de einen Grund, raus­zu­ge­hen – und es wird dann auch dort aus­ge­tra­gen. Ich fin­de, wenn irgend­wel­che AfD-​Ottos kom­men, dann ist die Gegen­sei­te sehr prä­sent. Ich emp­fin­de gera­de aller­dings eine sehr auf­ge­heiz­te Stim­mung. Ich bin mir aber rela­tiv sicher, dass es hier vie­le Leu­te gibt, die AfD und Frem­den­hass nicht wol­len, dafür raus­ge­hen und denen nicht das Feld über­las­sen. Aber ob das in Köln stär­ker ist als anders­wo? Das in der Sil­ves­ter­nacht hät­te auch über­all pas­sie­ren kön­nen, ist halt jetzt hier pas­siert, aber das ist sehr viel aus­ge­schlach­tet wor­den – teil­wei­se sehr frag­wür­dig. Der Dis­kurs ist natür­lich wün­schens­wert und ich sehe das als etwas Posi­ti­ves an, wenn etwas the­ma­ti­siert wird und zu Pro­tes­ten kommt, anstatt dass kei­ner etwas sagt und alle ruhig sind.

MZEE​.com: Kom­men wir noch mal auf dei­ne musi­ka­li­sche Ent­wick­lung zu spre­chen. Ist es für dich eine Opti­on, den Weg als Rap­per haupt­be­ruf­lich zu gehen?

Vee­del Kaz­tro: Ja, das kann ich mir auf jeden Fall vor­stel­len. Ich möch­te natür­lich von so vie­len Leu­ten wie mög­lich gehört wer­den. Und es ist tat­säch­lich so in Bezug auf "Musik haupt­be­ruf­lich machen": Ich mache zwar noch Sachen par­al­lel, aber vor allem in letz­ter Zeit so viel mit Rap, dass es ein Job ist. Vie­le Sachen, auch außer­halb der Musik, sind wich­tig. Mitt­ler­wei­le habe ich das Gefühl, dass Facebook-​Likes und Soci­al Media-​Reichweite das fünf­te HipHop-​Element gewor­den sind. Es gibt tat­säch­lich viel zu tun, aber das ist gut so.

MZEE​.com: Mir ist auf­ge­fal­len, dass der Sound auf "Büd­chen Tape III" im Ver­gleich zu vor­he­ri­gen Relea­ses brei­ter gefä­chert ist. Wie du bereits sag­test, warst du 2014 einer der Ers­ten, die Trap und Clou­d­rap für sich ent­deckt haben. Hast du mal Gedan­ken dar­an gehabt, sound­tech­nisch eine neue Rich­tung ein­zu­schla­gen – auch anders als das, was du aktu­ell auf dem neu­en Album gemacht hast?

Vee­del Kaz­tro: Die hat­te ich auf jeden Fall, die habe ich auch immer noch. Wir müs­sen mal gucken. Ich bin jetzt sehr zufrie­den damit, die Kom­bi­na­ti­on ist sehr eigen, aber ich höre pri­vat ganz vie­le ver­schie­de­ne Sachen und Rap ist dabei ein klei­ner Pro­zent­satz. Ich habe aber ein paar Eisen im Feu­er, ein paar Visio­nen … Und damit wird Rap oder Musik viel­leicht gar nicht mehr so viel zu tun haben, son­dern da geht es um künst­le­ri­sches Schaf­fen auf ande­rer Ebe­ne. Da gibt es sehr vie­le Sachen, die mich auf­rich­tig inter­es­sie­ren und in die ich mich rein­fuch­sen will.

MZEE​.com: Ande­res The­ma: Vor kur­zem pos­te­te ich einen Vega-​Song auf der MZEE-​Facebookseite und jemand schrieb, dass er von einem Snaga-​Track gebi­tet wur­de. Die­ser war aller­dings älter. Kannst du dir vor­stel­len, dass es dir auch pas­siert und Leu­te gar nicht wis­sen, dass du schon Trap gemacht hast, als das noch gar nicht so üblich war?

Vee­del Kaz­tro: Auf jeden Fall, das ist auch schon pas­siert. Das war in Kom­men­ta­ren zu lesen, zum Bei­spiel bei dem "Respek"-Video. Da kann man nicht viel machen. Es ist am Ende eben einer von vie­len Songs, die sehr ähn­lich sind zu dem, was es heu­te gibt. Wobei halt immer mein eige­nes Ding mit drin ist und ich ken­ne sonst kei­nen Song, der sol­che Inhal­te hat – auch in der Kom­bi­na­ti­on mit dem Beat. Da kann man den Leu­ten nur raten: Schaut euch mal um und forscht etwas rum, was es noch so gibt. Aber das ist viel­leicht etwas viel ver­langt. Es ist auch nicht so schlimm. Die Leu­te erzäh­len immer irgend­was und ich mache ein­fach das, was ich gut fin­de. Und wenn es denen gefällt: per­fekt. Die­se Kom­men­tar­kul­tur ist bescheu­ert, aber auch irgend­wie unter­halt­sam. Da kom­men­tiert einer: "Gefällt mir nicht", und der ande­re ant­wor­tet dann mit: "Du Huren­sohn." (Geläch­ter) Aber ich mein', ich brin­ge schon etwas län­ger Vide­os raus und da hast du es immer wie­der. Damit musst du dich arran­gie­ren und da kanns­te nichts machen. Da ein­zu­kni­cken und sich den Kom­men­ta­ren anzu­pas­sen, wäre am schlimms­ten.

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MZEE​.com: Wie kommst du denn eigent­lich auf die gan­zen The­men und Inhal­te dei­nes musi­ka­li­schen Schaf­fens? Auch unter dem Gesichts­punkt, dass du über ande­re Musik viel Input bekommst und so die Gefahr besteht, dann doch etwas dop­pelt zu machen.

Vee­del Kaz­tro: Ich sit­ze jetzt nicht vor jedem Song und muss mich zwin­gen, noch mal ein neu­es The­ma zu machen, das ergibt sich halt von sel­ber. Wich­tig ist immer, Input zu krie­gen, wenn man etwas erschaf­fen will. Da muss man halt mit offe­nen Augen und Ohren durch die Welt gehen, die Sen­si­bi­li­tät ent­wi­ckeln und sei­ne Füh­ler über­all hin­stre­cken. Man muss auch inter­es­siert sein und ich habe zum Glück vie­le Inter­es­sen und kann mich begeis­tern. So kommst du auf die The­men. Ich lese viel und unter­hal­te mich viel mit Leu­ten. Das ist cool hier, denn zum Glück lebe ich in der Stadt, da bist du viel drau­ßen, triffst Men­schen und unter­hältst dich. Die Welt ist groß und da gibt es viel zu ent­de­cken.

MZEE​.com: Du liest viel – ist das aktu­ell schwe­re Kost oder eher humo­ris­tisch?

Vee­del Kaz­tro: Ja, aktu­ell ist es schwe­re Kost, aber sonst alles Mög­li­che. Bei uns gibt es so Bücher­schrän­ke drau­ßen, da kannst du Bücher rein­le­gen und wel­che raus­neh­men. Da lese ich gera­de die Klas­si­ker, zum Bei­spiel Max Frisch aus der Schweiz, der ist sehr nice. Gera­de ist es etwas aus den 60ern, "Stil­le" heißt das. Eigent­lich lese ich alles, teil­wei­se schwe­re Kost, teil­wei­se auch nicht … obwohl … eigent­lich ist es nur schwe­re Kost. (lacht)

MZEE​.com: Kom­men wir zu einem ganz ande­ren The­ma. Du hast kürz­lich mit "Sau­fen in Köl­le" einen Song zur fünf­ten Jah­res­zeit gebracht. Alt­ein­ge­ses­se­nen Köl­ner kri­ti­sie­ren genau das.

Vee­del Kaz­tro: Den Song?

MZEE​.com: Nein, nicht den Song. (Geläch­ter) Die The­ma­tik, das "Sau­fen rund um Kar­ne­val". Dass es nicht mehr ohne geht …

Vee­del Kaz­tro: Ja, das weiß ich. Ich habe den Song gemacht, um mich deren Kri­tik anzu­schlie­ßen. Da geht es um die Pro­ble­ma­tik "mein Leben läuft aus der Bahn, des­we­gen sau­fe ich in Köl­le". Die­se bei­den Schlag­wör­ter sol­len das run­ter­bre­chen, es ist ein rhe­to­ri­sches Mit­tel. Ich ken­ne die Stim­men und kann mich die­sen kom­plett anschlie­ßen, auch, dass Kar­ne­val zum Bal­ler­mann wird und das ist natür­lich nicht wün­schens­wert.

MZEE​.com: Da gibt es eine alte Band wie Brings, die "Besof­fe vör Glück" raus­bringt, wo man nur die­ses "Besof­fe" hört, das in die­se Ker­be schlägt. Dazu sieht man in der Bahn nur Besof­fe­ne, Kot­ze auf dem Boden und, und, und – da geht doch ein Stück Kar­ne­vals­kul­tur ver­lo­ren.

Vee­del Kaz­tro: Das ist rich­tig ekel­haft. Die haben schon recht, dass es mehr gewor­den ist. Ich wur­de da schon mehr­fach nach gefragt und ich habe das immer ver­tei­digt, auch, weil ich mehr dar­in sehe. Wenn man mal in klei­ne Eck­knei­pen in Sei­ten­stra­ßen geht, weg von dem Mas­sen­spek­ta­kel, dann tan­zen die Men­schen auf den Stra­ßen. Es gibt ganz vie­le Sachen, die das aus­macht. Allein die Musik, da gibt es ein gan­zes Gen­re und das ist gut. Ich lebe in der Süd­stadt und so, wie ich das mit­be­kom­men habe, mache ich mir kei­ne gro­ßen Sor­gen, dass es aus­stirbt. Und so wie es aus­sah, lebt es noch.

MZEE​.com: Blei­ben wir in Köln und spre­chen über Büd­chen. Was machen die Büd­chen aus und kannst du ein spe­zi­el­les emp­feh­len?

Vee­del Kaz­tro: Ja, in Köln-​Mülheim gibt es ein Büd­chen, da kos­tet das Gil­den Kölsch 80 Cent (lacht). Das ist auf jeden Fall bis­her der Rekord. Also, ich trin­ke Gil­den am liebs­ten. Aber mein Stamm­la­den ist auf der Zül­pi­cher, Kiosk König. Halil möch­te ich an die­ser Stel­le grü­ßen, das ist ein sehr guter Mann. Das ist ein Begeg­nungs­ort, du bist der Stra­ße qua­si aus­ge­setzt, jeder kann auf dich zukom­men, weil du dich eben im öffent­li­chen Raum befin­dest. Das kennt kei­ne sozia­len Gren­zen, jeder Mensch kann einem da begeg­nen. Das fin­de ich halt ganz gut, denn es könn­te ja eine Gefahr bestehen, dass man sich aus­schließ­lich in sei­nen Krei­sen auf­hält. Wenn man zum Bei­spiel an die kul­tu­rel­le Eli­te oder wel­che Eli­te auch immer oder eben das kom­plet­te Gegen­teil denkt, dass man halt aus­schließ­lich sei­ne Krei­se kennt und ein sehr ein­ge­schränk­tes Bild von der Gesell­schaft hat. Viel­leicht roman­ti­sie­re ich auch, aber ich habe es ken­nen­lernt, wenn man drau­ßen ist und vie­le unter­schied­li­che Leu­te unter­schied­li­cher Cou­leur trifft, mit denen spre­chen kann und dar­über ver­schie­de­ne Ein­bli­cke kriegt. Das macht es für mich aus.

MZEE​.com: Gibt es inter­es­san­te, unter­halt­sa­me oder gar sehr erns­te Din­ge, die dir schon in Büd­chen pas­siert sind? Was fällt dir da spon­tan ein?

Vee­del Kaz­tro: Da muss ich mal über­le­gen … Aber ich kom­me gera­de dar­auf. Wir haben da mal einen Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­ker getrof­fen, das war ganz inter­es­sant. Wir haben ein biss­chen dis­ku­tiert, aber irgend­wann gemerkt, dass es nicht geht, weil die Fron­ten so ver­fes­tigt waren. Ist jetzt viel­leicht nicht die inter­es­san­tes­te Sto­ry, aber es pas­siert halt immer irgend­was. Was ich aber gut fin­de: Man könn­te ja mei­nen, wenn an irgend­wel­chen Orten Alko­hol getrun­ken wird, kommt es zu Boxe­rei­en. Ich emp­fin­de hier das kom­plet­te Gegen­teil, zumin­dest da, wo ich mich rum­trei­be – und das sind vie­le ver­schie­de­ne Orte. Ich bin noch nie in irgend­wel­che brenz­li­gen Situa­tio­nen gekom­men.

MZEE​.com: Wir haben eben schon über dei­ne Zukunft gespro­chen. Wo soll es musi­ka­lisch für dich hin­ge­hen, auch wenn du ande­re Din­ge aus­pro­bierst?

Vee­del Kaz­tro: Ich wer­de auf jeden Fall wei­ter­hin Rap machen, das ist safe. Aber ich habe vor einem Jahr mit dem Kla­vier­spie­len ange­fan­gen, das mache ich sehr lei­den­schaft­lich, das gibt mir sehr viel und macht mir viel Spaß. In die­se Rich­tung wür­de ich ger­ne und ich will wei­ter Songs schrei­ben, wie ich es aktu­ell auch mache. Die hät­ten dann nicht mehr viel mit Rap zu tun und ich möch­te das auch nicht kom­bi­nie­ren. Aber da wären wir wie­der bei den unge­leg­ten Eiern. Wie gesagt, ich habe vie­le Inter­es­sen, wer­de da wei­ter­ma­chen und die­se durch­zie­hen.

MZEE​.com: Wenn man an "Büd­chen Tape III" denkt – ist das Pro­jekt wie bei vie­len ande­ren mit einer Tri­lo­gie abge­schlos­sen oder kom­men da noch Nach­fol­ger?

Vee­del Kaz­tro: Das Gute ist, die Tri­lo­gie ist jetzt schon mal voll. Dass es einen vier­ten Teil gibt, möch­te ich aber nicht aus­schlie­ßen. Ich wer­de aber eine Koll­abo machen mit Kuchen­mann. Das ist ein Rap­per aus Erlan­gen bei Nürn­berg, ein sehr talen­tier­ter Typ, den ich sehr ger­ne mag. Wir machen auf jeden Fall eine Koll­abo, das ist safe … Was halt cool ist, ist, dass man stän­dig neue Leu­te ken­nen­lernt – sowohl Rap­per als auch Pro­du­zen­ten – und sich dadurch neue Mög­lich­kei­ten eröff­nen und der Sound noch mal um eine Facet­te berei­chert wer­den kann. Es gibt kei­ne Gren­zen.

(Fabi­an Tho­mas)
(Fotos von Schi­ko)