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Pilz

"Mit Dank kommt sie jetzt in den Schrank und bleibt für immer abge­setzt", rapp­te einst Sido, als er sich von sei­ner Mas­ke ver­ab­schie­de­te. Ein Schritt, den Pilz im letz­ten Jahr selbst ging. Seit­dem steht sie auch mit ihrem Gesicht für jede Pun­ch­li­ne ein – egal, ob der Geg­ner nun irgend­ein Inter­netrap­per, der Welt­frau­en­tag oder die AfD ist. Wir haben die Lübe­cke­rin auf der Tape­fa­brik getrof­fen und mit ihr dar­über gespro­chen, wie es ihr seit die­sem Schritt aus der Anony­mi­tät ergan­gen ist. Außer­dem woll­ten wir wis­sen, wie es zu ihrem ers­ten Aca­pel­la Batt­le kam, das sie nach dem Inter­view bestrei­ten soll­te, war­um sie wäh­rend ihrer Auf­trit­te die Bibel rezi­tiert und wie man eigent­lich Haus­ver­bot im Wett­bü­ro bekommt.

MZEE​.com: Auf der Tape­fa­brik bestrei­test du dein aller­ers­tes Aca­pel­la Batt­le gegen den amtie­ren­den DLTLLY-​Champion Nedal Nib. Wie kam es zu der Geg­ner­wahl und wie bist du auf die Idee gekom­men?

Pilz: Ich fand die gan­ze Sze­ne immer schon inter­es­sant, auch schon zu VBT-​Zeiten, als sich "Rap am Mitt­woch" und Co. lang­sam ent­wi­ckelt haben. Die Leu­te von DLTLLY haben auch häu­fi­ger nach­ge­fragt, ob ich nicht mal Bock hät­te, ein Batt­le zu bestrei­ten. Klar, Bock hat­te ich immer, aber ich woll­te dann auch einen guten Geg­ner. Ich woll­te eigent­lich zuerst gegen eine Frau antre­ten. Des­halb habe ich ja ein­mal Kit­ty Kat gefragt, doch da kam tat­säch­lich eine offi­zi­el­le Absa­ge vom Manage­ment. (lacht) Irgend­wann hat mir DLTLLY eini­ge Geg­ner vor­ge­schla­gen und vor der Tape­fa­brik kam dann Nedal Nib zur Spra­che. Zu dem Zeit­punkt war er noch nicht offi­zi­ell Cham­pi­on, aber ich habe das Ergeb­nis vom Tit­le Match gespoi­lert bekom­men und war sofort begeis­tert von der Her­aus­for­de­rung.

MZEE​.com: Inwie­weit ist dei­ne Her­an­ge­hens­wei­se an die­ses Aca­pel­la Batt­le denn anders gewe­sen als bei einem nor­ma­len Batt­le­track oder in einer VBT-​Runde?

Pilz: Im Prin­zip ist es schon ähn­lich. In die­sem Fall gab es aber den Vor­teil, dass sich Nedal Nib schon einen Namen gemacht hat – den besit­zen vie­le beim VBT noch nicht, die hast du vor­her teil­wei­se nie gese­hen. Da schreibt man häu­fig wahl­los irgend­wel­che Pun­ch­li­nes zusam­men. Gegen Nedal kann ich viel mehr Geg­ner­be­zug auf­bau­en. Ich habe dann auch direkt nach der Bestä­ti­gung mit dem Schrei­ben ange­fan­gen, was mir wich­tig war. Ich kann es nicht lei­den, wenn jemand nach dem Batt­le meint, er hät­te kei­ne Zeit dafür gehabt. Ich mei­ne, dann mach es doch gar nicht erst?! Ich habe mich dann eben über die letz­ten zwei­ein­halb Mona­te immer wie­der hin­ge­setzt und für mein Batt­le Ide­en aus­ge­ar­bei­tet.

MZEE​.com: In der Sze­ne wird häu­fig zwi­schen Jokes und har­ten Bars unter­schie­den – was fei­erst du per­sön­lich mehr?

Pilz: Ich mag es am meis­ten, wenn jemand sei­nen eige­nen Stil hat. Beim VBT hat mich das tie­risch genervt – man hat irgend­wann nur noch die Kopie von irgend­wem anders gese­hen. Ich fin­de da einen mar­kan­ten Stil mit gei­ler Deli­very und coo­ler Per­for­mance deut­lich inter­es­san­ter als die Unter­schei­dung, ob jemand jetzt nur Wit­ze oder har­te Pun­ch­li­nes bringt.

MZEE​.com: Ver­folgst du die Sze­ne denn schon län­ger? Wür­dest du künf­tig ger­ne häu­fi­ger bei DLTLLY oder RAM mit­mi­schen?

Pilz: Bock hat­te ich, wie gesagt, die gan­ze Zeit schon, auch wenn ich nicht alle Batt­les immer regel­mä­ßig ver­fol­ge. Das nimmt ja auch eine Men­ge Zeit in Anspruch. Ich schaue dann eher mei­ne Favo­ri­ten oder wenn mir jemand aus mei­nem Freun­des­kreis einen Tipp gibt. Wenn ich selbst wie­der batt­le, will ich aber auch einen Geg­ner, der mich wirk­lich reizt, ansons­ten ist auch mei­ne Moti­va­ti­on nicht so groß.

MZEE​.com: Jetzt hast du dir mit Nedal Nib ein ganz schö­nes Schwer­ge­wicht der Live Battle-​Szene aus­ge­sucht. Vie­le mein­ten, du hät­test da gar kei­ne Chan­ce. Wie geht man mit sol­chen Vor­wür­fen um?

Pilz: Mich per­sön­lich moti­viert das nur noch mehr. Vor allem ist so etwas ja auch nicht wirk­lich objek­tiv. Ich sel­ber habe mir bei vie­len Batt­les, die ich in der Vor­be­rei­tung gese­hen habe, gedacht: "Krass, das hät­te ich jetzt ganz anders ent­schie­den." Klar, Nedal ist der Cham­pi­on und in der Favo­ri­ten­rol­le, aber auf der Tape­fa­brik ist auch ein ande­res Publi­kum. Von vorn­her­ein einen Sie­ger zu bestim­men, hal­te ich da für Schwach­sinn.

MZEE​.com: Vor dem Release dei­nes letz­ten Albums "Kami­ka­ze" hast du dich erst­mals ohne Mas­ke gezeigt. Was hat sich seit die­sem Schritt in dei­nem Leben geän­dert? Wür­dest du die Mas­ke rück­bli­ckend immer noch abneh­men?

Pilz: Ich wür­de es auf gar kei­nen Fall rück­gän­gig machen, nein. Mir haben ursprüng­lich neun von zehn Per­so­nen davon abge­ra­ten, sie abzu­neh­men, aber ich habe mich ohne sie ein­fach viel woh­ler gefühlt – und so ist es immer noch. Seit die­sem Schritt füh­le ich mich auch viel mehr ange­kom­men, die Leu­te neh­men einen erns­ter. Gera­de bei erfah­re­ne­ren Rap­pern wird die­ses Masken-​Gimmick häu­fig nur belä­chelt.

MZEE​.com: Wor­an liegt das dei­ner Mei­nung nach? Sind das immer noch Fol­gen die­ser Realness-​Debatte?

Pilz: Ein Stück weit schon, ja. Ich rede ja auch viel davon, real zu sein. (lacht) Die Leu­te ver­ste­hen dann natür­lich nicht, wie ich sowas rap­pen kann, ohne mein Gesicht zu zei­gen. Frei nach dem Mot­to: "Wie kannst du denn ande­re belei­di­gen, wenn du dich sel­ber ver­steckst?" Vor­wie­gend natür­lich auch, weil in die­ser Battle-​Schiene vie­le die­ser "Oldschool-​Nazis" sind, die wahn­sin­nig aggres­siv wer­den, wenn etwas nicht ihrem Ide­al­bild von Hip­Hop ent­spricht.

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MZEE​.com: Die­se Leu­te sprichst du auch auf "Fuck Jig­gy Rap" an. Ist der Track als Diss gegen die dama­li­ge Sze­ne gemeint? Was fin­dest du in der heu­ti­gen Rap-​Ära bes­ser?

Pilz: Ich bezie­he das weni­ger auf die Musik die­ser Zeit, mit der bin ich ja sel­ber auf­ge­wach­sen. Es geht da viel mehr um die Kon­su­men­ten, die die­se HipHop-​Klischees immer noch leben. Die Leu­te, die sich immer noch wie damals anzie­hen, den Arm aus dem Auto­fens­ter leh­nen, Kau­gum­mi kau­en und dabei ganz böse gucken. Men­schen, die jedem zei­gen wol­len, wie Hip­Hop sie sind, aber die eigent­li­che Messa­ge gar nicht che­cken und sich selbst irgend­wie in eine Schub­la­de ste­cken.

MZEE​.com: Ein eben­falls belieb­ter Geg­ner in dei­nen Tex­ten ist die AfD. Du machst sehr deut­lich, dass du kei­ner­lei Sym­pa­thi­en für die Par­tei hast. Ist es dir trotz­dem wich­tig, dich mit AfD-​Befürwortern inhalt­lich aus­ein­an­der­zu­set­zen? Und wie gehst du gene­rell mit Men­schen um, die poli­tisch ande­re Ansich­ten ver­tre­ten als du?

Pilz: Da muss man natür­lich vor­sich­tig sein. Wenn ich jetzt hier einen Men­schen ken­nen­ler­ne, mit dem ins Gespräch kom­me und mer­ke, dass er poli­tisch total rechts ein­ge­stellt ist – dann wäre ich natür­lich erst mal scho­ckiert. Aber ich wür­de ihm nicht sofort eine rein­hau­en. Dann will ich zumin­dest sei­ne Argu­men­te hören, auch wenn ich in dem Moment weiß, dass wir zwei nie­mals Freun­de wer­den kön­nen. Ich möch­te mit ihm aber trotz­dem dis­ku­tie­ren, weil ich es auf irgend­ei­ne Wei­se fas­zi­nie­rend fin­de, wie man die­se Ein­stel­lung befür­wor­ten kann. Meis­tens merkt man auch recht schnell, dass inhalt­lich nichts dahin­ter­steckt. Ansons­ten kommt es ganz dar­auf an, bei wel­cher Gele­gen­heit man sol­che Men­schen trifft. Wenn ich den­je­ni­gen auf einer HipHop-​Veranstaltung sehe, fra­ge ich ihn, was er hier zu suchen hat. Und sage ihm auch offen, dass er sich ver­pis­sen soll, wenn er mit irgend­wel­chen Paro­len um sich wirft. Wenn ich jetzt auf einer Demo bin, ist das ein wenig anders. Neu­lich war in Lübeck eine Ver­an­stal­tung von Frau­ke Petry, wir sind dann kurz­fris­tig zur Gegen-​Demo gegan­gen. Da hat sich tat­säch­lich ein Nazi hin­ter unse­re Absper­rung ver­irrt. Die Frau hat die gan­ze Zeit gefragt, wie sie zur AfD-​Veranstaltung kommt, und als wir ihre Absich­ten raus­ge­fun­den haben, mein­ten wir nur: "Na ja, jetzt gar nicht mehr." Da haben wir ihr den Weg zuge­macht und ihr demons­tra­tiv unse­re Pla­ka­te ins Gesicht gehal­ten. Das ist für mich in Ord­nung. Ich grei­fe sie ja nicht an, ich ver­hin­de­re nur, dass ein Sup­por­ter mehr zum AfD-​Event kann.

MZEE​.com: Wie erlebst du die­se AfD-​Wähler auf Demons­tra­tio­nen denn? Sind sie dir gegen­über fried­lich und kannst du mit ihnen reden?

Pilz: (über­legt) Ich wür­de sagen, ten­den­zi­ell eher nein. Wenn man in die Situa­ti­on kommt, mit einem AfD-​Befürworter zu reden, ist es lei­der oft so, dass die dei­ne Mei­nung gar nicht hören wol­len. Ich erle­be die­se Men­schen eher als igno­rant und nicht wei­ter den­kend als von der Wand zur Tape­te. Da kom­men halt auch oft die­sel­ben Argu­men­te: "Damals", "die Kri­mi­na­li­täts­ra­te" … Und wenn du mit ihnen dann sinn­voll redest, merkst du, wie über­haupt nichts bei denen ankommt. Man sieht sogar bei jün­ge­ren Mit­glie­dern der Par­tei, dass die häu­fig sehr spie­ßig und fest­ge­fah­ren in ihrer Mei­nung sind.

MZEE​.com: Auch in ande­ren sozi­al­po­li­ti­schen Gefil­den ver­brei­test du offen­kun­dig dei­ne Mei­nung. Zuletzt hast du dich auf einer Ver­an­stal­tung zum Welt­frau­en­tag auf die Büh­ne gestellt und dich gegen den Welt­frau­en­tag aus­ge­spro­chen. Kannst du noch­mal erzäh­len, wie es dazu kam und woher dei­ne Anti-​Haltung rührt?

Pilz: Da muss man ein wenig aus­ho­len. Die Geschich­te fängt mit einem grund­sätz­li­chen Pro­blem an. Man bekommt näm­lich immer die glei­che Fra­ge gestellt: "Wie ist denn es so als Frau im Rap?" Ja, wie soll es denn bit­te sein? Ich brin­ge da immer einen Ver­gleich: Stell dir mal vor, du bist in einer typi­schen Klischee-​Schule mit einem gro­ßen Anteil von Deut­schen, nur ein Schü­ler ist etwas dun­kel­häu­ti­ger. Und jetzt über­leg dir mal, was pas­sie­ren wür­de, wenn der Leh­rer jeden Tag zu ihm geht und ihn fragt, wie er sich als ein­zi­ger Schwar­zer in der Klas­se fühlt. Das kann man natür­lich nicht direkt ver­glei­chen, aber das Prin­zip ist das­sel­be … Zu dem Auf­tritt selbst ist das Lus­tigs­te: Kurz bevor ich bei die­sem Female-​Festival auf­ge­tre­ten bin, habe ich bei Twit­ter geschrie­ben, dass ich dort garan­tiert nicht auf­tre­ten will. Ich wur­de näm­lich ange­fragt. Zwei Tage nach dem Tweet kam die Ver­an­stal­te­rin ein­fach eis­kalt noch mal mit einer Anfra­ge auf mich zu und ich dach­te, sie ver­arscht mich. Also wirk­lich, ich habe ihr kein Wort geglaubt! Ich habe dann spa­ßes­hal­ber zuge­sagt, aber mit der Zeit wur­de das immer erns­ter. Loca­ti­on, Uhr­zeit und Facebook-​Event wur­den durch­ge­ge­ben … Und irgend­wann war dann klar, dass das kein Scherz ist. Und dar­auf­hin dach­te ich mir: "Jetzt erst recht." Ich bin dahin­ge­gan­gen, weil ich mich mit der Ver­an­stal­tung so gar nicht iden­ti­fi­zie­re. Das bedeu­tet gleich­zei­tig, dass ich aber genau dort was errei­che. Dort tref­fe ich auf Leu­te, die ich viel­leicht von mei­ner Mei­nung über­zeu­gen kann, weil sie das bis­her anders gese­hen haben. Was mich an der gan­zen Sache stört, das sage ich ja auch ganz neu­tral in mei­ner Ansa­ge. Auf einem Frauenrap-​Festival wird halt kei­ner sein, der das nicht eh schon cool fin­det. Du sprichst damit die fal­schen Leu­te an. Da war nie­mand, der Frau­en­rap schlecht fin­det und den du so vom Gegen­teil über­zeu­gen konn­test. Wenn man Frau­en im Rap mehr oder bes­ser inte­grie­ren möch­te, soll man es auf dem her­kömm­li­chen Wege machen. Wobei mei­ne Ansa­ge am Ende ja auch nicht das Ein­zi­ge war, was ich da ange­stellt habe.

MZEE​.com: Was war denn noch außer­ge­wöhn­lich an die­sem Auf­tritt?

Pilz: Ich bin mit dem "Du Nichts, Ich Mann"-Intro von Orgi auf die Büh­ne gekom­men. Ich habe den Song voll enthu­si­as­tisch mit­ge­rappt – und da sind halt schon die ers­ten gegan­gen. (lacht) Danach habe ich aber auch nor­ma­le Songs gespielt. Ich habe ja Gage bekom­men und fän­de es aso­zi­al, da nicht auch eine nor­ma­le Show zu spie­len. Die Leu­te zah­len immer­hin Ein­tritt. Trotz­dem woll­te ich immer wie­der Ein­schü­be rein­brin­gen, die zum The­ma pas­sen. Ich habe auch frau­en­ver­ach­ten­de Pas­sa­gen aus der Bibel vor­ge­le­sen. Und zum Schluss kam halt mei­ne Ansa­ge, bei der ich natür­lich nicht wuss­te, was pas­siert. Die hät­ten mich auch von der Büh­ne holen oder die Tech­nik aus­schal­ten kön­nen. Einer woll­te sogar den Auf­tritt unter­bre­chen und die Büh­ne stür­men, aber es ist nicht eska­liert. Als wir dann im Back­stage waren, mein­te mein Back­up, dass alle um ihn her­um nur geschwie­gen haben. Eine wirk­lich nega­ti­ve Reak­ti­on gab es aber nicht. Zumin­dest nicht mir gegen­über. Auf­ge­regt haben sich zwar vie­le, aber zu mir gekom­men sind nur die, die mir Respekt aus­ge­spro­chen haben. Selbst die Ver­an­stal­ter waren zwar zöger­lich, aber sehr höf­lich.

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MZEE​.com: Es ist sehr inter­es­sant, dass du wäh­rend dei­ner Auf­trit­te aus der Bibel zitierst. Bist du denn auch reli­gi­ös?

Pilz: Ja, durch­aus. Zumin­dest habe ich das Neue Tes­ta­ment kom­plett gele­sen. Ein Fan hat mir eines Tages auch nach einem Kon­zert die Bibel geschenkt. Der ist häu­fi­ger bei Auf­trit­ten und wir hat­ten uns ein­mal über Gott und die Welt unter­hal­ten – im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Auf die Idee, tat­säch­lich mal wäh­rend der Show dar­aus vor­zu­le­sen, hat mich ein Freund gebracht. Ich unter­hal­te mich mit ihm häu­fig über reli­giö­se The­men und er hat mir dann mal ziem­lich scho­ckie­ren­de Pas­sa­gen aus dem Alten Tes­ta­ment zitiert. Das habe ich lei­der bis heu­te nicht gele­sen. Ich fand das ziem­lich krass und hab' mich direkt über sol­che Abschnit­te in der Bibel schlau­ge­macht.

MZEE​.com: Und wel­che Pas­sa­gen zitierst du auf der Büh­ne genau?

Pilz: Ich kann euch das mal vor­le­sen, war­te … (holt die Bibel aus ihrem Ruck­sack) Hier, aus Rich­ter 19, 24: "'Seht, da ist mei­ne jung­fräu­li­che Toch­ter und sei­ne Neben­frau. Sie will ich zu euch hin­aus­brin­gen; ihr könnt sie euch gefü­gig machen und mit ihnen tun, was euch gefällt. Aber an die­sem Mann dürft ihr kei­ne sol­che Schand­tat bege­hen.' Doch die Män­ner woll­ten nicht auf ihn hören. Da ergriff der Levit sei­ne Neben­frau und brach­te sie zu ihnen auf die Stra­ße hin­aus. Sie miss­brauch­ten sie und trie­ben die gan­ze Nacht hin­durch bis zum Mor­gen ihren Mut­wil­len mit ihr. Sie lie­ßen sie erst gehen, als die Mor­gen­rö­te her­auf­zog. Als der Mor­gen anbrach, kam die Frau zurück; vor der Haus­tür des Man­nes, bei dem ihr Herr wohn­te, brach sie zusam­men und blieb dort lie­gen, bis es hell wur­de. Ihr Herr stand am Mor­gen auf, öff­ne­te die Haus­tür und ging hin­aus, um sei­ne Rei­se fort­zu­set­zen. Da lag die Frau, sei­ne Neben­frau, zusam­men­ge­bro­chen am Ein­gang des Hau­ses, die Hän­de auf der Schwel­le. Er sag­te zu ihr: 'Steh auf, wir wol­len gehen!' Doch sie ant­wor­te­te nicht. Da leg­te er sie auf den Esel und mach­te sich auf die Heim­rei­se. Als er nach Hau­se gekom­men war, nahm er ein Mes­ser, ergriff sei­ne Neben­frau, zer­schnitt sie in zwölf Stü­cke, Glied für Glied, und schick­te sie in das gan­ze Gebiet Isra­els. Jeder, der das sah, sag­te: 'So etwas ist noch nie gesche­hen, so etwas hat man nicht erlebt, seit die Söh­ne Isra­els aus Ägyp­ten her­auf­ge­zo­gen sind, bis zum heu­ti­gen Tag. Denkt dar­über nach, bera­tet und sagt, was ihr dazu meint!'" Der Abschluss­satz ist noch mal ganz beson­ders krass. Ich weiß, das ist lang, das sind vie­le Wor­te. Aber es geht auch um den Effekt, wenn ich den Text live vor­le­se. Das ist ein Aus­schnitt, über den du qua­si nach­den­ken musst. Man kann da natür­lich eine Men­ge hin­ein­in­ter­pre­tie­ren, war­um ich das vor­le­se, auch über einen poli­ti­schen Hin­ter­grund, weil aktu­ell viel über den Islam dis­ku­tiert wird und dar­über, was alles im Koran steht. Es ist eben so, dass Mus­li­me sich nicht auto­ma­tisch wort­ge­nau an den Koran hal­ten, genau wie die wenigs­ten Chris­ten sich kom­plett mit der Bibel iden­ti­fi­zie­ren. Ich will damit aus­drü­cken, sich erst ein­mal selbst zu hin­ter­fra­gen und zu gucken, was man als Außen­ste­hen­der für Vor­ur­tei­le gegen­über der eige­nen Reli­gi­on haben könn­te. Nur weil man gläu­big ist, heißt das ja nicht, dass man sich exakt an das hal­ten muss, was in irgend­ei­nem Buch geschrie­ben steht.

MZEE​.com: Wie wich­tig ist es dir denn, reli­giö­se oder poli­ti­sche Ansich­ten auch in dei­ner Musik oder durch die sozia­len Medi­en zu ver­mit­teln?

Pilz: Ich glau­be jetzt nicht, dass man im Rap gene­rell immer eine poli­ti­sche Hal­tung zei­gen muss. Wenn einen sowas aber beschäf­tigt, man dar­über spre­chen möch­te und das auch kann, soll man es bit­te tun. Das erwar­te ich aller­dings nicht von jedem Rap­per – ich muss nicht hören, wie mir ein Money Boy etwas Gehalt­vol­les über den Ver­fas­sungs­schutz erzählt. Ich will nur nicht, dass man sei­ne Ansich­ten mit so einem war­nen­den Zei­ge­fin­ger ver­mit­telt, son­dern auf eine ver­spiel­te oder pola­ri­sie­ren­de Art und Wei­se, wie ich das eben ger­ne mache. Ich höre aber auch recht wenig poli­ti­schen Rap.

MZEE​.com: Wel­che Art von Rap hörst du denn sel­ber ger­ne?

Pilz: Zu mei­nen Lieb­lings­rap­pern gehö­ren auf jeden Fall JAW und Hol­ly­wood Hank, das hört man ja teil­wei­se auch raus. Tua fin­de ich wahn­sin­nig krass, obwohl er in eine ganz ande­re Rich­tung geht. Ich mag ein­fach die­se Leu­te, von denen ich den­ke, dass sie rich­ti­ge Künst­ler sind. Maeckes ist auch einer von die­ser Sor­te. Die kann ich natür­lich nicht Tag und Nacht hören, weil das sehr stim­mungs­ab­hän­gig ist, aber ich mag die­se künst­le­ri­schen Aspek­te. Nur muss das nicht immer sein, ich kann auch einen LGo­ony fei­ern. Das ist jetzt aber nichts, wo ich mich zu Hau­se hin­set­ze und ein­fach mal Bock habe, das zu hören. Das ist eher Musik für unter­wegs, anders als eben Tua. Ich kann übri­gens auch die­sem gan­zen Oldschool-​Stuff etwas abge­win­nen, trotz sol­chen Songs wie "Fuck Jig­gy Rap". Retro­gott fin­de ich zum Bei­spiel super. Gene­rell höre ich fast nur noch deut­schen Rap.

MZEE​.com: Wir wol­len dann noch auf ein ganz ande­res The­ma zu spre­chen kom­men: Tipi­co. Wie genau schafft man es, in einem Wett­bü­ro Haus­ver­bot zu bekom­men? Laut Face­book hast du die­ses Kunst­stück ja bewerk­stel­ligt.

Pilz: (lacht) Das gilt gar nicht mehr! Das Ver­bot ist schon fast ein drei­vier­tel Jahr auf­ge­ho­ben, es war gar nicht so lang. Die Geschich­te dahin­ter ist eigent­lich schnell erzählt: Ich bin manch­mal ein­fach eine Cho­le­ri­ke­rin. So ein total impul­si­ver Mensch, vor allem wenn ich Hun­ger habe. Das war dann auch noch ein Tag, an dem ich schlech­te Lau­ne hat­te. Ich bin dann fast schon aus Frust zu Tipi­co gegan­gen. So wie ande­re Men­schen aus Frust shop­pen gehen, gehe ich halt ins Wett­bü­ro. Als ich dort war, hat der Auto­mat ein­fach nicht rich­tig funk­tio­niert. Dann hing da so ein Schild, man sol­le mit den Gerä­ten sorg­fäl­tig umge­hen, das hat mich nur noch aggres­si­ver gemacht. (lacht) Eigent­lich auch total däm­lich, aber ich war kom­plett in Rage. Auf jeden Fall hat die­ser Auto­mat mein Geld nicht wie­der aus­ge­spuckt, wes­we­gen ich wütend dar­auf ein­ge­schla­gen habe. Irgend­wann kam dann der Chef und der fand das gar nicht wit­zig. Er mein­te dann, ich sol­le mich ver­pis­sen – ich habe nur geant­wor­tet, er sol­le mir doch gleich Haus­ver­bot geben. Hat er dann lei­der auch gemacht.

MZEE​.com: Man merkt, Tipi­co ist wirk­lich kein guter Ort für Cho­le­ri­ker. Aber macht das nicht irgend­wie auch den Reiz vom Wet­ten aus?

Pilz: Total. Meis­tens ist es ja wirk­lich nur so eine Stim­mungs­sa­che. Du denkst, du hast ein gutes Gefühl und heu­te muss es klap­pen. Dann gehst du nach der Quo­te, am bes­ten noch auf einem Schein mit meh­re­ren Spie­len. Und dann? Dann ist genau ein Spiel falsch. Da könn­te ich mich nur noch auf­re­gen.

MZEE​.com: Zum Abschluss wür­den wir ger­ne noch auf einen älte­ren Track von dir ein­ge­hen. Du hast dar­über gerappt, auf die "BILD-​Titelseite" zu wol­len. Stell dir vor, dein Wunsch wür­de mor­gen in Erfül­lung gehen: Zu wel­chem The­ma soll der Arti­kel denn sein?

Pilz: (über­legt) Oh, das ist echt schwer. Also, wenn man die Mög­lich­keit dazu hät­te – so uto­pisch es auch klingt –, wür­de ich natür­lich irgend­was Poli­ti­sches auf­grei­fen. Etwas, dass nichts mit der Musik zu tun hat. Aktu­ell wahr­schein­lich ein State­ment gegen die AfD, das wür­de mir so auf die Schnel­le ein­fal­len.

(Kris­ti­na Scheu­ner und Sven Aumil­ler)