Mädness & Döll

An Mäd­ness und Döll kam man in die­sem Jahr wohl ein­fach nicht vor­bei. Das gemein­sa­me Album "Ich und mein Bru­der" dürf­te für mehr Auf­se­hen gesorgt haben als sämt­li­che vor­he­ri­gen Solo­wer­ke der bei­den Brü­der zusam­men. Die Fol­ge: Radio- und Fes­ti­val­auf­trit­te, eine eige­ne Tour, zahl­rei­che Inter­views. So vie­le, dass man zum Ende hin sogar das Gefühl hat­te, den Repor­tern wür­den all­mäh­lich die Fra­gen aus­ge­hen – "Wie alt warst du, als du sechs Jah­re alt warst?" Wir von MZEE​.com woll­ten aller­dings doch noch ein paar Sachen geklärt haben und spra­chen mit Mäd­ness und Döll über ihr Album, Hes­sen und sei­ne Dia­lek­te, die Wahr­neh­mung von Frau­en in der Sze­ne und den Wert des kom­mer­zi­el­len Erfolgs heut­zu­ta­ge.

MZEE​.com: Neu­es Album. Über was wollt ihr denn noch reden, wor­über habt ihr noch nicht gere­det? Wollt ihr über­haupt noch über irgend­was reden?

Mäd­ness: Also: Wir haben auf dem Album kei­ne Fea­tures. Wir haben natür­lich Pro­du­zen­ten, aber ansons­ten ist es eine rei­ne Duo-​Platte. Jeder erzählt sei­ne Sicht der Din­ge zu einem The­ma aus sei­ner eige­nen Per­spek­ti­ve. Das woll­ten wir nicht auf­fül­len mit Gäs­ten, son­dern die Plat­te ein­fach unter uns zwei las­sen. Was die Pro­du­zen­ten angeht, haben wir mit Tor­ky Tork, Yas­sin, Fid Mel­la, Dex­ter, Ste­rio, Gib­ma­fuf­fi und Clef­co zusam­men­ge­ar­bei­tet. Letz­te­rer ist viel­leicht noch nicht so ein Begriff in der Beat­sze­ne bezie­hungs­wei­se im Rap­be­reich, aber der Kol­le­ge aus Wien hat zwei Beats für uns gemacht, die unglaub­lich sind. Das war für uns total über­ra­schend, weil das mit die ers­ten Beats waren, bei denen wir uns ganz sicher waren, dass wir dar­auf schrei­ben. Ein Teil der ande­ren Beats war auch schon fer­tig und wir haben sie dem­entspre­chend gepickt. Spon­tan durch einen Arbeits­pro­zess mit Sam­ple fin­den, Beat bau­en und direkt dar­auf schrei­ben sind die Songs mit Tor­ky Tork ent­stan­den, der sich mit Yas­sin dann zusam­men­ge­tan hat, um das Gan­ze rund­zu­ma­chen. Mit Tor­ky Tork waren wir eine Woche unter­wegs, haben uns in ein Haus ein­ge­schlos­sen und wirk­lich vom Null­punkt an gear­bei­tet. Der Rest war: Beat gefällt uns, schrei­ben wir drauf. Dann kann man viel­leicht noch ein Wort über einen Kol­le­gen los­wer­den: Ipp. Er hat uns bei der K.I.Z-Tour als DJ unter­stützt und gleich­zei­tig auch gesun­gen. Neben einem begna­de­ten Sän­ger und DJ ist er auch noch Kame­ra­mann. Und das Gefühl, dass du jeman­den im Rücken hast, der nicht nur auf­legt, son­dern dich auch per­for­mance­mä­ßig unter­stützt, ist ein­fach gut, weil das super­geil funk­tio­niert. Der ist so Bela B.-mäßig unter­wegs. Das ist auch noch eine Neue­rung. Eigent­lich hat­ten wir ein klas­si­sches Zwölfzehner-​Set, wo wir uns backen. Aber durch den Zusatz ist die Show auch noch mal gewach­sen.

Döll: Viel­leicht gibt's auch noch ande­re Duos oder Solo-​Acts, die das so machen, aber die Kon­stel­la­ti­on mit DJ und Sän­ger in einem ist recht unge­wöhn­lich und unter ande­rem des­we­gen auch span­nend.

MZEE​.com: Ihr macht das super, ich muss gar nichts fra­gen. Macht mal wei­ter.

Döll: Ansons­ten … was könn­te man noch sagen?

MZEE​.com: Habt ihr just in die­sem Moment einen Lieb­lings­track?

Mäd­ness: Also, ich höre der­zeit immer noch, obwohl es einen Ticken älter ist, das Release "Zu schön um klar zu sein" von Enoq. Da kann man jeden Track aus­wäh­len, Döll ist auf dem Album, ich bin auch mit drauf. Das ist ein Topal­bum und ich sag' das, weil es ein­fach noch nicht jeden erreicht hat.

Döll: Mei­ne aktu­el­len Lieb­lings­songs sind lei­der noch nicht ver­öf­fent­licht. Da kann man aber auch sagen, dass Tor­ky Tork und Doz9 gera­de an neu­en Sachen für das neue T9- Pro­jekt sit­zen. Und die fin­de ich sehr, sehr gut. Wür­de ich als Lieb­lings­tracks bezeich­nen.

MZEE​.com: Das Schö­ne ist, ich hät­te jetzt ger­ne sowas gehört wie "Frag mich nicht". Eure Ant­wor­ten sind aber sehr schön.

Döll: Eige­ne Songs? Nur sich selbst nen­nen – machen ja schon alle ande­ren. Oder "Frag mich nicht" … Ich dach­te kurz, du wärst über­rascht, weil wir uns nicht selbst nen­nen. Nor­ma­ler­wei­se hast du so klas­si­sche Inter­view­si­tua­tio­nen. "Wer ist dein Lieb­lings­rap­per?" – "Eigent­lich nur ich selbst. Und Rap höre ich eigent­lich gar nicht, beein­flusst bin ich auch gar nicht. Das ist mir alles so zuge­flo­gen." Ich dach­te, des­we­gen wärst du jetzt über­rascht …

MZEE​.com: Nervt das Hes­sen­ding mitt­ler­wei­le oder geht's noch?

Mäd­ness: Dass wir dar­auf ange­spro­chen wer­den? Das ist halt unse­re Her­kunft. Jede Fra­ge ver­liert so 'n biss­chen ihren Reiz, wenn sie zu oft gestellt wird. Und dann nervt jede Fra­ge. Ich hab' aber noch nicht mal das Gefühl, dass es zu häu­fig vor­kommt. Man kann dazu ja auch nicht viel sagen. Wir kom­men ein­fach ursprüng­lich aus Hes­sen.

Döll: Mich nervt es auch nicht. Es ist ja in ers­ter Linie so, dass es stimmt. Es ist nicht von der Hand zu wei­sen, dass wir Hes­sen sind. Blöd wäre nur, wenn wir dar­auf redu­ziert wür­den. Aber das ist nicht der Fall. Von daher: Alles cool. Und: Gehört ja zu uns und es ist auch Hip­Hop, zu reprä­sen­tie­ren, was man ist und wo man her­kommt. Hes­sisch ist nach wie vor der bes­te Akzent in ganz Deutsch­land. Das kommt uns ja posi­tiv ent­ge­gen. Jetzt guckst du ein biss­chen skep­tisch.

MZEE​.com: Sprach­li­ni­en­tech­nisch gibt es halt kein "Hes­sisch". Bam­ber­ger und Aschaf­fen­bur­ger sind dem Frank­fur­ter näher als das, wo ich her­kom­me. Die Sprach­li­nie läuft halt quer durch den Vogels­berg.

Mäd­ness: Bei Aschaf­fen­burg ist es ja auch so, dass das ein schö­ner Mix aus Hes­sisch und Baye­risch ist. Die sagen zum einen "Ei, Gude!" zur Begrü­ßung, aber auch klas­si­sche baye­ri­sche Wör­ter. Das fin­det sogar in den kleins­ten Käf­fern statt. Wir haben zu Hau­se ein Buch, in dem es um die Unter­schei­dung von bestimm­ten Wor­ten und um die Beto­nung geht. Auch um die Aus­spra­che von zwei Käf­fern, die vier Kilo­me­ter von­ein­an­der ent­fernt sind. Und da sind schon völ­lig ande­re Begrif­fe in Ver­wen­dung als in dem ande­ren Kaff.

MZEE​.com: Bei uns ist die Hälf­te aus dem Fran­zö­si­schen. "Kol­ter" zum Bei­spiel stammt vom alt­fran­zö­si­schen Wort "coult­re" ab.

Döll: Hast du Spra­chen stu­diert?

MZEE​.com: Ich inter­es­sie­re mich dafür, hab' aber nie Dia­lekt gespro­chen, als ich noch in Hes­sen war. Bis ich nach Bay­ern gegan­gen bin und da alle Baye­risch gere­det haben. Da hab' ich damit ange­fan­gen. 19 Jah­re erfolg­reich nicht, dann das …

Mäd­ness: Aus Trotz Hes­sisch?

MZEE​.com: Ernst­haft. Ich sitz' in der Vor­le­sung und da redet einer Baye­risch? Das geht nicht. Was machen denn da die Aus­tausch­stu­den­ten?

Mäd­ness: Das stimmt, das fin­de ich aber bei jedem Dia­lekt so. Es ist schön, Dia­lekt zu reden, es ist aber noch schö­ner, das Gan­ze aus­schal­ten zu kön­nen und sich sei­nem Gegen­über anzu­pas­sen. Ich emp­fin­de das als sehr unhöf­lich, sich nicht zurück­zu­neh­men, obwohl man weiß, dass der ande­re Schwie­rig­kei­ten mit dem Ver­ständ­nis hat.

MZEE​.com: Ab einem gewis­sen Alter kön­nen Leu­te das aber nicht mehr so gut. Die wie­der­ho­len das alles dann ein­fach in lang gezo­gen.

Döll: Das ist lus­tig. Auch bei der älte­ren Gene­ra­ti­on. Obwohl das auch schon Leu­te in unse­rem Alter machen, die das Hes­si­sche extrem gewohnt sind und dann aber in eine Situa­ti­on kom­men, Hoch­deutsch reden zu müs­sen. Die Beto­nung, die dann kommt: Die gezo­ge­nen Voka­le wer­den immer noch gezo­gen, nur lang­sa­mer.

Mäd­ness: Das ist, wie wenn älte­re Leu­te ver­su­chen, jeman­dem etwas zu erklä­ren, der nicht so gut Deutsch kann. Die spre­chen dann fal­sches Deutsch: "Du mache das." Dann denkst du dir, dass sie auch den Satz ganz nor­mal sagen könn­ten, dass der­je­ni­ge auch die Mög­lich­keit hat, dar­aus etwas zu ler­nen. Neu­lich in Öster­reich habe ich erst sel­ber zu spü­ren bekom­men, wie sich ein Typ über­haupt nicht zurück­ge­nom­men hat, obwohl er genau wuss­te, dass wir nichts ver­ste­hen. Der hat sich wahr­schein­lich ein­fach gedacht: "Ihr seid bei mir im Kaff in Öster­reich, also habt ihr euch gefäl­ligst mir anzu­pas­sen!" Den Ein­druck hat­te ich jeden­falls.

MZEE​.com: Man wür­de ja auch nie Eng­lisch mit jeman­dem reden, der in Deutsch­land weilt und sonst nur Fran­zö­sisch spricht …

Döll: Ich hat­te auch mal so eine Situa­ti­on in Spa­ni­en. Als ich noch in Madrid gewohnt hab' und von Deutsch­land dann wie­der zurück­ge­fah­ren bin, muss­te ich in Bar­ce­lo­na umstei­gen. Da war der offi­zi­el­le Info­punkt, bei dem ich ver­sucht habe, mein Gleis zu erfra­gen. Das ist zwar noch mal was ande­res, weil Bar­ce­lo­na, Kata­lo­ni­en sei­ne Unab­hän­gig­keit haben will, aber da war das auch so, dass ich auf Spa­nisch nach­ge­fragt hab' und er mir auf Cata­làn ant­wor­te­te. Und er hat es drei- oder vier­mal nur auf Cata­làn wie­der­holt. Das fand ich dann so ein biss­chen: "Ey, du kannst es. War­um? War­um machst du das?"

Mäd­ness: Durch das Gespräch bin ich aber jetzt auf eine Idee gekom­men. Wenn man so eine Situa­ti­on wie­der hat, kann man das dem Gegen­über so demons­trie­ren, dass man Eng­lisch anbie­tet. "Pass auf, du redest so hart Dia­lekt, wenn wir das nicht auf die Rei­he bekom­men, dann Eng­lisch." Dann hebelt man das so aus und zeigt dem: "Alter, wir kön­nen schon mit­ein­an­der, aber du musst dich bewe­gen."

MZEE​.com: Dann wirkst du aber eher wie ein Arsch­loch. Wenn du sagst: "Hör mal, ich wür­de mich ger­ne unter­hal­ten, aber ich kann nicht, weil es mei­ne Kom­pe­tenz über­steigt." Dann gibst du dem ande­ren die Hoheit über "ich kann was für dich machen". Wenn du mit Eng­lisch kommst, kom­men die Schimpf­wor­te. Das wäre mei­ne Ein­schät­zung.

Mäd­ness: So kann man aber doch zei­gen, dass man bereit wäre?

Döll: Ich fin­de das auch gut. In Indi­en ist das doch auch so. Ich weiß nicht, wie vie­le Spra­chen dort gespro­chen wer­den. Und wenn einer aus dem Süden in den Nor­den kommt, wird halt Eng­lisch gespro­chen.

MZEE​.com: Das indi­sche Eng­lisch ist aber auch 50er Jahre-​Englisch mit einem Satz­bau …

Döll: Das war natür­lich auch Nai­vi­tät bezie­hungs­wei­se Nicht­wis­sen, dass ich mich frü­her in der Bahn immer bei einer Grup­pe Inder gefragt habe, wie­so die sich auf Eng­lisch unter­hal­ten.

Mäd­ness: Wie macht ihr das in den Nie­der­lan­den? Eng­lisch oder direkt Deutsch?

Döll: Das ist die Fra­ge.

MZEE​.com: Immer Eng­lisch. Ich hab' auch Tsche­chisch für Prag gelernt. Die kön­nen aber alle bes­ser Deutsch als ich jemals Tsche­chisch kön­nen wer­de. Ich fin­de es nur ein­fach viel höf­li­cher.

Döll: Rappst du auch? Viel­leicht soll­test du das mal pro­bie­ren. Ernst­haft.

MZEE​.com: Ne, das hab' ich ver­passt. Das hät­te ich vor der 30 machen müs­sen.

Mäd­ness: Wenn du kei­nen Bock drauf hast, ist das so eine Sache. Wenn du aber so ein Wis­sen mit­bringst, was auch ein­zel­ne Wor­te betrifft, ist Rap ja nur 'ne Übungs­sa­che. Wir haben auch ein­fach nur lan­ge geübt.

MädnessDoell3

MZEE​.com: Ich hör' gern Rap, aber möch­te nicht Teil davon sein. Nicht als Frau.

Döll: Das kann ich zu hun­dert Pro­zent nach­voll­zie­hen. Wir haben vor­hin mit Sha­na von Back­spin gespro­chen. Und ich mein­te nach dem Inter­view, dass ich es nicht hof­fe, aber sich die Top­kom­men­ta­re unter dem Video wahr­schein­lich nicht auf den Inhalt kon­zen­trie­ren, son­dern ein­fach nur dar­auf abzie­len wer­den, dass sie 'ne Frau ist. Und das dann noch sexua­li­siert. Ich fin­de es auch furcht­bar, wie zum Bei­spiel Visa Vie über Jah­re in den Kom­men­tar­bal­ken behan­delt wur­de. Das ist furcht­bar und geht eigent­lich gar nicht. Das Erschre­cken­de ist, dass es eigent­lich nur zeigt, wel­che Ehr­lich­keit die Anony­mi­tät des Inter­nets bie­tet bezie­hungs­wei­se her­vor­ruft. Das ist ganz, ganz furcht­bar. Sobald irgend­wo 'ne Frau zu sehen ist, ist sofort klar, wor­über in den Kom­men­ta­ren dis­ku­tiert wird.

MZEE​.com: Beim VBT hat ÉSMa­ticx mal eine wun­der­ba­re Zei­le gebracht: "Frau­en, die ich fick­te, wür­den dich nicht mal aus Mit­leid nageln." So etwas kann und darf nur eine Frau brin­gen. Hab' ich extrem gefei­ert.

Mäd­ness: Sie hat ja stän­dig mit den Pro­ble­men zu kämp­fen und sich da klar gegen­ge­stellt. Ich fin­de auch gut, dass Lady Bitch Ray das für sich umge­münzt hat. Erst mal mit dem Namen und dann war sie auch in so vie­len Talk­shows, hat sich da prä­sen­tiert und auch erklärt, war­um sie das Wort "bitch" für sich dreht. Auch wenn ich es nicht hof­fe, glau­be ich aber, dass der Gegen­wind, der dann da immer in den Kom­men­ta­ren kommt, dazu geführt hat, dass vie­le das nicht durch­ge­zo­gen haben. Schwesta Ewa ist da die Ein­zi­ge. Fiva ist noch unter­wegs, aber ein biss­chen weg aus dem Rap. Ich glau­be, dass das mit ein Grund war für vie­le, zu sagen: "Ich hab' kei­nen Bock mehr."

Döll: Des­we­gen kann ich auch hun­dert­pro­zen­tig ver­ste­hen, was du gesagt hast. Ich wür­de mich da auch ganz klar fra­gen: "Alter, in was bege­be ich mich da rein?" Nicht das kom­plet­te Publi­kum hat die glei­che Mei­nung. Aber es ist stel­len­wei­se schon ein Hai­fisch­be­cken des Sexis­mus und der Homo­pho­bie. Ich find' das ganz schlimm und hof­fe, dass sich das in den nächs­ten Jah­ren ändert, auch was die Homo­pho­bie betrifft. Es gibt in Deutsch­land ernst­haft Leu­te, die sich ins Inter­view set­zen und sagen, dass Homo­se­xua­li­tät für sie ein­fach nicht klar­geht. Und das ist ein­fach kein State­ment oder sonst etwas, was man so ste­hen las­sen kann.

Mäd­ness: Und dann kommt noch dazu, dass das oft­mals die Leu­te sind, die zurecht sagen, dass Ras­sis­mus über­haupt nicht klar­geht. Aber das ist genau die glei­che Ebe­ne. Oder ist Sexis­mus irgend­wie coo­ler als Ras­sis­mus?

MZEE​.com: "No Homo" – drei­mal schlim­mer. Es ist genau das: "Ich hab' begrif­fen, ich soll da nicht in Schimpf­wort­ma­nier drü­ber reden, aber wenn es mich betref­fen könn­te. No Homo …" Also bit­te.

Döll: Pro Homo an der Stel­le.

Mäd­ness: Vor allem weiß ich gar nicht, was da für eine Angst mit­schwingt. Selbst wenn mir einer steckt, dass ich schwul wäre, ist das okay für mich, weil ich weiß, dass ich es nicht bin. Ich wäre aber viel­leicht froh, wenn ich bi wäre, weil dann die Aus­wahl grö­ßer ist. Das ist kein Diss für mich. Man hat auch schwu­le Freun­de.

MZEE​.com: Die Fra­ge ist, war­um ich mich über­haupt sel­ber in eine Schub­la­de legen soll. War­um muss ich über­haupt sagen: "Guten Tag, ich bin homo, bi, hete", um dann irgend­wann eine Lebens­kri­se zu bekom­men, wenn die Schub­la­de, in die man sich gelegt hat, doch nicht mehr passt. Ich bin nicht so ein Schubladen-​Freund.

Mäd­ness: Sehe ich genau­so. Bin ich auch voll raus. Auch mit Bezeich­nun­gen. Die Leu­te wol­len dann immer 'ne Nische haben, das ist der Rap und das ist der Rap. Es ist ein­fach Rap.

MZEE​.com: Ich glau­be, das Leben macht einem wesent­lich weni­ger Angst, wenn man klar sagen kann: "Die­se Schub­la­de möch­te ich gar nicht erst auf­ma­chen, weil das, was ich da sehe, mich in den Grund­fes­ten durch­ein­an­der­brin­gen könn­te." Ich ken­ne auch vie­le Leu­te, die kei­nen Rap hören, weil sie sagen, das ist Aggro-​Zeugs.

Mäd­ness: Das hat­ten wir vor­hin auch schon. Das ist Faul­heit und rie­sen­gro­ße Igno­ranz. Das sind Leu­te, die dann sagen, dass Rap nur "Gangs­ter" ist. Die sind doch zu faul, um sich zu erkun­di­gen, obwohl mit Sicher­heit was für sie dabei wäre.

Döll: Viel­leicht ist das auch so eine Mei­nung, bei der Leu­te ein­fach irgend­wann mal ste­hen­ge­blie­ben sind. Sie haben sich im Teen­ager­al­ter mit Rap befasst und viel­leicht erlebt, dass es damals im Main­stream wirk­lich so war. Ich glau­be, dass Rap mitt­ler­wei­le auch gesell­schaft­lich salon­fä­hi­ger ist und auch einen ande­ren Stel­len­wert hat, aber noch nicht über­all. Frü­her war das viel unan­ge­neh­mer, jeman­dem zu erzäh­len, dass ich Rap­per bin bezie­hungs­wei­se Rap mache, weil die Reak­ti­on klar war, wenn das jemand außer­halb vom Rap war … "Machst du auch 'Yo, yo, Alter, Dig­ga'?". Ich glau­be, das hat sich mitt­ler­wei­le ein biss­chen geän­dert. Eben auch durch die Acts, die das letzt­lich auch – böses Wort – mas­sen­taug­li­cher gemacht haben.

MZEE​.com: Ich rela­ti­vie­re immer. "Was hörst du ger­ne?" – "Deut­schen Rap – aber nicht so Aggro-​Zeug." Und dann mer­ke ich, dass ich mich recht­fer­ti­ge und nach dem War­um fra­ge. Wenn mein Gegen­über so blöd ist, mich ein­zu­schät­zen, dass ich daheim sit­ze und Mutterficker-​Zeug höre, ist das sein Pro­blem und nicht meins.

Döll: Natür­lich gibt's ja immer noch die Leu­te, die so reagie­ren, wie ich gera­de gemeint hab'. Ich glau­be, ein guter Punkt, bei dem ich zumin­dest für mich mer­ke, dass es sich in letz­ter Zeit echt geän­dert hat, ist, wenn unse­re Mut­ter die Hook von "Bil­der im Kopf" mitrap­pen kann. Mitt­ler­wei­le ist Rap aus dem Radio gar nicht mehr weg­zu­den­ken. Ich fahr' sel­ten Auto, aber wenn, dann höre ich Radio. Und ob das "Astro­naut" ist oder … Rap ist viel prä­sen­ter.

Mäd­ness: Um da aber auch noch mal auf den Punkt zu kom­men: Wenn jemand sagt, dass es ihm alles zu aggro ist, ist das ein­fach falsch. Immer­hin waren die Fan­tas vor Bushi­do da.

MZEE​.com: "Ich lie­be die Frau­en, ich lie­be das Sau­fen. Ich lie­be es, mich mit dem Tür­ste­her zu rau­fen, ich steh' auf Prü­ge­lei­en, ich bau' stän­dig Mist. Ich bin der, der dir ins Bier­glas pisst. Ich bin das Schwein von neben­an und mach' dich stän­dig blö­de an und wenn ich mit dir fer­tig bin, ist dei­ne Freun­din dran." Die Fan­tas­ti­schen Vier. Böse.

Mäd­ness: Das ist ein­fach der Punkt. Die Leu­te wol­len nicht wis­sen, was vor­her war. Im Deutschrap kam der kom­mer­zi­el­le Erfolg durch die Mit­tel­schicht. Ohne Wer­tung. Das war eigent­lich der Bau­stein für alle Sachen, die danach kamen. Von daher kann ich das ein­fach nicht so nach­voll­zie­hen.

Döll: Ich glau­be auch ein­fach, dass die media­le Bericht­erstat­tung einen gro­ßen Teil zu der Mei­nungs­bil­dung bei­ge­tra­gen hat. Mitt­ler­wei­le for­mu­lie­ren die das nicht mehr so. Aber Sido war jah­re­lang der Rüpel-​Rapper. Es gab immer so einen däm­li­chen Zusatz. Wenn dann Bushi­do kurz aus­rutscht, ist es direkt ein Skan­dal und die Bild stürzt sich drauf. Nur auf nega­ti­ve Geschich­ten und das über Jah­re. Das macht dann auf Bild-​Zeitungsleser den Ein­druck, dass das alles Assis sind und in jeder zwei­ten Line einer "Huren­sohn" sagt. Das hat sich jetzt auch wie­der geän­dert. Das "Rüpel-​Rapper" schrei­ben die ja mitt­ler­wei­le auch nicht mehr.

Mäd­ness: Ich glau­be, das ist aber auch so ein deut­sches Pro­blem, dass die Leu­te sich mehr auf die schlech­ten Sachen kon­zen­trie­ren und das dann immer her­aus­ge­stellt wird. Moses P. war immer der, der Ste­fan Raab auf die Fres­se gehau­en hat. Nein! Moses P. war der­je­ni­ge, der über Jah­re die Pop- und Rap­ge­schich­te geprägt hat.

Döll: Maß­geb­lich.

Mäd­ness: Und der kriegt kei­nen Preis ver­lie­hen. Da wird gesagt: "Der hat Ste­fan Raab auf die Fres­se gehau­en."

Döll: Das ist genau der Punkt. Moses steht in der Öffent­lich­keit. Da wird das in jedem zwei­ten Satz dazu­ge­sagt. Aber Moses hat Sabri­na Set­lur und Xavier Nai­doo ent­deckt und das Rödel­heim Hart­reim Pro­jekt gemacht. Der ist der Shit!

Mäd­ness: Glas­haus! Der hat deut­sche Musik mit­ge­prägt, nicht nur Rap­mu­sik. Und dafür soll­ten die Leu­te ihn ken­nen.

MZEE​.com: Da fällt jetzt euer Lokal­pa­trio­tis­mus aber mit rein. Sind wir ehr­lich: Wegen Rödel­heim Hart­reim Pro­jekt haben Leu­te gedacht, Rödel­heim wäre Ghet­to.

Döll: Ja klar, irgend­wie spielt da die Lokal­num­mer mit rein. Das sind aber Fak­ten, die nicht von der Hand zu wei­sen sind. Moses hat das auf einem Inde­pen­dent Label gemacht, was damals undenk­bar war. Wenn ein Video frü­her nicht im Fern­se­hen gelau­fen ist, hat es nie­mand gese­hen. Das ist noch mal 'ne ganz ande­re Zeit gewe­sen. Klar schwingt da auch ein biss­chen mit, dass wir aus Hes­sen kom­men. Er hat aber ein­fach Sachen gemacht, die man ihm nicht abspre­chen kann.

Mäd­ness: Los­ge­löst von die­sem Lokal­pa­trio­tis­mus: Für jeman­den aus Bay­ern wür­de ich genau­so argu­men­tie­ren.

MZEE​.com: Ich mein' damit nur, dass es euch in der Zeit even­tu­ell egal gewe­sen wäre. Wahr­heits­ge­halt hin oder her. Wenn man über Deutsch­land sprach, war Frank­furt ganz hin­ten­an. Alles ande­re hat­te so ein biss­chen mehr Stan­ding.

Mäd­ness: Ich muss kurz ein­ha­ken, was Rhein-​Main angeht. Die wur­den nicht belä­chelt, das war ein­fach nur ein ande­rer Vibe, der dort statt­ge­fun­den hat. Frank­furt stand immer für Stra­ße. Das war genau­so eine Bewe­gung, wie es sie in Stutt­gart gab, die ein biss­chen freund­li­cher unter­wegs war. Und Ham­burg war ein­fach rap­t­ech­nisch sehr stark. Es gab ja auch im Rhein-​Main-​Gebiet immer Künst­ler, die einen Gegen­ent­wurf zu dem Stra­ßen­ding gemacht haben. Man­ges zum Bei­spiel, auch jemand aus Darm­stadt – ein ast­rei­ner Con­scious Rap­per, der 'ne völ­lig ande­re Far­be da rein­ge­bracht hat­te.

Döll: Ich war da zu jung und kann mich ein­fach nicht erin­nern. Ich kann mir aber vor­stel­len, dass die Leu­te sich vor den Kopf gesto­ßen gefühlt haben, weil das ein kom­plet­ter Gegen­ent­wurf war. Oder sie sogar Angst davor hat­ten, weil es so hart war. Oder auch, weil jeder gedacht hat: Rödel­heim, da kannst du kei­nen Fuß rein­set­zen. Das war dann viel­leicht scho­ckie­rend.

MZEE​.com: "Du liebst mich nicht" lief aber doch auch auf VIVA, war glaub' ich auf einer BRAVO Hits. Das war erfolg­reich in jedem Sin­ne und ab der Sekun­de war sie dann "eh kei­ne Rap­pe­rin" mehr, weil sie von mehr Leu­ten gehört wur­de.

Döll: Das kam ja damals dazu. Heu­te dis­ku­tie­ren 30 000 Leu­te über die Ver­kaufs­zah­len von einem Top 30-​Rapper. Was sich ein­fach nur geän­dert hat: Wenn man frü­her erfolg­reich war, war es ein Sell­out. Und wenn man heu­te kei­nen Erfolg hat, muss man damit auf­hö­ren. Das ist eine ganz komi­sche Ver­än­de­rung. Szenein­tern.

Mäd­ness: Das ist aber auch teil­wei­se an Inter­views und Songs abzu­le­sen. Wenn du dir ein Rapin­ter­view von vor zehn Jah­ren anschaust, da hat sich jeder Rap­per rein­ge­setzt und gesagt: "Ich bin der Shit, alle ande­ren sind wack." Das macht heu­te kei­ner mehr. Heu­te spielt sich jeder run­ter und in Wirk­lich­keit geht's dann doch dar­um, dass er der Shit ist und char­tet. Damals wur­de es aus­ge­spro­chen und ein­fach so auf dicke Hose gemacht, nur ist kei­ner damit gechar­tet.

(von unse­rer frei­en Mit­ar­bei­te­rin Jas­min N. Weid­ner)
(Fotos von Robert Win­ter)