High Five: 03 /​​​ 17 – mit u.a. Marteria, Sookee, 12Vince

Der Deutschrap­zir­kus ist ein um­trie­bi­ger Schau­platz. Zwi­schen all den Pro­mo­pha­sen und Album­ver­öf­fent­li­chun­gen kann man schon ein­mal den Blick fürs Detail ver­lie­ren. Des­halb stel­len wir je­den Monat an die­ser Stel­le die klei­nen, fei­nen High­lights vor, die ab­seits des Album-​Korsetts Beach­tung ver­die­nen. In den Kate­go­ri­en State­ment, Video, Song, Instru­men­tal und Line prä­sen­tie­ren un­sere Redak­teu­re hand­ver­le­sene Schmuck­stü­cke. Egal, ob nun ein be­son­ders per­sön­li­cher Bezug, ei­ne wich­tige Mes­sa­ge oder ein run­des mu­si­ka­li­sches Gesamt­pa­ket den Anlass bie­ten. Hier wird ein tie­fer Ein­blick in ein­zelne Facet­ten der Rap­welt ge­bo­ten. Fünf Höhe­punk­te – klatscht in die Hän­de für un­sere "High Five"!

 

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State­ment: 3Plusss

Als der You­Tuber Mert Ende Febru­ar ein Video ver­öf­fent­lich­te, in dem er rei­hen­wei­se homo­pho­be Aus­sa­gen der übels­ten Sor­te tätig­te, sah er sich mit einer Men­ge Gegen­wind kon­fron­tiert. Neben vie­len Per­sön­lich­kei­ten des Video­por­tals äußer­ten sich – auf­grund von Merts Ambi­tio­nen, als Rap­per Erfolg zu haben – eini­ge Leu­te aus der Rap­sze­ne eben­falls kri­tisch zu der Hass­ti­ra­de. So auch der Esse­ner 3Plusss. Auf sei­ner Facebook-​Seite pos­te­te er ein aus­führ­li­ches State­ment, in dem er sich klar gegen jeg­li­che Form von gesell­schaft­li­cher Dis­kri­mi­nie­rung und Aus­gren­zung stellt. In Zei­ten, in denen jeder Mensch, der einen Inter­net­zu­gang besitzt, sei­nen geis­ti­gen Unrat unters Volk brin­gen kann, ist es beson­ders wich­tig, dass Stel­lung bezo­gen wird. Stel­lung gegen Leu­te wie Mert, deren Ein­fluss auf hun­dert­tau­sen­de jun­ge Men­schen nicht zu unter­schät­zen ist. 3Plusss tritt Merts Into­le­ranz mit Welt­of­fen­heit, Empa­thie und Lie­be ent­ge­gen. Dabei argu­men­tiert er auf eine Wei­se, die für sei­nen Cha­rak­ter und sei­ne Mensch­lich­keit spricht. Wür­den sich mehr Men­schen trau­en, der­art kla­re Ansa­gen gegen ein Ver­hal­ten zu machen, das poten­zi­ell Leben zer­stö­ren kann, wäre die­se Sze­ne – und die­se Welt – eine deut­lich bes­se­re.

 

Video: Mar­te­ria feat. Teu­til­la – Ali­ens

Mar­te­ria ist wohl einer der sym­pa­thischs­ten Kos­mo­po­li­ten Deutsch­lands. Wenn der Rap­per mal wie­der durch alle Ecken der Welt reist, bringt er für gewöhn­lich nicht nur kras­se Fotos mit, son­dern eben­falls erst­klas­si­ges Mate­ri­al für ein Musik­vi­deo. So auch gesche­hen bei "Ali­ens". In "Mad Max"-ähnlicher Kluft steppt Mar­te­ria hier durch afri­ka­ni­sche Stra­ßen, wäh­rend abge­dreh­te Tän­zer in noch abge­dreh­te­ren Out­fits ihre Moves prä­sen­tie­ren. Der The­ma­tik des Songs ent­spre­chend ist alles bunt und unan­ge­passt – eine Hym­ne an die Indi­vi­dua­li­tät eben. Pas­send dazu baut Spec­ter einen Clip, der nur so vor Style strotzt. Bedroh­li­che Township-​Atmosphäre, coo­le Cho­reo­gra­fi­en und futuristisch-​dystopische Set­pie­ces wer­den ver­mischt zu einem gro­ßen Bat­zen anste­cken­der Eupho­rie. In die­ser knal­li­gen Video-​Wundertüte post Mar­ten dann auch nicht Rapper-​typisch vor einem dicken Auto – sein Äqui­va­lent ist natür­lich ein Raum­schiff, das direkt aus "Star Wars" stam­men könn­te. Wenn am Ende dann noch ein bren­nen­der Astro­naut durch die Gegend läuft, wun­dert einen wirk­lich über­haupt nichts mehr. Mar­te­ria zele­briert Ver­rückt­heit und lädt jeden dazu ein. Und ein Grund­stein für den Sound­track des kom­men­den Som­mers dürf­te damit auch gelegt sein. Min­des­tens.

 

Song: Mäd­ness & Döll – Mood

Mäd­ness' Come­back vor eini­gen Jah­ren sorg­te für min­des­tens genau­so viel Furo­re wie die Debüt-​EP sei­nes Bru­ders Döll. Anfang des Jah­res fand dann auf dem gemein­sa­men Album end­lich das zusam­men, was sowie­so längst zusam­men­ge­hör­te. Denn die bei­den eint bekannt­lich noch viel mehr als nur das gemein­sa­me Eltern­haus. Auch das Herz­blut und den Hun­ger in jeder Sekun­de ihrer Musik tei­len die Darm­städ­ter Künst­ler. Zwei Eigen­schaf­ten, die sie auf "Mood" per­fekt an ihre per­sön­li­chen Erfah­run­gen kop­peln. Wäh­rend Mäd­ness über jüngs­te Schick­sals­schlä­ge und Ver­lus­te spricht, macht Döll klar, was sei­ne Rol­le in die­ser Sze­ne ist. So per­sön­lich, ehr­lich und inten­siv wie zu fast kei­nem ande­ren Zeit­punkt der Plat­te. So stel­len die bei­den ein­drucks­voll dar, was die Quint­essenz ihrer Musik ist, und neh­men ihr "Leben mit in die Booth". Das merkt man in ihrer Musik, allen vor­an in eben­je­nem Track, der vor See­le und Emo­tio­nen nur so strotzt – und ihren "Mood" zum Song des Monats macht.

 

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Instru­men­tal: Slo­wy & 12 Vin­ce – Sta­tus Zwo (prod. 12Vince)

Bei einem so homo­ge­nen, groß­ar­ti­gen Sound­bild, wie es 12Vince auf "Under­co­ver Blues" gezau­bert hat, ist es schwer, nur ein Instru­men­tal des Monats dar­aus zu wäh­len. Daher soll "Sta­tus Zwo" ledig­lich stell­ver­tre­tend für das Gesamt­werk von Slo­wy & 12Vince ste­hen. Aus gutem Grund, denn es ist das Intro des Albums und gleich­zei­tig ein Para­de­bei­spiel dafür, wie talen­tiert 12Vince doch ist. Eine ein­gän­gi­ge Saxofon-​Spur zieht sich durch den Track, zu der sich ab und an noch Drums gesel­len. In Kom­bi­na­ti­on mit der ange­nehm smoot­hen Base­li­ne ergibt sich damit ein wun­der­ba­rer Auf­takt für die kom­men­den 46 Minu­ten der Oldschool-​lastigen Plat­te. Doch damit nicht genug: Auch die gewähl­ten Cuts von unter ande­rem Shacke One pas­sen per­fekt ins Bild. Noch ein paar Scrat­ches an den ent­spre­chen­den Stel­len und Slo­wy kann in bekannt sou­ve­rä­ner Art über den Beat rap­pen: "Vin­ce baut immer noch die fet­tes­ten Beats. Defi­ni­tiv." 

 

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Line: Soo­kee Der Schrank

Kei­ne Lie­be für dich, hast du kei­ne Lie­be für sie.
Kei­ne Lie­be für die, die die Lie­be ver­bie­ten.

Durch den "One Love"-Gedanken ist der Zusam­men­halt der HipHop-​Szene so stark wie in kaum einer ande­ren. Es exis­tiert neben die­ser Lie­be aber auch mehr Hass als in sons­ti­gen Sub­kul­tu­ren. So fin­det sich viel Men­schen­ver­ach­ten­des in Form von Ras­sis­mus, Frau­en­feind­lich­keit, Anti­se­mi­tis­mus oder Homo­pho­bie. Erst vor Kur­zem zeig­te sich durch die bereits erwähn­ten Aus­sa­gen von Mert, dass sich ein beacht­li­cher Teil der Sze­ne zwar gegen der­ar­ti­ges Gedan­ken­gut aus­spricht, vie­le aber nicht so recht damit umge­hen kön­nen oder wol­len. Nach ein paar ver­ein­zel­ten Gegen­stim­men igno­rier­te man das gro­ße Pro­blem dahin­ter wie­der. Dabei ist die Ant­wort auf der­ar­ti­gen Hass rela­tiv ein­fach. Und nie­mand hat sie in die­sem Monat wohl so pas­send for­mu­liert wie Soo­kee auf "Der Schrank": "Kei­ne Lie­be für dich, hast du kei­ne Lie­be für sie. Kei­ne Lie­be für die, die die Lie­be ver­bie­ten." In einer durch die Lie­be zur Kul­tur geein­ten Sze­ne dür­fen men­schen­ver­ach­ten­de Aus­sa­gen gegen eine ande­re Form von Lie­be weder tole­riert wer­den, noch Zuspruch erhal­ten. Statt­des­sen soll­te Per­so­nen, die eine sol­che Hal­tung ver­tre­ten, klar gemacht wer­den, dass sie damit sowohl im Hip­Hop als auch in unse­rer Gesell­schaft nicht will­kom­men sind.

(Stef­fen Bau­er, Flo­ri­an Peking, Sven Aumil­ler, Lukas Päck­ert, Dani­el Fersch)
(Fotos von Lukas Rich­ter (3Plusss), David Daub (12Vince), Eylul Aslan (Soo­kee))